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Bericht von der 167. Herbst-Generalkonferenz 

der Kirche Jesu Christi 
der Heiligen der Letzten Tage 



Ansprachen vom 4. und 5. Oktober 1997 
aus dem Tabernakel auf dem Tempelplatz in Salt Lake City, Utah 



I 



ch glaube", sagte Präsident 
Gordon B. Hinckley in der 
allgemeinen Priestertumsver- 
sammlung am 4. Oktober, „daß 
kein Mitglied der Kirche in 
vollem Umfang das empfangen 
hat, was die Kirche geben kann, 
wenn es nicht die Segnungen des 
Tempels im Haus des Herrn 
empfangen hat. Infolgedessen tun 
wir alles, was wir können, um 
den Bau dieser heiligen Gebäude 
zu beschleunigen und noch mehr 
Menschen die Segnungen, die 
man darin empfängt, zugänglich 
zu machen." 

Präsident Hinckley gab in der 
Versammlung bekannt, daß geplant sei, 
in Houston, Texas, und in Porto Alegre, 
Brasilien, einen Tempel zu bauen. Außer- 
dem sagte er: „Es gibt aber viele Gebiete 
der Kirche, die sehr abgelegen sind, wo es 
nur wenige Mitglieder gibt und es in der 
nahen Zukunft sicher nicht viel mehr sein 
werden. Sollen denen, die an solchen 
Orten wohnen, die Segnungen der heili- 
gen Handlungen des Tempels für immer 
vorenthalten bleiben? Während ich vor 
ein paar Monaten ein solches Gebiet be- 
sucht habe, habe ich gebeterfüllt über 
diese Frage nachgedacht. Die Antwort, so 
glauben wir, kam klar und deutlich. 
Wir werden in manchen dieser Gebiete 




Blick auf den Salt-Lake-Tempel mit dem Salt Lake Valley und 
den Oquirrh-Bergen im Westen. 



kleine Tempel bauen, Gebäude mit den 
nötigen Einrichtungen, so daß alle hei- 
ligen Handlungen vollzogen werden 
können." 

Diese Ankündigung war einer der 
wichtigen Punkte dieser Generalkon- 
ferenz. 

In der Versammlung am Sonntagvor- 
mittag ging Präsident Hinckley auf die 
Feiern zum Gedenken an die Pioniere ein, 
die 1997 begangen wurden, und sagte: 
„Es ist jetzt an der Zeit, uns umzuwen- 
den und uns der Zukunft zu stellen. Wir 
leben in einer Zeit der tausend Möglich- 
keiten. . . . Wenn wir vorwärtsgehen und 
unser Ziel niemals aus den Augen ver- 



lieren, wenn wir über nieman- 
den schlecht reden und nach den 
großen Grundsätzen, die wir als 
wahr erkannt haben, leben, wird 
sich diese Sache in Majestät und 
Macht ausbreiten und die Erde 
erfüllen." 

Aber „der Schlüssel zum Erfolg 
des Werks ist die Glaubenstreue 
aller, die sich Heilige der Letz- 
ten Tage nennen", so Präsident 
Hinckley. „Einfach gesagt, müs- 
sen wir bessere Heilige der 
Letzten Tage sein." 

Die Versammlungen der beiden 
Konferenztage wurden von Präsi- 
dent Hinckley und seinen beiden 
Ratgebern in der Ersten Präsidentschaft, 
Präsident Thomas S. Monson, dem Ersten 
Ratgeber, und Präsident James E. Faust, 
dem Zweiten Ratgeber, geleitet. 

Zu den Amtshandlungen, die in der 
Versammlung am Samstagnachmittag 
getätigt wurden, gehörte es, daß drei 
Mitglieder des Ersten Siebzigerkolle- 
giums emeritiert wurden und daß die 
JD-Präsidentschaft entlassen wurde. Es 
wurden drei Gebietsautoritäten-Sieb- 
ziger, die JD-Präsidentschaft und die 
Ratgeber in der JM-Präsidentschaft und 
der Sonntagsschulpräsidentschaft neu 
berufen. 

Die Herausgeber 



JANUAR 1998 



DER STERN 

Januar 1998 124. Jahrgang Nummer 1 

Offizielle deutschsprachige Veröffentlichung der 
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Die Erste Präsidentschaft: 

Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, James E. Faust 

Das Kollegium der Zwölf: 

Boyd K. Packer, L. Tom Perry, David B. Haight, 

Neal A. Maxwell, Russell M. Nelson, Daliin H. Oaks, 

M. Russell Ballard, Joseph B. Wirthlin, Richard G. Scott, 

Robert D. Haies, Jeffrey R. Holland, Henry B. Eyring 

Chefredakteur: Jack H Goaslind 

Redaktionsleitung: 

Jay E.Jensen, John M. Madsen 

Abteilung Lehrplan: 

Geschäftsführender Direktor: Ronald L. Knighton 
Direktor Planung und Redaktion: Brian K. Kelly 
Direktor Künstlerische Gestaltung: Allan R. Loyborg 

Redaktion: 

Geschäftsführender Redakteur: Marvin K. Gardner 
Assist. Geschäftsführender Redakteur: R. Val Johnson 
Co-Redakteure: David Mitchell, DeAnne Walker 
Redaktionsassistentin: Jennifer Greenwood 
Terminplanung: Maryann Martindale 
Assistentin Veröffentlichungen: Beth Dayley 

Gestaltung: 

Manager Grafische Gestaltung: M. M. Kawasaki 
Direktor Künstlerische Gestaltung: Scott Van Kampen 
Layout: Sharri Cook 
Manager Produktion: Jane Ann Peters 
Produktion: Reginald J. Christensen, Denise Kirby 

Verantwortlich für Übersetzung und Lokalteil: 
Deutsches Übersetzungsbüro 
Max-Planck-Straße 23a, D-61381 Friedrichsdorf 
Telefon: (06172) 736410 und 736411 

Vertrieb: 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Industriestraße 21, D-61381 Friedrichsdorf 

Deutschland - Leserservice 

Telefon: (06172) 7103-23; Telefax: (06172) 7103-25 

Osterreich und Schweiz - Leserservice 

Telefon: (06172) 7103-96; Telefax: (06172) 7103-80 

© 1998 Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 
Alle Rechte vorbehalten 
Printed in Germany 

Die Internationale Zeitschrift der Kirche, deutsch DER STERN, 
erscheint monatlich auf chinesisch, englisch, französisch, 
deutsch, holländisch, italienisch, japanisch, koreanisch, 
portugiesisch, samoanisch, spanisch und fongaisch; zwei- 
monatlich wird sie auf dänisch, finnisch, indonesisch, nor- 
wegisch, schwedisch und thai veröffentlicht, vierteljährlich 
auf bulgarisch, cebuano, tschechisch, fidschi, gilbertesisch, 
ungarisch, polnisch, rumänisch, russisch, tagalog und 
vietnamesisch. 

USA and Canadian subscription price is $9.00 per year. 
Sixty days' notice required ror change of address. Include 
address label from a recent issue; changes cannot be made 
unless both old address and new one are included. Send 
USA and Canadian subscriptions and queries to Salt Lake 
Distribution Center, Church Magazines, P.O. Box 26368, 
Salt Lake City, UT 84126-0368, USA. Subscription help 
line: 1-800-453-3860, USA ext. 2947; Canada ext. 2031. 
Credit card Orders (Visa, Mastercard, American Express) 
may be taken by phone. Periodicals postage paid at Salt 
Lake City, Utah. 

DER STERN, ISSN 1080-9554, is published by The Church 
of Jesus Christ of Latter-day Saints, 50 East North Temple, 
Salt Lake City, UT 84150. 

POSTMASTER: Send address changes to Salt Lake 
Distribution Center, Church Magazines, P.O. Box 26368, 
Salt Lake City, UT 84150-3223, USA. 

Jahresabonnement: 
DEM 21,00; ATS 147,00; CHF 21,00 
Bezahlung erfolgt an die Gemeinde bzw. den Zweig 
oder auf eines der folgenden Konten: 
D Commerzbank Frankfurt, 

Kontc^Nr. 5886452 00, BLZ 50040000 
A Erste Österreichische Spar-Casse-Bank, 

Konto-Nr. 004-52602 
CH Schweizerischer Bankverein, Birsfelden, 
Konto-Nr. 30-301,363.0 

Adressenänderung bitte einen Monat im voraus melden 
Erscheint zwölfmal im Jahr 



98981 150 
German 



In Ansprachen behandelte Themen 
anläßlich der Generalkonferenz und der 
Allgemeinen FHV-Versammlung 



Ausharren, 13, 23 
Barmherzigkeit, 58 
Beispiel geben, 4, 15, 92 
Berufungen in der Kirche, 6 
Beziehungen in der 

Familie, 29, 33, 69 
Bildung, 61 
Bildungswesen der 

Kirche, 61 
Dankbarkeit, 83 
Dienen, 6, 36, 39, 47 
Eltern, 18, 29, 92, 97 
Entscheidungsfreiheit, 9, 

79 
Erlösungsplan, 79 
Ester, 89 
Evangelium, 83 
FHV, 89, 95, 97 
Frauen, 81 
Führung, 15 
Gehorsam, 69, 74, 88 
Geistige Gesinnung, 66 
Glaube, 13, 18, 44, 72, 74, 

77 
Heiliger Geist, 6, 33, 85 
Heimlehren, 47 
Hinckley, Präsident 

Gordon B. [über], 15 
Hoffnung, 66 
In die Gemeinschaft 

integrieren, 11, 33, 36, 47, 

50,85 
Jesus Christus, 25, 66, 95 



Junge Damen, 31 
Junge Männer, 31, 42, 72 
Kinder, 18 
Kritik, 58 
Liebe, 11, 97 
Medien, 4, 64 
Missionsarbeit, 36, 50, 69, 

85 
Nächstenliebe, 81 
Offenbarung, 28 
Patriarchalischer Segen, 

28 
Pioniere, 13, 44, 72, 74 
Priestertum, 39, 42 
Redlichkeit, 9, 88 
Schriftstudium, 77 
Schwesternschaft, 81 
Selbstverpflichtung, 44 
Sonntagsschule, 64 
Sühnopfer, 23, 25 
Tempel und Tempelarbeit, 

50 
Umkehr, 79 
Ungemach, 23 
Unterrichten, 64, 77 
Vergebungsbereitschaft, 

58 
Versuchung, 39 
Vorbereitung, 31 
Wahrheit, 9, 61 
Zeugnis, 95 
Ziele, 31 
Zuhause, 29, 92 



Die Sprecher auf der 
Konferenz in alpha- 
betischer Reihenfolge 



Allred, Richard D, 28 
Ballard, M. Russell, 39 
Beckham, Janette Haies, 77 
CalLEranA., 29 
Dew, Sheri L., 95 
Eyring, Henry B., 85 
Faust, James E., 22, 44, 58 
Gerrard, Duane B., 79 
Haight, David B., 72 
Haies, Robert D, 25 
Hancock, Wayne M., 81 
Hillam, Harold G, 64 
Hinckley, Gordon B., 4, 

50, 69, 88 
Holland, Jeffrey R., 66 
Jensen, Virginia U, 92 
Jolley, J. Kent, 83 
Maxwell, Neal A., 23 
Maynes, Richard J., 31 
McMullin, Keith B., 42 
Monson, Thomas S., 18, 

47,97 
Nelson, Russell M., 15 
Oaks, Dallin H, 74 
Packer, Boyd K., 6 
Perry, L. Tom, 61 
Pratt, Carl B., 11 
Scott, Richard G, 36 
Smoot, Mary Ellen, 13,89 
Wirthlin, Richard B., 9 
Wirthlin, Joseph B., 33 



MUSIK AUF DER GENERALKONFERENZ 

Samstagvormittag, 4. Oktober 1997 - Allgemeine Versammlung 

Mormon Youth Chorus, geleitet von Robert C. Bowden, mit Bonnie Goodliffe an der Orgel. 

Samstagnachmittag, 4. Oktober 1997 - Allgemeine Versammlung 

Farmington Family Choir, geleitet von Jane Fjeldsted, mit Linda Margetts an der Orgel. 

Samstagabend, 4. Oktober 1997 - Priestertumsversammlung 

Mormonentabernakelchor - Mormon Youth Chorus Vereinigte Männerstimmen, geleitet von Craig Jessop und Robert 
Bowden, mit Clay Christiansen an der Orgel. 

Sonntagvormittag, 5. Oktober 1997 - Allgemeine Versammlung 

Mormonentabernakelchor, geleitet von Jerold D. Ottley, mit John Longhurst an der Orgel. 

Sonntagnachmittag, 5. Oktober 1997 - Allgemeine Versammlung 

Mormonentabernakelchor, geleitet von Jerold D. Ottley, mit Richard Elliott an der Orgel. 



DER STERN 



DER STERN 



JANUAR 199 



1 Bericht von der 167. Herbst-Generalkonferenz 

der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 
am 4. und 5. Oktober 1997 



66 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben 
Eider Jeffrey R. Holland 

69 Blickt nach vorn Präsident Gordon B. Hinckley 



Versammlung am Samstagvormittag 

4 Uns dem Herrn nahen Präsident Gordon B. Hinckley 

6 Auserwählt zu dienen Präsident Boyd K. Packer 

9 Vier absolute Wahrheiten, die einen unfehlbaren 

moralischen Kompaß darstellen Eider Richard B. Wirthlin 

11 Wir wollen uns der neuen Mitglieder annehmen 
Eider Carl B. Pratt 

13 „Pioniersschuhe" im Laufe der Zeit Mary Ellen Smoot 

15 Geistige Fähigkeiten Eider Russell M. Nelson 

18 Unterweist die Kinder! Präsident Thomas S. Monson 

Versammlung am Samstagnachmittag 

22 Die Beamtenbestätigung Präsident James E.Faust 

23 „Das sühnende Blut Christi anwenden" 
Eider Neal A. Maxwell 

25 Zum Gedenken an Jesus Eider Robert D. Haies 

28 Der Herr segnet seine Kinder durch den Patriarchalischen 
Segen Eider Richard D. Allred 

29 Die Familie: Zuflucht und Heiligtum Eider Eran A. Call 

31 Eine celestiale Verbindung mit euren Teenagerjahren 

Eider Richard J. Maynes 

33 Hochgeschätzte Weggefährten Eider Joseph B. Wirthlin 

36 Warum soll jedes Mitglied ein Missionar sein? 
Eider Richard G. Scott 

Priestertumsversammlung 

39 Für Wahrheit und Recht einstehen Eider M. Russell Ballard 
42 „Seht, da ist der Mensch" Bischof Keith B. McMullin 

44 Pioniere der Zukunft, seid ohne Furcht, glaubt nur! 

Präsident James E. Faust 

47 Das Heimlehren - ein göttlicher Dienst 

Präsident Thomas S. Monson 

50 Gedanken zum Tempel, dazu, wie wir es erreichen, 
daß unsere neuen Mitglieder aktiv bleiben, 
und zum Missionsdienst Präsident Gordon B. Hinckley 

Versammlung am Sonntagvormittag 

58 Das Wichtigste im Gesetz: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit 
und Treue Präsident James E. Faust 

61 Wahrheit annehmen Eider L. Tom Perry 

64 Lehrer, der zeitlose Schlüssel Eider Harold G. Hillam 



Versammlung am Sonntagnachmittag 

72 Das Lied der Gehorsamen: „Alles wohl, alles wohl" 

Eider David B. Haight 
74 Den Pionieren nachfolgen Eider Daliin H. Oaks 

77 Den Glauben Wirklichkeit werden lassen 
Janette Haies Beckham 

79 Der Erlösungsplan - ein Flugplan für das Leben 
Eider Duane B. Gerrard 

81 „Hab keine Angst, meine Tochter" Eider Wayne M. Hancock 
83 Das Evangelium ist universell anwendbar 

Eider J. Kent Jolley 
85 „Weide meine Lämmer" Eider Henry B. Eyring 

88 Wahre Heilige der Letzten Tage 
Präsident Gordon B, Hinckley 

Allgemeine FHV-Versammlung 

89 Gerade für diese Zeit Mary Ellen Smoot 

92 Orte der Geborgenheit schaffen Virginia U. Jensen 

95 „Bist du die Frau, für die ich dich halte?" Sheri E. Dew 

97 Die große Stärke der FHV Präsident Thomas S. Monson 

52 Die Generalautoritäten der Kirche Jesu Christi 
der Heiligen der Letzten Tage 

Bericht für die Kinder von der Herbst-Generalkonferenz 

101 Sie haben zu uns gesprochen 

102 Nachrichten der Kirche 



Die Fotos von der Konferenz stammen von Jed Clark, Craig Dimond, John Luke, 
Tamra Hamblin, Matt Reier, Greg Frei, Don Thorpe und Bryant Livingston. 

UMSCHLAG: 

Stellt mich auf die Probe damit, Gemälde von Glen S. Hopkinson, Öl auf Leinwand, 

76 cm X 102 cm, 1997. Mit freundlicher Genehmigung von Mr. und Mrs. Anthony Bums. 

VORDERE INNENSEITE DES UMSCHLAGS: 

Straße in der Nähe des Geburtsorts von Joseph Smith, Gemälde von Fank Magleby, 
Öl auf Holz, 76 cm X 102 cm, 1994. 

HINTERE INNENSEITE DES UMSCHLAGS: 

Danksagung, Gemälde von Gregory Sievers, Öl auf Leinwand, 91 cm X 122 cm, 1996. 
Mit freundlicher Genehmigung vomVierten Internationalen Kunstwettbewerbs des 
Museums für Kunst und Geschichte der Kirche. 

BESUCHSLEHREN 

In der Januar- und der Juliausgabe des Stern, in denen die Generalkonferenz- 
ansprachen abgedruckt sind, steht keine eigene Besuchslehrbotschaft. Die Besuchs- 
lehrerinnen sollen gebeterfüllt darüber nachdenken, was die Schwestern, die sie 
besuchen, brauchen, und dann als Besuchslehrbotschaft eine Konferenzansprache 
auswählen, die für die betreffenden Schwestern geeignet ist. 



JANUAR 1998 



Versammlung am Samstagvormittag 
4. Oktober 1997 

Uns dem Herrn nahen 



Präsident Gordon B. Hinckley 



Gott ist unser Vater, und er wacht über sein Reich. 

Jesus ist der Messias, und diese Kirche trägt seinen Namen. 

Er ist das Oberhaupt. 




Meine lieben Brüder und Schwe- 
stern, ich freue mich sehr, Sie 
wieder zu einer Generalkonfe- 
renz der Kirche begrüßen zu dürfen. Sie 
sind von weither zusammengekommen. 
Sie sind mit der Erwartung gekommen, 
inspiriert und gesegnet zu werden und 
dem Herrn näher zu kommen. Alle Plätze 
im Tabernakel sind besetzt. Ich freue 
mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir 
am 24. Juli den ersten Spatenstich für das 
große Versammlungsgebäude hatten, das 
gleich nördlich von hier errichtet wird. Es 
wird dort 21000 Sitzplätze geben, also 
dreieinhalb Mal so viel wie hier im Taber- 
nakel. Uns ist zugesagt worden, daß es 
zur Frühjahrskonferenz im Jahre 2000 
fertig wird. Dann haben wir ein großes 
neues Gebäude für ein großartiges neues 
Jahrhundert. 

Wir kommen hier heute unter sehr gün- 
stigen Umständen zusammen. Fast über- 
all auf der Welt herrscht Frieden. Was für 
ein kostbarer Segen das doch ist. Wir 
befinden uns in einem Umfeld, wo im 
allgemeinen guter Wille herrscht. Es gibt 



zwar viele, die sich nicht um uns küm- 
mern, einige wenige, die uns sogar hassen 
und jede Gelegenheit nutzen, uns über- 
aus heftig zu kritisieren. Aber das sind 
nur wenige, und sie sind nicht sonderlich 
erfolgreich. Noch nie zuvor hatte die 
Kirche einen so guten Ruf. Das haben wir 
Ihnen, meine Brüder und Schwestern, zu 
verdanken. Was man von uns hält, hat 
meist mit persönlichen Erfahrungen zu 
tun. Ihre Freundlichkeit, Ihre Sorge um 
andere und Ihr gutes Beispiel führen zu 
den Ansichten, die man von den Heiligen 
der Letzten Tage hat. 

Die Medien sind uns wohlgesonnen. 
Über die Pionierfeierlichkeiten, die in die- 
sem Jahr stattgefunden haben, ist in der 
Presse sehr ausführlich und positiv be- 
richtet worden. Es gab auch einiges, was 
wir gern anders gehabt hätten. Ich bin sehr 
oft zitiert und in wenigen Fällen falsch 
zitiert oder mißverstanden worden. Nie- 
mand von Ihnen muß sich sorgen, weil er 
etwas liest, was nicht vollständig wieder- 
gegeben worden ist. Sie müssen sich auch 
nicht fragen, ob ich die eine oder andere 
Lehre nicht verstehe. Ich denke, ich ver- 
stehe sie sehr gut. Es ist bedauerlich, daß 
dies einigen Berichten nicht deutlich zu 
entnehmen war. Ich hoffe nicht, daß Sie 
die Presse als kompetent betrachten, wo 
es um die Lehre der Kirche geht. 

Trotz dieser gelegentlichen Zeitungsen- 
ten werden wir sehr gut behandelt. Wir 
sind den Autoren und Herausgebern, die 
uns gegenüber ehrlich und großzügig 
sind, dankbar. 

Heute vor zwei Wochen hatte ich die 
Gelegenheit, vor dem Verband der Reli- 
gionskorrespondenten zu sprechen. Man 
war freundlich und aufnahmebereit. Es 
gab keinen Streit und keine Debatten. Ich 
habe Hochachtung vor diesen Menschen, 
und ich schätze sie. 

Nun sind die Pionierfeierlichkeiten bald 
vorüber, und viel ernsthafte Arbeit liegt 



vor uns. Ich möchte darüber morgen Vor- 
mittag mehr sagen. 

Auf dieser Konferenz entlassen wir 
einige Siebziger und die JD-Präsident- 
schaft. Dies geschieht im Einklang mit der 
Richtlinie, die besagt, daß dieser Dienst 
fünf Jahre dauern soll. 

Diese treuen und fähigen Brüder und 
Schwestern haben sehr gut gedient. Ohne 
Murren sind sie überallhin gegangen, 
wohin man sie auch geschickt hat. Sie 
haben großzügig ihre Talente eingesetzt 
und voller Hingabe das Werk des Herrn 



DER STERN 



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Ä'iPifli kl 



Teil der Christusstatue, die im nördlichen Besucherzen trum auf dem Tempelplatz zu sehen ist. 



hier und auf der ganzen Welt vorwärts- 
gebracht. Dieses Werk ist durch ihre An- 
strengungen stärker geworden. 

Ihren Ehepartnern und Kindern - be- 
sonders denen der JD-Präsidentschaft - 
danken wir dafür, daß sie die Unannehm- 
lichkeit auf sich genommen haben, daß 
ihre Frau, ihre Mutter auch für die ganze 
Kirche da sein mußte. 

Wir lieben und segnen jeden einzelnen 
von denen, die entlassen werden, und 
wünschen ihnen, daß der Dienst, den sie 
geleistet haben, ihnen weiter Erfüllung 



und Glücklichsein beschert, wohin ihr 
Weg sie auch führen mag. 

Jetzt möchte ich noch den Geist des 
Herrn bitten, daß er auch während 
dieser großartigen Konferenz mit uns sei. 
Mögen alle, die sprechen, inspiriert sein. 
Mögen die Gebete unsere Gedanken auf 
höhere und heilige Ebenen führen. Möge 
die Musik einen jeden von uns erfreuen 
und geistig nähren. 

Ich wünschte, alle Generalautoritäten 
könnten zu uns sprechen. Das ist leider 
nicht möglich. Aber einig und gemeinsam 



reichen wir alle Ihnen, unseren geliebten 
Brüdern und Schwestern, die Hand im 
Zeugnis von diesem großen Werk. Gott ist 
unser Vater, und er wacht über sein Reich. 
Jesus ist der Messias, und diese Kirche 
trägt seinen Namen. Er ist das Oberhaupt. 
Das Evangelium ist wiederhergestellt wor- 
den und bewegt sich mit Kraft über die 
Erde. Unser Glaube ist in dem, wovon wir 
wissen, daß es wahr ist, fest verankert. 

Mögen die Segnungen des Herrn mit 
uns sein, das erbitte ich demütig im 
Namen Jesu Christi, amen. D 



JANUAR 199 



Auserwählt zu dienen 



Präsident Boyd K. Packer 

Amtierender Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel 



Wir haben nicht die richtige Einstellung, wenn wir 
selbst entscheiden, wo wir dienen wollen und wo nicht. 
Wir dienen dort, wohin wir berufen werden. 




W'eder der Sonnenhimmel und 
die Wolken des Junis noch alle 
Blumen des Julis können es mit 
einer Stunde blauen Oktoberhimmels 
aufnehmen." 1 

Vor einigen Jahren suchten wir einmal 
nach etwas Inspirierendem für eine Kon- 
ferenz von Missionspräsidenten. Auf sehr 
interessante Weise fanden wir etwas in 
einem schon lange nicht mehr verwende- 
ten Gesangbuch der PV. In dem Lied mit 
dem Titel „Auserwählt zu dienen" wird 
in wenigen, schlichten Zeilen dargelegt, 
worüber ich heute sprechen möchte. 

Auserwählt, zu dienen unserm König, 
ja, als Zeugen wählte er uns aus. 
Weit und breit berichten wir vom Vater, 
rufen seine Liebe aus. 

Auserwählt für seinen reichen Segen, 
Söhne, Töchter, Gottes Kinder hier. 
Froh bekennend seinen heiigen Namen, 
Lobeslieder singen wir. 

Weiter, immer weiter, rühmt den Namen 

unseres Herrn! . . . 
Gott ist unsre Kraft, drum weiter vorwärts, 
seid zum Dienst bereit! 2 



Die Bereitschaft der Heiligen der Letz- 
ten Tage, eine Berufung zum Dienen an- 
zunehmen, ist ein Zeichen dafür, daß sie 
den Willen des Herrn tun wollen. Das 
rührt daher, daß sie ein Zeugnis davon 
haben, daß das Evangelium Jesu Christi, 
das durch den Propheten Joseph Smith 
wiederhergestellt wurde und im Buch 
Mormon enthalten ist, wahr ist. 

Unsere Taufe ist eine Berufung zu le- 
benslangem Dienst für Christus. Wie die 
Menschen an den Wassern Mormon las- 
sen wir uns „im Namen des Herrn tau- 
fen . . . , zum Zeugnis vor ihm, daß [wir] 
mit ihm den Bund eingegangen [sind], 
ihm zu dienen und seine Gebote zu hal- 
ten, damit er seinen Geist reichlicher über 
[uns] ausgieße". 3 

Aber das Annehmen einer Berufung, 
einer Aufgabe, ist nur ein kleiner Teil des 
Dienstes, den die Mitglieder der Kirche 
leisten. 

Ich sehe da zwei Arten des Dienens: 
zum einen den Dienst, den man leistet, 
wenn man berufen wird, in der Kirche zu 
dienen, und zum andern den Dienst, den 
man bereitwillig den Menschen in seiner 
Umgebung leistet, weil man gelernt hat, 
sich um andere zu kümmern. 

Im Laufe der Jahre habe ich eine liebe 
Schwester beobachtet, die weit mehr lei- 
stet als das, wozu sie im Rahmen einer 
Berufung als Lehrerin oder Leiterin in der 
Kirche berufen worden ist. Sie sieht, wo 
etwas nötig ist, und sie dient, und zwar 
nicht nach dem Motto : „Ruf mich, wenn 
du Hilfe brauchst", sondern: „Hier bin 
ich; was kann ich tun?" Das sind so viele 
Kleinigkeiten, wie beispielsweise daß sie 
in einer Versammlung das Kind von je- 
mand anderem in den Arm nimmt oder 
daß sie ein Nachbarskind zur Schule 
fährt, wenn es den Bus verpaßt hat. In der 
Kirche hält sie ständig Ausschau nach 
neuen Gesichtern, und sie geht auf diese 
Menschen zu und heißt sie willkommen. 

Wenn sie und ihr Mann eine Veranstal- 
tung in der Gemeinde besuchen, dann 
kann er sich meist darauf verlassen, daß 



sie sagt: „Geh doch ruhig schon mal nach 
Hause. Wie ich sehe, brauchen sie hier 
ein bißchen Hilfe beim Aufräumen und 
Geschirrspülen. " 

Eines Abends kam er nach Hause, und 
sie war gerade dabei, die Möbel wieder 
zurecht zu stellen. An jenem Morgen 
hatte sie das Gefühl gehabt, sie solle nach 
einer älteren, herzkranken Schwester se- 
hen; ihr Enkelkind, das in einem anderen 
Bundesstaat wohnte, wollte hier im Tem- 
pel heiraten, und die Großmutter wollte 
das Frühstück für die Hochzeitsgesell- 
schaft herrichten. 

Die Schwester traf die Frau ganz allein 
im Gemeindehaus an - sie saß verzweifelt 
inmitten aller Sachen, die sie zur Vorbe- 
reitung mitgebracht hatte. Irgendwie war 
der Saal für zwei gleichzeitig stattfin- 
dende Veranstaltungen vergeben worden. 
In wenigen Stunden trafen die Gäste ein. 
Was sollte sie nur tun? 

Die aufmerksame Schwester nahm die 
ältere Schwester mit nach Hause und ließ 
sie sich hinlegen. Dann machte sie sich an 
die Arbeit und stellte die Möbel um. Als 
die Gäste eintrafen, stand ein schönes 
Hochzeitsfrühstück für sie bereit. 

Diese Einstellung zum Dienen hatte sie 
von ihrer Mutter übernommen. Dienst- 
bereitschaft wird am besten zu Hause 
gelehrt. 

Wir müssen unsere Kinder durch unser 
Beispiel unterweisen und ihnen sagen, 
daß es ganz wesentlich ist, daß man 
selbstlos ist, wenn man glücklich sein 
möchte. 

Gott hat Jesus von Nazaret mit dem 
Heiligen Geist und mit Kraft gesalbt, und 
dieser zog umher und tat Gutes. 4 Ein 
jeder, der als Mitglied der Kirche konfir- 
miert ist, hat dieselbe Gabe und dieselbe 
Verpflichtung. 

Der Herr hat gesagt: „Denn siehe, es ist 
nicht recht, daß ich in allem gebieten 
muß; denn wer in allem genötigt werden 
muß, der ist ein träger, nicht aber ein 
weiser Knecht, und darum empfängt er 
keinen Lohn." 5 

Der Herr hat zur Kirche gesagt: „Wahr- 
lich, ich sage: Die Menschen sollen sich 
voll Eifer einer guten Sache widmen und 
vieles aus freien Stücken tun und viel 
Rechtschaffenheit bewirken; 

denn es ist in ihrer Macht, selbständig 
zu handeln. Und wenn die Menschen 
Gutes tun, werden sie ihres Lohnes kei- 
neswegs verlustig gehen. 

Wer aber nichts tut, bis es ihm geboten 
wird, spricht der Herr, und dann das Ge- 
bot mit unschlüssigem Herzen empfängt 
und es nur auf träge Weise hält, der ist 
verdammt." 5 



DER STERN 




Das Innere des Tabernakels während einer Konferenzversammlung. 



Manchmal werden wir wegen unseres 
Alters, der Gesundheit oder der Bedürf- 
nisse unserer Familie nicht auserwählt, zu 
dienen. Der blinde Poet John Milton 
schreibt: „Es dient auch, wer nur dasteht 
und wartet." 7 Zur Kirche gehen, den 
Zehnten zahlen, lernen - auch das ist 
Dienen, und wir sprechen oft davon, daß 
wir als Vorbild dienen sollen. 

Kein Dienen in der Kirche oder im Ge- 
meinwesen ist wichtiger als das Dienen 
in der Familie. Die Führer müssen sehr 
darauf achten, daß eine Berufung zum 
Dienen in der Kirche nicht die Familie 
schwächt. 

Schon in der Anfangszeit der Kirche 
wurde festgelegt, wie offizielle kirchliche 
Berufungen zu handhaben sind. Im fünf- 
ten Glaubensartikel heißt es, „daß man 
durch Prophezeiung und das Hände- 
auflegen derer, die Vollmacht haben, von 
Gott berufen werden muß, um das Evan- 
gelium zu predigen und seine heiligen 
Handlungen zu vollziehen." 

Wir haben nicht die richtige Einstel- 
lung, wenn wir selbst entscheiden, wo 
wir dienen wollen und wo nicht. Wir 
dienen dort, wohin wir berufen werden. 
Es spielt keine Rolle, um was für eine 
Berufung es sich handelt. 

Ich war in der feierlichen Versammlung, 
in der David O. McKay als Präsident der 
Kirche bestätigt wurde. Präsident J. Reu- 
ben Clark jun. , der zwei Präsidenten als 



Erster Ratgeber gedient hatte, wurde da- 
mals als Zweiter Ratgeber von Präsident 
McKay bestätigt. Er war sich bewußt, 
daß manche denken mochten, er sei de- 
gradiert worden. Präsident Clark sagte: 
„Im Dienst des Herrn zählt nicht, wo man 
dient, sondern wie. In der Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage 
nimmt man den Platz ein, auf den man 
rechtmäßig berufen wird; diesen Platz 
strebt man nicht an, und man lehnt ihn 
auch nicht ab." 8 

Wenn jemand für irgendeinen Dienst 
gebraucht wird, sprechen die Führer dar- 
über, und sie beten darüber - und das oft 
mehr als einmal. Sie streben nach Bestä- 
tigung durch den Geist, denn eine Beru- 
fung soll gebeterfüllt ausgesprochen und 
im selben Geist angenommen werden. 

Dann gibt es ein Interview, in dem die 
Würdigkeit festgestellt wird und die per- 
sönlichen Umstände erwogen werden. 
Keine Berufung ist wichtiger und kein 
Dienst langfristiger als die Elternschaft. 
Im allgemeinen hilft eine Berufung in der 
Kirche den Eltern, bessere Eltern zu sein. 
Allerdings muß der Führungsbeamte sich 
sowohl auf seinen gesunden Menschen- 
verstand als auch auf Inspiration ver- 
lassen, um sicherzugehen, daß eine Be- 
rufung es Eltern nicht meßbar schwer 
macht, als Eltern zu dienen. 

Wer ermächtigt ist, eine Berufung aus- 
zusprechen, muß sich auf Inspiration 



stützen, damit er diejenigen, die stets 
bereit sind, nicht überlastet. 

Man muß Zeit bekommen, wegen der 
Berufung zu beten, damit man trotz des 
Gefühls der Unzulänglichkeit Ruhe emp- 
findet. Man kann auch gebeten werden, 
sich mit dem Ehepartner zu beraten. 

Zu einer Berufung gehört noch etwas, 
was durch Offenbarung verlangt wird: 
„Keinem soll es gegeben sein, hinzugehen 
und mein Evangelium zu predigen oder 
meine Kirche aufzurichten, außer er sei 
von jemandem dazu ordiniert worden, 
der Vollmacht hat und von dem es in der 
Kirche bekannt ist, daß er Vollmacht hat 
und von den Führern der Kirche ord- 
nungsgemäß ordiniert worden ist." 9 Da- 
mit in der Kirche bekannt wird, wer be- 
rufen ist zu dienen, wird der Name des 
Betreffenden in einer geeigneten Ver- 
sammlung zur Bestätigung vorgelegt. 
Diese Abstimmung ist nicht nur zur 
Bestätigung da; sie enthält die Verpflich- 
tung, den Berufenen zu unterstützen. 

Nach der Bestätigung kommt die Or- 
dinierung bzw. Einsetzung. Wie das ge- 
schieht, wurde in der Kirche schon früh 
festgelegt; der Herr verheißt da nämlich: 
„Ich werde dir meine Hand auflegen 
durch die Hand meines Knechtes." Weiter 
verheißt er: „Du sollst meinen Geist emp- 
fangen, den Heiligen Geist, ja, den Tröster, 
der dich das Friedfertige des Reiches 
lehren wird." 10 



JANUAR 1998 
7 



Wenn die Führer jemanden einsetzen, 
erteilen sie ihm nicht nur die Vollmacht, 
seinen Dienst zu verrichten. Sie geben 
einen Segen. Es ist etwas Wunderbares, 
vom Herrn Jesus Christus durch die Hand 
seiner Diener einen Segen zu empfangen. 
Dieser Segen kann im Leben des Beru- 
fenen und seiner Familie Veränderungen 
bewirken. 

Die Führer müssen lernen, wie man eine 
Berufung ausspricht. Als junger Mann 
hörte ich Eider Spencer W. Kimball auf ei- 
ner Pfahlkonferenz sprechen. Er erzählte, 
wie er als neuer Pfahlpräsident in Arizona 
einmal sein Büro in der Bank verlassen 
hatte, um jemanden als Pfahl-TM-Leiter 
zu berufen. 

Er sagte: „Jack, wärst du gern Pfahl -JM- 
Leiter?" 

Jack entgegnete: „Ach, Spencer, das 
meinst du doch nicht ernst. Sowas könnte 
ich gar nicht!" 

Er versuchte ihn zu überreden, aber Jack 
lehnte die Berufung ab. 

Bruder Kimball kehrte in sein Büro zu- 
rück und dachte über seinen Fehlschlag 
nach. Er wußte, daß die Pfahlpräsident- 
schaft zu dieser Berufung inspiriert wor- 
den war. Schließlich ging ihm ein Licht 
auf: er hatte einen schrecklichen Fehler 
gemacht! Natürlich sagte Jack nicht zu. 

Vielleicht war ihm etwas eingefallen, 
was der Prophet Jakob gesagt hat, näm- 
lich: „Ich [lehrte] sie im Tempel, nachdem 
ich zuvor vom Herrn meinen Auftrag erhalten 
hatte." 11 

Jetzt tat Präsident Kimball das, was vor 
alters auch Jakob getan hat. Er ließ sich 
seinen Auftrag vom Herrn geben. 

Er ging zurück und entschuldigte sich 
bei Jack dafür, daß er es zuvor falsch an- 
gefangen hatte. Dann begann er noch 
einmal: „Letzten Sonntag hat die Pfahl- 
präsidentschaft gebeterfüllt darüber nach- 
gedacht, wer die jungen Männer im Pfahl 
leiten soll. Es gab mehrere Namen, dar- 
unter auch deinen. Wir alle hatten das 
Gefühl, daß du der Richtige bist. Wir 
knieten zum Gebet nieder. Der Herr hat 
uns dreien durch Offenbarung bestätigt, 
daß du zu diesem Amt berufen werden 
sollst." 

Dann sagte er: „Als Diener des Herrn 
bin ich hier, um dir diese Berufung aus- 
zurichten." 

Da sagte Jack: „Tja, Spencer, wenn du 
das so sagst. ..." 

Präsident Kimball gab zurück : „Ich sage 
es so." 

Natürlich hatte Jack die lockere Einla- 
dung von Spencer nicht angenommen, aber 
eine Berufung vom Herrn, die der Pfahl- 
präsident aussprach, konnte er nicht ab- 



lehnen. Er diente treu und mit Inspiration. 

Wir bitten zwar nicht darum, aus einer 
Berufung entlassen zu werden, aber wenn 
sich die Umstände ändern, ist es ganz in 
Ordnung, die Sache mit denjenigen zu be- 
sprechen, die uns berufen haben, und ih- 
nen die Entscheidung zu überlassen. Wir 
sollten uns auch nicht abgelehnt fühlen, 
wenn wir von derselben Autorität und 
mit derselben Inspiration, durch die wir 
berufen worden sind, aus der Berufung 
wieder entlassen werden. 

Einen prägenden Einfluß auf mein Le- 
ben hatten die Jahre, in denen ich mit 
Belle S. Spafford zusammenarbeitete; sie 
war damals FHV-Präsidentin, und sie war 
mit Sicherheit eine der größten Frauen 
dieser Evangeliumszeit. 

Eines Tages erzählte sie mir, wie sie als 
junge Frau ihrem Bischof erklärt hatte, sie 
sei zum Dienen bereit, würde aber eine 
Berufung als Lehrerin vorziehen. Eine 
Woche später wurde sie als Ratgeberin der 
FHV-Leiterin ihrer Gemeinde berufen. 
„Ich war darüber nicht sonderlich glück- 
lich", sagte sie. „Der Bischof hatte mich 
falsch verstanden." Sie erklärte ihm ge- 
radeheraus, die FHV sei etwas für alte 
Frauen. Sie hätte die Berufung abgelehnt, 
hätte ihr Mann ihr nicht davon abgeraten. 

Mehrmals bat sie darum, entlassen zu 
werden. Jedes Mal sagte der Bischof, er 
werde darüber beten. 

Eines Abends wurde sie bei einem 
Autounfall schwer verletzt. Nach einiger 
Zeit im Krankenhaus erholte sie sich zu 
Hause weiter. Eine schreckliche Fleisch- 
wunde im Gesicht entzündete sich. Der 
besorgte Arzt erklärte ihr: „Chirurgisch 
können wir da nichts machen. Es ist zu 
nahe am Hauptnerv des Gesichts." 

An jenem Sonntag, als der Arzt das 
Haus der Spaffords verlassen hatte, kam 
der Bischof auf dem Weg von einer späten 
Sitzung vorbei und sah, daß noch Licht 
brannte. Er kam herein. 

Später erzählte mir Schwester Spafford : 
„In diesem kläglichen Zustand sagte ich 
unter Tränen: , Bischof, werden Sie mich 
jetzt entlassen?'" 

Und wieder entgegnete er: „Ich werde 
darüber beten." 

Als er eine Antwort erhalten hatte, sagte 
er: „Schwester Spafford, ich habe immer 
noch nicht das Gefühl, daß Sie aus der 
FHV entlassen werden sollen." 

Belle S. Spafford diente 46 Jahre lang 
in der FHV, davon 30 Jahre als deren 
Präsidentin. Sie übte einen guten Ein- 
fluß in der Kirche aus und wurde in 
aller Welt von den führenden Frauen ge- 
schätzt. 

In einer Versammlung des Welt-Frauen- 



rats in Surinam bat sie schriftlich aus 
Alters- und Gesundheitsgründen um Ent- 
bindung von ihrem Amt in diesem Rat. 
Sie zeigte mir das Ablehnungsschreiben 
des Rates - man brauchte ihre Weisheit, 
ihre charakterliche Stärke. 

Oft sprach sie davon, daß sie in ihrer Be- 
rufung geprüft worden war. Die größte 
Prüfung erlebte sie vielleicht, als sie als 
junge Frau lernte, die dem Priestertum in- 
newohnende Kraft und Vollmacht zu re- 
spektieren, und daß ein einfacher Mann, 
der als Bischof dient, vom Herrn Weisung 
dabei empfangen kann, wenn er ein Mit- 
glied zum Dienst beruft. 

Der Geist des Dienens kommt nicht mit 
dem Auftrag. Es ist ein Gefühl, das mit 
dem Zeugnis vom wiederhergestellten 
Evangelium Jesu Christi einhergeht. 

Der Herr hat gesagt: „Wenn einer mir 
dienen will, folge er mir nach; und wo ich 
bin, dort wird auch mein Diener sein. 
Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn 
ehren." 12 

„Denn so spricht der Herr: Ich, der 
Herr, bin barmherzig und gnädig zu de- 
nen, die mich fürchten, und es freut mich, 
die zu ehren, die mir in Rechtschaffenheit 
und Wahrheit bis ans Ende dienen. 

Groß wird ihr Lohn sein und ewig ihre 
Herrlichkeit." 13 

Gott segne Sie, die Sie dienen, für das, 
was Sie tun, und er segne Sie, die Sie 
dienen, indem Sie so sind, wie Sie sind. 

Ich bezeuge Ihnen, daß die Macht und 
Inspiration, die mit Berufungen einherge- 
hen sollen, in der Kirche vorhanden sind. 
Ich bezeuge Ihnen, daß das Evangelium 
wahr ist, und sage : Gott segne Sie alle, die 
Sie dienen, er segne Sie um deswillen, 
was Sie tun, und er segne Sie um deswil- 
len, was Sie sind ! Im Namen Jesu Christi, 
amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Helen Hunt Jackson, "October's Bright 
Blue Weather", in The Best Loved Poems 
ofthe American People, sei. Hazel Felleman 
(1936), Seite 566. 

1. Gesangbuch, Nr. 163. 

2. Mosia 18:10,11. 

3. Siehe Apostelgeschichte 10:38. 

4. LuB 58:26. 

5. LuB 58:27-29. 

6. John Milton, "On His Blindness", The 
Complete Poems ofjohn Milton, Band 4, 84. 

7. J. Reuben Clark jun. , Conference Report, 
April 1951, 154. 

8. LuB 42:11. 

9. LuB 36:2. 

10. Jakob 1:17. 

11. Johannes 12:26. 

12. LuB 76:5,6. 



DER STERN 



8 



Vier absolute Wahrheiten, 
die einen unfehlbaren 
moralischen Kompaß darstellen 



Eider Richard B. Wirthlin 

von den Siebzigern 



Es gibt den liebenden Vater im Himmel und seinen Sohn Jesus Christus; 
es gibt den Widersacher, den Satan; aufgrund der Entscheidungs- 
freiheit kann ein jeder von uns seinen Weg selbst wählen; man kann 
die Versuchungen des Teufels immer überwinden. 



süchtig sein, . . . roh, . . . mehr dem Ver- 
gnügen als Gott zugewandt . . . , die im- 
mer lernen und die doch nie zur Erkennt- 
nis der Wahrheit gelangen können." 1 

Wissen ist nicht gleich Weisheit 

Die Anspannung und der Druck, die 
uns plagen, können nicht dem Mangel an 
Wissen zugeschrieben werden. Eine Wo- 
chentagsausgabe der New York Times ent- 
hält heutzutage mehr Informationen, als 
einem englischen Durchschnittsbürger des 
17. Jahrhunderts in seinem ganzen Leben 
je zugänglich waren. 2 

Aber leider geht der enorme Informa- 
tionszuwachs nicht mit der entsprechen- 
den Zunahme an echter Weisheit einher. 
So verfügt zum Beispiel Medicare, eine 
Krankenversicherung in den USA, über 
eine der großen Datenbanken der Welt. 
Und doch hat Medicare ein offizielles 
Schreiben folgenden Wortlauts an eine 
pensionierte Hausfrau in den USA ge- 
schickt, um den Wegfall ihrer Kranken- 
versicherung zu erklären: „Ihre Versiche- 
rung endet aufgrund Ihres Ablebens. 
Falls Sie der Meinung sind, daß die in 
unseren Unterlagen vorhandenen Infor- 
mationen auf Ihren Fall nicht zutreffen, 
wenden Sie sich bitte an die entsprechende 
amtliche Stelle." 3 

Situationsethik 

Unsere heutige Zeit wird von vielen das 
Informationszeitalter genannt. Aber ist 
es nicht eigenartig: In dieser Zeit umfas- 
sender Informationen besteht eine der 
größten Bedrohungen der Gesellschafts- 
systeme der reichen und armen Länder 
- aber auch eines jeden von uns - darin, 




Als junger Missionar in der Schweiz 
war ich immer sehr davon beein- 
L druckt, mit welcher Macht das 
Evangelium Jesu Christi das Leben der 
Menschen eindrucksvoll zum Besseren 
verändert und denen, die den Weisungen 
des wiederhergestellten Evangeliums 
Folge leisten, inneren Frieden, Selbstwert- 
gefühl und Freude bringt. Solche Gefühle 
fallen uns nicht in den Schoß. Immerhin 
leben wir in einer oftmals gemeinen und 
brutalen Welt. Die Gesellschaft, in der wir 
leben, spiegelt allzu oft Gewalt, Haß und 
Unmoral wider. 

Unsere Zeit wurde vorhergesehen 

Der Apostel Paulus hat in seinem Brief 
an Timotheus die Zeit, in der wir leben, 
treffend beschrieben: „In den letzten Ta- 
gen", schreibt er, „werden schwere Zeiten 
anbrechen. Die Menschen werden selbst- 



daß es keine deutlichen und festen Moral- 
begriffe gibt. So geben 94 Prozent 4 der 
Bevölkerung der Vereinigten Staaten bei- 
spielsweise an, sie glaubten an Gott, aber 
79 Prozent glauben auch, „daß es nur we- 
nige absolute moralische Maßstäbe gibt. 
Was richtig oder falsch ist, hängt [ihrer 
Meinung nach] von den gegebenen Um- 
ständen ab." 5 

Jede Gesellschaft, die sich von Situations- 
ethik leiten läßt - der Annahme nämlich, 
daß alle Wahrheit relativ sei -, schafft 
damit ein moralisches Umfeld, das sich 
durch Undefinierte Grautöne auszeichnet. 

Die dringende Notwendigkeit für einen 
verläßlichen moralischen Kompaß 

Mit den Verwirrungen und Herausfor- 
derungen dieser Welt können wir nur fer- 
tig werden, wenn wir über einen klaren 
und verläßlichen moralischen Kompaß 
verfügen, der uns unfehlbar durch unsere 
Prüfungen und das Hin und Her unserer 
Versuchungen führt - einen Kompaß, der 
uns den Weg zu innerem Frieden, Selbst- 
wertgefühl und Freude weist. 

Vier absolute Wahrheiten 

Dieser moralische Kompaß basiert auf 
vier absoluten Wahrheiten. 

Die erste absolute Wahrheit: Es gibt den 
liebenden Vater im Himmel. Sein Sohn 
Jesus Christus ist unser Erretter. Das ist 
wahrer als jede andere Tatsache auf der 
Erde. Mit unnachahmlicher Beredtsam- 
keit sagt Johannes: „Daran haben wir die 
Liebe erkannt, daß Er sein Leben für uns 
hingegeben hat. So müssen auch wir für 
die Brüder das Leben hingeben." 6 Es gibt 
im moralischen Kompaß des Menschen 
keinen verläßlicheren Richtungsweiser. 

Die zweite absolute Wahrheit: Es gibt 
den Widersacher, nämlich den Satan, den 
Versucher, der uns von Gott und dessen 
unendlichem Frieden wegführen möchte. 

Eine Bedeutung des mit „Teufel" über- 
setzten Namens ist in der hebräischen 
Bibel übrigens „Verderber". Der Satan 
ist der Verderber, weil er unseren mora- 
lischen Kompaß ruinieren und unseren 
Weg zurück zu unserem liebevollen Vater 
im Himmel zunichte machen will. 

Der Satan, der Vater aller Lügen 8 , be- 
dient sich vermehrt verschiedener Mittel, 
alter und neuer, um uns zu verwirren. Er 
möchte uns einreden, Freude sei nicht 
dort zu finden, wo sie zu finden ist. Und 
außerdem möchte er uns einreden, 
Freude sei dort zu finden, wo sie nicht ist. 
Eine der Lügen des Satans, die den größ- 
ten geistigen Schaden anrichtet, unser 



JANUAR 1998 




Selbstwertgefühl und unsere Hoffnung 
untergräbt, möchte uns glauben machen, 
daß uns unsere Sünden nicht vergeben 
werden können. 

Die dritte absolute Wahrheit: Jeder von 
uns - da wir ja Entscheidungsfreiheit 
haben - wählt seinen Lebensweg selbst. 
Diese Wahrheit kommt im Buch Mormon 
klar zum Ausdruck: „Darum sind die 
Menschen . . . frei. . . . Und es ist ihnen ge- 
währt, sich Freiheit und ewiges Leben zu 
wählen - oder aber Gefangenschaft und 
Tod . . . , denn [der Teufel] trachtet danach, 
daß alle Menschen so elend seien wie er 
selbst." 9 

Ja, wir sind die Summe der Entschei- 
dungen, die wir treffen. Und wir müssen 
auch immer bedenken, daß unsere Ent- 
scheidungen nicht erst mit der tatsäch- 
lichen Handlung beginnen, sondern im 
Kopf mit einem Gedanken. Das hat schon 
ein Dichter folgendermaßen ausgedrückt: 
„Säe einen Gedanken, und du erntest 
eine Tat. Säe eine Tat, und du erntest eine 
Gewohnheit. Säe eine Gewohnheit, und 
du erntest einen Charakter. Säe einen 
Charakter, und du erntest eine Bestim- 
mung." 10 

Da wir uns frei entscheiden können, 
sind wir für unsere Gedanken, Hand- 
lungen, Gewohnheiten, für unseren Cha- 
rakter und sogar für unsere Bestimmung 
selbst verantwortlich. 



Die vierte absolute Wahrheit: Die Ver- 
suchungen des Teufels können wir stets 
durch erneuten Gottesglauben und Um- 
kehr überwinden. Ja, wenn wir vom 
schmalen, geraden Pfad abweichen, den 
uns unser moralischer Kompaß weist, 
können wir auf dem Weg, der uns sicher 
zur Errettung und zu ewigem Leben 
führt, wieder Halt finden. 

Als Christus nach Getsemani ging und 
schon genau wußte, daß er gekreuzigt 
werden würde, betete er zum Vater für 
seine Apostel und auch für jeden von uns. 
In diesem Gebet gebietet er uns, das Böse 
zu meiden, aber in seinem unendlichen 
Mitgefühl betet er auch zum Vater: „Daß 
du sie vor dem Bösen bewahrst." 11 

Das Licht leuchtet in der Finsternis 

Das Leben bringt für jeden von uns 
Herausforderungen und Fehlschläge mit 
sich - sowohl finstere Zeiten als auch bes- 
sere Tage. Aber bedenken wir, was Paulus 
gesagt hat: „Denn Gott, der sprach: Aus 
Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist 
in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit 
wir erleuchtet werden zur Erkenntnis 
des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz 
Christi. . . . Von allen Seiten werden wir in 
die Enge getrieben und finden doch noch 
Raum; wir wissen weder aus noch ein 
und verzweifeln dennoch nicht; . . . wir 



werden niedergestreckt und doch nicht 
vernichtet." 12 Paulus - seine Worte pas- 
sen ins Informationszeitalter - erinnert 
uns auch liebevoll daran, daß „das 
Törichte an Gott . . . weiser [ist] als die 
Menschen, und das Schwache an Gott . . . 
stärker [ist] als die Menschen." 13 

Zum Abschluß 

Ja, wir können Weisheit erfahren, 
inneren Frieden, Selbstwertgefühl und 
Freude, und das nicht nur im zukünftigen 
Leben, sondern in dem Leben, das jeder 
von uns heute lebt, wenn wir nämlich 
in den Fußstapfen des Erretters wandeln 
und uns von jenem unfehlbaren Kompaß, 
der auf diese vier absoluten Wahrheiten 
ausgerichtet ist, führen lassen. 

Zum Abschluß möchte ich unserem 
Propheten, Präsident Gordon B. Hinckley, 
seinen Ratgebern, dem Rat der Zwölf 
Apostel, meinen Mitbrüdern von den 
Siebzigerkollegien und der Präsidieren- 
den Bischofschaft meinen aufrichtigen 
Dank aussprechen. Ich danke ihnen für 
die Inspiration, die sich vor meinen Au- 
gen in so vielem kundgetan hat, wodurch 
die Mitglieder der Kirche und auch die 
Nichtmitglieder erbaut und gestärkt wer- 
den. Mein herzlicher Dank gilt auch 
meiner Familie, die mich freigebig unter- 
stützt, und der durch Beten und einem 
Priestertumssegen gewährten heilenden 
Gnade, die ich vor kurzem so machtvoll 
am eigenen Leib erlebt habe. Ich bin 
dankbar, daß der Vater im Himmel lebt 
und uns liebt. Ich bin dankbar für seinen 
einziggezeugten Sohn und für den Frie- 
den und die Freude, die dieses Wissen 
mit sich bringt. Im Namen Jesu Christi, 
amen. D 

FUSSNOTEN 

1. 2 Timotheus 3:1-4,7. 

2. Richard W. Wurman, Information Anxiety, 
1989, 32. 

3. 1997 Page a Day Notes: The 365 Stupides t 
Things Ever Said, 1996. 

4. Gallup-Studie von 1997, in Emerging 
Trends, April 1997, 1. 

5. Studie von Wirthlin Wordwide, 1997. 

6. 1 Johannes 3:16. 

7. Robert Young, Analytical Concordance to the 
Bible, 1972, 252. 

8. 2 Nephi 2:18; siehe auch Ether 8:25. 

9. 2 Nephi 2:27. 

10. Zitiert in John Bartlett, Hg., Familiär 
Quotations, 1968, 1100. 

11. Johannes 17:15. 

12. 2 Korinther 4:6,8,9. 

13. 1 Korinther 1:25. 



DER STERN 



10 



Wir wollen uns 

der neuen Mitglieder 

annehmen 



Eider Carl B.Pratt 

von den Siebzigern 



Beim Aufbau des Gottesreichs tragen jede positive Tat, 
jeder freundliche Gruß, jedes herzliche Lächeln, 
jeder einfühlsame Brief zur Stärke des Ganzen bei. 




Brüder und Schwestern, ich über- 
bringe Ihnen die Grüße der Heili- 
gen in Südmexiko. Ich wurde in 
Mexiko geboren, wie bereits mein Vater 
und mein Großvater. Auch wenn ich, seit 
ich etwa sechs Jahre alt war, in den USA 
aufwuchs und dort meine Ausbildung 
erhielt, begleiteten mich die Liebe und 
Faszination für Lateinamerika, seine 
wunderbaren Menschen und seine Viel- 
falt an Kulturen mein Leben lang. Schon 
als Kind war mir bewußt, daß meine 
Familie in Mexiko verwurzelt war und 
dort beim Aufbau des Reiches des Herrn 
eine Rolle gespielt hatte, aber diese Liebe 
entwickelte sich erst richtig, als ich als 
junger Missionar in Argentinien mit- 
erlebte, wie Menschen, die vom Geist 
vorbereitet waren, das Evangelium eifrig 
annahmen, und als ich den Frieden und 
die Freude sah, die es in ihr Leben 
brachte. Dabei wuchs nicht nur meine 
Liebe zu Lateinamerika, sondern meine 



Liebe zum Werk des Herrn unter den 
Menschen dort. 

Deshalb zögerte ich nicht, als mir 1975, 
gerade einmal vier Jahre nach Abschluß 
meines Jurastudiums, eine Stelle als 
Rechtsbeistand der Kirche in Südamerika 
angeboten wurde. Meine Frau und ich 
zogen mit unseren drei kleinen Kin- 
dern nach Montevideo in Uruguay. In 
den folgenden Jahren wurden wir mit 
fünf weiteren Kindern gesegnet, die in 
verschiedenen Ländern Südamerikas zur 
Welt kamen. Unsere Kinder sind in den 
spanischsprechenden Ländern der Welt 
aufgewachsen, und jedes von ihnen ist 
für die Mannigfaltigkeit seines kultu- 



rellen und sprachlichen Erbes zutiefst 
dankbar. 

In den vergangenen 22 Jahren konnten 
wir aus nächster Nähe miterleben, wie 
sich das Werk des Herrn in Lateinamerika 
explosionsartig ausgebreitet hat. Buch- 
stäblich Millionen haben sich in diesen 
Jahren der Kirche angeschlossen, und wir 
haben gesehen, wie sie von einer Hand- 
voll Pfähle auf über 700 Pfähle derzeit 
angewachsen ist. Wir haben in diesen 
Ländern sechs Tempel, die in Betrieb 
sind, und fünf weitere werden gerade 
gebaut. In welch einer aufregenden Zeit 
wir doch leben und an diesem großen 
Werk zum Segen der Kinder unseres 
Vaters teilhaben können. 

Ja, die vergangenen Jahre sind für uns 
als Familie unglaublich aufregend, her- 
ausfordernd und eine große Bereicherung 
gewesen, aber wir haben nicht nur etwas 
über Geographie, Kultur und Sprachen 
gelernt, sondern viel mehr. Wörter wie 
„Liebe", „Freude", „Dienen" und „Opfer" 
haben für uns eine ganz neue und tiefere 
Bedeutung gewonnen. Wir haben bei- 
spielsweise beobachtet, wie Familien 
jahrelang gespart haben und dann bis 
zu 72 Stunden lang mit ihren kleinen 
Kindern in einem überfüllten Bus über 
holprige Straßen gefahren sind, nur um 
die Segnungen der heiligen Handlungen 
des Tempels zu erlangen. Wir haben 
beobachtet, wie demütige, treue Priester- 
tumsführer und Hilfsorganisationsleiter 
und -leiterinnen sich bemüht haben, das 




JANUAR 1998 
11 



Reich aufzubauen und segensreich auf 
das Leben der Heiligen einzuwirken, 
ohne die Vorteile eines Telefons oder 
eigenen Autos nützen zu können. 

Wir haben auch gelernt, daß keine 
Kultur, kein Volk und kein Land den al- 
leinigen Anspruch auf Liebe, Wärme und 
Freundlichkeit erheben kann. Wenn wir 
regelmäßig in die USA zurückkehrten, 
um unsere Familie und Freunde zu besu- 
chen, konnten wir verschiedene Gemein- 
den in mehreren Staaten besuchen. Erst 
als unsere Kinder Jugendliche wurden, 
stellten wir fest, daß in den verschiedenen 
Gemeinden ein unterschiedlicher Geist 
herrschte. Manche Gemeinden besuchten 
unsere Kinder sehr gern, weil sie unter 
den Jugendlichen schnell Freunde fanden 
und wir alle herzlich aufgenommen wur- 
den. Aber es gab auch andere Gemein- 
den, in die unsere Kinder mit weniger Be- 
geisterung zurückkehrten; und dort war 
deutlich spürbar, daß man nicht herzlich 
aufgenommen wurde. 

Da begannen wir festzustellen, daß wir 
uns in manchen Gemeinden, die wir in 
den USA und in Lateinamerika besuch- 
ten, als Untersucher oder neue Mitglieder 



nicht sehr willkommen gefühlt hätten. 
Der Apostel Paulus lehrte die Epheser: 
„Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde 
ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger 
der Heiligen und Hausgenossen Gottes." 
(Epheser 2:19.) Und doch fühlten wir uns 
gelegentlich in der Kirche Jesu Christi, zu 
der wir ja gehörten, wie „Fremde ohne 
Bürgerrechte". 

Diese Erfahrungen machten uns be- 
wußt, wie unwohl sich Neulinge wohl 
manchmal fühlen müssen, wenn sie un- 
sere Gemeindehäuser betreten, und wie 
notwendig es ist, daß wir alle lernen, sie 
besser in die Gemeinschaft zu integrieren. 
Gelegentlich haben wir in Gemeinden in 
Lateinamerika, Spanien und den USA 
beobachtet, daß demütige neue Mitglie- 
der nicht mit offenen Armen oder einer 
herzlichen Umarmung empfangen wur- 
den, und so sahen wir, wie notwendig 
es ist, unsere Bemühungen, die neuen 
Mitglieder auch zu halten, zu verbessern. 

Brüder und Schwestern, wir haben die 
reichsten Segnungen, die Gott seinen 
Kindern schenken kann. Wir haben die 
Fülle des Evangeliums Jesu Christi. Wir 
müßten eigentlich die offensten, freund- 




lichsten, glücklichsten, nettesten, rück- 
sichtsvollsten und liebevollsten Men- 
schen in der ganzen Welt sein. Wir sind 
ganz gut darin, Berufungen zu erfül- 
len, Versammlungen zu besuchen, den 
Zehnten zu zahlen, aber haben wir 
auch gelernt, wirklich nach dem zweit- 
wichtigsten Gebot zu leben: „Du sollst 
deinen Nächsten lieben wie dich selbst"? 
(Matthäus 22:39.) Das können wir nicht 
einfach dem Ältestenkollegium oder den 
Besuchslehrerinnen übertragen, sondern 
es muß aus dem Herzen eines jeden 
wahren Jüngers Christi kommen, nämlich 
eines Menschen, der automatisch und 
ohne darum gebeten worden zu sein da- 
nach Ausschau hält, wie er seinen Mit- 
menschen dienen und sie erbauen und 
stärken kann. 

Das erinnert uns an die Worte des Erret- 
ters: „Daran werden alle erkennen, daß 
ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander 
liebt." (Johannes 13:35.) Werden Nicht- 
mitglieder, neue Mitglieder und Besucher 
unserer Gemeinden uns aufgrund unse- 
rer herzlichen Begrüßung, unseres natür- 
lichen Lächelns und der Freundlichkeit 
und des aufrichtigen Interesses in unse- 
ren Augen uns als seine Jünger erkennen? 

Schenken wir doch allen, die in unserer 
Gemeinde neu sind, mehr Aufmerksam- 
keit. In der Bergpredigt lehrt Jesus: 
„Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch 
lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür 
erwarten? . . . Und wenn ihr nur eure 
Brüder grüßt, was tut ihr damit Beson- 
deres?" (Matthäus 5:46,47.) 

Beim Aufbau des Gottesreichs tragen 
jede positive Tat, jeder freundliche Gruß, 
jedes herzliche Lächeln, jeder einfühl- 
same Brief zur Stärke des Ganzen bei. Ich 
bete darum, daß wir offen, freundlich 
und hilfreich auf alle zugehen, die zu uns 
kommen. Unsere Fürsorge und unser In- 
teresse müssen aber vor allem den neuen 
Mitgliedern gelten. Wenn wir entdecken, 
daß sie auf ihrer beginnenden Reise auf 
dem Evangeliumspfad ins Stocken oder 
ins Stolpern geraten, wollen wir zur Stelle 
sein, um sie mit freundlichen und ein- 
fühlsamen Worten aufzurichten und zu 
unterstützen; wir wollen da sein, um ih- 
nen sanft und liebevoll Rat zu geben, der 
sie stärkt und aufrechterhält. Halten wir 
doch gewissenhaft nach günstigen Gele- 
genheiten Ausschau, um die Liebe zu zei- 
gen, zu der der Erretter uns ermahnte, als 
er sagte: „Ein neues Gebot gebe ich euch: 
Liebt einander!" (Johannes 13:34.) 

Ich bezeuge, daß dies die Kirche unse- 
res Herrn Jesus Christus ist, daß er lebt 
und dieses große Werk leitet. Im Namen 
Jesu Christi, amen. D 



DER STERN 



12 



„Pioniersschuhe" 
im Laufe der Zeit 



Mary Ellen Smoot 

FHV-Präsidentin 



Wenn wir einander geistig stärken und den Glauben und die 
Gemeinschaft festigen, tragen wir die Schuhe eines Pioniers. 




Brüder und Schwestern, wir danken 
Ihnen dafür, wie großartig Sie die 
allgemeine FHV- Versammlung auf- 
genommen haben. Eine Frau kam zu mir 
und sagte: „Ich bin so begeistert! Sagen 
Sie mir nur, was ich tun soll, ich fange 
sofort an!" 

Ich bin nicht hier, um Ihnen zu sagen, 
was Sie tun sollen. Das können Sie auf 
den Knien herausfinden. Aber mit der Be- 
geisterung, die aus ihrer Stimme sprach, 
könnte sie jedes Problem in der Familie, 
Gemeinde oder Nachbarschaft angehen. 
Wir müssen in jeder Hilfsorganisation 
eine Wagenburg bilden und uns darauf 
vorbereiten, daß wir an Zahl zunehmen. 

Im 25. Abschnitt des Buches Lehre und 
Bündnisse sagt der Herr zu Emma Smith: 
„Und wahrlich, ich sage dir: Du sollst die 
Dinge dieser Welt aufgeben und nach den 
Dingen einer besseren Welt trachten." 1 

Was sind die Dinge einer besseren 
Welt? Die Pioniere der Vergangenheit 
und der Gegenwart zeigen es uns. Gehen 
Sie mit mir in den Schuhen mehrerer 
Pioniere, dann werden Sie - so wie ich - 
sehen, wie sie die Dinge dieser Welt auf- 



gegeben und die Dinge einer besseren 
Welt gefunden haben. 

Ich habe ein Paar „Pionierschuhe" in 
der Hand. Sie sind von einem heutigen 
Pionier, nämlich Bruder Robert King, 
angefertigt worden, als er in Nauvoo auf 
Mission war. Er war der erste aus seiner 
Familie, der sich der Kirche anschloß - je- 
denfalls dachte er das. Bruder King und 
seine Frau dienen jetzt als Genealogiemis- 
sionare, und dabei entdeckte er, daß sein 
Urgroßvater Reed und sein Großonkel 
Abraham sich 1835 der Kirche ange- 
schlossen hatten. Aber Reed ging verloren. 
Er irrte auf unbekannte Wege ab, und der 
zarte Sproß des Glaubens in ihm starb ab. 

Solch ein Abfall vom Glauben geht mir 
nahe. Auf meinen Reisen habe ich neue 
Mitglieder kennengelernt, deren Augen 
strahlten, weil ihr neugefundener Glaube 
ihnen Freude und Frieden brachte. Ich 
habe gesehen, daß sie große Opfer ge- 
bracht haben, um sich der Herde anzu- 
schließen. Ich habe gesehen, wie sie die 
Dinge dieser Welt aufgaben, um nach den 
Dingen einer besseren Welt zu trachten. 
Wir müssen ihre Opfer dadurch ehren, 
daß wir sie lieben und ihnen Kraft geben. 
Ich möchte unsere Schwestern bitten, sich 
nicht mehr zu überlegen, ob ein Tele- 
fonanruf oder ein vierteljährlicher oder 
monatlicher Besuch genügt, sondern sich 
darauf zu konzentrieren, die zarten See- 
len zu hegen und zu pflegen. Wir haben 
die Verantwortung, dafür zu sorgen, daß 
die Evangeliumsflamme immer weiter 
hell brennt. Wir haben den Auftrag, die 
verlorenen Schafe zu finden und ihnen zu 
helfen, die Liebe des Erretters zu spüren. 
Wie Eider Neal A. Maxwell sagt: „Es ist 
einfacher, ,den einen' zu finden und zu 
retten, wenn ,die neunundneunzig' sicher 
beieinander sind." 2 

Wenn wir einander geistig stärken und 
den Glauben und die Gemeinschaft festi- 
gen, tragen wir die Schuhe eines Pioniers. 

Ich möchte Bruder Kings Geschichte zu 



Ende erzählen. Denken Sie daran, daß das 
Samenkorn des Glaubens in seinem Ur- 
großvater Reed und in seinem Großonkel 
Abraham gesät worden war. Was wurde 
aus Abraham? Er blieb dem Glauben 
treu. Er fand Erfüllung im Werk des 
Herrn und ertrug die Verfolgungen sowie 
die Prüfungen des Pionierzugs nach We- 
sten. Weil er der Sache Zions verpflichtet 
blieb, gehören heute mehr als zweitausend 
seiner Nachkommen der Kirche an. 

So wie Abraham in seiner Familie als 
tapferer Pionier geliebt und geehrt wird, 
wird es auch mit meinem Freund Robert 
King sein. Er stieß als Pionier auf eine 
verlorengegangene Linie seiner Vorfahren 
und fand dann seinen Großvater Reed. 
Weil Bruder King „nach den Dingen einer 
besseren Welt" trachtete und die „Pionier- 
schuhe" anzog, werden durch ihn ver- 
gangene und zukünftige Generationen 
die Segnungen des Evangeliums Jesu 
Christi empfangen. 

Wenn wir diesen Pioniergeist spüren 
und unsere Vergangenheit kennen und 
verstehen lernen, gewinnen wir Kraft für 
die Zukunft. Brüder und Schwestern, zie- 
hen wir doch unsere „Pionierschuhe" an! 
Erforschen Sie die Vergangenheit. Schrei- 
ben Sie Ihre Familiengeschichte! Wenn 
Sie zurückblicken, sammeln Sie Kraft für 
die Zukunft. 

Bei mir zu Hause hängt eine Tafel, die 
mich dazu auffordert, jeden Tag daran zu 
denken, woher ich komme. Darauf steht: 
„Auch wenn ein Baum mehr als drei- 
hundert Meter hoch wird, muß jedes Blatt 
jeden Tag von der Wurzel Nahrung er- 
halten." 3 

Unabhängig von unserer Familienge- 
schichte können wir alle unsere Wurzeln 
im Evangelium Jesu Christi verankern 
und täglich dadurch geistig genährt wer- 
den. In diesem Jahr sind wir durch das 
Leben der Pioniere aus der Vergangen- 
heit gestärkt worden. Mögen wir weiter- 
machen, indem wir uns selbst geistig stär- 
ken und dann den Glauben derer stärken, 
denen wir dienen. 

Als Schwester Carol Petranek, Pfahl- 
FHV-Leiterin in Silver Springs in Mary- 
land, eines Morgens allein im Auto saß, 
erhielt sie eine Inspiration für die bevor- 
stehende Pfahl-Frauenkonferenz. Sie hatte 
das Gefühl, jede Schwester solle gebeten 
werden, einen kurzen Aufsatz über die 
erste Frau aus ihrer Familie zu schreiben, 
die sich der Kirche angeschlossen hatte. 
Die Schwestern faßten die Aufsätze dann 
zu einem Buch zusammen, das ich hier 
in der Hand halte. Es heißt A Heritage of 
Sisterhood. Es ist voller Geschichten des 
Glaubens und der Selbstverpflichtung. 4 



JANUAR 1998 

13 




Eider Joseph B. Wirthlin und seine Frau 

Schwester Donna Packer, die Frau von 
Präsident Boyd K. Packer, hatte eine ähn- 
liche Eingebung. Sie forschte fleißig und 
schrieb die Geschichte der Familie Packer. 
Es ist eine bunte, bewegte Geschichte, 
die sich wie ein historischer Roman liest. 
Das Buch schildert ein reiches Erbe des 
Pioniergeists und Glaubens. 

Während ihrer Nachforschungen lernte 
Schwester Packer die Verwandten ken- 
nen, denen Groombridge Place, der Besitz 
der Familie in England, gehört. Präsident 
Packer und seine Frau wurden dorthin 
eingeladen. Präsident Packer schrieb ein 
Gedicht über seine Gedanken und Ge- 
fühle. Ich möchte Ihnen die letzte Strophe 
vorlesen. 

„Mein Erbe, gleich dem Leben selbst, 
empfängt durch mich mein Kind. 
Und so begleich ich, was ich schuld' 
denen, die nicht mehr sind. 
Ich halte wert, was ich ererbt, 
den Schatz, der von Bestand. 
Wie Groombridge Place mein Leben ruht 
aufwerten ihrer Hand." 5 

Je stärker unser geistiges Fundament 
ist, um so größer ist unsere Fähigkeit, das 
Gottesreich aufzubauen, und um so 
größer ist unsere Freude. Wenn Sie Ihre 
Familiengeschichte schreiben, wenn Sie 
sich um verlorene Schafe kümmern, 
wenn Sie das Samenkorn des Glaubens in 
Ihren Kindern pflegen, werden Sie fest- 
stellen, daß Sie sagen: „Ist der Tag schon 
wieder vorüber?" und nicht: „Wann ist 
dieser Tag endlich vorüber?" Die Pionier- 
frauen hatten keine Zeit, mutlos zu sein. 
Sie waren damit beschäftigt, ihren Weg 
nach Zion zu gehen. 

Ich teile Präsident Hinckleys Optimis- 



mus, seit ich unsere heutigen Pioniere so- 
wohl im Grenzland des Evangeliums als 
auch in den etablierten Pfählen und Ge- 
meinden gesehen habe. Denselben Glau- 
ben, wie es ihn zu Beginn der Geschichte 
der Kirche gab, habe ich in Mendoza in 
Argentinien selbst erlebt. 

Ich werde Schwester Elda Nelly San- 
chez niemals vergessen. Sie trägt selbst 
im Krankenbett „Pionierschuhe". Diese 
tapfere Frau ist in einer rechtschaffenen 
Familie aufgewachsen und hat treu ge- 
dient, als die Kirche in Argentinien wuchs. 
Aber jetzt leidet sie an Krebs. Als ich 
in ihr Zimmer geführt wurde, strahlte 
ihr Gesicht Weisheit und Überzeugung 
aus. Sie faßte nach meiner Hand und 
gab Zeugnis. Sie sprach darüber, wie 
dankbar sie für das Evangelium Jesu 
Christi ist, und sagte über ihre Krankheit: 
„Ich bin dankbar dafür, daß ich hier bin, 
und für das, was ich durchmache, denn 
ich weiß, daß der Vater im Himmel mich 
liebt." 5 

Wie Schwester Sanchez können auch 
wir die Liebe des Vaters im Himmel 
spüren. Er kennt unsere Lebensumstände 
und unseren Kummer und läßt uns nicht 
allein. Wir brauchen nur „nach den Din- 
gen einer besseren Welt [zu] trachten", 
dann fühlen wir seine vollkommene 
Liebe. 

Eine frühere Pionierin namens Eliza 
Cheney konnte die Dinge dieser Welt 
aufgeben, weil sie das Samenkorn des 
Glaubens in sich genährt hatte. Als sie in 
Winter Quarters war, erhielt sie einen 
Brief von ihren Eltern, in dem diese ihr 
jede beliebige Summe Geld anboten - für 
den Fall, daß sie ihren neugefundenen 
Glauben widerrief und nach Hause kam. 
Sie schnürte ihre „Pionierschuhe" fester. 



Selbst so bittere Erfahrungen ließen Elizas 
Glauben nur stärker werden. Sie schrieb 
ihren Eltern: 

„Ich denke nicht im Entferntesten 
daran, [zurückzukommen] und Nathan 
auch nicht. . . . Unsere Sache ist gerecht 
und geht voran. . . . Ich habe mich diesem 
Werk nicht vorschnell angeschlossen, ich 
tat es ganz bewußt. Ich erwog die Ange- 
legenheit, überschlug die Kosten und 
kannte die Folgen eines jeden Schritts, 
den ich unternahm. . . . 

Wenn ich bei den Unzähligen sein will, 
die Johannes sah und deren Gewänder im 
Blut des Lammes weiß gewaschen sind, 
muß ich wie sie durch viel Bedrängnis 
gehen. Anstatt die Schwierigkeiten, die 
ich durchmache, hart zu finden, bin ich 
voller Freude, weil ich für würdig erach- 
tet werde, für seinen Namen Schmach zu 
erleiden." 6 

Brüder und Schwestern, sei es auf 
den Prärien Nebraskas, in Argentinien, 
auf den Straßen Marylands oder bei uns 
zu Hause - der einfache Glauben eines 
wahren Pioniers ist mächtig und ewig. 
Wie Eider Neal A. Maxwell gesagt hat: 
„Es ist bezeichnend, daß die Mitglieder 
der Kirche nicht inaktiv wurden, als sie 
die Prärie durchquerten, denn damals 
waren das Zusammengehörigkeitsgefühl 
und das Gefühl, gebraucht zu werden, 
sehr stark." 7 

Haben unsere kostbaren neuen Mitglie- 
der, unsere reaktivierten Mitglieder, die 
schon lange dabei sind, dieses Gefühl, 
daß wir zusammengehören und daß sie 
gebraucht werden? Wenn nicht, müssen 
wir die zarten Seelen hegen und pflegen. 
Für Bruder Kings Großonkel Abraham 
Owen Smoot war das entscheidend. So 
wird es auch mit Ihnen und mit mir sein. 

Ich danke meinem himmlischen Vater 
für all die Pioniere aus Vergangenheit 
und Gegenwart, die die Dinge dieser Welt 
aufgegeben haben. Wenn wir ihrem ein- 
fachen Glauben und ihren Tugenden 
nacheifern, finden wir Frieden. Mögen 
wir alle unsere „Pionierschuhe" anziehen 
und das Bessere wählen, darum bete ich 
im Namen Jesu Christi, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. LuB 25:10. 

2. Deposition ofa Disciple, 1976, 35. 

3. Aufgeschrieben von Rosemary Nelson. 

4. "Ancestral Home", in Donna Smith Packer, 
On Footingsfrom the Fast, 1988, 402. 

5. Mit Erlaubnis zitiert. 

6. Zitiert in Mary Ellen Smoot und Marilyn 
Sheriff, The City In-Between: History of 
Centerville, Utah, 1975, 379. 

7. Der Stern, Oktober 1982, 78. 



DER STERN 



14 



Geistige Fähigkeiten 



Eider Russell M. Nelson 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Wir brauchen ein Vorbild - jemanden, der uns zeigt, wie man 

geistige Fähigkeiten entfaltet. Ich habe . . . Präsident Gordon B. Hinckley 

als ein solches Vorbild gewählt. 



ich Präsident Hinckley und seine Frau in 
elf Länder 3 begleiten, für die ich einige 
Verantwortung trage. Das hat uns die 
seltene Gelegenheit gegeben, ihn unter 
den verschiedensten Umständen aus der 
Nähe zu beobachten. Seine Unterweisung 
ist immer inspirierend und sachdienlich. 
Man sollte sie genau studieren und dann 
für sich anwenden. Sie sind das Wort des 
Herrn an sein Volk. 4 

Aber ich will nicht Präsident Hinckleys 
Ansprachen wiederholen. Ich will viel- 
mehr den Blick auf seine geistigen Fähig- 
keiten lenken. Er hat viele solcher Fä- 
higkeiten entwickelt, darunter „Glauben, 
Tugend, Erkenntnis, Mäßigung, Geduld, 
brüderliches Wohlwollen, Frömmigkeit, 
Nächstenliebe, Demut [und] Eifer." 5 

Seine Demut beispielsweise ist so auf- 
richtig, daß er es sicher lieber sähe, wenn 
ich nur auf den Herrn Jesus Christus als 
unser großes Vorbild verwiese. 6 Und das 
ist er natürlich auch! Der Herr hat ge- 
sagt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, 
damit auch ihr so handelt, wie ich an euch 
gehandelt habe." 7 Wir dürfen niemals 
aus den Augen verlieren, daß der Erretter 
unser höchster und beständiger Maßstab 
ist. 

Wir können aber auch viel von einem 
Mann lernen, der schon sein Leben 
lang bestrebt ist, dem Herrn ähnlicher 
zu werden. Vor über siebenundachtzig 
Jahren war Gordon B. Hinckley ein Baby 
auf dem Arm seiner liebvollen Eltern. 
Ich nehme an, daß er aussah wie andere 
Babys auch. Ein Kind hat einen kleinen 
Körper, und seine geistigen Fähigkeiten 
sind noch nicht entwickelt. Der Körper 
wächst in wenigen Jahren zur vollen 
Größe heran, aber der Geist erreicht viel- 
leicht niemals die Grenzen seines Lei- 
stungsvermögens, weil der Fortschritt 
kein Ende hat. 

Präsident Hinckleys Persönlichkeit, 
seine Eigenart und die ihm eigene In- 
telligenz gehörten immer nur ihm und 
sind einzigartig. Aber zu diesen angebo- 




W'enn man von der Ersten Präsi- 
dentschaft gebeten wird, auf der 
Generalkonferenz zu sprechen, 
bekommt man kein Thema zugewiesen. 
Die Sprecher beten um Inspiration und 
bereiten sich gemäß den Eingebungen 
vor, die sie erhalten. Ich habe das Gefühl, 
daß ich über „geistige Fähigkeiten" spre- 
chen soll. 

Ein Vers aus den heiligen Schriften 
weist auf die Möglichkeiten hin, die 
jeder Mensch hat: „Es ist der Geist im 
Menschen", heißt es bei Ijob, „des All- 
mächtigen Hauch, der ihn verständig 
macht." 1 Um solch eine Möglichkeit zu 
nutzen, braucht man mehr als nur ver- 
balen Ansporn. Wir brauchen ein Vor- 
bild - jemanden, der uns zeigt, wie man 
geistige Fähigkeiten entfaltet. Ich habe 
für meine Ansprache Präsident Gordon 
B. Hinckley als ein solches Vorbild ge- 
wählt. 2 Ich hoffe, er wird mir verzeihen. 
Ich spreche ja nicht über ihn, um ihm 
zu schmeicheln, sondern um ihm nach- 
zueifern. Wir können aus seinem Beispiel 
lernen und so unsere geistigen Eigen- 
schaften verbessern. 

In diesem Jahr durften meine Frau und 



renen Eigenschaften hat er geistige Fä- 
higkeiten hinzugefügt, die immer noch 
zunehmen. 

Seine Eltern und er selbst wußten, wie 
wichtig Bildung und eine Mission sind. 
Nachdem er die Universität abgeschlos- 
sen hatte, stand er 1933 vor einer wich- 
tigen Entscheidung, als er auf Mission 
berufen wurde. Damals konnten die mei- 
sten jungen Männer in der Kirche nicht 
auf Mission gehen, weil wegen der welt- 
weiten Wirtschaftskrise niemand Geld 
hatte. Seine wunderbare Mutter hatte in 
der Vergangenheit voller Voraussicht und 
Glauben ein kleines Sparkonto für die 
Mission angelegt. Sie war, als er berufen 
wurde, zwar schon tot, aber das Geld half 
ihm jetzt. 

Kurz nachdem Eider Hinckley die Ar- 
beit in England aufgenommen hatte, ver- 
ließ ihn der Mut, und er schrieb seinem 
Vater. Die weise Antwort seines Vaters 
auf diesen Brief schloß mit den Worten: 
„Vergiß dich selbst und geh an die 
Arbeit." 8 Dank seinen Eltern und dem 
entscheidenden Entschluß zu bleiben, 
beendete Eider Hinckley seine Mission 
ehrenvoll. Heute sagt er oft, daß er alles 
Gute, was er seitdem erlebt hat, dieser 
Entscheidung verdankt. Während der 
Mission entwickelte er gute Gewohnhei- 
ten; er lernte zu studieren, zu arbeiten, 
sich mitzuteilen, sparsam zu sein, sich 
die Zeit einzuteilen und noch mehr. Da- 
mals lernte er, daß für den Herrn nichts 
unmöglich ist. 9 

Schon vor langer Zeit machte Präsident 
Hinckley sich die Macht des Betens zu- 
nutze. Ich habe schon oft beobachtet, wie 
er wegen bedeutender Angelegenheiten 
betete und eine inspirierte Antwort er- 
hielt. Durch das Beten weckt man jene 
erhebenden Eigenschaften des Geistes, 
die Gott „allen denen verleiht, die wahre 
Nachfolger . . . Jesu Christi sind." 10 

Hobbys können gut zur geistigen Ent- 
wicklung beitragen. Gute Musik, Tanz, 
bildende Kunst und das Schreiben ge- 
hören zu den kreativen Tätigkeiten, die 
die Seele bereichern können. Ein gutes 
Hobby kann Herzeleid vertreiben und 
dem Leben Reiz verleihen. 11 Ein Hobby 
Präsident Hinckleys ist schon seit vielen 
Jahren sein Zuhause. Als junger Vater hat 
er gelernt, wie man etwas baut. Er hat 
sich die Fertigkeiten angeeignet, die man 
braucht, um ein Haus zu renovieren und 
die nötigen Reparaturen auszuführen. 
Und was noch wichtiger ist, er hat so- 
zusagen das Vertrauen seiner Frau und 
seiner Kinder aufgebaut und instand- 
gehalten. Damals wie heute schufen und 
schaffen sie sich gemeinsam wunderbare 



JANUAR 1998 

15 



Erinnerungen mit den Kindern und den 
Enkelkindern, die wissen, daß sie zu ei- 
nem „auserwählten Geschlecht [gehören, 
das] aus der Finsternis in [das] wunder- 
bare Licht [des Herrn] gerufen" worden 
ist. 12 Von dem Beispiel, das Bruder und 
Schwester Hinckley als Eltern geben, kön- 
nen wir viel lernen. Zu Hause herrscht 
Liebe, wenn die Ehepartner mit Sorgfalt 
der Pflicht, Gottes Gebote zu halten, 
nachkommen. 

Präsident Hinckleys Liebe zum Lernen 
wird durch seine Neugier angeregt. Er er- 
greift jede Gelegenheit, von anderen Men- 
schen zu lernen. Einmal hörte ich, wie 
er einen Polizeibeamten fast eine Stunde 
lang über die Verbrechensbekämpfung in 
einer großen Stadt ausfragte. Ich habe 
gehört, wie er mit Bauunternehmern, mit 



Reportern und mit Fachleuten aus den 
Bereichen Kunst, Architektur, Wirtschaft, 
Regierungswesen, Rechtswissenschaften, 
Medizin und anderen Gebieten sprach. Er 
kennt ihre Fachbegriffe, ihre Schwierig- 
keiten und ihre Stärken. 

Die bemerkenswerte Fähigkeit im 
Schreiben hat er, weil er so lebt, daß der 
Geist mit ihm ist. Solche Fertigkeiten 
können auch andere Menschen erlangen, 
schließlich heißt es in den heiligen Schrif- 
ten: „Denn allen, die Gott anriefen, 
wurde es gegeben, unter dem Geist der 
Inspiration zu schreiben/' 13 

Präsident Hinckley hat im Lauf der 
Jahre einen bemerkenswerten Sinn für 
Humor entwickelt. Sie kennen sicher sein 
treffendes Wort: „Meine Frau und ich 
merken, daß die sogenannten goldenen 




Jahre auch einen Anteil Blei haben." 14 Ich 
möchte dazu sagen: Präsident Hinckley, 
wir sind froh, daß wir ein solches „Senk- 
blei" haben, mit dem wir unsere Position 
ausloten können! Es ist ausgleichender 
Ballast für jemanden, der sich voll Eifer 
zu weit hinauslehnen könnte. Und es 
stabilisiert den Charakter. 

Zwar steht Präsident Hinckley im Mit- 
telpunkt meiner Ansprache, aber ich muß 
auch Schwester Hinckley mit einbezie- 
hen. Die beiden sind seit sechzig Jahren 
verheiratet und schon lange eins im Geist, 
haben dabei aber ihre Individualität be- 
wahrt. Sie verschwenden keine Zeit da- 
mit, über die Vergangenheit nachzuden- 
ken oder sich Sorgen um die Zukunft 
zu machen. Und auch unter widrigen 
Umständen halten sie durch. 

In Mittelamerika hatten sie einmal auf 
dem Weg von einem Gemeindehaus zum 
Flughafen einen Verkehrsunfall. Meine 
Frau und ich fuhren hinter ihnen und sa- 
hen genau, was passierte. Ein Lastwagen, 
der mit ungesicherten Metallstangen 
hoch beladen war, kam ihnen auf einer 
Kreuzung entgegen. Um einen Zusam- 
menstoß zu vermeiden, bremste der Last- 
wagenfahrer heftig. Die Eisenstangen flo- 
gen wie Speere vom Laster und bohrten 
sich in den Wagen, in dem die Hinckleys 
saßen. Die Fenster wurden zertrümmert, 
Kotflügel und Türen verbeult. Der Unfall 
hätte sehr schlimm enden können. Wäh- 
rend man ihnen Glassplitter von Klei- 
dung und Haut entfernte, sagte Präsident 
Hinckley: „Dem Herrn sei Dank für sei- 
nen Segen. Fahren wir jetzt mit einem 
anderen Wagen weiter." 

Zu Präsident Hinckleys geistigen Eigen- 
schaften gehört das Mitgefühl. Er nimmt 
Anteil an den Menschen und hat den 
Drang, ihnen zu helfen. Ich habe erlebt, 
wie er mit den Trauernden geweint und 
sich gefreut hat, wenn die Heiligen geseg- 
net wurden. Jeder, dessen Herz wirklich 
vom Geist des Herrn angerührt ist, kann 
dieses Mitgefühl erlangen. 

Präsident Hinckley und seine Frau 
zeigen uns, daß man immer verständiger 
wird, wenn man lernt und dann eifrig 
lehrt. 15 Wenn man nicht durch Krankheit 
eingeschränkt ist, nimmt die Fähigkeit zu 
geistiger Entwicklung im Alter nicht ab, 
sondern sogar zu. 

Jeder Präsident der Kirche - ausgerüstet 
mit dem Heiligen Geist als ständigem 
Begleiter - übernimmt in einem Alter, wo 
die meisten Männer pensioniert sind, eine 
gewaltige Arbeitslast. Präsident Hinckley 
schlägt ein Tempo an, das es bisher noch 
nicht gegeben hat. 1996 besuchte er die 
Missionare, die Mitglieder und die 



DER STERN 

16 



Freunde der Kirche in dreiundzwanzig 
Ländern auf vier Kontinenten. Er hielt 
über zweihundert große Ansprachen. 
1997 geht er genauso vor. Sein anstren- 
gender Terminplan wird von dem festen 
Entschluß diktiert, sich „voll Eifer" dem 
Aufbau des Gottesreichs „zu widmen". 16 
Schon oft habe ich ihn sagen hören: „Ich 
weiß nicht, wie ich etwas erledigen kann, 
ohne mich hinzuknien und um Hilfe zu 
bitten, und dann aufzustehen und an die 
Arbeit zu gehen." Unerschütterlicher 
Glaube, harte Arbeit und ansteckender 
Optimismus - das ist unser Prophet. 

Wenn Präsident Hinckley vor vielen 
Zuhörern spricht, habe ich gesehen, wie 
er auf den Heiligen Geist vertraut, der 
ja die Aufgabe hat, „den Verstand zu 
erleuchten und zu erheben, die Seele zu 
reinigen und zu heiligen, zu guten Wer- 
ken anzuspornen und das, was Gottes ist, 
zu offenbaren." 17 

Präsident Hinckley hat seine physi- 
schen Empfindungen durch den Geist im 
Griff. Selbst wenn er Anlaß zu ganz nor- 
malen Klagen hätte, beispielsweise nach 
langen Flugreisen oder wenn er sich aus- 
gebrannt fühlt, ist er stets aufmerksam. 
Ich glaube, sein persönliches Mittel gegen 
Erschöpfung ist die Begeisterung für das 
Werk. Er erhält seine Energie vom Herrn, 
der gesagt hat: „Ich will dir von meinem 
Geist mitteilen, und er wird dir den Ver- 
stand erleuchten und dir die Seele mit 
Freude erfüllen." 19 

Eins der denkwürdigsten Erlebnisse 
hatten wir, als wir den Bauplatz des Tem- 
pels in Guayaquil in Ekuador besuchten. 
Präsident Hinckley erzählte uns dort, wie 
dieses Grundstück ausgesucht worden 
war. Bei einem früheren Besuch hatte 
man ihm einige Grundstücke gezeigt, 
aber mit keinem war er so recht zufrie- 
den. Während gebeterfüllt weiter gesucht 
wurde, erkundigte er sich nach einem 
Grundstück auf einem Hügel beim Flug- 
hafen. Es hieß aber, daß es nicht zum Ver- 
kauf stehe. Präsident Hinckley wollte das 
Grundstück trotzdem sehen. Dort emp- 
fing er vom Allmächtigen die Inspiration, 
daß dies der Platz für den Tempel sei. 
Und nun durften wir auf dem Grund- 
stück stehen, das für diesen heiligen 
Zweck vom Herrn vorgesehen und dann 
erworben worden war. Unsere Freude 
war unbeschreiblich. 

Der Prophet trifft täglich wichtige 
Entscheidungen. Das tut er mit großer 
Kompetenz. Er regt jeden von uns an, 
Entscheidungen zu treffen, die uns „in 
diesem Leben und im ewigen Leben in 
der kommenden Welt wachsen lassen 
und Freude bringen". 20 



Dieser Präsident der Kirche beruft viele 
Menschen zum Dienen und weiß, daß 
von ihnen viel verlangt wird. Er weiß 
ganz genau, welchen Möglichkeiten und 
Risiken sie dabei ausgesetzt sind. „Ja, die- 
ses Werk erfordert Opfer", hat er gesagt. 
„Es erfordert Anstrengung. Es bedeutet, 
daß man den Mut hat, etwas auszuspre- 
chen, und den Glauben, etwas zu versu- 
chen. ... Es braucht Männer und Frauen 
mit ernsthaftem Wollen." 21 „Wir wissen, 
daß es bei dem, was Sie tun können, 
Grenzen gibt, aber wir wissen auch, daß 
Begeisterung, Planung, Überlegung und 
Anstrengung keine Grenzen zu haben 
brauchen." 22 

Brüder und Schwestern, der Geist, der 
in jedem von uns wohnt, kann durch 
Begeisterung bereichert und durch den 
Allmächtigen erleuchtet werden. Der Vor- 
gang des geistigen Wachstums wird in 
den heiligen Schriften offenbart: „Intelli- 
genz hält fest an Intelligenz; Weisheit 
empfängt Weisheit; Wahrheit nimmt 
Wahrheit an . . . [und] Licht hält fest an 
Licht." 23 „Was von Gott ist, das ist Licht, 
und wer Licht empfängt und in Gott ver- 
bleibt, empfängt mehr Licht; und das 
Licht wird heller und heller bis zum voll- 
kommenen Tag." 24 

Dankbar folgen wir Propheten, die ei- 
nen Auftrag von Gott haben: „Und was 
sie, bewegt vom Heiligen Geist, reden 
werden, soll heilige Schrift sein, soll der 
Wille des Herrn sein, soll der Sinn des 
Herrn sein, soll das Wort des Herrn sein, 
soll die Stimme des Herrn und die Kraft 
Gottes zur Errettung sein." 25 

Wenn wir den Lehren der Propheten 
folgen, können wir unsere geistigen Fä- 
higkeiten entfalten, indem wir jemandem 
wie Präsident Gordon B. Hinckley nach- 
eifern. Ich danke Gott für diesen Prophe- 
ten. Er ist der Gesalbte des Herrn. Ich folge 
ihm bereitwillig. Ich liebe ihn und unter- 
stütze ihn. Das bezeuge ich im Namen 
Jesu Christi, amen. D 



FUSSNOTEN 

1. Ijob 32:8. Das Wort Geist ist in diesem Vers 
von dem hebräischen Wort ruwach über- 
setzt worden, das Wind, Luft, Atem, Ver- 
stand oder Geist bedeutet. Das griechische 
Wort für Geist ist pneuma. Aus dieser 
Wurzel sind die Wörter Pneu (luftgefüllter 
Reifen), Pneumonie (Lungenentzündung) 
und pneumatisch abgeleitet. Pneuma 
bedeutet auch Luft, Atem, Verstand oder 
Geist. Es kommt im griechischen Neuen 
Testament 385mal vor. 

2. Vor vierundzwanzig Jahren fühlte Eider 
Gordon B. Hinckley sich veranlaßt, 
über seine Erlebnisse auf einer Auslands- 




reise mit Präsident Harold B. Lee zu 
sprechen. (Siehe Ensign, Januar 1974, 124f.) 

3. USA, Panama, Nicaragua, Costa Rica, 
Honduras, El Salvador, Guatemala, Uru- 
guay, Paraguay, Ekuador und Venezuela. 

4. Siehe Arnos 3:7; LuB 68:4. 

5. LuB 4:6. 

6. Zu den vielen Geboten in den 
heiligen Schriften siehe 3 Nephi 27:27; 
Mormon 710. 

7. Johannes 13:15. Wenn wir ihn lieben, hal- 
ten wir seine Gebote (siehe Exodus 20:6; 
Deuteronomium 5:10, Johannes 14:15; 
LuB 124:87). 

8. Sheri L. Dew, Go Forward With Faith: The 
Biography of Gordon B. Hinckley, 1996, 64. 

9. Siehe Jeremia 32:17; Lukas 1:37. 

10. Moroni 7:48. 

11. Siehe Richard G. Scott, Der Stern, 
Juli 1996, 24f. 

12. 1. Petrus 2:9. 

13. Mose 6:5; siehe auch JST Genesis 6:5. 

14. Der Stern, Juli 1995, 64. 

15. Siehe LuB 88:78. 

16. LuB 58:27 

17. James E.Talmage, Articles of Faith, 1962, 
167; siehe auch LuB 121:26. 

18. Das Wort Enthusiasmus kommt von 
den griechischen Wurzeln en, was in 
bedeutet, und theos, was Gott bedeutet. 
Also: Gott in uns. 

19. LuB 11:13; siehe auch LuB 124:88. 

20. "Caesar, Circus, or Christ?" BYU Speeches 
of the Year, 26. Oktober 1965, 8. 

21. Der Stern, Mai 1973, 197 

22. Bonneville International Management 
Seminar, 23. Februar 1992. 

23. LuB 88:40. 

24. LuB 50:24. 

25. LuB 68:4. 



JANUAR 1998 

17 



Unterweist die Kinder! 



Präsident Thomas S. Monson 

Erster Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 



Kinder lernen durch sanfte Anleitung und überzeugende 
Unterweisung. Sie suchen nach Vorbildern, denen sie nacheifern können, 
und nach Wissen, das sie erwerben können. Sie suchen nach etwas, 
was sie tun können, und nach Lehrern, denen sie gern gefallen wollen. 



Die heiligen Aufzeichnungen berichten 
über ihn: „Jesus aber wuchs heran, und 
seine Weisheit nahm zu, und er fand 
Gefallen bei Gott und den Menschen." 3 
Ein kurzer Vers sagt über seinen Über- 
gang vom Kind zum Mann, daß Jesus 
„umherzog, Gutes tat und alle heilte". 4 

Durch Jesus Christus hat sich die Welt 
geändert: Das göttliche Sühnopfer wurde 
vollbracht, der Preis für die Sünde be- 
zahlt und das furchtbare Szenarium des 
Todes weicht dem Licht der Wahrheit 
und der Gewißheit der Auferstehung. Die 
Jahre gehen dahin, aber seine Geburt, 
sein Wirken und sein Vermächtnis leiten 
weiterhin das Geschick aller, die ihm so 
nachfolgen, wie er sie dazu aufgefordert 
hat. 

Jeden Tag, jede Stunde werden Kinder 
geboren, deren Mütter an Gottes Hand 
das Tal des Todesschattens betreten ha- 
ben, um ein Kind zur Welt zu bringen, 
das ein Segen für eine Familie und in 
gewissem Sinn für einen Teil der Erde 
sein soll. 

Die kostbaren Tage der frühen Kindheit 
schaffen eine Bindung zwischen Mutter 
und Vater und Kind. Jedes Lächeln wird 
beachtet, jede Furcht beruhigt, jeder Hun- 
ger gestillt. Schritt um Schritt wächst das 
Kind heran. Ein Dichter hat geschrieben, 
daß jedes Kind „eine zarte neue Blüte der 
Menschheit [ist], aus Gottes Heim herab- 
gekommen, um auf der Erde zu blühen." 5 

Das Kind nimmt zu an Weisheit und 
Größe. Nun ist es wichtig, daß es lernt 
und handelt. 

Es gibt Menschen, die diese Verpflich- 
tung nicht beachten und meinen, das 
könne warten, bis das Kind erwachsen ist. 
Aber es hat sich erwiesen, daß dies nicht 
stimmt. Die beste Zeit zur Unterweisung 
geht schnell vorüber. Die Gelegenheiten 
vergehen. Die Eltern, die es aufschieben, 
ihrer Verantwortung als Lehrer gerecht 
zu werden, gewinnen vielleicht in späte- 
ren Jahren die bittere Einsicht, die Whit- 




In Salt Lake City liegt ein Hauch von 
Herbst in der Luft. Die Tage werden 
kürzer, und das Wetter wird kühler 
und erinnert uns daran, daß der Winter 
nicht mehr fern ist. Bald kommt die Weih- 
nachtszeit. 

Der Geist der Weihnacht regt unwider- 
stehlich zu guten Taten an, rührt das 
menschliche Herz und läßt uns an den 
ärmlichen Stall, weit weg in Betlehem, 
denken, an die Zeit, als die Prophezeiun- 
gen der Propheten in jener Gegend und 
auf dem amerikanischen Kontinent sich er- 
füllten. Christus, der Herr, wurde geboren. 

Über die Kindheit Jesu wissen wir nur 
wenig. Man mag meinen, daß seine Ge- 
burt so aufsehenerregend war, daß es 
mehr Berichte über seine Kindheit geben 
müßte. Wir wundern uns über die Weis- 
heit des Jungen, der, als Josef und Maria 
ihn suchten, im Tempel gefunden wurde. 
„Er saß mitten unter den Lehrern" 1 und 
lehrte sie das Evangelium. Als Maria 
und Josef ihre Besorgnis äußerten, stellte 
er die scharfsinnige Frage: „Wußtet ihr 
nicht, daß ich in dem sein muß, was mei- 
nem Vater gehört?" 2 



tier wie folgt umschreibt: „Von allen trau- 
rigen Worten, die gesagt oder geschrie- 
ben worden sind, sind die traurigsten: Es 
hätte sein können." 

Dr. Glenn Doman, ein bekannter Autor 
und Wissenschaftler, faßt seine lebens- 
lange Forschung in der folgenden Aus- 
sage zusammen: „Das neugeborene Kind 
ist beinahe genauso wie ein leerer Com- 
puter, obwohl es so einem Computer auf 
fast allen Gebieten überlegen ist. . . . Was 
das Kind in den ersten acht Lebensjahren 
in seinem Gehirn speichert, wird wahr- 
scheinlich darin bleiben. Wenn man ihm 
in dieser Zeit falsche Informationen ver- 
mittelt, ist es außerordentlich schwierig, 
sie wieder auszumerzen." 6 

Die folgende Aussage sollte alle Eltern 
veranlassen, sich aufs neue zu verpflich- 
ten: „Ich muß in dem [sein], was mei- 
nem Vater gehört." 7 Kinder lernen durch 
sanfte Anleitung und überzeugende Un- 
terweisung. Sie suchen nach Vorbildern, 
denen sie nacheifern können, und nach 
Wissen, das sie erwerben können. Sie 
suchen nach etwas, was sie tun können, 
und nach Lehrern, denen sie gern gefallen 
wollen. 

Eltern und Großeltern nehmen die Rolle 
des Lehrers ein; auch die Geschwister des 
Kindes tun das. Dazu möchte ich Innen 
vier einfache Anregungen vorlegen: 

1. Lehren Sie Ihr Kind beten, 

2. vermitteln Sie Glauben, 

3. leben Sie nach der Wahrheit, und 

4. ehren Sie Gott. 

Erstens: Lehren Sie Ihr Kind beten. „Beten 
ist die einfachste Sprachform, die ein Kin- 
dermund lernen kann. Es ist der erhaben- 
ste Klang, der bis zum Himmel gelangt. 8 

Beten lernt man durch beten. Man kann 
unzählige Stunden damit zubringen, die 
Erfahrungen anderer zu untersuchen, 
aber nichts durchdringt das menschliche 
Herz so sehr wie das eigene flehentliche 
Beten und die vom Himmel kommende 
Antwort. 

So ging es dem jungen Samuel. So er- 
lebte es der junge Nephi. So war das 
Beten des jungen Joseph Smith, das so 
weitreichende Folgen hatte. Diesen Segen 
kann jeder erleben, der betet. Lehren Sie 
Ihr Kind beten. 

Als nächstes: Vermitteln Sie Glauben. 
Dieses Jahr, in dem wir des Pionierzugs 
ins Salt Lake Valley gedenken, hat viel- 
leicht Jugendliche und Erwachsene zu 
mehr Musik, mehr Theaterstücken und 
mehr Aktivitäten inspiriert als irgendein 
anderes Ereignis in unserer Geschichte. 
Wir haben als Familien mehr über die 
Geschichte der Kirche, die Herrlichkeit, 
die Leiden, die Schwierigkeiten und den 



DER STERN 



18 



Kummer - und dann den Sieg bei der 
Ankunft im Tal - gelernt, als man ermes- 
sen kann. Vor einigen Jahren hat Bryant S. 
Hinckley, der Vater unseres Präsidenten, 
ein Buch mit dem Titel Der Glauben un- 
serer Pionierväter herausgegeben. Die Be- 
richte in diesem Buch sind gut geschrie- 
ben und dargestellt. In diesem Jahr sind 
sie immer wieder erzählt worden. Un- 
zählige Mitglieder haben jetzt auf ihr 
Pioniererbe zurückgeblickt. Hunderte 
von Jugendlichen - auf der ganzen Welt 
sogar Tausende - haben Handkarren ge- 
zogen und geschoben und sind selbst auf 
Pionierwegen gewandert. 

Ich denke, daß es heute kein Mitglied 
der Kirche gibt, das nicht von dem Jahr 
berührt worden ist, das sich nun dem 
Ende zuneigt. Diejenigen, die soviel 
zum Nutzen aller getan haben, hatten be- 
stimmt das Ziel, Glauben zu vermitteln. 
Sie haben ihr Ziel auf großartige Weise 
erreicht. 

Drittens: Leben Sie nach der Wahrheit. Am 
besten lernen wir das oft zu Hause bei 
unseren Lieben. 

Bei der Beerdigung einer Generalauto- 
rität, nämlich H. Verlan Andersen, zollte 
sein Sohn ihm Tribut. Das, was er sagte, 
können wir überall, wo wir sind, und bei 
allem, was wir tun, anwenden. Es geht 
um das Beispiel der persönlichen Er- 
fahrung. 

Der Sohn Eider Andersens erzählte, daß 
er vor Jahren an einem Samstagabend 
eine ganz besondere Verabredung hatte. 
Er lieh sich dazu das Auto der Familie. 
Als er die Schlüssel bekam und damit zur 
Tür ging, sagte sein Vater: „Der Tank muß 
bis morgen aufgefüllt werden. Tanke auf 
jeden Fall, bevor du nach Hause kommst!" 

Dann erzählte Eider Andersens Sohn 
weiter, daß es ein wunderschöner Abend 
war. Er traf Freunde, es gab gutes Essen, 
und alle hatten Spaß. In seiner Begei- 
sterung dachte er aber nicht mehr daran, 
die Anweisung seines Vaters zu befolgen, 
und vergaß zu tanken, bevor er nach 
Hause fuhr. 

Der Sonntagmorgen kam. Eider Ander- 
sen entdeckte, daß der Tank leer war. Der 
Sohn sah, wie sein Vater die Autoschlüs- 
sel auf den Tisch legte. In der Familie 
Andersen war der Sonntag ein Tag der 
Gottesverehrung und der Danksagung, 
nicht aber des Einkaufens. 

Eider Andersens Sohn sagte dann wei- 
ter: „Ich sah, wie mein Vater den Mantel 
anzog, sich verabschiedete und den wei- 
ten Weg zum Gemeindehaus ging, um 
an einer frühen Versammlung teilzu- 
nehmen." Die Pflicht rief. Die Wahrheit 
wurde nicht der Bequemlichkeit geopfert. 




Zum Abschluß seiner Rede sagte der 
Sohn: „Kein Sohn hat jemals mehr von 
seinem Vater gelernt als ich bei dieser 
Gelegenheit. Mein Vater kannte die Wahr- 
heit nicht nur, sondern er lebte auch da- 
nach." Leben Sie nach der Wahrheit. 

Als Letztes: Ehren Sie Gott. Niemand 
kann hierbei das Beispiel des Herrn Jesus 
Christus übertreffen. Sein inbrünstiges 
Beten in Getsemani zeigt dies deutlich: 
„Vater, wenn du willst, nimm diesen 
Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern 
dein Wille soll geschehen." 9 Sein Bei- 
spiel am Kreuz von Golgota spricht 
Bände: „Vater, vergib ihnen, denn sie 
wissen nicht, was sie tun." 10 

Der Herr lehrte alle, die auf ihn hören 
wollten, auf nachhaltige Weise eine ein- 
fache, doch grundlegende Wahrheit, wie 
bei Matthäus berichtet wird. Wir erfah- 
ren, daß Jesus und seine Jünger, nach- 
dem sie vom Berg der Verklärung herab- 
gekommen waren, in Galiläa blieben und 
nach Kafarnaum gingen. Die Jünger frag- 
ten Jesus: „Wer ist im Himmelreich der 
Größte? 

Da rief er ein Kind herbei, stellte es in 
ihre Mitte und sagte: Amen, das sage ich 
euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie 
die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das 
Himmelreich kommen. 

Wer so klein sein kann wie dieses Kind, 
der ist im Himmelreich der Größte. 



Und wer ein solches Kind um meinet- 
willen aufnimmt, der nimmt mich auf." 11 

Ich halte es für bezeichnend, daß Jesus 
diese Kinder so liebte, die erst vor kurzem 
das Vorherdasein verlassen hatten, um 
auf die Erde zu kommen. Kinder waren 
damals und sind auch heute ein Segen für 
uns, sie wecken unsere Liebe und regen 
zu guten Taten an. 

Ist es verwunderlich, daß der Dichter 
Wordsworth von unserer Geburt sagt: 
„Herrlich wie ein Morgenrot von unsrer 
Heimat kommen wir: von Gott. In unsrer 
Kindheit ist der Himmel um uns." 12 

Zu Hause formt sich unsere Einstellung, 
unsere tiefste Überzeugung. Zu Hause 
werden Hoffnungen genährt oder zu- 
nichte gemacht. Dr. Stuart E. Rosenberg 
schrieb in seinem Buch Die Straße zum 
Vertrauen: „Trotz aller neuen Erfindungen 
und modernen Entwürfe, Trends und 
Ticks hat es niemand geschafft und wird 
es auch niemanden gelingen - für die 
Familie einen befriedigenden Ersatz zu 
schaffen." 13 

Wir können von unseren Kindern und 
Enkeln lernen. Sie haben keine Angst. Sie 
zweifeln nicht an der Liebe des himmli- 
schen Vaters. Sie lieben Jesus und möch- 
ten so sein wie er. 

Unser Enkel, der sechsjährige Jeffrey 
Monson Dibb, blieb mit seiner sechs- 
jährigen Freundin bei sich zu Hause an 



JANUAR 1998 

19 




Die Erste Präsidentschaft, Präsident Gordon B. Hinckley, Präsident Thomas S. Monson und Präsident James E. Faust, begrüßen vor einer 
Konferenzversammlung die Mitglieder des Kollegiums der Zwölf Apostel. 



einem Tisch stehen, auf dem ein Bild von 
Eider Jeffrey R. Holland stand. Das kleine 
Mädchen zeigte auf das Bild und fragte: 
„Wer ist der Mann?" 

Jeffrey antwortete: „Ach, das ist Eider 
Jeffrey Holland vom Kollegium der Zwölf 
Apostel. Er ist nach mir benannt!" 

Eider Hollands Namensvetter ging 
eines Tages mit seiner kleinen Freundin 
spazieren. Sie gingen die Stufen zu einem 
Haus hinauf, obwohl sie nicht wußten, 
wer dort wohnte und ob er etwas mit 
der Kirche zu tun hatte. Sie klopften an 
die Tür, und eine Frau öffnete. Ohne zu 
zögern sagte Jeff Dibb: „Wir sind die 
Heimbesuchslehrer. Dürfen wir herein- 
kommen?" Sie wurden ins Wohnzimer 
gebeten und bekamen einen Platz ange- 
boten. Voller Glauben fragten die Kinder 
die Frau: „Haben Sie was zum Naschen 
für uns?" Was konnte sie tun? Sie holte 
etwas zum Naschen, und sie unterhielten 
sich nett. Dann verschwanden die uner- 
warteten Besucher mit einem aufrichtigen 
„Danke". 

„Kommt wieder!" rief ihnen die Frau 
lächelnd nach. 

„Bestimmt", antworteten sie. 

Die Eltern der beiden Kinder hörten 



davon. Ich bin sicher, daß sie die beiden 
nicht bestraft haben. Vielleicht haben sie 
an die Worte in den heiligen Schriften 
gedacht: „Ein kleiner Knabe kann sie 
hüten." 14 

Der Klang lachender Kinder, die fröh- 
lich spielen, kann den Eindruck er- 
wecken, die Kindheit sei frei von Kum- 
mer und Sorgen. Dem ist nicht so. Kinder 
sind empfindsam. Sie sehnen sich nach 
anderen Kindern. Im berühmten Victoria- 
und-Albert-Museum in London hängt 
ein Meisterwerk. Es heißt einfach Krank- 
heit und Gesundheit. Darauf ist ein klei- 
nes Mädchen in einem Rollstuhl abge- 
bildet. Sie ist blaß und sieht krank aus. 
Sie hört einem Drehorgelspieler zu, wäh- 
rend zwei sorglose, fröhliche kleine 
Mädchen tanzen. 

Jeder erlebt einmal Trauer und Kum- 
mer, auch Kinder. Aber Kinder sind wi- 
derstandsfähig. Sie können die Last tra- 
gen, die ihnen vielleicht auferlegt wird. 
Vielleicht beschreibt ein schöner Psalm 
diese Kraft: „Wenn man am Abend auch 
weint, am Morgen herrscht wieder Ju- 
bel." 15 

Ich möchte Ihnen nun so eine Situation 
schildern. In Bukarest in Rumänien ver- 



suchte Dr. Lynn Oborn, der als ehrenamt- 
licher Helfer in einem Waisenhaus arbei- 
tete, dem kleinen Raymond, der noch nie 
gegangen war, zu zeigen, wie man die 
Beine benutzt. Raymond war mit schwe- 
ren Klumpfüßen geboren und war voll- 
ständig blind. Dr. Oborn hatte die Füße 
operiert, aber Raymond konnte seine 
Beine trotzdem nicht benutzen. Dr. Oborn 
wußte, daß eine Gehhilfe für Kinder Ray- 
mond zum Gehen bringen konnte, aber so 
etwas gab es in ganz Rumänien nicht. Ich 
bin sicher, daß dieser Arzt, der alles getan 
hatte, was er konnte, inbrünstig betete. 
Blindheit kann einem Kind Schwierigkei- 
ten bereiten, aber wenn es nicht gehen, 
laufen und spielen kann, kann das dem 
kostbaren Geist Schaden zufügen. 

Jetzt wenden wir uns Provo in Utah 
zu. Die Familie Richard Headlee hörte 
von dem Leid und den schlechten Bedin- 
gungen in Rumänien und sammelte zu- 
sammen mit anderen achtzehn Tonnen 
Nahrung, Kleidung, Medikamente, Woll- 
decken und Spielzeug. Der letzte Tag der 
Sammlung war gekommen. Der Contai- 
ner sollte abgeschickt werden. Niemand, 
der an diesem Projekt arbeitete, wußte, 
daß eine Gehhilfe für Kinder benötigt 



DER STERN 



20 



wurde. Aber im allerletzten Moment 
brachte eine Familie so eine Gehhilfe und 
legte sie in den Container. 

Als der sehnsüchtig erwartete Contai- 
ner in dem Waisenhaus in Bukarest an- 
kam, war Dr. Oborn dabei, als er geöffnet 
wurde. Alles, was darinnen war, konnte 
sofort verwendet werden. Als Familie 
Headlee sich Dr. Oborn vorstellte, sagte 
er: „Hoffentlich haben Sie eine Gehhilfe 
für Raymond mitgebracht ! " 

Jemand sagte: „Ich meine, ich hätte so 
etwas gesehen, aber ich kann mich nicht 
an die Größe erinnern." Jemand anders 
wurde in den Container geschickt, kroch 
zwischen den Ballen mit Kleidung und 
den Kisten mit Nahrung herum und 
suchte die Gehhilfe. Als er sie fand, hob 
er sie hoch und rief: „Es ist eine kleine!" 
Es gab Freudenrufe, die schnell zu Trä- 
nen wurden, denn allen wurde bewußt, 
daß sie ein neuzeitliches Wunder erlebt 
hatten. 

Es mag Leute geben, die sagen: „Heute 
gibt es keine Wunder." Aber der Arzt, 
dessen Beten erhört wurde, würde ant- 
worten: „Es gibt sie doch, und Raymond 
kann gehen." Auch der Mensch, der dazu 
inspiriert wurde, die Gehhilfe zu spen- 
den, war ein Werkzeug und würde dem 
sicher zustimmen. 

Wer war dieser barmherzige Engel, der 
vom Herrn angerührt, solch eine wichtige 
Rolle in dieser Geschichte spielt? Sie heißt 
Kristin und ist die Tochter von Kurt und 
Melodie Bestor. Kristin wurde mit einer 
angeborenen Spaltbildung in der Wirbel- 
säule (Spina bifida) geboren, genau wie 
ihre jüngere Schwester Erika auch. Beide 
Kinder verbrachten lange Tage und trau- 
rige Nächte im Krankenhaus. Die mo- 
derne Medizin und liebevolle Betreuung 
haben zusammen mit der Hilfe des 
himmlischen Vaters beiden Kindern ein 
gewisses Maß an Bewegung ermöglicht. 
Keines von ihnen ist entmutigt. Beide re- 
gen andere dazu an, „weiterzumachen". 
Im vorigen Monat unterhielten Kristin 
und Erika Gäste, die das fünfundsiebzig- 
jährige Bestehen des Medizinischen Kin- 
derzentrums der PV feierten. Sie sangen 
mit den Eltern, und dann sangen die 
Mädchen ein bewegendes Duett. Alle 
Zuhörer hatten Tränen in den Augen, 
überall sah man Taschentücher. Diese 
Mädchen und diese Familie hatten den 
Kummer überwunden und brachten an- 
deren Freude. 

Kristins Vater sagte an diesem Abend 
zu mir: „Präsident Monson, das ist Kri- 
stin. Sie hatte das Gefühl, daß sie ihre 
Gehhilfe nach Rumänien schicken sollte, 
weil sie dort vielleicht jemand brauchte." 



Ich sprach mit Kristin, die im Rollstuhl 
saß. „Danke, daß du auf den Geist des 
Herrn gehört hast. Du bist ein Werkzeug 
in der Hand des Herrn gewesen, um das 
Beten eines Arztes zu erhören und den 
Wunsch eines Kindes zu erfüllen." 

Als ich später diese Feier verließ, die 
zur Unterstützung von Kindern stattfand, 
schaute ich zum Himmel auf und dankte 
Gott für Kinder, für Familien und für 
Wunder in unserer Zeit. 

Lassen Sie uns ernsthaft seiner Anwei- 
sung folgen: „Laßt die Kinder zu mir 
kommen; hindert sie nicht daran! Denn 
Menschen wie ihnen gehört das Reich 
Gottes." 16 

In einem beliebten Lied heißt es: „Engel 
sind unter uns." Diese Engel sind häufig 
die kostbaren Kleinen, die Gott, unser Va- 
ter, unserer irdischen Fürsorge anvertraut 
hat. Mögen wir sie beten lehren, ihnen Glau- 
ben vermitteln, nach der Wahrheit leben und 
Gott ehren! Dann werden wir ein himm- 
lisches Zuhause und eine ewige Familie 
haben. Welch größere Segnung können 
wir uns wünschen? Keine! 

Im Namen Jesu Christi, amen. D 



FUSSNOTEN 

1. Lukas 2:46. 

2. Lukas 2:49. 

3. Lukas 2:52. 

4. Apostelgeschichte 10:38. 

5. Massey, Gerald, in The Home Book 

of Quotations, Hg. Burton Stevenson, 
1934, 121. 

6. John Greenleaf Whittier, "Maud Muller", 
The complete Poetical Works of Whittier, 
1892, 48. 

7. Glenn J. Doman, How to Teach Your Baby to 
Read, 1979, 43,45. 

8. Siehe Gesangbuch, Nr. 94. 

9. Lukas 22:42. 

10. Lukas 23:34. 

11. Matthäus 18:1-5. 

12. Wordsworth, William, „Ode: Intimations 
of Immortality from Recollections of 
Early Childhood", The Complete Poetical 
Works of William Wordsworth, 1924, 359. 

13. The Road to Confidence, 1959, 121. 

14. Jesaja 11:6. 

15. Psalm 30:5. 

16. Markus 10:14. 




JANUAR 1998 

21 



Versammlung am Samstagnachmittag 
4. Oktober 1997 



Die Beamtenbestätigung 

Präsident James E. Faust 

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 




Meine Brüder und Schwestern, 
Präsident Hinckley hat darum 
gebeten, daß ich Ihnen jetzt die 
Generalautoritäten, die Gebietsautoritä- 
ten-Siebziger und die Präsidentschaften 
der Hilfsorganisationen der Kirche zur 
Bestätigung vorlege. 

Es wird vorgeschlagen, daß wir Gordon 
Bitner Hinckley als Propheten, Seher und 
Offenbarer sowie als Präsidenten der Kir- 
che Jesu Christi der Heiligen der Letzten 
Tage bestätigen, dazu Thomas Spencer 
Monson als Ersten Ratgeber in der Ersten 
Präsidentschaft und James Esdras Faust 
als Zweiten Ratgeber in der Ersten Präsi- 
dentschaft. Wer dafür ist, zeige es. Falls 
jemand dagegen ist, zeige er es. 

Es wird vorgeschlagen, daß wir Thomas 
Spencer Monson als Präsidenten des Kol- 
legiums der Zwölf Apostel, Boyd Ken- 
neth Packer als Amtierenden Präsidenten 
des Kollegiums der Zwölf Apostel und 
die folgenden als Mitglieder dieses Kolle- 
giums bestätigen: Boyd K. Packer, L. Tom 
Perry, David B. Haight, Neal A. Maxwell, 
Russell M. Nelson, Dahin H. Oaks, M. 
Russell Ballard, Joseph B. Wirthlin, Rich- 
ard G. Scott, Robert D. Haies, Jeffrey R. 
Holland und Henry B. Eyring. Wer dafür 
ist, zeige es bitte. Ist jemand dagegen? 

Es wird vorgeschlagen, daß wir die 



Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 
und die Zwölf Apostel als Propheten, 
Seher und Offenbarer bestätigen. Wer 
dem zustimmt, zeige es. Wer dagegen ist, 
zeige es. 

Es wird vorgeschlagen, daß wir Eider 
J. Richard Clarke, Eider Dean L. Larsen 
und Eider Robert E. Wells offiziell unse- 
ren Dank aussprechen und daß ihnen 
der Status eines emeritierten Mitglieds 
des Ersten Siebzigerkollegiums verlie- 
hen wird und daß Eider Larsen als Ge- 
schichtsschreiber der Kirche entlassen 
wird. Wer sich unserem Dank für ihren 
Dienst anschließen möchte, zeige bitte 
auf. 

Mit Dankbarkeit für ihren Dienst als 
Mitglieder des Zweiten Siebzigerkollegi- 
ums entlassen wir Eider Lino Alvarez, 
Eider C. Max Caldwell, Eider John E. 
Fowler, Eider Augusto A. Lim, Eider V. 
Dallas Merrell, Eider F. David Stanley und 
Eider Kwok Yuen Tai in Ehren. Wer sich 
unserem Dank anschließen möchte, zeige 
bitte auf. 

Es wird vorgeschlagen, daß wir Eider 
John A. Grinceri und Eider David W. 
Eka [sowie Patrick C. H. Wong, dessen 
Name versehentlich nicht bei den zu 
verlesenden Namen aufgeführt war] als 
Gebietsautoritäten-Siebziger bestätigen. 
Wer dafür ist, zeige es. Wer dagegen ist, 
zeige es. 

Seit der Frühjahrs-Generalkonferenz ist 
Eider F. David Stanley als Nachfolger von 
Eider Vaughn J. Featherstone als Erster 
Ratgeber in der JM-Präsidentschaft be- 
rufen worden. 

Es wird vorgeschlagen, daß wir Eider 
F. Burton Howard als Ersten Ratgeber 
und Eider Glenn L. Pace als Zweiten 
Ratgeber in der Sonntagsschulpräsident- 
schaft mit Dank entlassen, ebenso Eider F. 
David Stanley als Ersten Ratgeber und 
Eider Robert K. Dellenbach als Zweiten 
Ratgeber in der JM-Präsidentschaft. Wer 
sich unserem Dank an all diese Brüder 
anschließen möchte, zeige das bitte. 

Es wird vorgeschlagen, daß wir Eider 
Glenn L. Pace als Ersten Ratgeber in der 
Sonntagsschulpräsidentschaft, Eider Neil 



L. Andersen als Zweiten Ratgeber in der 
Sonntagsschulpräsidentschaft, Eider Ro- 
bert K. Dellenbach als Ersten Ratgeber 
in der JM-Präsidentschaft und Eider F. 
Melvin Hammond als Zweiten Ratgeber 
in der JM-Präsidentschaft bestätigen. 
Wer dafür ist, zeige es bitte. Ist jemand 
dagegen? 

Es wird vorgeschlagen, daß wir Schwe- 
ster Janette Haies Beckham, Schwester 
Virginia H. Pearce und Schwester Carol B. 
Thomas als JD-Präsidentschaft mit Dank 
und Anerkennung entlassen. Wir entlas- 
sen außerdem alle Mitglieder des JD- 
Hauptausschusses. Alle, die sich unserem 
Dank für die hervorragende Arbeit, die 
diese wundervollen Schwestern geleistet 
haben, anschließen wollen, können dies 
jetzt tun. 

Es wird vorgeschlagen, daß wir Schwe- 
ster Margaret Dyreng Nadauld, Schwe- 
ster Carol Burdett Thomas und Schwester 
Sharon Greene Larsen als JD-Präsident- 
schaft bestätigen. Wer dafür ist, zeige es 
bitte. Wer dagegen ist, zeige es. 

Es wird vorgeschlagen, daß wir die 
übrigen Generalautoritäten, Gebietsauto- 
ritäten-Siebziger und die Präsidentschaf- 
ten der Hilfsorganisationen bestätigen, 
wie sie derzeit im Amt sind. Wer dafür 
ist, zeige es bitte. Wer dagegen ist, zeige 
es bitte. 

Anscheinend ist die Bestätigung ein- 
stimmig erfolgt. Danke, Brüder und 
Schwestern, für Ihren Glauben und Ihre 
Gebete. 

Wir bitten jetzt die neue JD-Präsident- 
schaft, ihren Platz auf dem Podium einzu- 
nehmen. D 




DER STERN 



22 



Das sühnende 

Blut Christi anwenden" 



Eider Neal A. Maxwell 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Brüder und Schwestern, Christus hat für uns einen so gewaltigen 
Preis gezahlt, der uns so große Möglichkeiten eröffnet! Wollen wir 
dann nicht sein Sühnopfer anwenden, um den wesentlich 
kleineren Preis zu zahlen, der für unseren Portschritt gefordert wird? 



herrlichen Sühnopfers, das uns allen die 
Auferstehung schenkt und ewiges Leben 
ermöglicht (siehe Mose 6:57-62). Offen- 
sichtlich können wir - anders als unser 
großer Erretter - gewiß nicht für die Sün- 
den der Menschheit sühnen! Außerdem 
können wir sicherlich nicht alle irdischen 
Krankheiten, Schwächen und Qualen auf 
uns nehmen (siehe Alma 7:11,12). 

Wir können jedoch in einem kleineren 
Maß, so wie Jesus uns aufgefordert hat, in 
der Tat danach streben, so zu werden, wie 
er ist (siehe 3 Nephi 27:27). Dieser Vor- 
gang der graduellen Umkehr findet statt, 
wenn wir sein Joch wahrhaftig auf uns 
nehmen und uns dadurch für die größte 
Gabe Gottes - ewiges Leben - bereit ma- 
chen (siehe Matthäus 11:29; LuB 6:13; 
14:7). Auf diese letzte Dimension des 
Sühnopfers - die ich jetzt mehr schätze - 
will ich kurz eingehen. 

Die Sterblichkeit bietet uns oft Gelegen- 
heit, Christus ähnlicher zu werden, indem 
wir zuerst erfolgreich mit den Heraus- 
forderungen des Lebens zurechtkommen, 
die allen Menschen eigen sind. Darüber 
hinaus haben wir unsere maßgeschnei- 
derten Prüfungen wie Krankheit, Einsam- 
keit, Verfolgung, Betrug, Ironie, Armut, 
falsche Zeugen und unerwiderte Liebe 
usw. Wenn wir darin gut ausharren, kann 
uns dies alles zum Guten dienen und die 
Seele sehr erweitern, was der Freude zu- 
sätzlichen Raum bietet (siehe LuB 122:7; 
121:42). Durch sanftmütiges Leiden wird 
oft der Raum für die Erweiterung ge- 
schaffen. Ich bewundere die vielen, die 
mir in geistiger Hinsicht überlegen sind 
und es uns allen vorleben. In der zukünf- 
tigen Welt wird unser großzügiger Vater 
ihnen, den treuesten, alles geben, was er 
hat (siehe LuB 84:38). Brüder und Schwe- 
stern, mehr gibt es nicht! 

Die nächsten Beispiele vom Sühnopfer 
gelten nicht nur für Jesus; sie finden sich 




Brüder und Schwestern, ich bringe 
erneut den immerwährenden Dank 
zum Ausdruck, den ich in der 
Frühjahrskonferenz ausgesprochen habe, 
möchte ihn aber noch erweitern und ver- 
tiefen. 

Mir ist barmherzigerweise Aufschub 
gewährt worden. Sei er kurz oder lang, 
er ist ein wunderbarer Segen vom Herrn! 
Ich habe dadurch jedoch gelernt, daß 
es noch eine weitere Seite der Frage 
„Warum gerade ich?" gibt, da nicht je- 
dem dieser Aufschub gewährt wird. Von 
welcher Seite man die Frage auch be- 
trachtet, wir müssen uns fügen, auch 
wenn es keine unmittelbare göttliche 
Erklärung gibt. Wir müssen also vor- 
wärtsstreben, wie weit auch die Entfer- 
nung zum Horizont sein mag, und uns 
über das freuen, was uns jenseits des 
Horizonts erwartet. 

Als Christus das wohltätige Sühnopfer 
zustande brachte, konnte bestimmte 
Dinge nur er tun. Wir können sie nicht 
nachmachen, wir, die Nutznießer des 



in seinen lehrreichen persönlichen Worten 
über das Sühnopfer. 

Als Jesus das furchtbare Gewicht des 
nahenden Sühnopfers zu fühlen begann, 
sagte er: „Ich bin dazu ... in die Welt 
gekommen." (Johannes 18:37.) Auch wir, 
Brüder und Schwestern, sind „in die Welt 
gekommen", um unser höchstpersönli- 
ches Maß der irdischen Erfahrung durch- 
zumachen. Wenngleich unsere Erfahrung 
nicht im geringsten an die unseres Herrn 
herankommt, so sind auch wir hier, um 
diese Erfahrung der Sterblichkeit durch- 
zumachen! Wenn wir die Sache ziel- 
strebig verfolgen, verleihen wir unserem 
irdischen Leben Sinn. Es hilft uns außer- 
ordentlich, wenn wir voller Glauben den 
Erlösungsplan annehmen, der uns den 
Sinn des Lebens verstehen läßt. Dann hat 
die Suche nach dem Sinn ein Ende, auch 
wenn mehr und herrliche Entdeckungen 
uns erwarten. Leider verhalten wir uns 
als Mitglieder manchmal wie gehetzte 
Touristen, die kaum die Schwelle über- 
schreiten. 

Dann, wenn wir vor unseren geringeren 
Prüfungen und Leiden stehen, können 
auch wir so wie Jesus den Vater anfle- 
hen, daß wir nicht zurückschrecken, also 
zurückweichen oder zurückschaudern 
(siehe LuB 19:18). Nicht zurückschrecken 
ist viel wichtiger als überleben! Außer- 
dem eifern wir Jesus nach, wenn wir den 
bitteren Kelch trinken, ohne verbittert zu 
werden. 

Wenn wir durchhalten, können auch 
wir Augenblicke irdischer Einsamkeit er- 
leben. Diese Augenblicke sind nichts im 
Verlgleich zu dem, was Jesus erlebte. Da 
auch unsere Gebete gelegentlich nach 
dem „warum?" fragen, können auch wir 
erleben, daß Gott nicht gleich antwortet 
(siehe Matthäus 27:46). 

So manches „Warum" unserer Sterb- 
lichkeit ist eigentlich keine Frage, son- 
dern Ausdruck des Unmuts. Manches 
„Warum" läßt anklingen, daß die Prüfung 
später einmal ganz in Ordnung wäre, 
aber nicht jetzt, als ob der Glaube an den 
Herrn den Glauben an seinen Zeitplan 
ausschlösse. So manches „Warum gerade 
ich?", das im Streß ausgesprochen wird, 
sollte besser umformuliert werden: „Was 
wird jetzt von mir erwartet?" Oder, um 
die Worte Moronis umzuf ormulieren : 
„Welche Schwäche könnte zu einer Stärke 
werden, wenn ich ausreichend demütig 
bin?" (Siehe Ether 12:27.) 

Präsident Brigham Young hat sich dazu 
geäußert, was zu dem „Warum" Jesu ge- 
führt hat, und gemeint, daß der Vater 
während des Todeskampfes in Getsemani 
und auf Golgota seine Gegenwart und 



JANUAR 1998 

23 



seinen Geist von Jesus zurückzog (siehe 
Journal of Discourses, 3:205f.). Dadurch 
war der Triumph Jesu vollständig, und 
sein Einfühlungsvermögen wurde voll- 
kommen gemacht. Da er unter alles hin- 
abgestiegen ist, erfaßt er vollkommen 
und persönlich das menschliche Leid in 
all seinem Ausmaß (siehe LuB 122:8; 
88:6). Ein altes Spiritual enthält eine be- 
sonders bewegende Zeile, die tiefe Ein- 
sicht ausdrückt: „Niemand kennt den 
Kummer, den ich gesehen habe, niemand 
außer Jesus." (Siehe Alma 7:11.) Jesus war 
wahrlich eingehend „mit Krankheit ver- 
traut" wie kein anderer (siehe Jesaja 53:3). 

Indem wir nach besten Kräften am Leid 
und an den Krankheiten anderer Anteil 
nehmen, können auch wir unser Ein- 
fühlungsvermögen entwickeln - die für 
immer relevante und lebenswichtige Tu- 
gend. Wir können auch unsere Ergeben- 
heit gegenüber dem Willen Gottes weiter 
entwickeln, so daß auch wir in unseren 
geringeren, jedoch wirklich quälenden 
Augenblicken sagen können: „Aber nicht 
mein, sondern dein Wille soll geschehen!" 
(Lukas 22:42.) Wenn diese Worte aus dem 
Herzen kommen, ist dieser Ausdruck des 
Gehorsams ein echtes Flehen, gefolgt von 
echter Ergebenheit. Das ist mehr als höf- 
liche Ehrerbietung. Es ist vielmehr ein 
Unterwerfen, bei dem die augenblickliche 
Unsicherheit der Gewißheit von der 
rettenden Liebe und Gnade des Vaters 
weicht, Merkmale, von denen sein Plan 
des Glücklichseins erfüllt ist. 

Auch wir können größere Sanftmut 
lernen, indem wir dem Vater mehr Ehre 
geben, statt mit unserem Verhalten Auf- 
merksamkeit zu heischen und eine arro- 
gante Meinung von unserer Leistung zu 
pflegen, wie „Ich habe mir diesen Reich- 
tum aus eigener Kraft und mit eigener 
Hand erworben" (Deuteronomium 8:17). 
Jesus, der bei weitem das meiste erreicht 



hat, war auch am ehesten froh, alle Ehre 
dem Vater zu geben. Leider lungern wir, 
auch wenn wir manchmal etwas auf den 
Altar legen, alle manchmal noch herum, 
als ob wir auf eine Empfangsbestätigung 
warteten. 

Inmitten all dessen, was wir in diesem 
Leben lernen, müssen auch wir danach 
streben, das bis zum Ende auszuführen, 
was wir für den dritten und immer- 
währenden Stand vorhatten, der vor uns 
liegt - dank sei dem herrlichen Sühnopfer 
Jesu (siehe LuB 19:19). Dadurch können 
auch wir vollendet werden, nachdem wir 
schließlich unser vielfältiges persönliches 
Potential verwirklicht haben. 

Es kann sein, daß auch wir, wenngleich 
in viel kleinerem Maß, den verstärkten in- 
teraktiven Schmerz von „Leib und Geist" 
- körperliche und geistige Qual - erleiden 
(siehe LuB 19:18). Wie grausam der physi- 
sche Todeskampf Jesu am Kreuz auch ge- 
wesen sein mag, so war sein einzigartiges 
Leiden im Geist unermeßlich, als er un- 
sere Sünden trug, um für sie zu sühnen, 
und unsere Krankheiten, um sie gemäß 
dem Fleische zu erfassen (siehe Alma 
7:11,12.) Das Verstärken des Leidens kann 
zum Lernerfolg beitragen. Manchmal 
sind wir wie oberflächliche Studenten, 
die sich abseits halten und in eine Vorle- 
sung gerade hineinhören. Dann kommt 
der Augenblick der Ernüchterung: Wir 
müssen plötzlich zur Prüfung antreten, 
und dann geht es um Bestehen oder 
Nichtbestehen! 

Immer wieder erleben auch wir ein Maß 
an Ironie, diese harte Kruste auf dem Brot 
des Unglücks. Jesus stieß auf Ironie, als 
die Umstände ihn schmähten. So ist bei- 
spielsweise diese Erde sein Fußschemel, 
aber in Betlehem gab es keinen Platz in 
der Herberge und kein Bett im Raum, 
während „die Füchse ihre Höhlen und 
die Vögel ihre Nester [haben]; der Men- 




schensohn aber hat keinen Ort, wo er sein 
Haupt hinlegen kann" (Lukas 2:7; siehe 
auch Apostelgeschichte 7:49,50). Der Un- 
schuldigste litt am meisten, als einige 
seiner Untertanen mit ihm taten, was sie 
wollten (siehe LuB 49:6.) Obwohl die Er- 
rettung nur durch ihn zustande kommt, 
lebte der Herr des Universums beschei- 
den als Mensch ohne Ansehen (siehe 
Philipper 2:7; Apostelgeschichte 4:12; 
2 Nephi 25:20; Abraham 3:27). Christus 
war Mitschöpfer des Universums, aber im 
kleinen Galiläa galt er nur als „Sohn des 
Zimmermanns" (siehe Matthäus 13:55). 

Wenn wir von geringerer Ironie getrof- 
fen werden, sind wir so zerbrechlich und 
vergessen dabei oft, daß einige Prüfungen 
an sich unfair sind, vor allem, wenn es 
sich um harte Ironie handelt. 

Brüder und Schwestern, mit der groß- 
artigen und kostenlosen Gabe der umfas- 
senden Auferstehung wird es auch uns 
ermöglicht, uns das ewige Leben zu er- 
arbeiten. Auch wenn wir durch unsere 
Herausforderungen wachsen, indem wir 
rechtschaffen leben und ausharren, kön- 
nen wir in unseren Charakterzügen und 
Merkmalen letzten Endes Jesus ähnlicher 
werden, so daß wir eines Tages für immer 
und immer in der Gegenwart des Vaters 
leben können. Wenn wir jetzt so leben, 
wird dann unser „Vertrauen stark wer- 
den in der Gegenwart Gottes" (siehe 
LuB 121:45). Dementsprechend erklärte 
der Prophet Joseph Smith: „Wenn ihr 
dorthin gelangen wollt, wo Gott ist, müßt 
ihr so sein wie Gott oder die Prinzipien 
innehaben, die Gott innehat." (Lehren des 
Propheten Joseph Smith, 221.) 

Wieder einmal reichen unsere Erfahrun- 
gen nicht an die Erfahrungen Jesu heran, 
aber es gelten die gleichen Grundsätze 
und Vorgänge. Seine vollkommenen Ei- 
genschaften sind ein Beispiel für das, was 
wir weiterentwickeln können. Es fehlt si- 
cher nicht an relevanten Lebenserfahrun- 
gen, seien sie nun groß oder klein, oder? 
So eigenartig es scheinen mag, wir gehen 
mit größeren Herausforderungen manch- 
mal besser um als mit den immer wie- 
derkehrenden kleinen. Beispielsweise sind 
wir manchmal mit unserem Ehepartner 
ungeduldig, während wir mit einer öffent- 
licheren Herausforderung ziemlich gut 
zurecht kommen. Man kann hierarchisch 
bedingte Demut üben: demütig nach 
oben, aber nicht nach unten. Es reicht 
nicht, daß wir uns in großen Prüfungen 
bewähren, aber in den kleinen versagen. 
Solche Mängel müssen wir in Ordnung 
bringen, wenn wir wirklich ernsthaft 
Christus ähnlicher werden wollen. 

Solange wir täglich streben, werden wir 



DER STERN 

24 



Fehler machen. Darum ist es wichtig, daß 
wir uns nicht entmutigen lassen. Wo kön- 
nen wir also die oft und viel gebrauchte 
Kraft zum Durchhalten finden? Wieder 
einmal im herrlichen Sühnopfer. Dadurch 
können wir den Auftrieb erfahren, der 
sich aus der Vergebung ergibt. 

Wenn wir das Sühnopfer anwenden, 
können wir noch weitere Gaben des Hei- 
ligen Geistes erlangen, und jede gibt uns 
Kraft zum Durchalten. Der Heilige Geist 
hält seine Predigten von der Kanzel der 
Erinnerung aus. Er tröstet uns und gibt 
uns Gewißheit. Die Last, die er uns nicht 
abnimmt, hilft er uns tragen und versetzt 
uns damit in die Lage, als Jünger voller 
Freude Fortschritt zu machen, auch wenn 
wir Fehler begehen. Schließlich wünschen 
der Vater und der Sohn konsequent unser 
immerwährendes Glück, auch wenn der 
Widersacher ganz eindeutig unser anhal- 
tendes Elend wünscht (siehe 2 Nephi 2:27). 

Brüder und Schwestern, Christus hat 
für uns einen so gewaltigen Preis gezahlt, 
der uns so große Möglichkeiten eröffnet. 
Wollen wir dann nicht sein Sühnopfer 
anwenden, um den wesentlich kleineren 
Preis zu zahlen, der für unseren Fort- 
schritt gefordert wird? (Siehe Mosia 4:2.) 
Im Zeugnis von Jesus tapfer zu sein be- 
deutet darum, daß wir auch in unseren 
Bemühungen, mehr wie er zu leben, tap- 
fer sein müssen (siehe LuB 76:69). Wir 
können gewiß sein Reich nicht betreten, 
ohne seine errettenden heiligen Handlun- 
gen zu empfangen und die damit verbun- 
denen Bündnisse zu halten, wir können 
aber auch nicht in sein Reich kommen, 
wenn wir nicht in ausreichendem Maße 
Nächstenliebe und andere wesentliche Ei- 
genschaften entwickelt haben (siehe Ether 
12:34). Ja, wir brauchen die wesentlichen 
heiligen Handlungen, aber wir brauchen 
auch die wesentlichen Eigenschaften. 
Schließlich singen wir: „Mehr Heiligkeit 
gib mir", und bitten dabei: „Mehr, Hei- 
land, wie du." (Gesangbuch, Nr. 79.) 

Wie können wir alle dabei besser sicher- 
stellen, daß wir die kostbaren Segnungen 
Gottes empfangen können? Was mich be- 
trifft, so habe ich den Wunsch, daß meine 
Segnungen, einschließlich des Aufschubs, 
neben meiner Dankbarkeit meine größere 
geistige Entwicklung bewirken. Ja, wir 
alle müssen den großen Segen sehen, aber 
wir müssen auch etwas daraus machen! 
Und da wir vor allem in Extremsituatio- 
nen den Blick auf die Ewigkeit richten, 
sollten wir das eigentlich tun, wo immer 
wir uns in diesem kurzen sterblichen Le- 
ben befinden. Darum bete ich aufrichtig 
für mich und für Sie, im heiligen Namen 
Jesu Christi, amen. D 



Zum Gedenken an Jesus 



Eider Robert D. Haies 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Jesus ist der erhabene Mittler. Er ist allmächtig und allwissend, 
aber er ist unser Freund. 




Das letzte Mahl vor dem Tode Jesu 
war in mancherlei Hinsicht be- 
deutsam. Das Paschamahl erinnert 
an Jahrhunderte der Gnade Gottes und 
weist auf eine noch größere Gnade hin, 
die Jesus uns vereißen hat, nämlich sein 
Sühnopfer. 

Die Zeit war herangekommen, wo 
Christus sein irdisches Wirken beschlie- 
ßen sollte. Es war die Paschazeit. Die 
Menschen gedachten der Güte Gottes, der 
ihre Vorfahren errettet hatte. Jesus hatte 
seine Apostel in dem Raum im Oberge- 
schoß zum letzten Mahl versammelt. Er 
deutete an, was kommen sollte, sein Sühn- 
opfer, von dem alle Menschen - die, die 
gestorben waren, die, die damals lebten, 
und alle, die jemals auf der Erde leben 
sollten - Nutzen ziehen sollten. Durch ihn 
sollten alle Menschen auferstehen. Die 
Gnade sollte der Gerechtigkeit Genüge tun. 
Es war vorgesehen, daß wir von unseren 
Sünden umkehren, seine Gebote befolgen 
und in seine Gegenwart zurückkehren 
können. Das war eine Lehre, die für die 
Menschen, die zu seiner Zeit lebten, nicht 
leicht zu verstehen war. Zum Abschluß des 
Abends führte er das Abendmahl ein. 

Wir lesen: „Jesus, der Herr, nahm in 
der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, 



Brot, sprach das Dankgebet, brach das 
Brot und sagte: Das ist mein Leib für 
euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!" 
(1 Korinther 11:23,24). 

Er nahm den Kelch und sprach: „Dieser 
Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. 
Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu mei- 
nem Gedächtnis! Denn sooft ihr von die- 
sem Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, 
verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er 
kommt" (1 Korinther 11:25,26). Er sagte, 
dieses Abendmahl sei zu seinem Gedächt- 
nis: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!" 
(Lukas 22:19), waren seine Worte. 

Darum haben alle, die zu Christus kom- 
men und durch die Taufe seinen Namen 
auf sich nehmen, die große Verantwor- 
tung, würdig zu sein, damit sie jede Wo- 
che am Abendmahl teilnehmen können, 
um ihren Taufbund zu erneuern und sei- 
nen Namen auf sich nehmen, um ihr Ver- 
sprechen zu erneuern, daß sie alle seine 
Gebote halten wollen; um an ihn zu 
denken, ihn zu erkennen und seine Größe 
zu begreifen. 

An Jesus Christus denken und ihn 
erkennen bedeutet: Wir wissen, daß er 
der Jahwe des Alten Testaments und 
der Jesus Christus des Neuen Testaments 
ist. Er war das erstgeborene Geistkind 
des himmlischen Vaters und der Einzig- 
gezeugte im Fleisch. Mose erfuhr: „Und 
durch das Wort meiner Macht habe ich sie 
erschaffen, nämlich durch meinen einzig- 
gezeugten Sohn, der voller Gnade und 
Wahrheit ist. 

Und Welten ohne Zahl habe ich erschaf- 
fen; und ich habe sie ebenfalls für meinen 
eigenen Zweck erschaffen; und durch den 
Sohn habe ich sie erschaffen, nämlich 
meinen Einziggezeugten. . . . 

Und es gibt viele, die jetzt bestehen, und 
für den Menschen sind sie unzählbar; 
aber mir sind sie alle gezählt, denn sie 
sind mein, und ich kenne sie. . . . 

Und der Herr Gott sprach zu Mose, 
nämlich: Der Himmel sind viele, und sie 
können für den Menschen nicht gezählt 
werden; aber mir sind sie gezählt, denn 
sie sind mein. 



JANUAR 1998 

25 




Die Erste Präsidentschaft, das Kollegium der Zwölf Apostel und die übrigen Generalautoritäten bei der Beamtenbestätigung. 



Und wie die eine Erde samt ihren Him- 
meln vergehen wird, so wird eine andere 
kommen; und meine Werke haben kein 
Ende, auch nicht meine Worte." (Mose 
1:32,33,35,37,38.) 

Denken Sie nur an das, was Wissen- 
schaft und Astronomie uns über den Um- 
fang des Sonnensystems und des Weltalls 
sagen! Im Mittelpunkt des Sonnensy- 
stems befindet sich die Sonne, einer von 
einer gewaltigen Gruppe von Sternen 
- ungefähr 100 Milliarden - die sich um 
eine riesige, spiralförmige Masse drehen, 
die Milchstraße genannt wird und einen 
Durchmesser von ungefähr hundert- 
tausend Lichtjahren hat. Die Astronomen 
können das Ende des Weltalls nicht se- 
hen, haben aber Anhaltspunkte dafür, 
daß es Milliarden von Sternensystemen 
umfaßt, die sich von der Sonne aus über 
fünf bis fünfzehn Milliarden Lichtjahre 
erstreckt. Im Vergleich zu solchen Entfer- 
nungen nimmt unser Sonnensystem nur 
einen winzigen Teil des Weltalls ein. Das 
Universum ist für den Menschen nahezu 
unbegreiflich. 

Ehrfürchtig singen wir : 

O Herr, mein Gott, in Herrlichkeit dort 

oben, 
voll Staunen seh ich deiner Schöpfung 

Pracht; 
der Sterne Glanz, der Elemente Toben, 
das Universum zeugt von deiner Macht. 
Dann preis ich dich, mein Heiland und 

mein Gott. 
Wie groß bist du! Wie groß bist du! 
(Gesangbuch, Nr. 50.) 



Gott kennt dies alles. Sein Sohn Jesus 
Christus war zu seiner Rechten, und er 
war an der Erschaffung dieser und vieler 
anderer Welten beteiligt. Dies ist derselbe 
Jesus, der in Betlehem als Kind zur Erde 
kam. Das meinen die heiligen Schriften, 
wenn sie von der „Herablassung Gottes" 
sprechen. 

Jesus Christus ist eine Person der Gott- 
heit, die aus dem Vater, dem Sohn und 
dem Heiligen Geist besteht. Er nahm am 
großen Rat im Himmel teil, wo beschlos- 
sen wurde, die Erde, eine sterbliche Welt, 
zu erschaffen. Außerdem wurde be- 
schlossen, daß unser Geist in einem zeit- 
lichen, physischen Körper wohnen sollte. 
In der Sterblichkeit ist es uns möglich, 
Jesus Christus anzunehmen und zu ler- 
nen, seine Gebote zu halten. 

Jesus wußte, daß er nach seinem Auf- 
enthalt hier in der Sterblichkeit und nach 
Erfüllung seiner Mission und seines Sühn- 
opfers in sein himmlisches Reich zurück- 
kehren und zur Rechten Gottes sitzen soll- 
te. Wenn wir seine Göttlichkeit und seine 
Erhabenheit begreifen, denken wir voll 
Ehrfurcht und Demut an ihn. Wenn wir 
von der Geburt eines Kindes in Betlehem 
lesen, vom Heranwachsen Jesu in Nazaret, 
von seiner Mission am See von Galiläa, 
in Kafarnaum und Kana, und dann von 
seinen letzten Tagen in Jerusalem und 
von seinem Opfer, dann denken wir an 
ihn. All dies kommt uns in den Sinn. 

Wir können von einer Anzahl von Wun- 
dern erzählen, die Christus während 
seines Wirkens vollbracht hat und die 
zeigen, daß er die Elemente der Erde 



beherrschte, so daß er den See beruhigen, 
Wasser in Wein verwandeln und mit we- 
nigen Broten und Fischen viele Menschen 
speisen konnte. Er heilte auch lahme, 
blinde und taube Menschen, trieb Teufel 
aus und erweckte Lazarus nach vier Ta- 
gen vom Tod. Alle diese Wunder waren 
Kundgebungen seiner göttlichen Macht, 
deren Höhepunkt das Sühnopfer und die 
Auferstehung waren. 

Zur Zeit Jesu lebten die Menschen in Je- 
rusalem nach dem Gesetz des Mose, „Auge 
um Auge", einem vorbereitenden Gesetz 
aus dem Alten Testament. Jesus bemühte 
sich, sie dazu zu bringen, nach einem 
höheren Gesetz zu leben. Nach seiner 
Auferstehung sagte er: „In mir ist das Ge- 
setz des Mose erfüllt." (3 Nephi 9:17.) Als 
Jesus den Menschen die Seligpreisungen 
und das Vaterunser gab, lehrte er sie, über 
das Gesetz des Mose hinauszublicken. Er 
lehrte ein Gesetz der Liebe und der Verge- 
bung. Er lehrte, daß wir unsere Mitmen- 
schen so behandeln sollen, wie wir selbst 
behandelt werden möchten. Er lehrte, daß 
wir den Herrn mit ganzem Herzen lieben 
sollen und unseren Nächsten wie uns 
selbst. Als die Menschen, die immer noch 
das Gesetz des Mose im Kopf hatten, 
fragten: „Wer ist unser Nächster?", gab er 
ihnen das Gleichnis vom barmherzigen 
Samariter, das zeigt, daß das Mitleid, das 
er lehrte, über kulturelle und ethnische 
Grenzen hinausgeht und alle mit ein- 
beziehen soll. Viele Menschen, die das 
Gesetz des Mose befolgten, wiesen sein 
Evangelium der Liebe zurück. 

Woran erkennen wir, ob wir über der 



DER STERN 



26 



Einstellung „Auge um Auge" stehen und 
sein Evangelium der Vergebung und der 
Liebe angenommen haben? Die Art und 
Weise, wie wir die Mitglieder unserer 
Familie, unseren Nachbarn, unseren Ge- 
schäftspartner und alle, mit denen wir 
zusammenkommen, behandeln, zeigt, ob 
wir wirklich seinen Namen auf uns ge- 
nommen haben und immer an ihn den- 
ken. Unser Leben und alles, was wir tun 
und sagen, zeigt, wie wir an ihn denken. 
Wenn wir ihn wirklich lieben, halten wir 
seine Gebote, wie er es verlangt. Er hat 
ganz einfach gesagt: „Wenn ihr mich 
liebt, werdet ihr meine Gebote halten." 
(Johannes 14:15.) 

Wir beten im Namen Jesu Christi zum 
Vater im Himmel. Jesus ist der erhabene 
Mittler. Er ist allmächtig und allwissend, 
aber er ist unser Freund. Nachdem er 
Brüdern aus der Anfangszeit der Kirche 
geraten hatte, ihr „Haus in Ordnung [zu] 
bringen", sagte er: „Ich will euch Freunde 
nennen, denn ihr seid meine Freunde." 
(LuB 93:43,45.) Trotz seiner Erhabenheit 
sagt er uns, daß er unser Freund ist. Wir 
sind gebeten worden, unseren Nachbarn 
ein Freund zu sein, den Neubekehrten ein 
Freund zu sein, damit die Frucht unserer 
Arbeit bleibt (siehe Johannes 15:16). Unser 
Prophet fordert uns auf, ein Freund zu 
sein. Kann unser Prophet weniger als das 
erwarten? 

Wenn wir uns in seinem Namen taufen 
lassen und immer an ihn denken und 
seine Gebote halten, schenkt er uns den 
größten Segen, den er geben kann, näm- 
lich daß sein Geist immer mit uns sein 
wird. Der Geist des Herrn ist Licht. 
„Siehe, ich bin Jesus Christus, der Sohn 
Gottes. Ich bin das Leben und das Licht 
der Welt." (LuB 11:28; siehe auch 3 Nephi 
9:18.) „Als Jesus ein andermal zu ihnen 
redete, sagte er: Ich bin das Licht der 
Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der 
Finsternis umhergehen, sondern wird das 
Licht des Lebens haben." (Johannes 8:12.) 
Dies ist „das Licht, das in allem ist, das 
allen das Leben gibt, das das Gesetz ist, 
wodurch alles regiert wird" (LuB 88:13). 
Licht und Finsternis können nicht gleich- 
zeitig an einem Ort sein. Wo das Licht 
Christi sich befindet, muß die Finsternis 
Luzifers, des Satans, weichen, da sie be- 
siegt ist. Mögen wir dem Licht folgen und 
uns für das Rechte entscheiden. 

Wir müssen immer daran denken, daß 
der Erretter, und er allein, die Macht 
hatte, sein Leben niederzulegen und es 
wieder aufzunehmen. Er erbte von seiner 
sterblichen Mutter Maria die Fähigkeit 
zu sterben, und von seinem unsterblichen 
Vater die Fähigkeit, den Tod zu überwin- 



den. Unser Erretter, Jesus Christus, ging 
freiwillig und bewußt in den Tod, nach- 
dem er seinen Anhängern gesagt hatte, 
was geschehen würde. Warum? Um allen 
Menschen Unsterblichkeit zu schenken 
und denen, die an ihn glauben, die Ver- 
heißung ewigen Lebens (siehe Johannes 
3:15), um sein Leben als Lösegeld für viele 
hinzugeben (siehe Matthäus 20:28), um 
die Macht des Satans zu überwinden und 
es möglich zu machen, daß Sünde ver- 
geben werden kann. Ohne das Sühnopfer 
Jesu gäbe es eine unüberwindliche Bar- 
riere zwischen Gott und dem sterblichen 
Menschen. Wenn wir das Sühnopfer be- 
greifen, denken wir voll Ehrfurcht und 
Dankbarkeit an ihn. 

Am ersten Tag der Woche kam Maria 
von Magdala frühmorgens zum Grab und 
sah, daß der Stein vom Grab weggenom- 
men und das Grab leer war. Sie wandte 
sich um und sah Jesus dort stehen, wußte 
aber nicht, daß es Jesus war. Sie dachte, es 
sei der Gärtner, und bat: „Herr, wenn du 
ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du 
ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen." 
Jesus sagte zu ihr: „Maria." Maria von 
Magdala ging zu den Jüngern und sagte 
ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen" 
(siehe Johannes 20:15,16,18). 

Wenn wir an den Erretter denken, den- 
ken wir an ein leeres Grab, als Symbol 
dafür, daß der Herr auferstanden ist, und 
als Verheißung der Auferstehung und des 
Lebens nach dem Tod für alle. 

Durch das Sühnopfer des Erretters hat 
die Finsternis des Todes keinen Stachel 
und wird die Traurigkeit des Todes nicht 
siegen. Sein auferstandenes Licht zer- 
streut die Finsternis und besiegt den 
Fürst der Finsternis mit dem Glanz ewi- 
ger Hoffnung. 

Christus ist wirklich von den Toten auf- 
erstanden, der Erste der Entschlafenen. 
„Da nämlich durch einen Menschen der 
Tod gekommen ist, kommt durch einen 
Menschen auch die Auferstehung der 
Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so 
werden in Christus alle lebendig gemacht 
werden." (1 Korinther 15:20-22.) 

Dank Jesaja wissen wir, daß der Herr 
Jesus Christus uns immer führen wird 
(siehe Jesaja 58:11). Er wird uns im dürren 
Land satt machen und unsere Glieder stär- 
ken. Wir werden wie ein Garten mit einer 
Quelle sein, deren Wasser nie versiegt. 

Wir denken an Jesus als das Brot des 
Lebens, als das lebendige Wasser, als 
das Licht und das Leben der Welt, dem 
wir nachfolgen, damit wir von ihm und 
durch ihn errettet werden. „Denn Gott 
hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen 
einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an 



ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern 
das ewige Leben hat." (Johannes 3:16.) 

Als die Zeit des Sühnopfers nahe war, 
machten die Jünger sich Gedanken dar- 
über, wie lange Jesus noch bei ihnen sein 
werde. Er sagte ihnen, er werde nicht 
lange bei ihnen bleiben, aber er wolle ih- 
nen einen Beistand senden, den Heiligen 
Geist (siehe Johannes 14:26). Wir alle müs- 
sen das liebevolle Wesen unseres Erret- 
ters begreifen. Wir werden nicht allein ge- 
lassen. Er hat uns in dieser Zeit durch den 
Propheten Joseph Smith die Wiederher- 
stellung des Evangeliums in den Letzten 
Tagen gegeben. Er hat uns mit dem Buch 
Mormon einen weiteren Zeugen für Jesus 
Christus gegeben. Er hat das Priestertum 
wiederhergestellt und dazu die Schlüssel, 
die Petrus, Jakobus und Johannes erhiel- 
ten. Weitere Schlüssel wurden von Elija, 
Mose und Elias gebracht, nachdem der 
Erretter am 3. April 1836 im Kirtland- 
Tempel erschienen war. Diese Schlüssel 
waren für die heiligen Handlungen im 
Tempel bestimmt (siehe LuB 110). 

Wir sind nicht allein gelassen. Wir ha- 
ben das Licht Christi und den Heiligen 
Geist, um in dieser sonst finsteren und 
trostlosen Welt geführt und geleitet zu 
werden. Die Schlüssel des Priestertums 
sind wiederhergestellt worden, um uns 
alle heiligen Handlungen zu ermögli- 
chen, die nötig sind, damit wir in seine 
Gegenwart zurückkehren können. 

Mögen wir unserem Erretter, Jesus 
Christus, folgen und immer an ihn denken 
- in allem, was wir tun, in allem, was wir 
sagen und in allem, was wir in Liebe für- 
einander tun, damit wir erkennen, daß dies 
alles zu seinem Gedächtnis geschieht ! 

Ich bezeuge, daß unser Herr und Erret- 
ter lebt und jetzt seine Kirche durch Of- 
fenbarung an seinen Propheten führt. „Wir 
reden von Christus, wir freuen uns über 
Christus, wir predigen Christus, wir pro- 
phezeien von Christus." (2 Nephi 25:26.) 
Wir glauben an Christus, wir denken an 
ihn, und wir geben Zeugnis von Jesus 
Christus, unserem Herrn und unserem 
Erlöser, mit dem Wissen, daß er wieder 
auf die Erde kommen wird, um als König 
der Könige in Herrlichkeit zu regieren. 

Mögen alle, die sich Christen nennen, 
alle, die Jesus kennen und von ihm Zeug- 
nis geben, zu ihm kommen, seinen Leh- 
ren und seinem Beispiel folgen und so 
eins werden, wie der himmlische Vater 
und Jesus in der Absicht eins sind, daß 
wir uns vereinen, einander erheben und 
stärken und einer des anderen Last tra- 
gen, so wie unser Erretter unsere Last auf 
sich genommen hat. Im Namen Jesu 
Christi, amen. D 



JANUAR 1998 

27 



Der Herr segnet seine 
Kinder durch den 
Patriarchalischen Segen 



Eider Richard D. Allred 

von den Siebzigern 



Der Patriarchalische Segen ist . . . so etwas wie eine Straßenkarte; 
ihr entnehmen wir die Wege, auf denen wir reisen können, und die 
Ziele, die erreichbar sind, wenn wir uns an diese Wege halten. 




Haben Sie sich je gefragt, was der 
Herr dazu meint, wie Sie Ihr 
Leben gestalten sollen? Haben Sie 
schon einmal darüber nachgedacht, was 
zu tun für Sie wohl von größtem Wert 
wäre? Haben Sie sich gefragt, was das 
Leben wohl für Sie bereithält? Falls das 
so ist, stehen Sie damit nicht allein da. 
Es ist ganz natürlich, daß man sich fragt, 
was wohl der Zweck des Lebens ist und 
wohin es Sie führen wird. 

Die Bibel schildert, wie Patriarchen 
unter Inspiration und mit Händeauflegen 
bestimmten Menschen offenbarten, was 
der Wille des Herrn war und was das 
Leben ihnen bringen sollte. 

Gibt es heute keine Patriarchen? Sind 
die Himmel verschlossen? Hat Offenba- 
rung aufgehört, und beschränkt sich die 
Kommunikation zwischen dem Herrn 
und seinen Kindern auf die Schriften 
der Propheten aus alter Zeit, wie sie in 
der Bibel stehen? Gibt es keine Möglich- 



hat der Herr das Priestertum wiederher- 
gestellt, außerdem die Fülle des Evange- 
liums und, am 6. April 1830, „die gleiche 
Organisation, wie sie in der Urkirche be- 
standen hat, nämlich Apostel, Propheten, 
Hirten, Lehrer, Evangelisten und so wei- 
ter" (6. Glaubensartikel). 

Den Patriarchen ist die Pflicht auferlegt, 
die Mitglieder der Kirche zu segnen. „Im 
Patriarchalischen Segen wird dem Emp- 
fänger unter Inspiration seine Abstam- 
mung kundgetan. Der Segen enthält auch 
eine eingegebene und prophetische Aus- 
sage über die Möglichkeiten, die dem 
Empfänger im Leben zuteil werden, und 
über seine Lebensmission. Im Segen kön- 
nen Segnungen, Verheißungen, Ratschlä- 
ge, Ermahnungen und Warnungen enthal- 
ten sein, gerade so, wie sie dem Patriar- 
chen eingegeben werden. Immer soll klar 
keit, Offenbarung zu empfangen? Gibt es zum Ausdruck kommen, daß die Erfül- 
keine göttliche Quelle, durch die einem lung aller verheißenen Segnungen von der 
Antwort auf die wichtigen Fragen des Glaubenstreue des Betreffenden und vom 



Lebens zuteil werden kann? 

Ich bezeuge, daß Ihnen eine solche 
Quelle zur Verfügung steht. 

Ich bezeuge Ihnen, daß heutzutage die 
Himmel offen sind, und zwar seit dem 
Frühling des Jahres 1820, als der junge 
Prophet Joseph Smith den Vater und den 
Sohn gesehen hat und sein aufrichtiges 
Beten erhört wurde; seit damals hat es 
auf der Erde immer einen Gesalbten des 
Herrn gegeben, durch den der Herr - 
damals wie heute - sein Wort offenbart. 

Ich bezeuge Ihnen: Der Prophet des 



Willen des Herrn abhängt." {Informationen 
und Richtlinien für den Patriarchen, Seite 5.) 

Den Patriarchalischen Segen empfängt 
ein würdiges Mitglied der Kirche, das 
von seinem Bischof dafür empfohlen 
wird. „Jedes würdige Mitglied der Kirche 
hat das Recht auf einen Patriarchalischen 
Segen und soll ihn auch empfangen." 
{Informationen und Richtlinien für den Patri- 
archen, Seite 2.) 

Vielleicht meinen Sie, Sie wären zu un- 
wichtig oder zu alt; vielleicht nehmen Sie 
an, der Herr habe keinen Segen für Sie, 



Herrn für die ganze Welt, der alle Schlüs- oder vielleicht haben Sie gesündigt und 
sei dieser Evangeliumszeit innehat, ist halten sich trotz Ihrer Umkehr eines Se- 
Gordon B. Hinckley, der Prophet, Seher gens nicht für würdig. In dem Fall schlage 



und Offenbarer und Präsident des Rei- 
ches des Herrn hier auf der Erde, nämlich 
der Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage. 
Durch den Propheten Joseph Smith 



ich vor, daß Sie um ein Gespräch mit dem 
Bischof bitten; fragen Sie ihn nach seiner 
Ansicht, hören Sie auf seinen Rat, und 
bemühen Sie sich aktiv und demütig um 
den Segen des Himmels. 




DER STERN 



28 



Ich kann Ihnen bezeugen, daß diese 
Segen inspiriert und persönliche Offen- 
barungen für den Empfänger sind. Der 
Patriarchalische Segen ist eine Richt- 
schnur oder auch so etwas wie eine 
Straßenkarte; ihr entnehmen wir die 
Wege, auf denen wir reisen können, und 
die Ziele, die erreichbar sind, wenn wir 
uns an diese Wege halten. Der Segen kann 
uns Trost, Freude und Mut geben, wenn 
wir das Bedürfnis haben, etwas vom In- 
halt dieses Segens zu sehen, zu hören 
und zu empfinden. Auf diese Weise kön- 
nen wir unsere Lebensreise fortsetzen, 
und zwar nicht allein, sondern in Be- 
gleitung des Geistes unseres himmlischen 
Vaters. 

Eines Nachmittags rief die besorgte 
Mutter eines von Geburt an körperbehin- 
derten Mädchens beim Patriarchen an. Sie 
wollte wissen, ob ihre Tochter vielleicht 
einen Patriarchalischen Segen empfangen 
könnte. Der Patriarch sagte, wenn der Bi- 
schof dem Mädchen einen Empfehlungs- 
schein ausstellte, dann hielte der Herr 
auch sicher einen Segen bereit. Kurz dar- 
auf erfuhr der Patriarch, daß der Bischof 
diesem lieben Mädchen den Empfeh- 
lungsschein für den Patriarchalischen 
Segen ausgestellt hatte. 

Ein Termin wurde festgesetzt. Der Segen 
wurde gegeben und dankbar empfangen. 
Ihre Abstammung wurde bekanntgege- 
ben. Sie empfing einen Segen, der auf ihre 
Bedürfnisse und ihre spezielle Situation 
zugeschnitten war. Der Segen veränderte 
das Leben, die Betrachtungsweise und 
die Einstellung mehrerer Menschen. Dem 
Mädchen wurde gesagt, wenn sie die 
Bemühungen und die Opfer derer, die 
sie liebten und für sie sorgten, freudig 
annehme, so werde sie diesen Menschen 
zum Segen gereichen; sie solle ihre Opfer 
würdevoll und bereitwillig entgegen- 
nehmen. 

Der Herr liebt seine Kinder; er möchte 
sie segnen und will, daß sie alle zu ihm 
zurückkehren und für Zeit und alle Ewig- 
keit in seiner Gegenwart wohnen (siehe 
Mose 1:39). Der Herr ist bereit, denjenigen 
seinen Segen zu geben, die ihn lieben und 
seine Gebote halten. 

Ich bete ernsthaft darum, daß alle, die 
einen Segen aus der Hand des Herrn 
möchten, so würdig leben, daß sie ihn 
empfangen können; ich bete darum, daß 
wir, die wir den Patriarchalischen Segen 
empfangen haben, so leben, daß wir im- 
mer der Segnungen würdig sind, die uns 
durch die Hand eines Dieners des Herrn, 
nämlich des Patriarchen, offenbart wor- 
den sind. Darum bete ich demütig im 
Namen Jesu Christi, amen. D 



Die Familie: 

Zuflucht und Heiligtum 



Eider Eran A.Call 

von den Siebzigern 



Möge die Proklamation an die Welt zum Thema Familie zur 
Richtlinie und zum Maßstab werden, an dem wir unsere 
Familie ausrichten und nach dem wir unsere Kinder erziehen. 




Ich bete demütig, der Geist der Wahr- 
heit möge mit uns sein, damit wir 
„einander verstehen" und erbaut wer- 
den und uns miteinander freuen. 1 

Wie Nephi stamme auch ich „von gu- 
ten Eltern, und darum ist mir von allem 
Wissen meines Vaters etwas beigebracht 
worden . . . [und] hat mir der Herr auch 
immer viel Gunst erwiesen". 2 

Mein Vater war mir ein wundervolles 
Vorbild an Liebe, Glauben, Redlichkeit 
und Verpflichtung zum Evangelium. 
Meine Mutter starb, als ich sieben war, 
aber sie hatte mich, als ich noch ein klei- 
ner Junge war, die Wahrheiten des Evan- 
geliums gelehrt. Sie war eine Frau mit 
großem Glauben; aufgrund ihres Glau- 
bens und ihrer Gebete und einer wunder- 
samen Heilung kann ich heute mit dem 
linken Auge noch sehen. Vater war ver- 
reist. Ich verbrannte mir die Pupille des 
Auges mit einem heißen Deckelgriff 
von unserem Holzofen. Mutter übte ih- 
ren Glauben und betete inbrünstig zum 
himmlischen Vater, während sie mich 
liebevoll in den Armen hielt. Ihr Beten 



wurde erhört, und mein Auge heilte. Ich 
bin sehr dankbar, daß ich in einer liebe- 
vollen Familie mit guten Eltern aufge- 
wachsen bin. 

Die Familie ist heute größeren Bedro- 
hungen und Herausforderungen ausge- 
setzt als je zuvor. Heute verbringen weni- 
ger als die Hälfte der Kinder, die in den 
Vereinigten Staaten und in vielen anderen 
Ländern der Erde geboren werden, ihre 
gesamte Kindheit in einer intakten Fami- 
lie. 3 Es gibt immer mehr Untreue, Schei- 
dung, Abtreibung und verlassene Fami- 
lien. Der Vater geht seiner traditionellen 
Rolle als Versorger, Ernährer, Beschützer, 
sittlicher Erzieher und Oberhaupt der 
Familie immer rascher verlustig. 

Von 1960 bis 1990, also innerhalb von 30 
Jahren, haben in den Vereinigten Staaten 
die außerehelichen Geburten um fünf- 
hundert Prozent zugenommen, die Schei- 
dungsrate um vierhundert Prozent. 4 Wir 
Mitglieder der Kirche sind nicht frei von 
solch sündhaftem Verhalten. 

Das Zuhause und die Familie sind die 
Grundeinheit der Gesellschaft: so wie das 
Zuhause und die Familie, so sind auch 
das Gemeinwesen, die Stadt, der Staat, 
das Volk. Ohne Tugend des einzelnen gibt 
es keine Moral in der Gesellschaft. Ich 
wiederhole, ohne Tugend des einzelnen 
gibt es keine Moral in der Gesellschaft. 
Uns Heiligen der Letzten Tage ist viel ge- 
geben, und es wird von uns viel erwartet. 
Wir sind in dem unterwiesen, was richtig 
und was falsch ist. Hören wir das Wort 
also nicht nur an, sondern handeln wir 
auch danach; sonst betrügen wir uns 
selbst. 

Wie können wir als Mann und Frau und 
als Eltern die Fallen und Versuchungen 
der beunruhigten Welt, in der wir leben, 
meiden? Ich möchte ein paar erprobte 
und bewährte Möglichkeiten dafür anbie- 
ten, wie wir das Wort nicht nur anhören, 
sondern auch danach handeln können. 



JANUAR 1 

29 



• Eltern und Kinder sollen einander 
lieben und ehren und achten. 

• Besuchen Sie regelmäßig gemeinsam 
die Versammlungen der Kirche. 

• Lesen Sie täglich gemeinsam in den 
heiligen Schriften, und beten Sie täglich 
gemeinsam. 

• Halten Sie den Familienabend, und 
haben Sie miteinander Spaß. 

• Führen Sie ein tugendhaftes und 
redliches Leben, damit Sie nachts schla- 
fen können, da Sie wissen, daß Sie Ihr 
Bestes gegeben haben und Ihr Gewissen 
vor jedermann rein ist. Ein tugendhaftes 
Leben baut man Schritt für Schritt auf, 
Stein um Stein. Hüten Sie sich vor klei- 
nen Sünden, die die Redlichkeit unter- 
wandern. 

• Reden Sie miteinander, nehmen Sie 
sich Zeit für einander. Ein Teenager kommt 
von einer Verabredung nach Hause und 
macht einen unruhigen Eindruck - was 
für eine Gelegenheit für liebende Eltern, 
zuzuhören und zu helfen. 

• Zahlen Sie treu den Zehnten und die 
übrigen Spenden. 



• Vermeiden Sie unnötige, törichte 
Schulden. 

• Tätigen Sie nie größere Ausgaben, 
ohne zu beten und als gleichwertige Part- 
ner übereinzustimmen; gehen Sie auch 
bei wichtigen Entscheidungen so vor. 

Die Propheten aus alter Zeit und aus 
der heutigen Zeit lehren uns : „Wir haben 
nicht nur das Recht, eine Familie zu grün- 
den, sondern wir sind verpflichtet, in 
höchstem Maße verpflichtet, zu heiraten 
und Kinder aufzuziehen." 6 

Die Propheten des Herrn lehren: „Diese 
meine Worte sollt ihr . . . eure Söhne leh- 
ren, indem ihr von ihnen redet, wenn du 
zu Hause sitzt." 7 

Jesaja hat gelehrt: „Allen deinen Kin- 
dern wird die Lehre vom Herrn zuteil 
werden; und groß wird der Friede deiner 
Kinder sein." 8 

Der Herr hat gesagt: „Darum gebe ich 
dir das Gebot, deine Kinder frei und offen 
dies zu lehren." 9 

Lehi ermahnte seine Familie „mit allem 
Gefühl eines liebevollen Vaters". 10 

Präsident Harold B. Lee hat gesagt: „Die 





Konferenzbesucher warten vor einer Versammlung darauf, ins Tabernakel eingelassen zu werden. 



wichtigste Arbeit für den Herrn, die Sie, 
die Brüder, als Vater jemals tun werden, 
ist das, was Sie in Ihren vier Wänden 
tun." 11 

Wir dürfen nie vergessen, was Präsi- 
dent David O. McKay vor dreiunddreißig 
Jahren von dieser Kanzel her gesagt hat, 
nämlich: „Ein Versagen in der Familie 
läßt sich durch keinen sonstigen Erfolg 
wettmachen. Die ärmste Hütte, in der 
eine Familie wohnt, wo Liebe herrscht, ist 
für Gott und die Zukunft der Menschheit 
wertvoller als alle Reichtümer. In einer 
solchen Familie kann Gott Wunder wir- 
ken, und dort wirkt er auch Wunder." 12 

Die Erste Präsidentschaft und das Kol- 
legium der Zwölf Apostel, die wir als 
Propheten, Seher und Offenbarer bestäti- 
gen, haben der Welt vor zwei Jahren feier- 
lich verkündet, woran wir glauben, was 
Ehe, Eltern und die Familie betrifft. Ich 
fordere einen jeden von Ihnen auf, lesen 
Sie diese inspirierte Proklamation, stu- 
dieren Sie sie und leben Sie danach. Möge 
sie zur Richtlinie und zum Maßstab wer- 
den, an dem wir unsere Familie ausrich- 
ten und nach dem wir unsere Kinder 
erziehen. 

Unsere Familie kann und sollte eine Zu- 
flucht und ein Heiligtum sein, in dem wir 
vor der unruhigen Welt, in der wir leben, 
sicher sind; möge sie das werden, indem 
wir uns täglich bemühen, die heiligen 
Bündnisse, die wir eingegangen sind, 
auch heilig halten. 

Mögen wir gemeinsam mit Johannes 
aus alter Zeit sagen: „Ich habe keine 
größere Freude, als zu hören, daß meine 
Kinder in der Wahrheit leben." 13 Darum 
bete ich demütig im Namen Jesu Christi, 
unseres Erlösers und Erretters, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Siehe Lehre und Bündnisse 50:22. 

2. 1 Nephi 1:1. 

3. The Atlantic Monthly, April 1973, 
Barbara Defoe Whitehead. 

4. "Zion, A Light in The Darkness", Seite 15, 
Alexander B Morrison. 

5. Siehe Jakobus 1:22. 

6. Präsident Ezra Taft Benson, Conference 
Report, Oktober 1973, Seite 23. 

7. Deuteronomium 1:18,19. 

8. 3 Nephi 22:13. 

9. Mose 6:5.8 

10. 1 Nephi 8:37. 

11. Präsident Harold B. Lee, Conference Report, 
April 1973, Seite 130. 

12. Präsident David O. McKay, Conference 
Report, April 1964, Seite 5. 

13. 3 Johannes 1:4. 



DER STERN 

30 



Eine celestiale Verbindung 
mit euren Teenager jähren 



Eider Richard J. Maynes 

von den Siebzigern 



Wenn ihr zu dem Menschen werden wollt, zu dem euch der Herr 
machen will, müßt ihr heute schon daran arbeiten, denn der 
Grundsatz ist wahr, der besagt, daß wir zu dem werden, womit 
wir uns beschäftigen. 




Brüder und Schwestern, heute Nach- 
mittag möchte ich meine Worte an 
die jungen Männer und die jungen 
Damen richten, die in dieser schwieri- 
gen Zeit aufwachsen. Viele von euch 
jungen Menschen haben sich zumindest 
gedanklich erhabene Ziele gesetzt, zu de- 
nen wahrscheinlich Mission, Ausbildung, 
Tempelehe, erfolgreiche Berufslaufbahn 
und natürlich die sichere Rückkehr in 
die Gegenwart eures himmlischen Vaters 
im celestialen Reich gehören. 

Zu den großen Herausforderungen der 
Teenagerjahre gehört es, daß man erfolg- 
reich eine Verbindung zwischen diesen 
celestialen Zielen und seinem täglichen 
Leben herstellt. Das ist nicht leicht, weil 
unser Leben so sehr mit Irdischem ange- 
füllt ist. Ihr seid mit Schularbeiten be- 
schäftigt, geht Dutzenden von Aktivitä- 
ten nach, zu denen Musik, Tanz, Sport, 
verschiedene Vereine und, natürlich, für 
viele auf der ganzen Welt auch Teil- 
zeitjobs gehören. Zu diesem hektischen 
Tagesablauf kommen noch Wochenend- 



aktivitäten wie Spiele, Tanz- und Scout- 
veranstaltungen und Partys. Wo auch 
immer ihr hingeht, werdet ihr mit Versu- 
chungen durch eure Gruppe, durch das 
Fernsehen, das Kino und die Musik bom- 
bardiert. Was für ein Abenteuer ! 

In Wirklichkeit geht es darum, daß ihr 
das, was nächsten Freitagabend geschieht, 
mit dem abstimmt, was in zwei, fünf oder 
zehn Jahren geschehen wird. Ihr stellt 
euch vielleicht die Frage: „Was hat Frei- 
tagabend mit der Zukunft zu tun?" Je 
nachdem, wo ihr seid und was ihr tut, 
kann es viel damit zu tun haben. 

Wenn ihr euer Potential in der Zukunft 
verwirklichen wollt, wenn ihr zu dem 
Menschen werden wollt, zu dem der Herr 
euch machen will, müßt ihr heute schon 
daran arbeiten, denn der Grundsatz ist 
wahr, der besagt, daß wir zu dem wer- 



den, womit wir uns beschäftigen. Wenn 
wir an der Universität Erfolg haben wol- 
len, müssen wir im Gymnasium Erfolg 
haben. Wenn wir im Jenseits ein cele- 
stiales Leben führen wollen, müssen wir 
hier auf der Erde ein celestiales Leben 
führen. Es besteht wirklich eine Verbin- 
dung zwischen unserer Zukunft und 
unserer Vergangenheit. 

Zu den großen Absichten des Evange- 
liums Jesu Christi gehört es, daß es uns 
unser ewiges Potential klarmacht. Die 
Kirchenorganisation Jesu Christi soll uns 
dabei helfen, dieses Potential zu verwirk- 
lichen. 

Es ist wichtig, daß ihr jungen Menschen 
erkennt, daß die Grundlage eures zukünf- 
tigen Erfolges, sowohl zeitlich als auch 
geistig, in euren Teenagerjahren gelegt 
wird. Wenn diese Jahre durch Sünde be- 
einträchtigt sind, wird euer Lebenshaus 
auf geschwächtem Fundament errichtet. 
Eure Zukunft wird weniger sicher und 
gewiß belasteter sein. 

Uns allen ist klar, daß in der Gesell- 
schaft heute die Familie und vor allem 
unsere Jugend auf der ganzen Welt An- 
griffen ausgesetzt ist. Der Prophet Jesaja 
hat unsere Zeit gesehen und auch gese- 
hen, daß sie auf dem Kopf stehen wird. 
Diese Prophezeiung und Warnung findet 
sich in Jesaja 25:20,21: 

„Weh denen, die das Böse gut und das 
Gute böse nennen, die die Finsternis zum 
Licht und das Licht zur Finsternis ma- 
chen, die das Bittere süß und das Süße 
bitter machen. 

Weh denen, die in ihren eigenen Augen 




JANUAR 19' 

31 



weise sind und sich selber für klug hal- 
ten." 

Für euch junge Menschen in dieser 
Welt, die auf dem Kopf steht, ist es eine 
ziemliche Herausforderung, dem Druck 
des Lebens in seinen unterschiedlichen 
Formen heute die Stirn zu bieten. Wie 
übersteht ihr die Teenagerjahre geistig 
vorbereitet auf eure celestiale Zukunft? 
Wie werdet ihr eure celestialen Ziele mit 
dem täglichen Leben in Verbindung brin- 
gen? 

Ich muß noch dem Geschäftsmann, 
Lehrer, Künstler oder Sportler begegnen, 
der in seinem Fachgebiet ein hohes Ni- 
veau erreicht hat, ohne eine Verbindung 
zwischen der Vision von seiner Zukunft 
und seinem täglichen Leben herzustellen. 
Es spricht alles dafür, daß ein Ziel oder 
eine Vision, wo die Verbindung zwischen 
einer bestimmten Handlungsweise und 
dem täglichen Leben fehlt, nur ein wei- 
terer unerreichter Traum wird, der von 
nichts als Hoffnung getragen wird. 

Wie kommt man also dazu? Wie schafft 
man eine Verbindung zwischen unserem 
hektischen Leben und diesen erhabenen 
celestialen Zielen? Die Antwort ist ein- 
fach. 

Nehmen wir ein Beispiel, das uns allen 
vertraut ist. Nehmen wir an, ihr habt in 
zwei Wochen einen Geometrietest. Eins 



eurer Ziele besteht darin, eine Eins in 
Geometrie zu bekommen. Wie geht ihr 
daran, dieses Ziel zu erreichen? Wartet 
ihr bis zum letzten Augenblick und lernt 
dann am Abend vor dem Test noch ge- 
waltig? Diese Methode ist riskant. Statt 
den Stoff wirklich zu verstehen, zielt die 
Bemühung darauf ab, genügend zu ler- 
nen, daß man den Test irgendwie erfolg- 
reich hinter sich bringt. Statt völlig vor- 
bereitet und zuversichtlich zu sein, betritt 
man die Klasse mit einiger Nervosität, 
in der Hoffnung, daß der Lehrer einem 
die Fragen stellt, auf die man zufällig die 
Antwort kennt. Ich habe den Eindruck, 
daß ich nicht der einzige hier bin, der 
dieses unangenehme Gefühl schon ver- 
spürt hat. 

Betrachten wir einen anderen Schüler, 
der mit dem Ziel, eine Eins in Geometrie 
zu bekommen, erkennt, daß er sich nicht 
auf Glück und Hoffnung allein verlassen 
will. Statt in letzter Minute zu lernen, 
nimmt er sich jeden Tag etwas Zeit, um 
ruhig und eingehend den Stoff zu lernen. 
Das gibt ihm die Zeit, ihn zu verarbeiten 
und richtig zu verstehen. Wenn zu dem 
einen oder anderen Punkt Fragen auftau- 
chen, hat er reichlich Zeit, den Lehrer um 
Hilfe zu bitten. Was ergibt sich aus dieser 
zweiten Methode? Ein tieferer Einblick i 
in den Stoff? Größeres Selbstvertrauen, 




wenn man zur Prüfung geht? Weniger 
Zuflucht zur Hoffnung? Das glaube ich 
auch. 

Ist es wirklich möglich, die Klasse mit 
dem Wissen zu betreten, daß man auf- 
grund seiner Vorbereitung eine Eins be- 
kommen wird? Ich glaube, ja. Ich habe es 
gesehen. 

Wenn ihr also in der Klasse eine Eins 
bekommen wollt, lautet die Antwort: 
ständiges, tägliches Engagement. Wenn 
ihr in eurem celestialen Ziel eine Eins 
bekommen wollt, ist dieselbe Methode 
anzuwenden. 

Junge Freunde, es ist sehr schwierig, in 
letzter Minute für eine Mission zu lernen, 
wie es auch schwierig ist, in letzter Mi- 
nute für eine Tempelehe zu lernen. Geht 
das Risiko nicht ein. Seid klug. Bereitet 
euch Tag für Tag vor. Studiert die heiligen 
Schriften. Sprecht im Gebet mit dem 
himmlischen Vater. Nehmt am Seminar 
teil. Haltet euch rein und macht euch be- 
reit. Seht ein, daß das, was am Freitag- 
abend geschieht, sich letzten Endes auf 
eure celestiale Zukunft auswirken wird. 

Wenn diese scheinbaren Kleinigkeiten 
so ermüdend, anstrengend oder zeitrau- 
bend scheinen, so haltet durch! Die klei- 
nen Mittel, die die Weisen beschämen, 
beschämen auch den Satan. Bedenkt: 
celestiale Segnungen werden euch zuteil. 

Wie sonst könnt ihr euch vor dem 
Druck und dem Bösen der Welt schützen? 
Drei Stunden Kirche am Sonntag? Kaum 
anzunehmen. Wie bei eurer Schularbeit 
ist eine eifrige tägliche Anstrengung der 
einzig sichere Weg zum Sieg. Der Herr 
will, daß ihr erfolgreich seid, und er wird 
mit euch sein. Er wird euch helfen und 
euch unterstützen und euch in Zeiten der 
Not beistehen, wenn ihr seinem Plan treu 
seid. Wenn ihr ihm Tag für Tag nahe seid, 
wird er euch nahe sein, und ihr werdet in 
jedem Bereich eures Lebens zahlreiche 
Segnungen ernten, vor allem die geisti- 
gen, die die wichtigsten sind. 

Und wenn der Tag kommt, daß ihr 
durch die Klassentür des Tempels tretet, 
werdet ihr Frieden haben, euer Gewissen 
wird rein sein, euer Selbstvertrauen groß, 
und ihr werdet im Herzen wissen, daß ihr 
im allerwichtigsten Fach, eurer celestialen 
Zukunft, eine Eins bekommen werdet. 

Junge Brüder und Schwestern, letzten 
Endes wird es eure Liebe für den Herrn 
sein, die euch helfen wird, euch für euren 
celestialen Tagesplan zu engagieren und 
dann daran festzuhalten. Ich weiß, der 
Herr lebt und sein Wunsch und seine 
Hoffnung für uns ist, daß wir alle eine 
celestiale Zukunft haben. Im Namen Jesu 
Christi, amen. D 



DER STERN 



32 



Hochgeschätzte Weggefährten 



Eider Joseph B. Wirthlin 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



In ... den Versammlungen der Kirche in der ganzen Welt kommen wir 
zusammen, weil wir nach Weggefährten suchen - weil wir die gute 
Gemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern im Evangelium suchen 
und den Trost der innigen Gemeinschaft mit dem Geist Gottes. 



Die schöne Gemeinschaft der ewigen 
Ehe ist eine der größten Segnungen, die 
Gott seinen Kindern gewährt. Die vielen 
gemeinsamen Jahre mit meiner lieben 
Frau haben mir die größte Freude meines 
Lebens gebracht. Seit Anbeginn der Zeit 
gehört die eheliche Gemeinschaft zu den 
Grundlagen des großartigen Plans des 
himmlischen Vaters für unser Glück- 
lichsein. 

Unser Leben wird zum Guten gelenkt, 
und wir werden erbaut und auch erho- 
ben, wenn wir mit unseren Lieben in der 
Familie zusammen sind. 




Iiebe Brüder und Schwestern, ich freue 
mich immer, wenn ich in einer Gene- 
_J ralkonferenz der Kirche mit Ihnen 
Zusammensein kann. Ich liebe diese wun- 
dervollen Versammlungen. Ich höre so 
gerne das Wort des Herrn und spüre die 
Gegenwart seines Geists. Die Gemein- 
schaft mit den Heiligen der Letzten Tage 
wärmt mir das Herz. 

Die Gemeinschaft mit den Heiligen 

Einer der vielen Vorteile, den die Mit- 
gliedschaft in der Kirche mit sich bringt, 
ist die Gemeinschaft mit den Heiligen. 
Als ich für Europa zuständig war, haben 
wir für die Soldatenpfähle in Deutschland 
denkwürdige Konferenzen abgehalten. 
Viele unserer guten Brüder und Schwe- 
stern fuhren Hunderte von Meilen und 
viele Stunden lang, um die Konferenzen 
zu besuchen. Einige kamen schon am 
Abend vorher an und schliefen auf dem 
Fußboden der Turnhalle. Ohne Rücksicht 
auf Opfer kamen sie frohen Herzens, 
suchten die Gemeinschaft mit den Heili- 
gen und freuten sich, von Führern der 
Kirche unterwiesen und erbaut zu wer- 



den. Wenn wir zusammenkommen, sind 
wir „nicht mehr Fremdlinge ohne Bürger- 
recht, sondern Mitbürger der Heiligen 
und Hausgenossen Gottes". 1 

Wir haben das Gebot und die Seg- 
nung, oft zusammenzukommen, „um 
zu fasten und zu beten und mitein- 
ander über das Wohlergehen [unserer] 
Seele zu sprechen". 2 Auf der General- 
konferenz und in den übrigen Versamm- 
lungen der Kirche in der ganzen Welt 
kommen wir zusammen, weil wir nach 
Weggefährten suchen - weil wir die gute 
Gemeinschaft mit den Brüdern und 
Schwestern im Evangelium suchen und 
den Trost der innigen Gemeinschaft mit 
dem Geist Gottes. In unseren Gottes- 
diensten erfüllt der Geist unser Herz mit 
Liebe zu Gott und zu unseren Brüdern 
und Schwestern. 

Die Gemeinschaft in der Familie 

Unsere besten Freunde sind natürlich 
die, mit denen wir in der Familie zusam- 
menleben. Liebevolle Eltern, Geschwister, 
Kinder und andere Angehörige formen 
unser Schicksal mit. Meine beste Freun- 
din ist Elisa - meine Partnerin für die 
Ewigkeit. Sie ist das Herz unserer Familie 
und inspiriert uns dazu, dem Herrn 
näherzukommen. „Mutterschaft ist der 
Göttlichkeit nahe. Sie ist der höchste und 
heiligste Dienst der Menschheit. Sie stellt 
diejenige, die diese heilige Berufung und 
diesen Dienst ehrt, gleich neben die En- 
gel." 3 Ihr Dienst wird in einem bekannten 
Kirchenlied beschrieben: 

Wenn uns ein Mensch zum Guten lenkt, 

ist das ein Zeichen deiner Gnad; 

du sendest Segen aus der Höh 

durch andrer Menschen Wort und Tat. 

Welch ein Geschenk aus deiner Hand 
sind wahre Freunde, engelgleich, 
durch deren Glauben wir gestärkt, 
die unser Leben machen reicht 



Die Gemeinschaft mit Freunden 

Das Mitgefühl christusgleicher Freunde 
rührt uns tief und verändert uns. Wir 
wollen nicht vergessen: Der Herr sendet 
oft „Segen aus der Höh durch andrer 
Menschen Wort und Tat". Die Liebe ist 
der Wesenskern des Evangeliums Christi. 
In dieser Kirche erhört der Herr das Beten 
um Hilfe oft durch den einfachen, täg- 
lichen Dienst mitfühlender Brüder und 
Schwestern. Ich habe oft in der Güte wah- 
rer Freunde ein Zeichen der Gnade Gottes 
gesehen. Schon immer stimmt mich die 
Erkenntnis, daß der Erretter uns als seine 
Freunde betrachtet, wenn wir uns dafür 
entscheiden, ihm zu folgen und seine 
Gebote zu halten, demütig. 

Die Gemeinschaft der Pioniere 

Unsere Pionierfeiern in diesem Jahr ha- 
ben uns an die Kraft erinnert, die unsere 
Vorfahren aus der Zusammenarbeit zo- 
gen. Man brauchte die Gemeinschaft, um 
einen Handwagen oder einen Planwagen 
zu ziehen. Die Wagenzüge und Hand- 
wagengruppen waren Gemeinwesen auf 
Rädern. Die Pioniere reisten nach einem 
offenbarten Muster in gut organisierten 
Kompanien, wo die Verantwortungsbe- 
reiche klar umrissen waren. Die Starken 
halfen den Schwachen, die Last zu tragen. 
Durch die Zusammenarbeit überwanden 
sie große Schwierigkeiten und bauten im 
Westen Zion auf. 

Weggefährten im kirchlichen Dienst 

Bei vielen Aufträgen in der Kirche ar- 
beiten wir mit anderen zusammen. Seit- 
dem der Herr seine Jünger zu zweit aus- 
sandte, wird die Arbeit des Gottesreichs 
immer durch gemeinschaftliches Wirken 
gefördert. Der Herr gab das Gesetz der 
Zeugen, das fordert: „Auf zweier oder 
dreier Zeugen Mund soll jegliches Wort 
stehen". 6 Als die trauernden Frauen an 



JANUAR 1998 



33 




Unter der Leitung von Jane Fjeldsted sang ein Familienchor ans Farmington, Utah, in der 
Konferenzversammlung am Samstagnachmittag. 



jenem herrlichen ersten Ostermorgen zum 
leeren Grab kamen, sahen sie zwei himm- 
lische Boten, die verkündeten: „Er ist nicht 
hier, sondern er ist auferstanden". 7 

Nachdem der Herr vom Ölberg zum 
Himmel aufgefahren war, gaben zwei Bo- 
ten Zeugnis vom auferstandenen Herrn. 
Und der Vater und der Sohn kamen ge- 
meinsam zu Joseph Smith, um das herr- 
liche Werk der Wiederherstellung ein- 
zuleiten. Zwei sind besser als einer, um 
Zeugnis zu geben und die Wahrheit auf- 
zurichten. 

Das Heimlehr- und das Besuchslehrpro- 
gramm ist nach diesem göttlichen Muster 
organisiert. Es werden Zweiergemein- 
schaften berufen, „immer über die Ge- 
meinde zu wachen und bei den Mitglie- 
dern zu sein und sie zu stärken". 8 Wir 
hoffen, daß die Heimlehrer und die Be- 
suchslehrerinnen den neuen Mitgliedern 
ihre besondere Aufmerksamkeit schenken. 
Alle, die diesen Auftrag erhalten haben, 
können ihre Berufung groß machen, in- 
dem sie für diejenigen sorgen, zu deren 
Dienst sie berufen sind. Die örtlichen 
Führer erteilen diese Aufträge gebeterfüllt 
und unter Anleitung durch die Priester- 
tumsführung und den Geist der Offen- 



barung. Wenn Ihr Leiter beziehungsweise 
Ihre Leiterin Sie zum Dienen beruft, hof- 
fen wir, daß Sie genauso antworten, als ob 
der Herr selbst Sie beriefe, und das tut er 
auch wirklich: „Sei es durch meine eigene 
Stimme oder durch die Stimme meiner 
Knechte, das ist dasselbe." 9 

Wenn Sie die Mitglieder besuchen, die 
Ihnen zugewiesen sind, bringen Sie das 
Licht des Evangeliums, die Liebe und den 
Geist des Herrn mit. Die Starken können 
helfen, „die Schwäche derer [zu] tragen, 
die schwach sind." 10 Arbeiten Sie eng 
mit Ihrem Partner beziehungsweise Ihrer 
Partnerin zusammen. Seien Sie eifrig in 
Ihren Besuchen und denken Sie daran, 
daß die Partner nicht nur denen helfen, 
die sie besuchen, sondern sich gegensei- 
tig genauso segnen und stärken können. 
Präsident Hinckley hat uns gebeten, alles 
zu tun, was wir können, um unsere Brü- 
der und Schwestern zu trösten, „die vor 
Schmerz und Leier und Einsamkeit und 
Angst weinen. . . . und sie voll Liebe in die 
Arme der Kirche zurückzuholen." 11 

Auch in den dreihundertsechzehn Mis- 
sionen der Kirche stellt die Partnerschaft 
der Mitarbeiter die grundlegende Orga- 
nisationsform dar. Genau wie die Jünger 



zur Zeit Jesu gehen unsere mehr als sechs- 
undfünfzigtausend Missionare zu zweit 
„hinaus in die ganze Welt" 12 und verkün- 
digen die gute Nachricht des Evange- 
liums. In dieser wunderbaren Arbeit, wo 
Menschen gerettet werden, gibt es eine 
starke Gemeinschaft und Kameradschaft. 
Als Alma mit den Söhnen Mosias nach 
vierzehn Jahren des Missionsdienstes 
wieder zusammentraf, freute er sich 
„über die Maßen, seine Brüder zu sehen; 
und was seine Freude noch vermehrte - 
sie waren noch immer seine Brüder im 
Herrn." 13 Die Lreffen ehemaliger Missio- 
nare sind immer voller Freude. 

Wenn jemand „auf diesen geraden und 
schmalen Pfad gelangt [ist], . . . [muß er] 
mit Beständigkeit in Christus vorwärts- 
streben". 14 Präsident Hinckley hat uns 
wiederholt aufgefordert, den neugetauf- 
ten Mitgliedern die Hand der Gemein- 
schaft entgegenzustrecken. Er erinnert 
uns: „Es ist nicht leicht, Mitglied dieser 
Kirche zu werden." 15 Neue Mitglieder 
müssen neue Freundschaften aufbauen, 
sie brauchen Weggefährten, die ihnen 
Mut machen, ihre Fragen beantworten 
und „sie auf dem rechten Weg ... 
halten". 16 

Die Gemeinschaft mit dem 
Heiligen Geist 

In unserer wöchentlichen Abendmahls- 
versammlung kommen wir zusammen, 
„um zum Gedächtnis des Herrn Jesus 
Brot und [Wasser zu uns] zu nehmen". 17 
Dabei erneuern wir unseren Bund, daß 
wir seine Gebote befolgen wollen, damit 
wir würdig sind, den Heiligen Geist im- 
mer mit uns zu haben. Dies ist eine der 
auserlesensten Segnungen, die wir emp- 
fangen können. Der Glaube an Christus, 
die Umkehr, die Taufe und die Konfirmie- 
rung und danach ein rechtschaffenes Le- 
ben machen uns würdig für die Führung 
durch den Geist Gottes. Durch die Macht 
und den Einfluß des Heiligen Geistes 
macht der Herr seine Verheißung, daß er 
immer mit uns sein und „uns nicht als 
Waisen zurücklassen" wird, wahr. 18 So 
wie eine liebevolle Berührung ein Kind 
tröstet, das sich nachts fürchtet, so kann 
die Wärme des Heiligen Geistes unser 
Herz anrühren und unsere Angst vertrei- 
ben. Wie die vertraute Stimme der Eltern 
ein schreiendes Baby beruhigen kann, so 
kann die leise Stimme des Geistes die 
quälenden Sorgen leichter machen. 

Wenn ein neues Mitglied den Heiligen 
Geist empfängt, erlebt es „im Herzen eine 
mächtige Wandlung". 19 Als großartiger 
Missionar findet Präsident Hinckley die 



DER STERN 



34 



tiefste Befriedigung in der Veränderung, 
die der Bekehrung folgt. In einem Presse- 
interview sagte er auf die Frage eines 
Reporters: „Die größte Zufriedenheit 
verschafft es mir, wenn ich sehe, was das 
Evangelium für die Menschen bewirkt. Es 
vermittelt ihnen eine neue Einstellung 
zum Leben. Es vermittelt ihnen eine Per- 
spektive, die sie nie zuvor empfunden 
haben. Es erhebt ihren Blick auf das, was 
edel und göttlich ist. Es geschieht mit ih- 
nen etwas, das wundervoll anzusehen ist. 
Sie blicken auf Christus und leben auf/' 20 

Ein guter Weggefährte sein 

Eine Gemeinschaft, die wir hoch schät- 
zen, beginnt damit, daß man sich selbst 
dazu verpflichtet, ein vorbildlicher Weg- 
gefährte zu sein. Ich habe vor vielen 
Jahren auf dem Tempelplatz gelernt, wie 
wichtig diese fürsorgliche Aufmerksam- 
keit und dieser liebevolle Einfluß sind. 
Ich war noch jung und ging zu einer Ver- 
sammlung der Generalkonferenz, als je- 
mand meinen Ellbogen ergriff. Es war 
Präsident David O. McKay. „Komm mit, 
Joseph", sagte Präsident McKay, „ich helfe 
dir, einen guten Platz zu finden." 

In diesen kurzen Augenblicken, als 
wir zusammen zum Tabernakel gingen, 
schenkte Präsident McKay mir seine volle 
Aufmerksamkeit. Er sprach ehrfürchtig 
von seiner Liebe zum Herrn und von sei- 
ner Liebe zu den Mitgliedern der Kirche. 
Er schaute mich direkt an, als er mir sein 
Zeugnis gab. 

„Ich möchte, daß du weißt, Joseph," 
sagte er, „daß der Präsident der Kirche 
des Herrn Inspiration und Offenbarung 
von unserem Herrn Jesus Christus er- 
hält." In diesem Augenblick gab mir der 
Geist ein, daß Präsident David O. McKay 
mir die Wahrheit sagte. Ich wußte, daß er 
wirklich ein Prophet Gottes war. Dieses 
Zeugnis habe ich mein Leben lang behal- 
ten, und es hat mich mit Ehrfurcht und 
Achtung vor dem Amt des Propheten 
erfüllt. 

Ich spürte seine Liebe und wurde in 
den wenigen Minuten, die wir beieinan- 
der waren, durch seine Demut und seine 
Güte bereichert. Und ich glaube, daß ich 
danach nie wieder ganz derselbe gewesen 
bin. Damals beschloß ich, mich zu bemü- 
hen, anderen ein so guter Weggefährte zu 
sein, wie er es für mich war. 

Falsche Gefährten meiden 

Neben all den Segnungen einer recht- 
schaffenen Gemeinschaft gibt es auch die 
Gefahren und das Böse, wenn man in 



schlechte Gesellschaft gerät. Wir wissen: 
„Es muß notwendigerweise so sein, daß 
es in allem einen Gegensatz gibt." 21 Der 
verlorene Sohn geriet in schlechte Gesell- 
schaft. Er führte mit seinen Freunden „ein 
zügelloses Leben und verschleuderte seine 
Vermögen." 22 Alma der Jüngere und die 
Söhne Mosias lehnten „sich gegen Gott 
auf" 23 und gingen umher, „die Kirche 
Gottes zu zerschlagen". 24 

Wir wissen, daß wir oft nach unseren 
Freunden beurteilt werden. Wir wissen, 
welchen Einfluß Klassenkameraden, 
Freunde und andere Gleichaltrige haben 
können. Wenn wir Freunde haben, die 
dazu neigen, kein rechtschaffenes Leben 
zu führen, ist es besser, wenn wir uns 
sofort neue Freunde suchen. Unsere 
Freunde sollen uns inspirieren und uns 
helfen, das Beste in uns zu erreichen. 

Wenn wahre Freunde das bekannte 
Lied „Gott sei mit euch bis aufs Wieder- 
sehn" singen, dann beten wir darum, daß 
der Heilige Geist unsere Lieben begleitet, 
wenn wir nicht bei ihnen sind. Dieses 
Lied ist ein ergreifender Ausdruck un- 
seres Bedürfnisses nach Gemeinschaft 
miteinander und mit dem Geist Gottes. 

Der bekannteste englische Abschieds- 
gruß heißt „good-bye". Er entstand im 
Lauf der Jahre durch Zusammenziehen 
der Worte „God be with you" - „Gott sei 
mit dir". Früher, als die Menschen ihre 
Abhängigkeit von Gott noch öffentlich 
bekundeten, wurde dieser schöne Aus- 
druck beim Abschied benutzt, um Liebe 
auszudrücken. Es ist immer noch ein 
schöner Gruß, der in Zeiten der Trennung 
um die Gemeinschaft mit Gott bittet. 
Wenn wir den Ausdruck „good-bye" also 
richtig verstehen, bedeutet er : „Wenn wir 
nicht beieinander bleiben können - wenn 
wir uns trennen müssen - wenn ich nicht 
bei dir sein kann - dann sei Gott mit dir." 

Morgen Nachmittag werden wir ein- 
ander liebevoll „good-bye" sagen. Möge 
Gott mit jedem von Ihnen sein, meine 
lieben Brüder und Schwestern! Mögen 
Sie die Segnungen einer rechtschaffenen 
Gemeinschaft geben und empfangen! 
Möge jeder von Ihnen ein Mensch sein, 
der andere zum Guten lenkt. 

Ich gebe Ihnen Zeugnis, daß Gott lebt 
und seine Kinder liebt. Ich weiß, daß Gott 
in unseren Tagen einen Propheten, Präsi- 
dent Gordon B. Hinckley, berufen hat. 
Durch den Propheten Joseph Smith hat 
Gott seine wahre Kirche zum Segen sei- 
ner Kinder wiederhergestellt. In seiner 
Kirche gibt es Trost, Freude und Sicher- 
heit in der Gemeinschaft mit lieben Weg- 
gefährten. Davon gebe ich Zeugnis im 
Namen Jesu Christi, amen. D 



FUSSNOTEN 

1. Epheser 2:19. 

2. Moroni 6:5. 

3. LuB 121:37; siehe auch Gordon B. Hinckley, 
„Die Frauen der Kirche", Der Stern, Januar 
1997, 64. 

4. Gesangbuch, Nr. 193. 

5. Siehe Johannes 15:14; LuB 84:63; 93:45. 

6. 2 Korinther 13:1; LuB 6:28. 

7. Lukas 24:6. 

8. LuB 20:53. 

9. LuB 1:38. 

10. Römer 15:1. 

11. „Die rettende Hand", Der Stern, 
Januar 1997, 82. 

12. Markus 16:15. 

13. Alma 17:2. 

14. 2 Nephi 31:19,20. 

15. Der Stern, Juli 1997, 47. 

16. Moroni 6:4. 

17. Moroni 6:6; siehe auch LuB 20:75. 

18. Johannes 14:18. 

19. Alma 5:13; siehe auch Vers 12,14; 
Mosia 5:2. 

20. „Unsere neuen Mitglieder und die jungen 
Männer", Der Stern, Juli 1997, 48. 

21. 2 Nephi 2:11. 

22. Siehe Lukas 15:13. 

23. Mosia 27:11. 

24. Mosia 27:10. 

25. Gesangbuch, Nr. 98. 




JANUAR 1998 

35 



Warum soll jedes Mitglied 
ein Missionar sein? 



Eider Richard G. Scott 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Wie ernst nehmen Sie den Auftrag des Herrn, anderen vom 
Evangelium zu erzählen? Es ist eine Aufgabe für das ganze Leben. 
Je nach Lebensabschnitt muß man anders daran herangehen. 



jeder von uns aufgefordert, Missionar zu 
sein? 

Der Erretter hat betont, wie wichtig es 
ist, anderen vom Evangelium zu erzäh- 
len, als er seinen Jüngern auftrug: „Geht 
hinaus in die ganze Welt, und verkündet 
das Evangelium allen Geschöpfen! Wer 
glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet; wer 
aber nicht glaubt, wird verdammt werden." 7 - 
Er trug seinen Knechten auf: „Trachtet 
nicht nach den Dingen dieser Welt, son- 
dern trachtet danach, . . . das Reich Gottes 
zu errichten." 3 

Lehi lehrte seinen Sohn Jakob : 

„Darum kommt die Erlösung im heili- 
gen Messias und durch ihn. . . . 

Er bringt sich selbst als Opfer für Sünde 
dar . . . für alle, die ein reuiges Herz und 
einen zerknirschten Geist haben; und für 
niemanden sonst kann dem Zweck des 
Gesetzes Genüge geleistet werden. 

Wie wichtig ist es daher, daß den Be- 
wohnern der Erde all dies verkündet 
wird, damit sie erkennen, daß kein 
Fleisch in der Gegenwart Gottes wohnen 
kann außer durch das Verdienst und die 
Barmherzigkeit und die Gnade des heili- 
gen Messias." 4 

Joseph Smith kannte den Auftrag 
Gottes, der Welt die Wahrheit mitzu- 
teilen. Während der schwierigsten Zeit 
seines Lebens, sandte er seine treuen 
Gefährten aus, das Evangelium zu ver- 
künden, während er sie selbst so nötig 
brauchte. Inmitten der Prüfung und der 
widrigen Umstände im Gefängnis von 
Liberty sagte er: 

„Denn es gibt . . . viele auf Erden, die 
von der durchtriebenen Heimtücke der 
Menschen verblendet sind und denen die 
Wahrheit nur deshalb vorenthalten ist, 
weil sie nicht wissen, wo sie zu finden 
ist. . . . 

Darum . . . laßt uns frohgemut alles tun, 
was in unserer Macht liegt, und dann 
mögen wir mit größter Zuversicht ruhig 




Nur wenig im Leben vermittelt uns 
solche Freude, wie wir sie finden, 
wenn wir anderen zu einem 
besseren Leben verhelfen. Diese Freude 
nimmt zu, wenn unsere Bemühungen 
dazu beitragen, daß jemand die Lehren 
des Erretters versteht und den Entschluß 
faßt, sie zu befolgen, sich bekehrt und 
sich seiner Kirche anschließt. Daraus re- 
sultiert großes Glück, wenn das neue 
Mitglied in seinem Übergang zu einem 
neuen Leben gestärkt wird, fest in der 
Wahrheit verankert wird und alle heili- 
gen Handlungen des Tempels empfängt, 
die ihm die Segnungen des ewigen Le- 
bens verheißen. Präsident David O. 
McKay hat uns vermittelt, wie wir solche 
Freude erlangen können, indem er uns 
die Verpflichtung, anderen vom Evan- 
gelium zu erzählen, klar gemacht hat: 
„Jedes Mitglied ein Missionar." 1 Ich weiß, 
daß viel mehr Menschen diesem Auftrag 
nachkämen, wenn ihnen klar wäre, daß 
sie dieser Pflicht auf vielerlei Weise nach- 
kommen können. Ich will auf einige da- 
von eingehen. Zuerst jedoch: Warum ist 



stehen, um die Errettung zu sehen, die 
von Gott kommt, und daß sein Arm 
offenbar wird." 5 

Wie ernst nehmen Sie den Auftrag des 
Herrn, anderen vom Evangelium zu er- 
zählen? Es ist eine Aufgabe für das ganze 
Leben. Je nach Lebensabschnitt muß man 
anders daran herangehen. Nicht jeder 
kann ein Vollzeitmissionar sein. Wenn Sie 
es können, gehen Sie. Wenn nicht, suchen 
Sie andere Möglichkeiten zu dienen, die 
Ihren gegenwärtigen Umständen gerecht 
werden. 

Überlegen Sie, während Sie sich Gedan- 
ken machen, wie Sie dienen können, was 
mit einer Familie oder einem einzelnen 
Menschen geschehen muß, damit er sich 
dauerhaft bekehrt und alle Segnungen 
des Evangeliums erhält. Zuerst muß die 
Familie oder der einzelne ausgesucht 
und darauf vorbereitet werden, das Evan- 
gelium zu empfangen. Darauf folgt die 
Bekehrung zur Lehre. Das heißt: der Betref- 
fende muß die neuen Lehren verstehen 
und durch Beten die Bestätigung erlan- 
gen, daß sie wahr sind. In dem Maß, wie 
die Lehren umgesetzt und die Gebote be- 
folgt werden, entsteht ein Zeugnis, das zu 
Bekehrung und Taufe führt. Diese Bemü- 
hungen übernehmen am besten die Voll- 
zeitmissionare, die mit den Pfahlmissio- 
naren und der Unterstützung durch 
liebevolle Mitglieder ans Werk gehen. Sie 
tragen systematisch die Evangeliums- 
grundsätze vor und sind sorgfältig dafür 
ausgebildet, diese Lehren zu vermitteln 
und davon Zeugnis zu geben. 

Parallel zur Bekehrung zur Lehre muß 
auch ein sozialer Übergang stattfinden. 
Freunde, Gewohnheiten und Traditionen, 
die mit dem Leben eines Heiligen der 
Letzten Tage nicht im Einklang stehen, 
werden aufgegeben; an ihre Stelle treten 
neue Freunde und Aktivitiäten, die einem 
neuen Leben förderlich sind. Von den 
beiden wichtigen Veränderungen, die bei 
einem neuen Mitglied stattfinden müssen 
- Bekehrung zur Lehre und sozialer Über- 
gang - ist die zweite schwieriger zu be- 
werkstelligen. Sie kommt am besten mit 
Hilfe der Liebe und Unterstützung der 
Mitglieder zustande. Ihr würdiges Bei- 
spiel und Ihre liebevolle Unterstützung 
kann sie bei jedem Schritt begleiten, der 
erforderlich ist, damit sie lernen, wie ein 
Heiliger der Letzten Tage zu leben. 

Dieser soziale Übergang erfordert sorg- 
fältiges Nähren und Hilfe, um eine neue 
Lebensweise zu lehren, neue Freunde zu 
vermitteln und dem neuen Mitglied zu 
helfen, daß es gehorsam ist und in der 
Kirche zu dienen beginnt. In einer An- 
sprache auf der letzten Konferenz betonte 



DER STERN 



36 




Einige der Mitglieder des Kollegiums der Zwölf Apostel, von links: Präsident Boyd K. Packer, 
der amtierende Präsident des Kollegiums, sowie Eider L. Tom Perry, Eider David B. Haight, 
Eider Neal A. Maxwell, Eider Russell M. Nelson, Eider Dallin H. Oaks, Eider M. Russell Ballard 
und Eider Joseph B. Wirthlin. 



Präsident Hinckley als Stellvertreter des 
Herrn, wie wichtig die Aufgabe der Mit- 
glieder und der Führungsbeamten ist, je- 
dem neuen Mitglied zu helfen, daß es sich 
wohlfühlt und bei den Anforderungen 
eines neuen Lebens Hilfe bekommt: „Da 
wir immer mehr neue Mitglieder haben, 
müssen wir uns auch immer mehr an- 
strengen, ihnen zu helfen, daß sie ihren 
Weg finden." 6 

Wenn Sie darüber nachdenken und 
beten, wie Sie als Mitglied missionarisch 
wirken können, ziehen Sie drei Katego- 
rien des Dienens in Betracht, die Ihnen of- 
fenstehen und die Ihren gegenwärtigen 
Umständen am besten gerecht werden. 
Ich will auf jede Kategorie kurz eingehen. 

Ohne formelle Berufung dienen 

Wenn Sie im täglichen Leben gebet- 
erfüllt darum bemüht sind, sich missio- 
narisch zu betätigen, und solche Gelegen- 
heiten schaffen, bieten sich Ihnen viele 
Möglichkeiten, zu dienen. Dazu gehört, 
daß Sie neue Mitglieder finden, bekeh- 
ren und aktiv erhalten. Die Pfahl- und 
die Vollzeitmissionare können Sie darin 
unterweisen. 

Sie können den Vollzeit- und den Pfahl- 
missionaren helfen, neue Untersucher zur 
Kirche zu bringen, dafür zu sorgen, daß 
sie sich wohlfühlen, und sie wissen las- 
sen, daß sie einen Freund haben. Festigen 
Sie diese Freundschaft, indem Sie sie zu 
sich nach Hause oder zu Aktivitäten der 
Kirche einladen. Sie können ihnen helfen, 



die Gebote zu befolgen. Solch wertvoller 
Missionsdienst ist nicht schwer, weil Sie 
ihn in Ihren normalen Tagesablauf inte- 
grieren können. 

Es gibt noch weitere Methoden, die 
Sie vielleicht nicht als Missionsdienst 
betrachten. So kann beispielsweise eine 
junge Mutter ihren heranwachsenden 
Sohn lehren, sich auf Mission vorzuberei- 
ten, das Evangelium zu lehren und Zeug- 
nis von der Wahrheit zu geben. Wenn 
Mutter und Vater diesen Gedanken hoch- 
halten, während er heranwächst, wird er 
auf Mission gehen. Das ist ein ausgezeich- 
neter Missionsdienst. 

Sie wollen vielleicht Ihre Vorfahren aus- 
findig machen und dafür sorgen, daß die 
heiligen Handlungen für sie im Tempel 
verrichtet werden. Oder wenn Sie in der 
Nähe eines Tempels wohnen, können Sie 
die Segnungen selbst empfangen, indem 
Sie diese Arbeit stellvertretend verrich- 
ten. Präsident Kimball hat gesagt: 

„Die Missionsarbeit beschränkt sich 
nicht darauf, das Evangelium . . . den 
Menschen zu verkünden, die jetzt auf der 
Erde leben. Sie geht auch jenseits des 
Schleiers weiter, und zwar bei denen, die 
gestorben sind, ohne vom Evangelium 
zu hören oder ohne es in diesem Leben 
anzunehmen. Unsere große Aufgabe . . . 
besteht darin, hier auf der Erde die hei- 
ligen Handlungen zu vollziehen, die die- 
jenigen, die dort das Evangelium anneh- 
men, noch brauchen. . . . Ich hoffe, daß wir 
die künstliche Trennungslinie zwischen 
der Missionsarbeit und der Tempelarbeit 



und der genealogischen Arbiet aufheben, 
da es sich ja bei dem allen um ein und 
dasselbe große Erlösungswerk handelt!" 7 

Sie in den Vereinigten Staaten und Ka- 
nada können die Fernseh- und Radiospots 
der Kirche nutzen, um bei einem Fami- 
lienangehörigen, Nachbarn, Freund oder 
Bekannten mögliches Interesse am Evan- 
gelium zu wecken. Fragen Sie einfach, ob 
sie die Spots der Kirche gesehen haben. 
Die Aussagen zur Familie sind wertvolle 
Hilfsmittel, die Familie zu stärken. Un- 
sere Fernsehspots, bei denen wir kosten- 
lose lehrreichen Videokassetten, das Buch 
Mormon und die Bibel anbieten, haben 
schon viele dazu veranlaßt, nach einer 
Lösung für die Probleme des Lebens zu 
suchen. Laden Sie Menschen, die solche 
Spots gehört haben, zu einem Familien- 
abend oder zu Kirchenaktivität oder -Ver- 
sammlung ein. Stellen Sie sie dann den 
Missionaren vor. 

Erleben Sie schon heute die Begeiste- 
rung und die Freude, die sich einstellen, 
wenn Sie nach Gelegenheiten, sich mis- 
sionarisch zu betätigen, Ausschau halten. 

Eine Teilzeitmission erfüllen 

Eine Berufung auf Teilzeitmission um- 
faßt vier bis dreißig Stunden pro Woche, 
während man zu Hause wohnen bleibt. 
Dazu gehört der übliche Dienst als Pfahl- 
missionar oder Gemeinde-Missionsleiter. 
Darüber hinaus gibt es eine Vielfalt an 
Möglichkeiten, in jedem Bereich der Kir- 
che zu dienen, wie zum Beispiel im Tem- 
pel, in der Genealogie, in der Wohlfahrt, 
im Bildungswesen und in der Öffentlich- 
keitsarbeit. Wenn Sie ein bestimmtes Ta- 
lent haben, sprechen Sie mit Ihrem Bischof. 
Ziemlich sicher werden Ihre Fähigkeiten 
gebraucht. 

Eine Vollzeitmission erfüllen 

Präsident Hinckley ruft zu Missionen 
von vierzig Stunden oder mehr pro Woche 
auf - zu Hause oder anderswo. Wenn Sie 
ein körperlich gesunder und seelisch sta- 
biler junger Mann sind, dann bete ich, daß 
Sie die Gelegenheit und die Pflicht, die Sie 
dem Herrn gegenüber haben, erkennen 
und sich auf eine Vollzeitmission vorbe- 
reiten. Dazu gehört, daß Sie die heiligen 
Schriften kennen und sich rein und wür- 
dig halten, die Begabung zu empfangen. 
Wenn Sie dann das entsprechende Alter 
erreicht haben, nehmen Sie die Berufung 
durch den Präsidenten der Kirche an, zwei 
Jahre als Bote des Herrn zu dienen. Ich er- 
mutige Sie mit aller Kraft, beten Sie über 
eine Vollzeitmission, damit Sie erkennen, 



JANUAR 1998 

37 



welche Erfüllung sie Ihnen im Leben 
bringen wird, wenn Sie anderen helfen, 
die Wahrheit zu finden und die erretten- 
den heiligen Handlungen zu empfangen. 
Alles, was ich heute in meinem Leben 
wertschätze, ist meiner heiligen Erfah- 
rung als Vollzeitmissionar entsprungen. 

Die Kirche braucht heute dringend 
Missionarsehepaare, nicht um den ersten 
Kontakt mit Nichtmitgliedern zu suchen 
oder die Lektionen durchzunehmen - 
außer Sie möchten das -, sondern um 
sinnvollen Missionsdienst in allen Tätig- 
keitsbereichen der Kirche auf der ganzen 
Welt zu leisten. Beim Dienst der Ehepaare 
gibt es weitaus größere Flexibilität als für 
alleinstehende Missionare und Missiona- 
rinnen. In Rücksprache mit Ihrem Bischof 
können Sie darauf hinweisen, was Sie auf 
Mission gern tun möchten. Wir müssen 
eine wachsende Anzahl von Priester- 
tums- und HO-Führern und -Führerinnen 
auf der ganzen Welt schulen, die dem 
Herrn so gern dienen möchten, denen 
aber einfach die entsprechenden Kennt- 
nisse fehlen. Sie können ihnen als Missio- 
narsehepaar mit Führungsaufgaben bei- 
stehen. Sie können im Bereich Tempel, 
Genealogie, Bildungswesen, im medizini- 
schen Bereich, bei Wohlfahrtsprojekten, 
in der Öffentlichkeitsarbeit und in Infor- 
mationszentren helfen. Es gibt Bedarf in 
fast jeder Disziplin. Zweifellos gibt es ir- 
gendwo auf der Welt Bedarf an Ihren ein- 
zigartigen Fähigkeiten und Talenten. Auf 
besondere gesundheitliche Überlegungen 
kann Rücksicht genommen werden. Die 
Gefühle, die Sie dem Bischof gegenüber 
zum Ausdruck bringen, werden im Beru- 
fungsvorschlag weitergeleitet. Der Präsi- 
dent der Kirche macht es möglich, daß 
diese Berufungen vom Herrn inspiriert 
werden, und berücksichtigt Ihre beson- 
deren Bedürfnisse und Wünsche als Ehe- 
paar. Der Pfahlpräsident und der Bischof 
sind über den gegenwärtigen Bedarf 
an Vollzeitmissionaren informiert. Wenn 
Ihnen in Gemeinde und Pfahl niemand 
etwas über die Missionsgelegenheiten sa- 
gen kann, schreiben Sie an das Missio- 
nary Department der Kirche in Salt Lake 
City, und wir schicken Ihnen eine Liste 
des gegenwärtigen Bedarfs zu. Ich er- 
mutige jedes Ehepaar, dem Zeit zur Ver- 
fügung steht, eine Vollzeitmission gebet- 
erfüllt in Betracht zu ziehen. Für den Mut, 
die Berufung anzunehmen, werden Sie 
reichlich gesegnet werden. Ihre Kinder 
und Enkelkinder werden dadurch sicher 
positiv beeinflußt, so wie viele Ehepaare 
es erlebt haben, die - in manchen Fällen 
auf ihrer dritten, vierten oder fünften 
Mission - ehrenhaft gedient haben. 



Lassen Sie sich nicht bitten. Ich fordere 
jeden von Ihnen auf: Beteiligen Sie sich 
auf die eine oder andere Weise an den 
herrlichen, vielfältigen Gelegenheiten, 
sich missionarisch zu betätigen und die- 
jenigen, die das Evangelium als neue 
Mitglieder annehmen, zu stärken und zu 
stützen. 

Sie, die Pfahlpräsidenten und Bischöfe, 
können sich gebeterfüllt um Weisung 
bemühen, um Mitglieder zu benennen 
und dazu zu berufen, sich für eine Voll- 
zeit- oder Teilzeitmission bereitzumachen. 
Während ein Teil an Sie herantreten wird, 
können Sie die größere Anzahl benennen 
und dazu ermutigen, daß sie infolge Ihrer 
gebeterfüllten Anstrengung die Papiere 
für eine Berufung einreichen. Der Dienst 
in der Kirche gründet sich seit jeher auf 
eine inspirierte Berufung und nicht auf 
freiwillige Meldungen. 

Warum soll jedes Mitglied ein Missio- 
nar sein? Weil der Herr uns dazu auffor- 
dert. Ziehen Sie es gebeterfüllt in Be- 
tracht. Menschen werden Sie für immer 
den Engel des Verständnisses und des 
Mitgefühls nennen, der sie zur Wahrheit 



geführt, sie im Glauben gestärkt und 
ihnen geholfen hat, dem Herrn dienen 
zu lernen. Tun Sie es. Sprechen Sie mit 
Ihrem Bischof. Lassen Sie sich von ihm 
die Möglichkeiten grenzenloser Freude in 
einem Aspekt des Ausspruchs „Jedes 
Mitglied ein Missionar" zeigen. Sie wer- 
den Erneuerung in Ihrem Leben finden, 
Begeisterung und ein inniges Gefühl der 
Erfüllung, weil Sie den Mut gehabt haben, 
eine Missionsberufung anzunehmen. Ich 
weiß, daß der Herr Ihnen dabei helfen 
wird. Im Namen Jesu Christi, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Conference Report, April 1959, 121 f. 

2. Markus 16:15,16; Hervorhebung hinzu- 
gefügt. 

3. JST, Matthäus 6:38; Hervorhebung hinzu- 
gefügt. Siehe auch LuB 84:106; 108:7. 

4. 2 Nephi 2:6-8; Hervorhebung hinzugefügt. 
Siehe auch Alma 29:2. 

5. LuB 123:12,17. 

6. "Converts and Young Men", Ensign, 
Mai 1997, 47. 

7. "The Things of Eternity- Stand We in 
Jeopardy?" Ensign, Januar 1977, 3. 




Bei gutem Wetter versammeln sich die Konferenzbesucher, die keinen Platz mehr bekommen 
haben, auf dem Tempelplatz und verfolgen von dort die Versammlungen, die über Lautsprecher 
übertragen werden. 



DER STERN 



38 



Priestertumsversammlung 
4. Oktober 1997 



Für Wahrheit und Recht 
einstehen 



Eider M. Russell Ballard 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Das Einstehen für Wahrheit und Recht ist nicht nur für sonntags 
gedacht. Jeden Tag ist es in unserer Umgebung und unserem 
Gemeinwesen dringend notwendig, daß wir uns für Sicherheit, 
Gesetz und Ordnung einsetzen. 



einfach oder angenehm oder der vorherr- 
schenden Meinung angepaßt, wenn wir 
für Wahrheit und Recht einstehen, aber es 
ist immer richtig. Immer. 

Joseph F. Smith kehrte mit neunzehn 
Jahren von seiner Mission in Hawaii zu- 
rück. Unterwegs zwischen Kalifornien 
und dem heimatlichen Utah sah er sich ei- 
nes Morgens „einer Anzahl Betrunkener 
gegenüber, die um sich schössen, lauthals 
schrien und die Mormonen verfluchten. 
Mit der Pistole in der Hand kam einer 
von ihnen auf ihn zu. Joseph hatte 
schreckliche Angst, aber es schien ihm 
nicht klug, davonzulaufen, und so ging er 
auf den Mann zu, als ob an seinem Ver- 
halten nichts weiter auffällig wäre. ,Bist 
du auch so ein - Mormone?' wollte der 
Fremde wissen. Joseph nahm allen Mut 
zusammen, blickte dem Mann direkt in 
die Augen und entgegnete gelassen: Ja- 
wohl, durch und durch und waschecht 
noch dazu.' Von dieser unerwarteten Ant- 
wort überrascht blieb der Mann stehen, 
ließ die Hände sinken, schaute Joseph ei- 
nen Moment verdutzt an und sagte dann 
ganz leise: ,Du bist der - netteste Kerl, 
den ich je getroffen habe. Gib mir die 
Hand ! Freut mich zu sehen, daß jemand 
zu seiner Überzeugung steht.' Sprach's, 
drehte sich um und ging weg." 2 

Als Priestertumsträger haben wir die 
heilige Pflicht, immer für Wahrheit und 
Recht einzustehen. Das Priestertum wird 
als die Vollmacht Gottes definiert, die 
dem Menschen gegeben ist, damit er das 
tun kann, was Gott täte, wenn er hier 
wäre. Das macht uns nicht bloß zu Zeu- 
gen für ihn, sondern zu seinen Stellver- 
tretern. 

Das Einstehen für Wahrheit und Recht 
ist nicht nur für sonntags gedacht. Jeden 




Brüder, es freut mich, daß ich heute 
Abend zu Ihnen sprechen kann. 
Das Priestertum zu tragen, Brüder, 
ist mehr als nur ein großer Segen. Es geht 
damit auch eine bedeutsame Verantwor- 
tung einher - wir sollen über die Kirche 
wachen, jede Frau ehren, insbesondere 
unsere Ehefrau, unsere Mutter, unsere 
Töchter und unsere Schwestern; wir sol- 
len alle Mitglieder zu Hause besuchen 
und sie ermahnen, „sowohl laut als auch 
heimlich [zu] beten und allen Obliegen- 
heiten in der Familie nach[zu] kommen" 1 
und „als Zeugen Gottes aufzutreten all- 
zeit und in allem, wo auch immer [wir 
uns] befinden." 2 

Wenn wir im Wasser der Taufe mit ei- 
nem Bund geloben, „als Zeugen Gottes 
aufzutreten allzeit und in allem, wo auch 
immer [wir uns] befinden," meinen wir 
damit nicht nur die Fast- und Zeugnisver- 
sammlung. Es ist vielleicht nicht immer 



Tag ist es in unserer Umgebung und unse- 
rem Gemeinwesen dringend notwendig, 
daß wir uns für Sicherheit, Gesetz und 
Ordnung einsetzen. Die Kriminalität in 
all ihren verbreiteten Auswüchsen ist ein 
ernstzunehmendes und weltweites Übel 
und ein sittliches Problem, das den Füh- 
rern der Kirche große Sorgen macht. Die 
sozialen, wirtschaftlichen und sittlichen 
Kosten der Kriminalität steigen ins Un- 
ermeßliche. Kriminalität macht vor keiner 
Rasse, Religion, Nationalität, vor keinem 
Alter, keiner Kultur und keiner Gesell- 
schaftsschicht halt. 

Das Buch Mormon lehrt, daß geheime 
Verbindungen, die Verbrechen begehen, 
nicht nur für den einzelnen oder die Fa- 
milie eine ernsthafte Bedrohung darstel- 
len, sondern auch für den gesamten Staat. 
Unter den geheimen Verbindungen unse- 
rer Zeit finden sich Banden, Drogenkar- 
telle und organisierte Verbrecherfamilien. 
Die geheimen Verbindungen unserer Zeit 
funktionieren ähnlich wie die Gadianton- 
räuber zur Zeit des Buches Mormon. Sie 
haben Geheimzeichen und Codewörter. 
Sie nehmen Geheimriten und Initiations- 
zeremonien vor. Sie wollen, unter ande- 
rem, „morden und plündern und stehlen 
und Hurerei und allerart Schlechtigkeit be- 
gehen, gegen die Gesetze ihres Landes und 
auch gegen die Gesetze ihres Gottes." 4 

Wenn wir nicht achtgeben, können die 
heutigen geheimen Verbindungen ebenso 
rasch und vollständig Macht und Einfluß 
gewinnen wie damals im Buch Mormon. 
Wissen Sie noch, wie? Die geheimen Ver- 
bindungen fingen „mit den Schlechteren 
von ihnen an", aber mit der Zeit hatten sie 
„den größeren Teil der Rechtschaffenen 
verführt", bis die gesamte Gesellschaft 
davon durchsetzt war. 5 

Die jungen Leute von heute sind, wie 
die „heranwachsende Generation" 6 im 
Buch Mormon, am empfänglichsten für 
den Einfluß des Bandenunwesens. Un- 
sere Jungen und Mädchen sind davon 
umgeben. Es gibt da eine ganze Sub- 
kultur, die die heutigen Banden und ihr 
kriminelles Vorgehen verherrlicht - durch 
Musik, Kleidung, Sprache, Einstellung 
und Verhalten. Viele von uns mußten 
schon zusehen, wie Freunde, die mit 
der Zeit gehen wollten, einen solchen Stil 
als „modern" oder „cool" angenommen 
haben, dadurch aber schließlich in diese 
Subkultur hinabgezogen worden sind, 
weil sie sich mit so einer Bande einge- 
lassen haben. Wir alle kennen tragische 
Geschichten über arglose „Möchtegerns", 
die einer Bande zum Opfer gefallen sind, 
bloß weil sie am falschen Ort die falsche 
Kleidung trugen. 



JANUAR 1991 

39 




Im Buch Mormon steht, daß der Teufel 
der Urheber aller Sünde und die Grund- 
lage dieser geheimen Verbindungen ist. 7 
Er benutzt geheime Verbindungen, dar- 
unter auch Banden, „von Generation zu 
Generation, wie er eben Gewalt über 
das Herz der Menschenkinder erlangen 
kann." 8 Seine Absicht ist es, Einzelper- 
sonen, Familien, Gemeinwesen und Län- 
der zu vernichten. 9 Zur Zeit des Buches 
Mormon hatte er in gewissem Ausmaß 
Erfolg. Heute hat er bereits viel zuviel Er- 
folg. Darum müssen wir als Priestertums- 
träger fest für Wahrheit und Recht ein- 
stehen, indem wir tun, was immer wir 
können, um mitzuhelfen, daß unser Ge- 
meinwesen sicher bleibt. 

Einige Jahre vor dem Erscheinen Christi 
in Amerika übten die Lamaniten so gro- 
ßen Glauben und Mut aus, daß sie den 
Einfluß der Gadiantonräuber in ihrer 
Gesellschaft völlig ausschalteten, denn 
„sie predigten das Wort Gottes unter . . . 
ihnen". 10 Brüder, wir befinden uns heute 
in einer ähnlichen Lage, wo wir als „Zeu- 
gen Gottes" auftreten müssen, indem wir 
ein Beispiel geben, uns an die Grundsätze 
der Kirche halten und die Menschen um 
uns herum an unserem Zeugnis teilhaben 
lassen. 

Der Erretter hat uns verheißen: Wenn 
wir „alle Gebote und Bündnisse [halten], 
durch die [wir] verpflichtet [sind]", wird 
er „die Himmel beben lassen, [uns] zum 
Guten, und der Satan soll zittern, und 
Zion wird sich freuen auf den Hügeln 
und gedeihen." 11 Er hat sogar verheißen, 
daß der Tag kommen wird, wenn der 
Satan „keine Macht über das Herz der 



Menschen" haben wird, „denn sie leben 
in Rechtschaffenheit". 12 

Als Kirche erkennen wir an, daß das 
Evangelium Jesu Christi mit seinen er- 
rettenden Wahrheiten und Lehren die 
wirksamste Verhütung von kriminellem 
Verhalten beziehungsweise Hilfe bei der 
Rehabilitierung darstellt. In erster Pinie 
tragen die Eltern die Verantwortung, 
ihren Kindern beizubringen, wie man 
nach dem Evangelium lebt und ein guter 
Staatsbürger wird. Es gibt aber auch Kin- 
der, die zu Hause wenig oder überhaupt 
nicht angeleitet werden. Wir müssen uns 
das bewußt machen und alles tun, was 
wir können, um für diese Kinder ein 
Segen zu sein. Sie müssen sich geborgen 
fühlen können. Sie brauchen gute Vorbil- 
der an Redlichkeit - Menschen, die ihre 
Bündnisse einhalten und ihre Verspre- 
chen einlösen. 

Brüder, die Sie Vater, Mitglied einer Bi- 
schofschaft oder Jugendführer sind, den- 
ken Sie daran, daß alle heranwachsenden 
Jungen und Mädchen folgendes dringend 
brauchen: Sie müssen sich geliebt, ge- 
achtet und geschätzt fühlen, und sie brau- 
chen Erfolgserlebnisse, um Selbstver- 
trauen und ein Gefühl für ihren eigenen 
Wert zu entwickeln. Angemessene und 
aufbauende Aktivitäten sollen geplant 
werden, damit unsere Jugendlichen und 
ihre Freunde, die nicht der Kirche ange- 
hören, einander in einer sicheren, zuträg- 
lichen Atmosphäre stark machen und 
dem Herrn näherkommen können. 

Unterstützen wir auch die Bemühungen 
von Einzelpersonen und Organisationen, 
dem Gemeinwesen oder dem Staat, wenn 



sie sich um Verbrechensverhütung be- 
mühen. Bemühen wir uns im Rahmen 
unseres Rechtssystems darum, Gesetze 
durchzusetzen und auszuführen, die den 
nötigen Schutz vor Verbrechern bieten, 
aber andererseits Grundrechte und -frei- 
heiten nicht beschneiden. Und helfen wir 
freiwillig mit, wenn der Staat Programme 
fördert, die die Familie und das Gemein- 
wesen schützen und stark machen sollen. 

Ihr jungen Männer im Aaronischen 
Priestertum: Viele von euch stehen viel- 
leicht ganz vorn, wo der Kampf gegen 
jene tobt, die unsittliche Absichten in die 
Tat umsetzen wollen. Ich glaube nicht, 
daß wir - ihr oder ich - für Wahrheit und 
Recht einstehen und zugleich Kleidung 
tragen können, die zu jemandem, der das 
Priestertum Gottes trägt, nicht paßt. Mir 
ist es auch nicht möglich, den Geist des 
Herrn mit mir zu haben und zugleich 
Musik zu hören oder einen Film oder ein 
Video anzuschauen, in denen böse Ideen 
verherrlicht werden oder eine ordinäre 
Sprache gebraucht wird. 

Ich weiß, es ist manchmal schwer, für 
Wahrheit und Recht einzustehen. Aber 
wir müssen ein Vorbild sein, wenn wir 
anderen helfen wollen, einen besseren 
Weg zu finden. Zum Glück können wir 
uns bei denen, die diesen Weg schon vor 
uns beschritten haben, Kraft holen. Ihr 
Lebensweg mag sich zwar in vielem von 
unserem unterscheiden, aber ihr Mut, im 
Glauben treu zu bleiben, war der gleiche, 
und man kann aus ihren Erfahrungen 
lernen. 

George Q. Cannon wuchs in Nauvoo 
auf, und dort lernte er, wie man Leute los- 
wurde, die darauf aus waren, anderen 
etwas anzutun. Er beschreibt hier mit ei- 
genen Worten, was er und einige gleich- 
altrige Jungen taten, um die Heiligen vor 
etwaigen Störenfrieden zu beschützen : 

„Es war . . . damals üblich, . . . wenn wir 
miteinander redeten oder einen Handel 
abschlössen, unser Taschenmesser . . . zur 
Hand zu nehmen und an einem Holz- 
scheit herumzuschnitzen; oft ... pfiffen 
wir dazu auch noch. Gegen das Schnitzen 
und Pfeifen konnte also keiner etwas ein- 
wenden. Viele Jungen aus der Stadt ließen 
sich nun ein großes Bowiemesser machen, 
und wenn jemand in die Stadt kam, von 
dem bekannt war, daß er keine guten Ab- 
sichten hegte, fanden sich einige Jungen 
zusammen, gingen dorthin, wo sich der 
Störenfried aufhielt, und begannen jeder 
an seinem Holzscheit herumzuschnitzen. 
Der Anblick dieser vielen Jungs, die alle 
[harmlos] an ihren Scheiten schnitzten, 
konnte dem Fremden nicht verborgen 
bleiben. ... So wollte er . . . zunächst ein- 



DER STERN 



40 



mal wissen, was das . . . denn bedeuten 
solle. Die Jungen gaben aber keine Ant- 
wort, sondern pfiffen - mit ernster Miene, 
aber harmlos - vor sich hin. Was konnte 
der Mann denn tun? War er bewaffnet, 
hätte er schießen können, aber der ent- 
schlossene Gesichtsausdruck der Jungen 
und ihre blanken Messer überzeugten ihn 
davon, daß Vorsicht in diesem Fall besser 
war. Keiner tat jemals mehr als noch ein 
Weilchen herumzustehen und zu fluchen 
und zu drohen, . . . dann zog er ab, gefolgt 
von einem Trupp Jungen, die kräftig 
pfiffen und schnitzten." 13 

Ich schlage nun keineswegs vor, daß 
wir an unsere Diakone Bowiemesser aus- 
teilen sollen. Aber ich finde, George Q. 
Cannon und seine jungen Freunde ha- 
ben großen Mut und Glauben bewiesen. 
Sie haben erkannt, wo Not am Mann war, 
und sie haben gefahrlos etwas unternom- 
men, was in der damaligen Zeit durchaus 
üblich war. Mich hat beeindruckt, daß sie 
gewillt waren, gegen die bösen Absichten 
anderer Menschen einzuschreiten. 

Der Umgang mit Verbrechen ist schwie- 
rig. Aber wir können doch auch heute 
einige ganz einfache Maßnahmen ergrei- 
fen, die anderen Menschen helfen, nicht 
in Bandenunwesen und Verbrechen ab- 
zugleiten. Wir können der Versuchung 
widerstehen, in der Schule oder Kirche 
Cliquen zu bilden. Wir können es vermei- 
den, an anderen herumzunörgeln oder sie 
durch Wort oder Tat von uns zu treiben. 
Nichts tut mehr weh als das Gefühl, 
abseits zu stehen, ausgelacht zu werden. 
Wir dürfen daher nie etwas tun, was 
jemanden dazu bringen könnte, sich einer 
Bande anzuschließen, weil er sich von 
uns abgelehnt fühlt. Immer wieder zieht 
irgendwo eine neue Familie zu. Brüder, 
reichen Sie diesen Leuten freundschaft- 
lich die Hand, lassen Sie sie spüren, daß 
sie willkommen und in unserem Gemein- 
wesen und in der Kirche sicher sind. 
Achten Sie darauf, keinen Tratsch zu ver- 
breiten, nichts Unfreundliches zu sagen 
oder irgend etwas zuzulassen, wodurch 
jemand anders verletzt werden könnte. 
Schließen Sie Freundschaft mit Ihren 
Nachbarn, passen Sie auf einander auf, 
helfen Sie mit, daß eine Atmosphäre der 
Einigkeit, des Friedens und der Liebe ent- 
steht. Das sind scheinbar Kleinigkeiten, 
aber ich versichere Ihnen, wenn wir das 
tun, kann es ebenso wirksam Menschen 
vom Bösen und vom Verbrechen abhalten 
wie das Pfeifen und Schnitzen damals in 
Nauvoo. Wahre Freundschaft kann sich 
durchaus als das Beste herausstellen, was 
wir tun können, um an jene heranzu- 
kommen, die vielleicht schon dabei sind, 



in gefährliche und sittlich verderbliche 
Handlungen und in ein Pseudo-Zusam- 
mengehör igkeitsgef ühl abzurutschen . 

Man kann zahllose Geschichten von 
klugen, talentierten Priestertumsträgern 
erzählen, die das Leben anderer positiv 
beeinflußt haben. Leider gibt es aber 
auch Geschichten von Leuten, die ihre 
Möglichkeiten nicht ausschöpfen, weil 
sie nicht gewillt sind, für Wahrheit und 
Recht einzustehen. Etliche junge Männer 
und junge Damen versuchen falsche Ent- 
scheidungen mit der Begründung zu 
entschuldigen: „Jeder macht mal einen 
Fehler." Aber ihr müßt wissen, daß da ein 
großer Unterschied besteht zwischen ei- 
nem echten Fehler, den man in einem Au- 
genblick geistiger Schwäche begeht, und 
dem absichtlichen Entschluß, die Gebote 
Gottes andauernd zu brechen. Wer sich 
absichtlich dafür entscheidet, Gottes Ge- 
bote zu brechen oder die Richtlinien der 
Kirche zu ignorieren, begibt sich, auch 
wenn er sich und anderen verspricht, ei- 
nes Tages stark genug zu sein und Um- 
kehr zu üben, auf einen abschüssigen 
Hang, auf dem schon viele ihren geistigen 
Stand verloren haben. Es stimmt wohl, 
daß sich etliche junge Leute durch den 
schweren Weg der Umkehr erstaunlich 
gut von Sünde befreien konnten, aber es 
ist eine traurige Tatsache, daß andere 
völlig vom Weg abgekommen sind, weil 
sie sich für fremde Pfade entschieden. 

Wir leben heute in einer schwierigen 
Zeit. In gewisser Hinsicht ist es vielleicht 
die schwierigste überhaupt. Wir möchten, 



daß ihr jungen Männer wißt, daß uns das 
schon klar ist. Aber uns ist auch bewußt, 
daß Gott für diese gefährliche Zeit einige 
der stärksten Geistkinder zurückbehal- 
ten hat. Gottes Gesetze und Richtlinien 
werden zwar angegriffen, wo immer man 
hinsieht, aber wir sind doch ein großes 
Heer von Priestertumsträgern, die bereit 
sind, tapfer für Wahrheit und Recht ein- 
zustehen. Brüder, stehen wir doch Schul- 
ter an Schulter als Priestertumsträger und 
als Jünger Christi und tun wir, was wir 
können, um diese Welt zu einem besseren 
und sicheren Ort zu machen. Seien wir 
„Zeugen Gottes . . . allzeit und in allem, 
wo auch immer [wir uns] befinden." 
Darum bete ich demütig im Namen Jesu 
Christi, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Siehe LuB 20:47. 

2. Mosia 18:9. 

3. Francis M. Gibbons, Joseph F. Smith, 
1984, 43f. 

4. Helaman 6:23. 

5. Helaman 6:38. 

6. 3 Nephi 1:30. 

7. Siehe Helaman 6:30 und 2 Nephi 26:22. 

8. Helaman 6:30. 

9. 2 Nephi 9:9. 

10. Helaman 6:37. 

11. LuB 35:24. 

12. 1 Nephi 22:26. 

13. "History of the Church", Juvenile Instructor, 
30. September 1871, 158. 




JANUAR 1998 

41 



n 



Seht, da ist der Mensch!" 

Bischof Keith B. McMullin 

Zweiter Ratgeber in der Präsidierenden Bischofschaft 



Wir sehen nicht nur eure äußere Erscheinung, nämlich die eines jungen, 
sondern wir sehen einen Träger des heiligen Priestertums, ausgestattet mit 
der dazugehörigen Vollmacht, den Pflichten und Segnungen. 



früheren Gewohnheiten und Wegen. Es 
findet sich oft allein in der Kirche, ohne 
die Unterstützung durch die Familie und 
vertraute Menschen. Es befindet sich auf 
einem Weg, der eng und schmal und 
wahr ist. Er ist auch neu und kann etwas 
verwirrend sein. 

Da sind diejenigen, die sich auch einmal 
auf diesem selben Weg befunden haben 
und davon abgekommen sind. Ihr Glaube 
ist schwach geworden. Sie empfinden 
die Aussicht, uneingeschränkt dazuzu- 
gehören, als vage und vielleicht uner- 
wünscht. 

Wir lieben und bewundern euch, ihr 
jungen Männer des Aaronischen Priester- 
tums. Eure Vitalität ist ansteckend, eure 
Fähigkeiten versetzen uns in Erstaunen, 
und eure Gesellschaft gibt Kraft. Aber wiii 
wissen, daß andere Kräfte an euch inter- 
essiert sind. Sie sind finster und verhäng- 
nisvoll. Schlechte Menschen stellen wilde 
Versuchungen und Täuschungen vor euch 
zur Schau. Sie haben die Absicht, euch 
zu vernichten. Sie können einen schreck- 
lichen Zoll fordern. 

Damit wir diesen Gefahren entgehen, 
hat der himmlische Vater für einen Er- 
retter gesorgt. 2 Das Sühnopfer unseres 
Herrn ist das wichtigste Ereignis in der 
Geschichte der Schöpfung. Und dies ist 
das Evangelium - Gott lebt und ist unser 
Vater, Christus ist der geliebte Sohn 
Gottes, und sein Sühnopfer hat wirklich 
stattgefunden, sein Reich ist auf der Erde 
errichtet, und ein himmlisches Erbe er- 
wartet jene, die die immerwährenden 
Grundsätze, auf denen es ruht, annehmen 
und befolgen. 3 

Das Evangelium wird auf zweierlei 
Weisen gegeben und empfangen - die 
eine kommt vor der anderen, die erste 
enthält ein geringes Maß der Vorberei- 
tung, wonach das größere Maß der Er- 
füllung kommt. Der Wesenskern beider 
findet sich in den heiligen Handlungen 
und Wirkungen des heiligen Priestertums 
- angefangen beim Aaronischen Priester- 




Diese große Gruppe von Brüdern 
erinnert uns daran, daß die Ab- 
sichten und die Bestimmung der 
Kirche in großem Maße auf den Schul- 
tern derer ruht, die das Aaronische und 
das Melchisedekische Priestertum tragen. 
Wenn auch das Aaronische Priestertum 
das geringere Priestertum und eine Bei- 
gabe zum höheren oder Melchisedeki- 
schen Priestertum ist, so sind beide im- 
merwährend und für das Werk des Herrn 
wesentlich. Wie Präsident John Taylor 
gesagt hat: „Wenn beide Priestertümer in 
ihrer Reinheit ausgeübt und vereinigt 
sind, wird die Herrlichkeit Gottes sich auf 
dem Berg Zion im Haus des Herrn kund- 
tun und beide werden gemäß ihrer Be- 
rufung, ihrer Stellung und Vollmacht 
wirken." 1 

Mit diesem Ziel vor Augen sehen wir 
vor uns die Aufgabe, all diejenigen fest- 
zuhalten, die sich der Kirche neu ange- 
schlossen haben, den Glauben derer wie- 
der zu entflammen, die abgedriftet sind, 
und das noch junge Engagement unserer 
Jugendlichen zu schützen. 

Ein neues Mitglied trennt sich von 
einem Tag auf den anderen von seinen 



tum bis hin zum Melchisedekischen 
Priestertum. „Diejenigen, die treu sind, 
so daß sie diese zwei Priestertümer erlan- 
gen . . . und ihre Berufung groß machen, 
. . . werden die Kirche und das Reich und 
die Auserwählten Gottes." 4 

Zum geringeren Maß des Evangeliums 
gehören die lebenswichtigen errettenden 
Wahrheiten, und es ruht auf den Eckstei- 
nen Gehorsam und Opfer. Diese Wahr- 
heiten schulen Männer und Frauen, Jun- 
gen und Mädchen in den Grundbegriffen 
der Rechtschaffenheit. Dazu gehören Um- 
kehr, Taufe und das Befolgen der fleisch- 
lichen Gebote zur Sündenvergebung. Die 
fleischlichen Gebote sind diejenigen, die 
es uns ermöglichen, die Triebe, Regungen 
und Wünsche unseres natürlichen - ir- 
dischen - Körpers und Sinnes zu über- 
winden. Dazu gehören vor allem die 
Zehn Gebote. 5 Dieses geringere Maß des 
Evangeliums nährt diejenigen, die neu in 
der Kirche sind, bringt diejenigen zurück, 
die vom Weg abgekommen sind, und hilft 
den jungen Menschen, die Versuchungen 
und Täuschungen der Welt zu erkennen 
und zu überwinden. Ohne diese Vorberei- 
tung kann man die Fülle der Segnungen 
des Evangeliums nicht erlangen. 

Die Pflicht, das vorbereitende Maß des 
Evangeliums zu spenden, ist dem Aaroni- 
schen Priestertum anvertraut. 

„Und das Geringere Priestertum be- 
stand fort, und dieses Priestertum hat den 
Schlüssel des vorbereitenden Evangeli- 
ums inne; 

und dieses Evangelium ist das Evange- 
lium der Umkehr und der Taufe und der 
Sündenvergebung und des Gesetzes der 
fleischlichen Gebote." 6 

Gesegnet ist derjenige, der auf diese 
Weise berufen und ordiniert wird, denn 
sein engagierter Dienst im Aaronischen 
Priestertum errettet nicht nur andere, 
sondern auch ihn selbst. 7 Es ist gleich, ob 
der Betreffende neu in der Kirche ist, nach 
langen Jahren des Fernbleibens wieder 
zurückkommt oder jung ist. In dem Maß, 
wie er diese Grundsätze, heiligen Hand- 
lungen und Gebote wahrnimmt, wird er 
selbst unterwiesen. Der Dienst im Aaroni- 
schen Priestertum macht die Menschen 
bereit für die Fülle des immerwährenden 
Evangeliums, für den Eid und Bund und 
die geistigen Segnungen, die zum [Mel- 
chisedekischen] Priestertum gehören 8 . Ja, 
das Aaronische Priestertum dient in jeder 
Hinsicht der Vorbereitung. Und für euch 
jüngere Männer gibt es noch zusätzliche 
Gelegenheiten. 

Die Welt betrachtet das Alter als Maß 
dafür, ob man bereit ist, ein Mann zu sein. 
So bestimmt beispielsweise das Alter, ob 



DER STERN 

42 



ein junger Mensch ausreichend reif und 
verantwortungsbewußt ist, um ein Auto 
zu lenken. Für die jungen Menschen 
kommt der langersehnte Augenblick. Für 
die Eltern ist das eine Zeit ausgesproche- 
nen Schreckens. 

Für die Welt bestimmt das Alter auch, 
ob ein Mensch klug und verantwortungs- 
bewußt genug ist, zur Wahl zu gehen, 
Verträge zu schließen und gesetzlich voll 
haftbar zu sein. Wir nennen das die Voll- 
jährigkeit, die Zeit, in der man nicht mehr 
minderjährig ist. 

Da Jugend und Lebensalter im Aaroni- 
schen Priestertum so offensichtlich sind, 
könnten wir irrtümlich annehmen, daß 
dadurch die Macht und die Wirksamkeit 
dieses Priestertums bestimmt werden. Be- 
denken Sie bitte, bedenken Sie: In der Kirche 
sind es die Würdigkeit und die Macht Gottes, 
die jemanden zur Arbeit befähigen. Die Er- 
wartung, die Gelegenheit und das Dienen 
tragen mehr zur persönlichen Entwicklung 
bei als die Geburtstage. Im Reich Gottes be- 
ginnt die Volljährigkeit mit der Ordinierung. 

Denken Sie an das von Macht getragene 
Wirken Samuels, Johannes des Täufers, 
Mormons und Joseph Smiths. Sie wurden 
alle in ihrer Jugend berufen; sie wurden 
alle von Gott zu der großen Aufgabe, die 
vor ihnen lag, befähigt; sie führten alle 
ihre Aufgaben zu unserem immerwäh- 
renden Segen aus. 

Solches Wirken kann das Merkmal des 
Aaronischen Priestertums heute sein. Es 
ist gewissermaßen eine Frage der Per- 
spektive. Wenn wir einen jungen Träger 
des Aaronischen Priestertums betrachten, 
sehen wir dann einen Jungen oder einen 
Mann, der durch Prophezeiung und . . . 
Händeauflegen von Gott berufen ist? 9 
Wie wir ihn sehen, wirkt sich darauf aus, 
wie er sich sieht. Ich möchte das erklären. 

Stellen sie sich einen Augenblick lang 
vor, daß meine Hände die Vollmacht 
des Aaronischen Priestertums darstellen. 
Diese vier Finger stellen die vier Ämter 
dar: Diakon, Lehrer, Priester und Bischof. 
Nehmen wir eines davon, nämlich das 
des Diakons. Neben den anderen sieht er 
etwas kleiner, nicht so stark aus. Aber so 
wie die Hand durch den Verlust des klei- 
nen Fingers beeinträchtigt ist, so ist auch 
das Aaronische Priestertum beeiträchtigt, 
wenn wir in einem Diakon nur den Jun- 
gen sehen. 

In den Augen Gottes ist in der Hand ei- 
nes Trägers des Aaronischen Priestertums 
mehr Macht und Vollmacht als unter all 
den Reichen, Berühmten und Einflußrei- 
chen der Welt. Ihr Wirken findet ein Ende, 
seines nicht. Sie können nichts im Namen 
des Herrn tun; er kann alles tun, was der 



Herr von ihm fordert, denn er steht im 
Dienst des Herrn. Er kann ein neues Mit- 
glied stark machen, bei dem, der verloren 
scheint, eine Herzenswandlung bewirken 
und andere junge Menschen im Glauben 
bestärken. 10 
Im Aaronischen Priestertum kann er - 

• anderen die Hand der Gemeinschaft 
entgegenstrecken und freundlich sein 

• die Wahrheit lehren und verkünden 
und davon Zeugnis geben 

• darauf achten, daß die Mitglieder 
sich oft versammeln und daß keiner über- 
sehen wird 

• das Fastopfer für die Armen einsam- 
meln 

• das heilige Abendmahl spenden 

• die Mitglieder zu Hause besuchen 
und sie in die Geborgenheit der Kirche 
bringen 

• seine Vorfahren ausfindig machen, 
ihre Namen für die Familienmappe ein- 
reichen und sich im Tempel für diejenigen 
taufen und konfirmieren lassen, die diese 
heiligen Handlungen auf der Erde nicht 
empfangen konnten 

• als Priester taufen und andere Prie- 
ster, Lehrer und Diakone durch Hände- 
auflegen ordinieren 

• in seiner Familie, bei seinen Freun- 
den und im Gemeinwesen sowie in dem 
Land, in dem er lebt, ein Vorbild an 
Tugend, Zivilcourage und vernünftigem 
Mannestum sein 

Im Geist kann ich euch vom Aaroni- 
schen Priestertum mit einem Eifer und 
einer Überzeugung, wie sie für Männer 
wie Mormon und Joseph Smith charakte- 
ristisch ist, sagen hören: 

Wir sind Söhne unseres himmlischen 
Vaters und Jesu Christi. Wir handeln mit 
„Glauben, Hoffnung, Nächstenliebe und 
Liebe - das Auge nur auf die Herrlichkeit 
Gottes gerichtet" 11 . Als Träger des Prie- 
stertums will ich - 

• nach dem Evangelium Jesu Christi 
leben 12 

• meine Berufungen im Priestertum 
groß machen 13 

• auf sinnvolle Weise dienen 14 

• mich bereit machen, das Melchisede- 
kische Priestertum zu empfangen 15 

• mich zu einer ehrenhaften Vollzeit- 
mission verpflichten, mich dafür bereit- 
machen und sie erfüllen 16 

• würdig leben, um die Bündnisse des 
Tempels zu empfangen, und mich dafür 
bereitmachen, ein würdiger Ehemann 
und Vater zu werden 17 

Wir sehen nicht nur eure äußere Er- 
scheinung, nämlich die eines Jungen, son- 
dern wir sehen einen Träger des heiligen 
Priestertums, ausgestattet mit der dazu- 



gehörigen Vollmacht, den Pflichten und 
Segnungen. 

Den Menschen in alter Zeit wurde 
das Priestertum Aarons zuteil. 
Durch Leviten, Priester und Propheten 
war es ein Segen für Gottes Kinder. 

Dann kam der Erretter der Welt 

und suchte nach Johannes, 

um sich durch diese Macht von ihm taufen 

zu lassen 
und den neuen Tag der Errettung zu 

beginnen. 

In den Letzten Tagen wurde dieselbe Macht 
auf der Erde wiederhergestellt, 
damit die Wahrheit des Evangeliums 
in jeder Seele erwacht. 

Das Aaronische Priestertum, die erhabene 

Wahrheit, 
bereitet den Weg, 

so daß, es durch Gottes geliebten Sohn 
zur Erlösung kommen kann. 

Wer diese Macht ausüben kann, 
ist nicht nur ein einfacher Junge. 
Er trägt die Vollmacht des Priestertums, 
und wir rufen: „Welch ein Mann!" 18 

Gott segne euch, ihr edlen Männer des 
Aaronischen Priestertums. Im Namen 
Jesu Christi, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Items on Priesthood, 1969, 24. 

2. Siehe Mose 6:57-68. 

3. Siehe LuB 76:40-44; 3 Nephi 27:13-21; 
LuB 39:5-6; siehe auch Lehren des Propheten 
Joseph Smith, Hg. Joseph Fielding Smith, 
1976, 121. 

4. LuB 84:33-34; siehe auch Vers 32-41. 

5. Siehe JST, Exodus 34:1-2; LuB 84:27; 
Exodus 20. 

6. LuB 84:26-27. 

7. Siehe Jakobus 5:19-20. 

8. Siehe LuB 84:39; siehe auch LuB 107:18-19. 

9. 5. Glaubensartikel; siehe auch Hebräer 5:4. 

10. Siehe LuB 20:46-60; 84:106-110. 

11. LuB 4:5. 

12. Siehe 1 Korinther 9:14. 

13. Siehe LuB 107:99. 

14. Siehe LuB 4:2-3. 

15. Siehe LuB 84:33-39. 

16. Siehe 3 Nephi 5:13. 

17. Siehe LuB 110:7-9. Text nach der Mission 
des Aaronischen Priestertums, wie sie im 
Handbuch Führung im Aaronischen 
Priestertum (1991, 8) dargestellt ist. 

18. Gedicht von Keith B. McMullin. 



JANUAR 1998 

43 



Pioniere der Zukunft, 

seid ohne Furcht, glaubt nur ! 



Präsident James E.Faust 

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 



Wir sind Teil der größten Sache auf der Erde. Wir sind Pioniere der 
Zukunft. Gehen wir vorwärts wie das Heer Helamans, und bauen 
wir das Reich Gottes auf. 



Schritt im Glauben gehen, erfüllen sich 
prophetische Visionen im Hinblick auf 
die herrliche Bestimmung der Kirche. 

Es hat in der Geschichte der Kirche nie 
eine wundervollere Zeit gegeben. Mehr 
Tempel als jemals zuvor werden gebaut 
und geplant. Als einen wichtigen ersten 
Schritt der zukünftigen Pionierarbeit hat 
Präsident Hinckley den ersten Spaten- 
stich für eine große neue Halle ausge- 
führt, die in der Nähe des Tempels in Salt 
Lake City gebaut wird. Von dort aus wird 
das Wort des Herrn auf der Generalkon- 
ferenz an eine größere Anzahl von Gottes 
Kindern ergehen, und zwar sowohl in der 
Halle als auch durch Satellitenübertra- 
gung und andere elektronische Kommu- 
nikationsmöglichkeiten. 

Heute Abend spreche ich vor allem zu 
euch jungen Priestertumsträgern, die die 
Kirche in die Zukunft führen werden. Ihr 
folgt nicht den Wegen der Welt, indem 
ihr euch auf schädliche Unternehmungen 
einlaßt oder seltsame Kleidung und selt- 
samen Schmuck tragt. Wir sind stolz auf 
euch und setzen großes Vertrauen in euch. 

Als Grundlage meiner Ansprache 
nehme ich die einfache, doch tiefgründige 
Botschaft des Erretters an den Synago- 
genvorsteher. Ihr erinnert euch sicher, 
daß dem Synagogenvorsteher mitgeteilt 
wurde, daß seine Tochter tot war und er 
den Meister nicht mehr bemühen sollte. 
Als der Erretter das Haus des trauernden 
Vaters betrat, sagte er: „Warum schreit 
und weint ihr? Das Kind ist nicht ge- 
storben, es schläft nur." Und er faßte 
das Mädchen an der Hand und sagte: 
„Ich sage dir, steh auf! Sofort stand das 
Mädchen auf und ging umher. . . . Die 
Leute gerieten außer sich vor Entsetzen." 1 

Die Worte des Erretters an den Synago- 
genvorsteher bilden den Kern der ganzen 
Geschichte: „Sei ohne Furcht; glaube 
nur!" 2 Diese fünf Wörter enthalten das, 
was ich euch sagen will. 




Meine lieben Brüder, ich grüße Sie 
voll Liebe und Dankbarkeit für 
Ihren Glauben und Ihre Treue. 
Wir haben heute einen großartigen Kon- 
ferenztag erlebt. Die Musik war hervor- 
ragend, die Ansprachen haben uns inspi- 
riert, auch die von Eider Maxwell. Ich 
habe Eider Maxwell gebeten, auf meiner 
Beerdigung zu sprechen, und ich beab- 
sichtige nicht, diese Welt schon bald zu 
verlassen. 

Wir beenden jetzt ein außergewöhnli- 
ches Jahr, in dem wir der Mühsal und des 
Heldentums der Pioniere gedacht ha- 
ben, die vor 150 Jahren im Salzseetal an- 
kamen. Wir sind den Hunderttausenden 
Mitgliedern in aller Welt, die zu dieser 
großen Gedenkfeier beigetragen haben, 
sehr dankbar. 

Bezeichnend ist, daß alle diese Aktivi- 
täten unter der prophetischen Führung 
unseres inspirierten Präsidenten, Gordon 
B. Hinckley, stattgefunden haben. Nun 
weist er uns an, Pioniere der Zukunft 
mit all ihren spannenden Möglichkeiten 
zu werden. Wenn wir jeden zukünftigen 



Wir müssen an Gott, den ewigen Vater, 
und an seinen Sohn, Jesus Christus, und 
an den Heiligen Geist glauben. 3 Wir müs- 
sen an das Sühnopfer und die Auferste- 
hung des Erretters glauben. Wir müssen 
an die Worte der Propheten aus alter und 
neuer Zeit glauben. Wir müssen auch an 
uns selbst glauben. 

Glaube erfordert Handeln. Wenn ihr 
euch bereitmacht, den Lebensweg zu ge- 
hen, könnt ihr über eure Träume und Er- 
wartungen hinaus belohnt werden. Aber 
um das zu erreichen, müßt ihr sehr hart 
arbeiten und sparen, müßt klug und wach- 
sam sein. Ihr müßt lernen, weltlichem 
Vergnügen zu entsagen. Ihr müßt den 
Zehnten treu zahlen; ihr müßt das Wort 
der Weisheit halten; ihr müßt frei sein 
von sonstigen Abhängigkeiten. Ihr müßt 
in jeder Hinsicht keusch und sittlich rein 
sein. Ihr sollt alle Berufungen, die an euch 
ergehen, annehmen und treu erfüllen. 
Beständigkeit und Mühe nützen euch 
mehr als ein brillanter Verstand. 

Angst hindert uns daran zu handeln. 
Ihr jungen Männer seid gemeinsam mit 
den jungen Schwestern die Zukunft der 
Kirche und, in gewissem Sinn, der ganzen 
Welt. Ihr macht euch mit Recht Gedanken 
darüber, ob ihr allem gerecht werden und 
euren Platz im Leben finden könnt. Meist 
erkennt ihr eher eure Unzulänglichkeiten 
als eure Stärken. 

Manche von euch ängstigen sich viel- 
leicht davor, euer Zuhause zu verlassen 
und ins Unbekannte zu gehen - beispiels- 
weise auf Mission. Andere, die bereits in 
den Zwanzigern oder Dreißigern sind, 
scheuen sich davor, die Verantwortung 
für eine Ehe und eine Familie auf sich zu 
nehmen. Mit Recht macht ihr euch Ge- 
danken über eure Ausbildung, nämlich 
zu lernen, euren Verstand und eure 
Hände zu gebrauchen. Ihr müßt eine Fer- 
tigkeit erwerben, um in der heutigen Welt 
mithalten zu können. 

Ihr seid darum besorgt, von anderen 
anerkannt zu werden. Ihr fragt euch, ob 
ihr bei euren Altersgenossen beliebt seid. 
Es ist ganz natürlich, dazugehören zu 
wollen. 

Kürzlich hörte ich von einem guten 
Mann, der, nachdem er im Tempel ge- 
heiratet hatte und vier Kinder hatte, von 
der Kirche abfiel. Seine äußere Erschei- 
nung wurde immer schäbiger und sein 
Benehmen trauriger, als er zum Drogen- 
abhängigen, zum Alkoholiker und dann 
zum Kettenraucher wurde. Diese de- 
struktive Lebensweise behielt er viele 
Jahre bei. Aber mit der Zeit begann er 
schließlich mit der Hilfe seiner guten 
Frau, seiner Heimlehrer, seines besorgten 



DER STERN 

44 



Bischofs und unseres liebenden himm- 
lischen Vaters den langen Weg zurück. 
Einer der großartigsten Tage seines Le- 
bens war der Tag, an dem er wieder für 
einen Tempelschein würdig war. Im 
Rückblick auf diese schlimmen Jahre 
gestand er später ein: „Ich wollte immer 
nur dazugehören." Daß er nach Aner- 
kennung von der falschen Quelle trach- 
tete, brachte ihm unsagbares Elend und 
Leid ein. 

Laßt euch versichern, Brüder, daß wir 
alle dazugehören. Nichts ist uns wichti- 
ger oder kostbarer, als zur Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage zu 
gehören. Wir sind Teil der größten Sache 
auf der Erde - der Sache unseres Herrn 
und Erretters, Jesus Christus. Wir sind 
mit der größten Macht auf der Erde aus- 
gerüstet, nämlich der Macht des heiligen 
Priestertums. 

Wenn ihr jede Herausforderung Schritt 
für Schritt bewältigt und jeden Schritt im 
Glauben geht, nehmt ihr an Kraft und 
Einsicht zu. Ihr könnt nicht alle Straßen- 
biegungen und -Windungen, die vor euch 
liegen, voraussehen. Ich rate euch, der 
Anweisung des Erretters der Welt zu fol- 
gen: „Sei ohne Furcht; glaube nur!" 4 

Wir stehen in unseren irdischen Schwie- 
rigkeiten nicht allein da. Wie der Prophet 
Elischa gelehrt hat, wachen unsichtbare 
Heerscharen über uns. In seinen Tagen 
führte Syrien Krieg mit Israel, und der 
Prophet Elischa warnte den König von 
Israel vor einem Hinterhalt. Der König 



von Israel befolgte seinen Rat und wurde 
immer wieder verschont. Das erregte den 
König von Aram. „Er schickte also Pferde 
und Wagen und eine starke Truppe" in 
der Nacht und umstellte die Stadt. „Als 
der Diener des Gottesmannes am näch- 
sten Morgen aufstand und hinaustrat, 
hatte die Truppe die Stadt mit Pferden 
und Wagen umstellt. Da sagte der Diener 
zu seinem Herrn: Wehe, mein Herr, was 
sollen wir tun?" 

Da antwortete der Prophet: „Fürchte 
dich nicht! Bei uns sind mehr als bei 
ihnen. 

Dann betete Elischa: Herr, öffne ihm die 
Augen, damit er sieht. Und der Herr öff- 
nete dem Diener die Augen: Er sah den 
Berg rings um Elischa voll von feurigen 
Pferden und Wagen." 5 Mit der Hilfe des 
Herrn konnte der Prophet Elischa Israel 
retten. 6 

Wir können all unsere Ängste überwin- 
den, zwar nicht alle auf einmal, aber eine 
nach der anderen. Wenn wir das tun, 
wächst unser Vertrauen. In der folgenden 
Begebenheit geht es um einen jungen 
Mann, der einer Angst begegnete, die wir 
alle schon einmal erlebt haben oder noch 
erleben werden. 

Es war ein heißer Julinachmittag; es war 
Pfahl-Priestertumsversammlung, und die 
Kapelle war voll. Auf dem Podium saß 
ein junger Priester, der seine Nervosität 
kaum verbergen konnte. Nach dem Lied 
kündigte ihn der Pfahlpräsident als näch- 
sten Sprecher an. 




Er legte sich seine Notizen zurecht, wo- 
bei seine zitternden Hände seine Angst 
verrieten. Er begann zu sprechen, aber 
bald redete er immer schneller und un- 
verständlicher, mit wirren, sich wiederho- 
lenden Worten. Noch schlimmer wurde 
es, als er zu stottern anfing und dann 
ganz verstummte. 

Im Raum herrschte tiefes Schweigen. 
Wer kennt nicht den Schrecken, vor einer 
furchteinflößenden Zuhörerschaft zu ste- 
hen? Jeder dachte, er würde sich setzen, 
aber er blieb mit gebeugtem Kopf stehen. 
Ein paar bedeutungsvolle Sekunden ver- 
strichen, dann richtete er sich auf und 
stieß hervor: „Brüder, ich bitte Sie um 
Ihren Glauben und Ihre Gebete, damit ich 
sicher sprechen kann." 

Dann fuhr er fort, wo er aufgehört 
hatte; er sprach leise, aber deutlich. Bald 
gewann seine Stimme ihren natürlichen 
Klang zurück, und er brachte seine An- 
sprache zu Ende. Nicht die Ansprache 
begeisterte die Anwesenden, sondern 
das Bild des jungen Mannes, der nicht 
zurückwich, obwohl er vor einem Ab- 
grund der Angst wankte, sondern der 
Mut schöpfte und für die Sache der Wahr- 
heit alle Kraft zusammennahm. 7 

Jeder von euch ist mit einzigartigen Ta- 
lenten und Fähigkeiten ausgestattet wor- 
den. Verbunden mit einigen besonderen 
Mächten des Priestertums kann das in 
jedem Bestreben eine enorme Hilfe für 
euch sein. Es ist eine große Herausforde- 
rung, zu der königlichen Heerschar zu 
gehören, die die Kirche auf Weisung des 
Herrn und seiner Führer in die Zukunft 
führt. Es ist aber auch eine äußerst 
lohnende und aufregende Erfahrung, die 
großen Glauben, Opfer, Disziplin, Selbst- 
verpflichtung und Anstrengung erfordert. 
Ich bin fest davon überzeugt, daß ihr dem 
gewachsen seid. 

Zum Glauben gehört, daß man an den 
Erretter und an die Grundsätze des Evan- 
geliums glaubt und darauf vertraut. Dazu 
gehört auch, daß man fest davon über- 
zeugt ist, daß der Präsident der Kirche, 
die Erste Präsidentschaft, das Kollegium 
der Zwölf Apostel und die übrigen Gene- 
ralautoritäten die Diener des Herrn sind. 
Es bedeutet auch, daß man daran glaubt, 
daß sie Inspiration empfangen, um die 
Angelegenheiten der Kirche zu regeln. 
Dieser Glaube war eine der Stärken der 
Pioniere. 

Über den Glauben dieser herausragen- 
den Gruppe von frühen Heiligen berich- 
tete Eider Ben E. Rieh: „Sie kannten dieses 
Land nicht. Sie glaubten daran, daß Gott 
Präsident Young eine Vision von der zu- 
künftigen Heimat der Heiligen der Letz- 



JANU AR 1991 



45 



ten Tage gegeben hatte. Sie glaubten an 
ihren Führer und waren bereit, mit ihm 
ins Unbekannte zu gehen. . . . Wer würde 
jemals den Glauben . . . die Tapferkeit 
derer vergessen, die solches Vertrauen in 
Brigham Young hatten, daß sie ihm in 
diese Täler in den Bergen folgten!" 8 Als 
neuzeitliche Pioniere, die in die Zukunft 
blicken, müssen wir bereit sein, ins Unbe- 
kannte zu gehen und Präsident Hinckley 
und den übrigen Führern der Kirche mit 
dem gleichen Vertrauen und der gleichen 
Selbstverpflichtung folgen. 

Wir brauchen Glauben und gute Werke. 
Wir können nicht passiv bleiben; wir 
müssen das Böse aktiv meiden. Das be- 
deutet, daß wir mit Heiligem nicht leicht- 
fertig umgehen. Die Familien unserer Zeit 
sollen nicht nur das Böse, sondern bereits 
den Anschein des Bösen meiden. Um 
diese Einflüsse zu bekämpfen, muß die 
Familie das Familiengebet, den Familien- 
abend und das gemeinsame Schriftstu- 
dium pflegen. 

Wie zerfressend ist doch das tägliche 
Maß an Pornographie, Unsittlichkeit, Un- 
ehrlichkeit, Respektlosigkeit, Mißhand- 
lung und Gewalt, die so vielen Quellen 
entspringen. Wenn wir nicht achtgeben, 
erschüttern sie unsere geistigen Grund- 
lagen. Wenn wir diese Übel einmal ver- 
innerlicht haben, ist es sehr schwierig, 
uns wieder davon zu befreien. 

Eider Dallin H. Oaks gab zu diesem 
Thema einen klugen Rat, als er als Prä- 
sident der Brigham Young University 
diente. Er sagte: 

„Wir sind von lockenden Darstellungen 
unerlaubter sexueller Beziehungen um- 
geben, ob in Zeitschriften oder auf dem 
Bildschirm. Meidet sie! Das ist nur zu 
eurem Besten. Pornographische oder 
erotische Geschichten und Bilder sind 
schlimmer als verunreinigtes Essen. Der 
Körper hat Abwehrsysteme, um sich von 
schädlichem Essen zu befreien. Mit nur 
wenigen verhängnisvollen Ausnahmen 
wird uns von verdorbenem Essen nur 
übel, aber es bleibt kein dauerhafter Scha- 
den. Dagegen nimmt jemand, der sich 
an schmutzigen Geschichten und porno- 
graphischen oder erotischen Bildern 
und Büchern weidet, sie in sein wunder- 
bares Wiedergabe-System auf, das wir 
das Gehirn nennen. Das Gehirn speit den 
Schmutz nicht wieder aus. Wenn er ein- 
mal aufgenommen wurde, kann er immer 
wieder abgerufen werden; seine laster- 
haften Bilder kommen euch plötzlich in 
den Sinn und ziehen euch von dem, was 
gut für euch ist, weg." 9 

In gewissem Sinn sind wir die Gene- 
ration in der Weltgeschichte, die sich 



den größten Herausforderungen stellen 
muß. Wir scheinen in einer Zeit zu leben, 
die von König Benjamin vorausgesehen 
wurde. Er sagte: „Ich kann euch schließ- 
lich nicht alles sagen, wodurch ihr Sünde 
begeht, denn es gibt da verschiedene Mit- 
tel und Wege, ja, so viele, daß ich sie nicht 
aufzählen kann." Nun folgt die eindring- 
liche Warnung: „Aber soviel kann ich 
euch sagen: Wenn ihr nicht achthabt 
auf euch und eure Gedanken und Worte 
und Taten und wenn ihr nicht die Gebote 
Gottes beachtet und nicht den festen 
Glauben behaltet an das, was ihr über das 
Kommen unseres Herrn gehört habt, ja, 
bis ans Ende eures Lebens, dann müßt ihr 
zugrunde gehen." 10 

Ich möchte auch ein paar Worte an die 
Brüder richten, die ein wenig älter sind. 
Präsident J. Reuben Clark, ein Ratgeber in 
der Ersten Präsidentschaft, hat von die- 
sem Pult aus oft gesagt: „Brüder, ich 
hoffe, ich kann bis ans Ende ausharren." 
Damals war Präsident Clark bereits über 
achtzig. Als junger Mann konnte ich nicht 
verstehen, wie dieser weise, gebildete, er- 
fahrene, rechtschaffene Apostel des Herrn 
Jesus Christus sich um sein geistiges 
Wohl sorgen konnte. Nun, da ich mich 
seinem Alter nähere, verstehe ich es. Ich 
habe den gleichen Wunsch für mich, für 
meine Familie und für alle meine Brüder 
im Priestertum. Im Lauf meines Lebens 
habe ich einige der edelsten, fähigsten 
und rechtschaffensten Männer stolpern 
und fallen sehen. Sie waren viele Jahre 
lang treu und verfingen sich dann in ei- 
nem Netz von Dummheit und Torheit, 
wodurch sie große Schande über sich 
brachten, das Vertrauen ihrer unschul- 
digen Familie verrieten und ihren Lie- 
ben ein Vermächtnis an Kummer und 
Schmerz hinterließen. 

Meine lieben Brüder, wir alle, ob jung 
oder alt, müssen ständig vor den Ver- 
lockungen des Satans auf der Hut sein. 
Diese üblen Einflüsse kommen auf uns zu 
wie die Wellen der Gezeiten. Wir müssen 
klug auswählen, welche Bücher und Zeit- 
schriften wir lesen, welche Filme wir an- 
sehen und wie wir moderne Technologien 
wie das Internet nutzen. 

Die große Macht des Priestertums über- 
steigt unser Verständnis. Sie ist immer- 
während. Durch diese Macht erhielt das 
Universum seine Ordnung. Ich verheiße 
Ihnen überragende Segnungen, wenn Sie 
rechtschaffen leben. Das kann ich ohne 
Zögern und Ausflüchte tun, und zwar 
wegen der Verheißungen des Herrn im 
Eid und Bund des Priestertums, den wir 
im 84. Abschnitt in Lehre und Bündnisse 
finden: 



„Denn diejenigen, die treu sind, so daß 
sie diese zwei Priestertümer erlangen, 
von denen ich gesprochen habe, und ihre 
Berufung groß machen, werden vom 
Geist geheiligt, so daß sich ihr Körper 
erneuern wird. 

Sie werden zu Söhnen Moses und 
Aarons und zu Nachkommen Abrahams; 
sie werden die Kirche und das Reich und 
die Auserwählten Gottes. 

Und alle, die dieses Priestertum emp- 
fangen, die empfangen mich, spricht der 
Herr; 

denn wer meine Knechte empfängt, der 
empfängt mich; 

und wer mich empfängt, der empfängt 
meinen Vater; 

und wer meinen Vater empfängt, der 
empfängt meines Vaters Reich; darum 
wird ihm alles gegeben werden, was 
mein Vater hat. 11 

Für den Fall, daß wir glauben und treu 
sind, ist uns alles verheißen, was der Va- 
ter hat. Wenn wir alles empfangen, was 
der Vater hat, dann gibt es nichts mehr, 
was wir in diesem oder im nächsten 
Leben empfangen können. In unseren 
Herausforderungen und Kämpfen gegen 
die Mächte des Bösen und der Finsternis 
sollen wir daran denken, daß „bei uns 
[mehr sind] als bei ihnen". 12 Wir sind 
Teil der größten Sache auf der Erde. Wir 
sind Pioniere der Zukunft. Gehen wir 
vorwärts wie das Heer Helamans, und 
bauen wir das Reich Gottes auf. Seien wir, 
wie die königlichen Heerscharen, „einig, 
kühn und stark", und „marschieren wir 
vorwärts, um auf dem großen Schlacht- 
feld des Lebens siegreich zu sein." 13 All 
diese Hoffnungen, Segnungen und Mög- 
lichkeiten werden uns zuteil, wenn wir 
nur glauben und ohne Furcht sind. Das 
bezeuge ich im Namen Jesu Christi, 
amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Markus 5:39-42. 

2. Markus 5:36. 

3. Siehe Mosia 4:9. 

4. Markus 5:36. 

5. 2 Könige 6:14-17. 

6. Siehe 2 Könige 6:18-23. 

7. Siehe Wayne B. Lynn, Lessonsfrom Life, 
1987, 51f. 

8. Ben E. Rieh, in Conference Report, 
April 1911, 104. 

9. The New Em, Februar 1974, 18. 

10. Mosia 4:29,30. 

11. LuB 84:33-38. 

12. 2 Könige 6:16. 

13. Siehe Hymns, Nr. 251. 



DER STERN 

46 



Das Heimlehren - 
ein göttlicher Dienst 

Präsident Thomas S. Monson 

Erster Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 



Nehmen wir uns doch . . . derer an, für die wir verantwortlich sind, 
und bringen wir sie zum Tisch des Herrn zurück, damit sie sich 
an seinem Wort laben und mit seinem Geist Gemeinschaft haben. 



schlimm sind. Sie bauen im Boot meines 
Stiefopas und in der Scheune meines Va- 
ters und überall Nester. Mein Stiefopa und 
mein Vater meinen, ich sollte sie totschie- 
ßen, aber meine Mutter will das nicht. Ich 
weiß, nach dem Gesetz darf man das, aber 
ich möchte nicht Ihre Meinung als Jäger 
hören, sondern als Führer der Kirche. 

Mit freundlichen Grüßen 

David Smith 

P. S. Ein Stärling ist ein schwarzer Vogel, 
der die Eier anderer Vögel frißt und noch 
mehr schlimme Sachen macht." 

Jeder Brief, der eingeht, wird beantwor- 
tet. Die Antwort auf diesen Brief hat 
der Sekretär der Ersten Präsidentschaft, 
F. Michael Watson, verfaßt. 

Lieber David, 

ich bin gebeten worden, auf Deinen 
Brief vom 30. April zu antworten, in dem 
Du den Präsidenten der Kirche wegen 
der Probleme befragst, die Du mit den 
Stärlingen hast. 

Die Kirche hat zu dieser Angelegenheit 
keine offizielle Richtlinie. Die Führer der 
Kirche sind der Meinung, es sollte Deinen 
Eltern überlassen bleiben, Dir zu sagen, 
was Du tun sollst. 

Ich hoffe, daß diese Information Dir von 
Nutzen ist. 

Mit freundlichen Grüßen 

F. Michael Watson" 

Präsident Hinckley kann einfach nicht 
jeden Brief selbst beantworten, und er 
kann auch nicht überall sein. Auch wir, 
die wir ihm behilflich sind, können nicht 
jedes Mitglied in jedem Land erreichen. 
Aber der Herr hat uns in seiner Weisheit 
Richtlinien gegeben, mittels derer wir, die 
wir das Priestertum Gottes tragen, den 
Familien der Kirche dienen, sie unterwei- 
sen und ihnen Zeugnis geben können. Ja, 
ich spreche vom Heimlehren. 

Ich möchte auf das eingehen, was der 
Herr und seine Propheten zu diesem 
wichtigen Unterfangen gesagt haben. 




Dies ist eine vom Geist erfüllte Kon- 
ferenzversammlung, und ich weiß, 
daß wir alle aufgebaut worden sind. 
Es heißt: „Wo der Präsident ist, da ist 
Stärke, und zu wissen, daß er bei uns ist 
und präsidiert, stärkt die ganze Kirche." 1 

Präsident Hinckley hat im vergangenen 
Jahr ein sehr anstrengendes Leben ge- 
führt. Er hat vielen Tausenden Mitglie- 
dern und anderen in der ganzen Welt 
Zeugnis gegeben. Für viele unserer en- 
gagierten Mitglieder an fernen Orten mit 
fremdklingenden Namen war es das erste 
Mal, daß sie so etwas erlebten. Er ist 
dankbar, daß wir für ihn beten. 

Zusätzlich zu seinen vielen anderen 
Aufgaben bekommt der Präsident der 
Kirche jeden Tag sehr viele Briefe. Ich 
muß an einen solchen Brief denken, den 
ich Ihnen hier vorlesen möchte. Ich 
habe den Namen des jungen Mannes, der 
den Brief geschrieben hat, geändert. Er 
beginnt folgendermaßen: 

„Lieber Präsident, 

hi, ich heiße David Smith. Ich wohne 
in einer Gegend, wo die Stärlinge sehr 



Der Bischof einer jeden Gemeinde der 
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letz- 
ten Tage beauftragt die Priestertumsträ- 
ger, als Heimlehrer jeden Monat die Mit- 
gliederfamilien zu besuchen. Sie gehen zu 
zweit; häufig begleitet ein Jugendlicher, 
der das Aaronische Priestertum trägt, 
einen Erwachsenen, der das Melchisede- 
kische Priestertum trägt. 

Das Heimlehrprogramm ist auf neuzeit- 
liche Offenbarung hin ins Leben gerufen 
worden; diejenigen, die das Priestertum 
tragen, werden dort beauftragt, „zu leh- 
ren, zu erläutern, zu ermahnen, zu taufen 
und über die Kirche zu wachen . . . und 
alle Mitglieder zu Hause zu besuchen 
und sie zu ermahnen, daß sie sowohl laut 
als auch heimlich beten und allen Oblie- 
genheiten in der Familie nachkommen . . . 
immer über die Gemeinde zu wachen 
und bei den Mitgliedern zu sein und sie 
zu stärken und zu sehen, daß es in der 
Gemeinde kein Übeltun gibt, auch keine 
Härte gegeneinander, weder Lügen noch 
Verleumden, noch böse Nachrede". 2 

Präsident David O. McKay hat uns er- 
mahnt: „Das Heimlehren ermöglicht uns 
unter anderem, die Kinder des himm- 
lischen Vaters zu nähren und zu inspi- 
rieren, zu beraten und zu unterweisen; 
das ist eine unserer dringlichsten und 
lohnendsten Aufgaben. ... Es ist ein gött- 
licher Dienst, eine göttliche Berufung. Wir 
Heimlehrer haben die Aufgabe, den gött- 
lichen Geist in jedes Herz, in jede Familie 
zu tragen. Die Arbeit zu lieben und sein 
Bestes zu geben - das schenkt dem groß- 
herzigen, engagierten Lehrer der Kinder 
Gottes uneingeschränkten Frieden, Freude 
und Zufriedenheit." 3 

Aus dem Buch Mormon: Alma weihte 
„alle ihre Priester und alle ihre Lehrer; 
und niemand wurde geweiht, der nicht 
ein gerechter Mann war. 

Darum wachten sie über ihr Volk und 
speisten es mit dem, was zur Rechtschaf- 
fenheit gehört." 4 

Wir gehen klug vor, wenn wir in Erfül- 
lung unserer Aufgaben als Heimlehrer in 
Erfahrung bringen, vor welchen Heraus- 
forderungen die Mitglieder jeder Familie 
stehen. Ein Heimlehrbesuch ist wahr- 
scheinlich erfolgreicher, wenn im voraus 
ein Termin abgesprochen wird. 

Der verstorbene John R. Burt, mit dem 
ich in Gemeinde und Pfahl in vielen Äm- 
tern gemeinsam gedient habe, hat erzählt, 
was er einmal erlebt hat, als er als Junge 
mit einem frommen Hohen Priester heim- 
lehren ging, der nie ein Blatt vor dem 
Mund nahm. Sie gingen ohne Vorankün- 
digung eine weniger aktive Familie be- 
suchen. Es war kein günstiger Zeitpunkt. 



JANUAR 1998 

47 



Ein Pokerspiel war im Gange, und das 
Wohnzimmer war von Rauchschwaden 
erfüllt. Die Heimlehrer betrachteten das 
Zimmer, und der Hohe Priester wandte 
sich dem jungen Bruder Burt zu und rief: 
„Diese Versammlung bedarf der Umkehr! 
Leite du doch bitte den Gesang, wir müs- 
sen ein Lied singen." 

Aber der Juniorpartner sagte: „Ich 
glaube, wir gehen besser und kommen 
ein andermal wieder/' 

Vor ein paar Jahren, als das Missionars- 
Führungs-Komitee aus Spencer W. Kim- 
ball, Gordon B. Hinckley und Thomas 
S. Monson bestand, hatten Bruder und 
Schwester Hinckley die Komiteemitglie- 
der mit ihrer Frau zum Essen eingeladen. 
Wir hatten gerade das herrliche Essen in 
dem schönen Haus - das Bruder Hinckley 
gebaut und an dem er die meiste Arbeit 
selbst getan hatte - beendet, klopfte es 
plötzlich an der Tür. Präsident Hinckley 
machte die Tür auf, und sein Heimleh- 
rer stand da. Der Heimlehrer sagte: „Ich 
habe meinen Partner nicht mit, aber ich 
hatte das Gefühl, ich sollte heute Abend 
kommen. Ich wußte nicht, daß Sie Besuch 
haben." 

Präsident Hinckley bat den Heimlehrer 
freundlich, hereinzukommen und sich zu 
setzen und drei Apostel und ihre Frauen 
in ihren Aufgaben als Mitglieder zu un- 
terweisen. Etwas ängstlich gab der Heim- 
lehrer sein Bestes. Präsident Hinckley 
dankte ihm, daß er gekommen war, wor- 
auf der Heimlehrer rasch wieder ging. 

Von Abraham Lincoln stammt der 
weise Rat, der sich gewiß auf die Heim- 
lehrer beziehen läßt: „Wenn man jeman- 
den für seine Sache gewinnen will, muß 
man ihn erst einmal davon überzeugen, 
daß man ihm ein aufrichtiger Freund ist." 
Präsident Ezra Taft Benson hat eindring- 
lich gesagt: „Vor allem aber muß man 
den Mitgliedern und Familien, die man 
belehrt, ein wirklicher Freund sein." 5 

Wie der Erretter uns gesagt hat: „Ich 
will euch Freunde nennen, denn ihr seid 
meine Freunde." 6 Ein Freund macht mehr 
als den einen Pflichtbesuch im Monat. 
Einem Freund geht es mehr darum, den 
Menschen zu helfen, als einen Strich ma- 
chen zu können. Ein Freund nimmt An- 
teil. Ein Freund liebt. Ein Freund hört zu. 
Und ein Freund packt mit an. 

Einige hier werden sich noch an die Ge- 
schichte erinnern, die Präsident Romney 
öfter erzählt hat - über den sogenannten 
Heimlehrer, der die Romneys eines kal- 
ten Winterabends besuchte. Er behielt 
den Hut in der Hand, und als er aufgefor- 
dert wurde, Platz zu nehmen und seine 
Botschaft vorzutragen, wurde er unruhig. 



„Die Sache ist nämlich die, Bruder Rom- 
ney", sagte er, „es ist heute sehr kalt, und 
ich habe den Motor in meinem Auto lau- 
fen lassen, damit er nicht einfriert. Ich 
wollte nur hereinschauen, damit ich dem 
Bischof melden kann, daß ich meine Be- 
suche gemacht habe." 

Nachdem Bruder Romney dieses Erleb- 
nis einmal in einer Priestertumsversamm- 
lung erzählt hatte, sagte er: „Wir können 
das viel besser machen, Brüder, viel 
besser!" 

Das Heimlehren ist die Antwort auf 
viele Gebete; es erlaubt uns, lebendige 
Wunder mitzuerleben. Ich möchte das 
mit Situationen veranschaulichen, die ich 
in den vergangenen Jahren, aber auch in 
jüngster Zeit selbst miterlebt habe. 

Der Eigentümer von Dick's Cafe in 
St. George, Utah, ist ein solches Beispiel. 
Dick Hammer kam während der Welt- 
wirtschaftskrise durch eine Arbeitsbe- 
schaffungsmaßnahme nach Utah. In der 
Zeit lernte er eine junge Frau kennen, die 
Heilige der Letzten Tage war, und hei- 
ratete sie. Er eröffnete sein Cafe, das zu 
einem beliebten Treffpunkt wurde. Einer 
der Heimlehrer der Familie Hammer war 
Willard Milne. Da ich Dick Hammer 
kannte und seine Speisekarten gedruckt 
hatte, fragte ich meinen Freund Bruder 
Milne, wenn ich St. George besuchte, 
immer: „Wie geht es denn mit unserem 
Freund Dick Hammer voran?" 

Im allgemeinen lautete die Antwort: 
„Langsam." 

Die Jahre vergingen, und vor ein, zwei 
Jahren sagte Willard zu mir: „Bruder 
Monson, Dick Hammer hat sich bekehrt; 
er will sich taufen lassen. Er ist jetzt fast 
90 Jahre alt, und wir sind schon unser 
ganzes Erwachsenenleben lang Freunde. 
Seine Entscheidung wärmt mir das Herz. 
Ich war viele Jahre, vielleicht fünfzehn 
Jahre, sein Heimlehrer." 

Bruder Hammer ließ sich tatsächlich 
taufen und ging ein Jahr darauf in den 
schönen St.-George-Tempel und erhielt 
dort die Begabung und wurde gesiegelt. 

Ich fragte Willard: „Hat es dich jemals 
entmutigt, daß du ihn so lange belehren 
mußtest?" 

Er erwiderte: „Nein, es war die Mühe 
wert. Ich bin glücklich." 

Vor einigen Jahren, ehe ich abreiste, um 
als Präsident der Kanadischen Mission 
mit Sitz in Toronto, Ontario, zu dienen, 
hatte ich mich mit einem Mann namens 
Shelley angefreundet, der in unserer Ge- 
meinde wohnte, aber das Evangelium 
nicht annahm, obwohl seine Frau und 
die Kinder es angenommen hatten. Wenn 
mich während meiner Zeit als Missions- 



präsident jemand gefragt hätte, ob ich je- 
manden nennen könnte, der wahrschein- 
lich Mitglied der Kirche würde, hätte ich 
wohl an Shelley gedacht. 

Nach meiner Berufung in den Rat der 
Zwölf rief Shelley mich an. Er sagte : „Bi- 
schof, wirst du meine Frau, meine Kinder 
und mich im Salt-Lake-Tempel siegeln?" 

Ich antwortete zögernd: „Aber Shelley, 
dann mußt du doch erst getauft sein." 

Er lachte und erwiderte : „Ach, das habe 
ich erledigt, während du in Kanada warst. 
Mein Heimlehrer hat an der Kreuzung 
vor der Schule den Verkehr geregelt, und 
wenn ich daherkam, haben wir uns im- 
mer über das Evangelium unterhalten." 

Ich durfte dieses Wunder mit eigenen 
Augen sehen und mit Herz und Seele 
diese Freude spüren. Die Siegelung fand 
statt; die Familie war geeint. Shelley starb 
kurz danach, aber vorher dankte er sei- 
nen Heimlehrern noch öffentlich für ihren 
treuen Dienst. 

Eider Mark E. Petersen hat, wenn er über 
die Aktivierung der Mitglieder sprach, 
häufig gesagt: „Die Herausforderung 
besteht darin, daß sie nicht genügend 
bekehrt sind." Wir, das Priestertum der 
Kirche, können es uns nicht leisten, Fami- 
lien in einem Kokon zu belassen, wo sie 
von den übrigen Mitgliedern der Kirche 
isoliert sind. 

Vor vielen Jahren hat Joseph Lyon aus 
Salt Lake City mir etwas erzählt, das er 
von einem Geistlichen einer anderen Kir- 
che gelernt hatte, der vor der Bankiers- 
vereinigung von Salt Lake einen Vortrag 
gehalten hatte. Der Geistliche hatte kühn 
gesagt: „Der Mormonismus ist die groß- 
artigste Philosophie in der heutigen Welt. 
Die größte Prüfung für die Kirche wird 
mit der Verbreitung von Fernsehen und 
Radio kommen, die die Menschen von 
der Kirche fernhalten." Dann erzählte 
er eine Geschichte, die ich immer als 
„Heiße-Kohlen-Geschichte" bezeichne. Er 
beschrieb einen warmen Kamin, in dem 
das Holz hell gebrannt hatte und wo jetzt 
die glühenden Kohlen weiter Wärme 
abgaben. Er erklärte, wenn man eine 
Messingzange in die Hand nehme, könne 
man ein Stück glühende Kohle aus 
dem Feuer nehmen. Dieses Stück Glut 
werde dann langsam blaß und schließlich 
schwarz. Es glühe nicht mehr. Es gäbe 
keine Wärme mehr ab. Wenn man aber 
das schwarze, kalte Stück Kohle in die 
lebendige Glut zurücklegte, würde es 
wieder hell und warm. Abschließend 
sagte er: „Die Menschen sind auch ein 
bißchen so wie die Kohlen in einem 
Feuer. Wenn sie sich von der Wärme und 
dem Geist der aktiven Mitgliedschaft in 



DER STERN 



48 



der Kirche entfernen, tragen sie nicht mehr 
zum Ganzen bei, sondern ändern sich in 
der Isolation. So wie die Glut, die man 
aus der Hitze des Feuers entfernt, verlie- 
ren sie die Wärme und den Geist, wenn 
sie sich von der Intensität des Geistes, 
den die aktive Mitgliedschaft erzeugt, 
entfernen." 

Der Reverend sagte zum Abschluß 
seiner Ausführungen: „Menschen sind 
wichtiger als die Glut in einem Feuer." 

Die Jahre kommen und gehen, und die 
Herausforderungen des Lebens werden 
immer schwieriger; da können die Besu- 
che der Heimlehrer bei denen, die sich 
von der Aktivität in der Kirche entfernt 
haben, der Schlüssel sein, der letztlich die 
Tür zu ihrer Rückkehr aufschließt. 

Brüder, nehmen wir uns doch, mit die- 
sem Gedanken im Sinn, derer an, für die 
wir verantwortlich sind, und bringen wir 
sie zum Tisch des Herrn zurück, damit sie 
sich an seinem Wort laben und mit sei- 
nem Geist Gemeinschaft haben, damit sie 
„nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht" 
sind, „sondern Mitbürger der Heiligen 
und Hausgenossen Gottes". 7 

Präsident Ezra Taft Benson hat gesagt, 
das Heimlehren sei „der Dienst am Näch- 
sten, den das Priestertum ausführt". 8 Ich 
habe vor kurzem von Schwester Mori 
Farmer einen zu Herzen gehenden Brief 
erhalten. Er berichtet von zwei Heimleh- 
rern und dem liebevollen Dienst, den sie 
der Familie Farmer in einer Zeit geleistet 
haben, als die Familie große finanzielle 
Schwierigkeiten durchmachte. Während 
der Zeit, als sie diesen Dienst leisteten, 
war die Familie Farmer nicht in der Stadt, 
sondern bei einem Familientreffen. 

Ich möchte Ihnen zuerst einen Brief vor- 
lesen, den die Heimlehrer der Familie 
Farmer geschrieben hatten und den die 
Familie bei ihrer Rückkehr an die Gara- 
gentür geklebt fand. Er beginnt: „Wir 
hoffen, daß Ihr ein schönes Familientref- 
fen hattet. Während Ihr weg wart, haben 
wir und etwa fünfzig unserer Freunde 
in Eurem Haus eine Party gefeiert. Wir 
möchten Euch von ganzem Herzen für 
die Jahre selbstlosen Dienens danken, die 
Ihr beiden uns geschenkt habt. Ihr seid 
immer ein Vorbild für unermüdlichen 
selbstlosen Dienst an anderen. Das kön- 
nen wir Euch niemals zurückzahlen - 
aber wir haben uns gedacht, daß wir uns 
wenigstens bei Euch bedanken wollten. 
Eure Heimlehrer." 

Ich zitiere jetzt aus Schwester Mori 
Farmers Brief an mich: 

„[Nachdem wir die Notiz unserer 
Heimlehrer gelesen hatten], gingen wir 
sehr erwartungsvoll ins Haus. Was wir 



vorfanden, schockierte uns so sehr, daß 
wir nichts mehr sagen konnten. Ich war 
die ganze Nacht auf und weinte, weil 
die Menschen in unserer Gemeinde so 
großzügig waren. 

Unsere Heimlehrer hatten beschlossen, 
unseren Teppich in Ordnung zu bringen, 
während wir weg waren. Sie hatten die 
Möbel draußen vor das Haus gestellt, da- 
mit der Teppich ordentlich verlegt und 
befestigt werden konnte. Ein Mann aus 
der Gemeinde blieb stehen und fragte, 
was los sei. Er kam später mit Farbe im 
Wert von mehreren hundert Dollar zu- 
rück und sagte: ,Dann können wir auch 
gleich das Haus streichen, während alles 
draußen ist.' Andere sahen die Autos vor 
dem Haus und blieben stehen, um zu se- 
hen, was da vor sich ging, und bis zum 
Wochenende waren fünfzig Leute damit 
beschäftigt, zu reparieren, zu streichen, 
zu putzen und zu nähen. 

Unsere Freunde aus der Gemeinde hat- 
ten unseren schlecht verlegten Teppich in 
Ordnung gebracht, das ganze Haus ge- 
strichen, die Löcher in den Wänden aus- 
gefüllt, unsere Küchenschränke geölt und 
gestrichen, an drei Fenstern in der Küche 
und im Wohnzimmer Gardinen aufge- 
hängt, die Wäsche gewaschen, jedes Zim- 
mer im Haus geputzt, die Teppiche gerei- 
nigt, die kaputten Türbeschläge repariert 
und so weiter. Bei dem Versuch, all das 
Wunderbare, das sie für uns getan haben, 
aufzuschreiben, haben wir drei Seiten 
vollgeschrieben. All das war in der Zeit 
von Mittwoch bis zu unserer Rückkehr 
am Sonntag geschehen. 

Fast jeder, mit dem wir sprachen, er- 
zählte uns mit Tränen in den Augen, was 
für ein geistiges Erlebnis es gewesen sei, 
dabei mitzumachen. Dieses Erlebnis hat 
uns zutiefst demütig gestimmt. Wenn wir 
uns zu Hause umsehen, werden wir an 
ihre Güte und an das große Opfer an Zeit, 
Talenten und Geld erinnert, das sie für 
unsere Familie gebracht haben. Unsere 
Heimlehrer sind für uns wahrhaftig En- 
gel, und wir werden sie und all das Wun- 
derbare, das sie für uns getan haben, nie 
vergessen." 

Ich könnte noch weitere Beispiele an- 
führen. Ich möchte aber nur noch ein 
Beispiel nennen, das beschreibt, was für 
Heimlehrer wir sein sollen. Ich zitiere: 
„Es gibt einen Lehrer, dessen Leben alles 
andere in den Schatten stellt. Er hat über 
Leben und Tod gesprochen, über Pflicht 
und Bestimmung. Er lebte nicht, um sich 
bedienen zu lassen, sondern um zu die- 
nen; nicht um zu bekommen, sondern um 
zu geben; nicht um sein Leben zu retten, 
sondern um es für andere zu opfern. 



Er beschrieb eine Liebe, die schöner ist 
als die Lust, eine Armut, die reicher ist als 
alle Schätze. Denkt in der heutigen Welt, 
wo viele Menschen nach Gold und Herr- 
lichkeit gieren und wo sie sich von den 
Philosophien der Menschen beherrschen 
lassen, daran, daß dieser Lehrer nie 
schrieb - nur einmal schrieb er in den 
Sand, und der Wind zerstörte seine 
Handschrift für immer. Seine Gesetze 
stehen nicht in Stein geschrieben, sondern 
ins Menschenherz." 9 Ich spreche vom 
größten aller Lehrer, von Jesus Christus, 
dem Sohn Gottes, dem Erretter und Er- 
löser aller Menschen. Die Bibel sagt über 
ihn, daß er umherzog und Gutes tat. 10 
Wenn wir uns an ihn als unseren nie feh- 
lenden Führer und unser Vorbild halten, 
wird er uns beim Heimlehren helfen. Das 
wird für die Menschen ein Segen sein. 
Es wird die Herzen trösten. Und es wird 
Menschen erretten. 
Im Namen Jesu Christi, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Harold B. Lee, "Meeting the Needs 

of a Growing Church", Improvement Era, 
Januar 1968, 26. 

2. LuB 20:42,47,53,54. 

3. David O. McKay, Vorwort zu der 
Heimlehranweisung A Divine Service, 1963. 

4. Mosia 23:17,18. 

5. Ezra Taft Benson, „An die Heimlehrer der 
Kirche", Der Stern, Juli 1987, 47. 

6. LuB 93:45. 

7. Epheser2:19. 

8. Ezra Taft Benson, „An die Heimlehrer der 
Kirche", Der Stern, Juli 1987, 46. 

9. Siehe Thomas S. Monson, „Only a 
Teacher", Improvement Era, Juni 1970, 91. 

10. Siehe Apostelgeschichte 10:38. 




JANUAR 199 



49 



Gedanken zum Tempel, dazu, 
wie wir es erreichen, daß 
unsere neuen Mitglieder aktiv 
bleiben, und zum Missions- 
dienst 



Präsident Gordon B. Hinckley 



Mögen Sie die Kirche als Ihren großen und guten Freund betrachten, 
als Ihre Zuflucht, wenn die Welt sich gegen Sie zu richten scheint, 
als Hoffnung, wenn alles finster ist, als Ihre Säule aus Feuer. 



im Juni haben wir nun 50 Tempel in Be- 
trieb. Schon bald werden wir den Vernal- 
Tempel in Utah weihen. Sodann steht im 
Juni 1998 die nächste Weihung an, und 
zwar in Preston in England. 

Ich freue mich, sagen zu können, 
daß die Tempel in Kolumbien, Ekuador, 
der Dominikanischen Republik, Bolivien, 
Spanien, Recife und Campinas in Brasi- 
lien, Mexiko, Boston, New York und Al- 
buquerque in der Planung oder bereits im 
Bau gut vorankommen. Auch unser kürz- 
lich bekanntgegebener Plan, in Venezuela 
einen Tempel zu bauen, kommt voran, 
und wir hoffen, schon sehr bald einen 
Bauplatz erwerben zu können. Wir sind 
weiterhin dabei, verschiedene Geneh- 
migungen für einen Tempel in Billings, 
Montana, und Nashville, Tennessee, ein- 
zuholen, was mit einigen Schwierigkeiten 
verbunden ist. 

Ich freue mich, hier sagen zu können, 
daß wir vorhaben, in Houston, Texas, und 
in Porto Alegre, Brasilien, einen Tempel 
zu bauen. All dies bekundet, daß wir sehr 
daran interessiert sind, diese wichtige 
Arbeit energisch voranzutreiben. Insge- 
samt finden sich derzeit rund 17 Tempel 
in irgendeiner Bauphase, und das ist ein 
gewaltiges Unterfangen. 

Es gibt aber viele Gebiete der Kirche, 
die sehr abgelegen sind, wo es nur we- 
nige Mitglieder gibt und es in der nahen 
Zukunft sicher nicht viel mehr sein wer- 
den. Sollen denen, die an solchen Orten 
wohnen, die Segnungen der heiligen 
Handlungen des Tempels für immer vor- 
enthalten bleiben? Während ich vor ein 
paar Monaten ein solches Gebiet besucht 
habe, habe ich gebeterfüllt über diese 




Nun, Brüder, jetzt darf ich zu Ihnen 
sprechen, und ich werde einiges 
von dem, was in dieser Konferenz 
gesagt worden ist, wiederholen - in der 
Hoffnung, darauf Nachdruck zu legen. 
Wir hatten eine wunderbare Versamm- 
lung, und wenn wir tun, was uns geraten 
worden ist, werden wir alle bessere Men- 
schen sein. 

Ich glaube, daß kein Mitglied der Kirche 
in vollem Umfang das empfangen hat, 
was die Kirche geben kann, wenn es nicht 
die Segnungen des Tempels im Haus des 
Herrn empfangen hat. Infolgedessen tun 
wir alles, was wir können, um den Bau 
dieser heiligen Gebäude zu beschleuni- 
gen und noch mehr Menschen die Seg- 
nungen, die man darin empfängt, zu- 
gänglich zu machen. 
Mit der Weihung des St. -Louis-Tempels 



Frage nachgedacht. Die Antwort, so glau- 
ben wir, kam klar und deutlich. 

Wir werden in manchen dieser Gebiete 
kleine Tempel bauen, Gebäude mit den 
nötigen Einrichtungen, so daß alle hei- 
ligen Handlungen vollzogen werden 
können. Sie würden entsprechend dem 
Tempelstandard gebaut, der höher ist als 
der Gemeindehausstandard. Es könnten 
dann dort Taufen für Verstorbene, die 
Begabung, Siegelungen und alle übrigen 
heiligen Handlungen vollzogen werden, 
die im Haus des Herrn für Lebende und 
Verstorbene vollzogen werden. 

Es würde dort, wo immer das möglich 
ist, ein Einheimischer als Tempelpräsi- 
dent berufen, so wie auch die Pfahlprä- 
sidenten berufen werden, und zwar auf 
unbestimmte Zeit. Der Tempelpräsident 
würde im Gebiet wohnen, und zwar in 
seiner eigenen Wohnung. Ein Ratgeber 
würde als Temple Recorder arbeiten, der 
andere als Tempelingenieur. Alle Tempel- 
arbeiter wären Einheimische, die in ihrer 
Gemeinde und ihrem Pfahl auch noch in 
anderen Ämtern tätig wären. 

Es würde erwartet, daß die Besucher 
ihre Tempelkleidung selbst mitbringen, 
was die Einrichtung einer kostspieligen 
Wäscherei unnötig machen würde. Dann 
würde eine einfache Wäscherei für die 
Taufwäsche genügen. Es gäbe auch keine 
Kantine. 

Ein solches Gebäude hätte je nach Be- 
darf geöffnet, vielleicht auch nur ein, zwei 
Tage in der Woche - das wäre dem Tem- 
pelpräsidenten überlassen. Wo das mög- 
lich ist, würden wir ein solches Gebäude 
auf demselben Grundstück errichten wie 
das Pfahlhaus und für beide Gebäude 
denselben Parkplatz benutzen, was auch 
eine große Ersparnis bedeuten würde. 

Der Bau eines solchen kleinen Tempels 
würde etwa soviel kosten wie der Unter- 
halt eines großen Tempels in einem einzi- 
gen Jahr. Er kann in relativ kurzer Zeit, 
innerhalb von mehreren Monaten, errich- 
tet werden. Ich wiederhole, daß nichts 
Wesentliches fehlen würde. Jede heilige 
Handlung, die im Haus des Herrn vollzo- 
gen wird, könnte dort vollzogen werden. 
Diese kleinen Gebäude hätten mindestens 
die Hälfte der Kapazität einiger unserer 
viel größeren Tempel. Und sie könnten 
bei Bedarf ausgebaut werden. 

Wenn Sie dies jetzt hören, werden die 
Pfahlpräsidenten in vielen Gebieten si- 
cher sagen, das sei genau das, was sie 
brauchen. Teilen Sie uns also bitte mit, 
was Sie brauchen, und wir werden ge- 
beterfüllt und sorgfältig darüber nach- 
denken, aber erwarten Sie bitte nicht, 
daß jetzt alles auf einmal geschieht. Wir 



DER STERN 



50 




Ernte (1912) - Relief am Fuße des Möwendenkmals von Mahonri M. Young, das auf dem Tempelplatz in Salt Lake City steht. Es wird dargestellt, 
wie die Pioniere im Salzseetal ihr Getreide ernten. 



JANUAR 1998 

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Befreiung (1912) - Relief am Fuße des Möwendenkmals von Mahonri M. Young, das auf dem Tempelplatz in Salt Lake City steht. 

Es wird die Ankunft der Möwen als Antwort auf Beten dargestellt. Die Möwen verschlangen die gefräßigen Heuschrecken, die über das Getreide 

der Pioniere hergefallen waren. 



DER STERN 



54 



brauchen für dieses Unterfangen ein 
bißchen Erfahrung. 

Der Betrieb solcher Tempel wird den 
glaubenstreuen Heiligen vor Ort sicher 
gewisse Opfer abverlangen. Sie werden 
nicht nur als Tempelarbeiter dienen, son- 
dern es wird auch von ihnen erwartet, 
daß sie das Gebäude putzen und dafür 
sorgen. Aber die Belastung wird nicht 
schwer wiegen; in Anbetracht der da- 
mit verbundenen Segnungen wird sie tat- 
sächlich leicht sein. Es wird keine bezahl- 
ten Mitarbeiter geben: alle beim Betrieb 
anfallenden Arbeiten werden ein Zeichen 
des Glaubens und des Engagements der 
Heiligen sein. 

Wir planen solche Gebäude derzeit in 
Anchorage, Alaska, in den HLT-Kolonien 
im nördlichen Mexiko und in Monticello, 
Utah. In Gebieten mit mehr Mitgliedern 
der Kirche werden wir weitere traditio- 
nelle Tempel bauen, aber wir sind dabei, 
Pläne zu entwickeln, die die Kosten re- 
duzieren, ohne daß die Arbeit, die dort 
geleistet wird, abnimmt. Wir sind fest 
entschlossen, Brüder, den Tempel zu den 
Menschen zu bringen und ihnen jede 
Möglichkeit zu bieten, die so überaus 
kostbaren Segnungen des Gottesdiensts 
im Tempel zu erlangen. 

Soviel zu dem Thema. Was ich nun 
sage, haben Sie schon einmal von mir ge- 
hört und Sie haben auch andere schon 
darüber sprechen hören. Ich hoffe, daß 
wir auch weiterhin darüber reden und 
dann auch etwas tun, weil es mir nämlich 
sehr am Herzen liegt. 

Mit der Zunahme der Missionsarbeit 
in aller Welt muß eine vergleichbare Zu- 
nahme der Bemühungen einhergehen, 
daß jedes neue Mitglied sich in der Ge- 
meinde bzw. im Zweig zu Hause fühlt. In 
diesem Jahr werden so viele Menschen 
zur Kirche kommen, daß mehr als 100 
neue durchschnittlich große Pfähle gebil- 
det werden können. Bei der zunehmen- 
den Zahl der neuen Mitglieder vernach- 
lässigen wir aber leider einige von ihnen. 
Ich hoffe sehr, daß in der Kirche weltweit 
eine große Anstrengung dahingehend 
unternommen wird, daß wir daran ar- 
beiten, daß jedes einzelne neue Mitglied 
auch in der Kirche aktiv bleibt. 

Das ist eine ernste Angelegenheit. Es 
hat keinen Zweck, zu missionieren, wenn 
wir die Früchte dieser Bemühungen nicht 
festhalten können. Man darf das eine 
nicht vom anderen trennen. 

Ich möchte Ihnen einen Brief vorlesen. 
Solche Briefe erhalten wir hin und wie- 
der. Ein Mann schreibt: 

„Nachdem ich las, was Sie auf der 
Generalkonferenz im April gesagt haben, 



fühle ich mich gedrängt, Ihnen zu schrei- 
ben. Besonders bewegt hat mich, was Sie 
über ,neue Mitglieder und die jungen 
Männer' gesagt haben. Ich fand den Arti- 
kel im Internet, und Ihre Worte sind mir 
sehr zu Herzen gegangen. Wie Sie die 
neuen Mitglieder und ihre besonderen 
Bedürfnisse sehen, hat mich besonders 
berührt, weil ich selbst einmal ein neues 
Mitglied war. Ich wollte Ihnen daher 
schreiben und Sie wissen lassen, daß ich 
mit allem, was Sie gesagt haben, überein- 
stimme; wären sich mehr Mitglieder der 
Bedürfnisse eines neuen Mitglieds be- 
wußt gewesen, wäre ich wahrscheinlich 
in der Kirche geblieben. 

Ich habe mich 1994 zur Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage be- 
kehrt. Das geschah, nachdem ich lange 
nach der wahren Kirche gesucht hatte. Ich 
habe damals so ziemlich jede Religions- 
gemeinschaft und jede Kirche untersucht, 
aber doch nie das gefunden, was ich 
suchte. Vom ersten Kontakt mit den Mis- 
sionaren an wußte ich, daß sie mir etwas 
zu sagen hatten, was mein Leben verän- 
dern sollte. Ich hörte mir an, was sie zu 
sagen hatten, und es war genau das, wo- 
nach ich all die Jahre gesucht hatte. Ich 
weiß nicht, ob sich mit Worten beschrei- 
ben läßt, was ich empfand, nachdem ich 
ihre Botschaft vernommen hatte. Ich hatte 
endlich Frieden gefunden. Alles ergab 
Sinn. Ich studierte die Kirche ernsthaft 
und hatte das Gefühl, ich sei ,nach Hause' 
gekommen. Ich beschloß, mich am 8. Ok- 
tober 1994 taufen zu lassen. Es war einer 
der schönsten Tage meines Lebens. 

Nach meiner Taufe änderte sich aber be- 
züglich der Kirche etwas. Ich fand mich 
plötzlich in ein Umfeld gestoßen, wo von 
mir erwartet wurde, daß ich wußte, was 
vor sich ging. Ich stand nicht länger im 
Mittelpunkt des Interesses, sondern war 
einfach nur ein Mitglied. Man behandelte 
mich, als gehörte ich schon jahrelang zur 
Kirche. 

Sechs Lektionen sollte es noch geben, 
nachdem ich mich der Kirche angeschlos- 
sen hatte. Sie kamen nicht. Zur gleichen 
Zeit übte meine Verlobte starken Druck 
auf mich aus; sie wollte nicht, daß ich in 
der Kirche war. Ihre Glaubensansichten 
waren extrem gegen die Mormonen ein- 
gestellt, und sie wollte nicht, daß ich dazu 
gehörte. Wir stritten oft wegen der Kir- 
che. Ich dachte, ich könnte ihr meine Seite 
der ganzen Angelegenheit verständlich 
machen. Ich dachte, wenn ich nur mehr 
Zeit hatte, in der Kirche aktiv zu sein, 
würde sie nicht mehr meinen, daß es sich 
da um etwas Schlechtes oder eine Sekte 
handelte. Ich dachte, durch mein Beispiel 



würde sie erkennen, daß dies die wahre 
Kirche ist, und sie annehmen. 

Ich ließ mir dabei von den Missionaren 
sehr helfen. Sie halfen mir, . . . nach Wegen 
zu suchen, wie ich meine Verlobte davon 
überzeugen konnte, daß mein Entschluß 
richtig war. Das ging ganz gut, bis die 
Missionare versetzt wurden. Sie zogen 
fort, und ich wurde im Grunde allein ge- 
lassen. So empfand ich es jedenfalls. Ich 
dachte, die Mitglieder würden mir helfen, 
aber da kam nichts. Der Bischof half mir, 
aber viel konnte er auch nicht tun. Nach 
und nach verlor ich das ,warme, prik- 
kelnde Gefühl' in bezug auf die Kirche. 
Ich fühlte mich als Fremder. Ich begann, 
an der Kirche und ihrer Botschaft zu 
zweifeln. Irgendwann fing ich an, mehr 
auf meine Verlobte zu hören. Schließlich 
kam ich zu dem Schluß, daß ich mich 
der Kirche übereilt angeschlossen hatte. 
Ich schrieb dem Bischof und bat darum, 
meinen Namen aus den Büchern der 
Kirche zu streichen. Ich ließ zu, daß dies 
geschah. Das war ein Tiefpunkt in mei- 
nem Leben. 

Nun ist es zwei Jahre her, daß ich die 
Kirche verlassen habe. Ich bin [zu meiner 
vorigen Kirche] zurückgekehrt und habe 
seit geraumer Zeit keinen Kontakt mehr 
zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage. Ständig bete ich und bitte 
Gott um Weisung. Ich weiß im Herzen, 
daß er mich zu seiner wahren Kirche füh- 
ren wird. Ob das allerdings die Kirche 
Jesu Christi der Heiligen der Letzen Tage 
ist oder ob sie überhaupt existiert, weiß 
ich nicht. Ich bedaure, daß ich die Kirche 
verlassen habe und meinen Namen aus 
den Büchern streichen ließ, aber damals 
blieb mir keine andere Wahl. Was ich er- 
lebt habe, hat einen schlechten Eindruck 
bei mir hinterlassen, der nur schwer zu 
überwinden wäre. 

Da die Kirche vorhat, ein Programm ein- 
zuführen, mit dem man die neuen Mit- 
glieder in der Kirche halten will, wollte 
ich Sie wissen lassen, . . . daß ich glaube, 
daß viele neue Mitglieder so etwas er- 
leben mögen, wie ich es erlebt habe. Ich 
weiß, daß mache Leute sich der Kirche ge- 
gen den Rat ihrer Freunde und ihrer An- 
gehörigen anschließen. Das ist für sie ein 
großer Schritt, und sie sollten in dieser kri- 
tischen Zeit unterstützt werden. Aus mei- 
ner Vergangenheit weiß ich: wäre diese 
Unterstützung da gewesen, würde ich 
Ihnen heute nicht diesen Brief schreiben. 

Vielen Dank für Ihre Zeit. Mit freund- 
lichen Grüßen." Der Brief ist unterschrie- 
ben. 

Welch eine Tragödie. Welch eine 
schreckliche Tragödie. Ich glaube, daß der 



JANUAR 1998 

55 




Die Erste Präsidentschaft auf der Konferenz, von links: Präsident Thomas S. Monson, Erster 
Ratgeber, Präsident Gordon B. Hinckley und Präsident James E. Faust, Zweiter Ratgeber. 



Schreiber immer noch ein Zeugnis davon 
hat, daß dieses Werk wahr ist. Dieses 
Zeugnis hat er seit seiner Taufe gehabt, 
aber er fühlte sich übergangen und für 
jedermann ohne Bedeutung. 

Jemand hat versagt, elendig versagt. Ich 
sage den Bischöfen in aller Welt: Bei al- 
lem, was Sie zu tun haben - und wir wis- 
sen, daß es viel ist -, können Sie die neuen 
Mitglieder nicht außer acht lassen. Die 
meisten brauchen Sie sehr. Sie brauchen 
einen Freund. Sie brauchen etwas zu tun, 
eine Aufgabe. Sie müssen durch das gute 
Wort Gottes genährt werden. Sie kommen 
in die Kirche und sind begeistert von dem, 
was sie da gefunden haben. Auf diese Be- 
geisterung müssen wir sofort aufbauen. 
In Ihrer Gemeinde haben Sie Leute, die 
jedem neuen Mitglied ein Freund sein 
können. Diese Leute können den neuen 
Mitgliedern zuhören, sie anleiten, ihre Fra- 
gen beantworten und ihnen unter allen 
Umständen und in jeder Lage zur Seite 
stehen. Brüder, diese Verluste müssen auf- 
hören. Sie müssen nicht sein. Ich bin über- 
zeugt, daß der Herr nicht mit uns zufrie- 
den ist. Ich fordere Sie auf, und zwar jeden 
einzelnen, dieser Angelegenheit in Ihren 
Führungsaufgaben Priorität einzuräumen. 
Ich fordere jedes Mitglied auf, denjenigen, 
die neu zur Kirche kommen, in Freund- 
schaft und Liebe die Hand zu reichen. 

In den kommenden Monaten werden 
Sie noch viel davon hören. Ich will hier 
nur sagen, daß ich mit ganzem Herzen 
dahinterstehe. 

Lassen Sie mich' noch etwas anderes 
ansprechen. Ich wende mich an jeden 
Jungen, der mir heute Abend zuhört. 



Zunächst will ich sagen, daß wir euch, 
die Jungen Männer, ehren und achten. Ihr 
vertretet eine wunderbare Generation in 
der Kirche. Ich habe immer wieder ge- 
sagt, daß ich euch für die beste Genera- 
tion halte, die wir je hatten. Ihr und die 
Jungen Damen seid großartig. Ihr studiert 
die heiligen Schriften. Ihr betet. Unter 
großen Opfern nehmt ihr am Seminar teil. 
Ihr versucht, das Richtige zu tun. Ihr habt 
ein Zeugnis von diesem Werk, und die 
meisten von euch leben entsprechend. Ich 
mache euch ein großes Kompliment! Ich 
sage euch, daß wir euch sehr liebhaben. 
Dem, was ich früher schon gesagt habe, 
möchte ich nur ein, zwei Sätze hinzufü- 
gen; ich hoffe, daß es euch den Mut gibt, 
euer Leben so fortzusetzen. 

Für euch könnte ich mir nichts Besseres 
wünschen, als zu sehen, daß ihr absolut 
fest zur Kirche steht, absoluten Glauben 
an die göttliche Mission der Kirche habt, 
absolute Liebe zum Werk des Herrn und 
den Wunsch habt, dieses Werk voranzu- 
bringen, und mit absoluter Hingabe eure 
Pflichten als Mitglieder des Aaronischen 
Priestertums erfüllt. 

Ihr lebt in einer Welt voll schrecklicher 
Versuchungen. Pornographie überzieht 
die Erde mit ihrem ekelhaften Schmutz 
wie eine furchtbare, verschlingende Flut. 
Das ist Gift. Schaut nicht hin, lest so etwas 
nicht! Tut ihr es, wird es euch zerstören. 
Es nimmt euch die Selbstachtung. Es 
raubt euch das Empfinden für das Schöne 
im Leben. Es zerrt euch hinab und zieht 
euch in einen Sumpf böser Gedanken und 
möglicherweise auch böser Taten. Laßt 
die Finger davon. Meidet es wie die Pest, 



denn es ist genauso tödlich. Seid in Ge- 
danken und in der Tat tugendhaft. Gott 
hat euch aus gutem Grund ein göttliches 
Drängen eingepflanzt, aber es kann auch 
leicht in Bosheit und Zerstörung enden. 
Geht keine feste Beziehung mit einem 
Mädchen ein, solange ihr noch jung seid. 
Wenn Ihr in das Alter kommt, wo man 
ans Heiraten denkt, ist dafür noch Zeit 
genug. Aber Ihr Jungen im Schulalter 
habt dafür noch keine Verwendung, und 
die Mädchen ebensowenig. 

Wir bekommen Briefe, und wir haben 
ständig mit Menschen zu tun, die unter 
dem Druck des Lebens schon in sehr jun- 
gen Jahren heiraten. Ein Sprichwort sagt: 
„Wer hastig heiratet, hat lange Zeit, es zu 
bereuen." Wie wahr das doch ist. 

Verbringt eine schöne Zeit mit den 
Mädchen. Unternehmt etwas gemeinsam, 
aber baut nicht zu schnell feste Beziehun- 
gen auf. Vor euch liegt eure Mission, und 
ihr könnt es euch nicht leisten, euch diese 
große Gelegenheit und Aufgabe zu ver- 
derben. 

Der Herr hat gesagt: „Laß Tugend im- 
merfort deine Gedanken zieren." (LuB 
121:45.) 

Laßt die Finger vom Alkohol. Der 
Schulabschluß ist kein Anlaß für ein Be- 
säufnis. Es ist besser, ihr haltet euch fern 
davon und geltet als prüde, als daß ihr 
hingeht und es euer Leben lang bereut. 
Laßt die Finger von Drogen. Ihr könnt 
es euch nicht leisten, euch damit zu be- 
fassen. Sie würden euch völlig zugrunde 
richten. Das Hochgefühl geht schnell vor- 
bei, und dann seid ihr im tödlichen Wür- 
gegriff dieses bösen Zeugs. Ihr werdet 
zum Sklaven, zu einem elenden Sklaven. 
Ihr verliert die Kontrolle über euer Leben 
und euer Tun. Experimentiert nicht da- 
mit. Haltet euch frei davon ! 

Wandelt im Sonnenlicht und in der 
Kraft der Selbstbeherrschung und der 
völligen Redlichkeit. 

Lernt in der Schule so viel wie möglich. 
Bildung ist der Schlüssel zur Tür der 
Möglichkeiten. Gott hat den Mitgliedern 
dieser Kirche aufgetragen, Wissen zu 
erwerben, und zwar „durch Lerneifer 
und auch durch Glauben" (LuB 88:118; 
109:7,14). 

Ihr seid ganz besondere Menschen. 
Natürlich seid ihr das. Ihr geht den Din- 
gen der Welt aus dem Weg. Ihr seid auf 
dem Weg zu etwas Höherem und Bes- 
serem. Ihr habt Bildung zu erwerben. Vor 
euch liegt die Ehe als große und heilige 
Gelegenheit im Haus des Herrn, und 
zwar für Zeit und alle Ewigkeit. 

Ihr habt eine Mission zu erfüllen. 

Jeder von euch soll sich auf den Missi- 



DER STERN 



56 



onsdienst einstellen. Ihr mögt einige Zwei- 
fel haben. Ihr mögt ein wenig Angst ha- 
ben. Stellt euch mit Glauben euren Zwei- 
feln und eurer Angst. Bereitet euch darauf 
vor, zu gehen. Ihr habt nicht nur die Ge- 
legenheit. Ihr habt die Aufgabe. Der Herr 
hat euch auf bemerkenswerte und wun- 
derbare Weise gesegnet und bevorzugt. 
Ist es da zu viel verlangt, euch zwei Jahre 
voll und ganz seinem Dienst zu widmen? 

Meine jungen Brüder, ihr seid etwas 
Besonderes. Ihr müßt euch über das Mit- 
telmaß erheben. Ihr müßt die Rüstung 
Gottes anlegen und tugendhaft leben. Ihr 
wißt, was recht ist. Ihr wißt, was falsch ist. 
Ihr wißt, wann und wie ihr euch entschei- 
den sollt. Ihr wißt, daß es im Himmel eine 
Macht gibt, an die ihr euch in Zeiten von 
Drangsal und Not wenden könnt. Betet 
inbrünstig und mit Glauben. Betet zum 
Gott des Himmels, den ihr liebt und der 
euch liebt. Betet im Namen des Herrn 
Jesus Christus, der für euch sein Leben 
hingegeben hat. Steht auf und lebt, wie es 
sich für die Söhne Gottes gehört. 

Wir lieben euch. Wir beten für euch. Wir 
verlassen uns ganz, ganz fest auf euch. 
Möget ihr vom Herrn behütet und be- 
schützt und gesegnet sein. 

Nun möchte ich den Bischöfen und 
den Pfahlpräsidenten etwas in bezug auf 
den Missionsdienst sagen. In der Kirche 
scheint sich der Gedanke breit zu machen, 
daß alle jungen Frauen ebenso wie alle 
jungen Männer auf Mission gehen sollen. 
Wir brauchen einige junge Frauen. Sie 
leisten bemerkenswerte Arbeit. Sie kön- 
nen auch in Wohnungen gehen, in die die 
Missionare nicht gehen können. 

Ich gestehe, ich habe zwei Enkeltöchter 
auf Mission. Es sind strahlende und 
schöne junge Frauen. Sie arbeiten hart 
und bringen viel Gutes zustande. Im Ge- 
spräch mit ihrem Bischof und den Eltern 
kamen sie zu dem Entschluß, auf Mission 
zu gehen. Mir haben sie es erst gesagt, als 
sie ihre Papiere eingereicht hatten. Mit 
ihrem Entschluß zur Mission hatte ich 
nichts zu tun. 

Da ich das also nun gestanden habe, 
möchte ich sagen: die Erste Präsident- 
schaft und der Rat der Zwölf sagen ein- 
stimmig, daß die jungen Schwestern nicht 
verpflichtet sind, auf Mission zu gehen. 
Dies ist eine heikle Angelegenheit. Ich 
hoffe, daß ich sagen kann, was ich sagen 
will, ohne irgend jemandem zu nahe zu 
treten. Die jungen Frauen sollen nicht den 
Eindruck gewinnen, daß sie unter einer 
ähnlichen Verpflichtung stehen wie die 
jungen Männer. Einige möchten überaus 
gern auf Mission gehen. Ist das so, dann 
sollen sie sich mit ihrem Bischof und mit 



den Eltern beraten. Bleibt der Wunsch 
bestehen, dann weiß der Bischof, was er 
zu tun hat. 

Wie schon früher gesagt worden ist, 
sage auch ich, daß die Missionsarbeit 
grundsätzlich eine Priestertumsaufgabe 
ist. Demzufolge müssen die jungen Män- 
ner die Hauptlast tragen. Das ist ihre Auf- 
gabe und ihre Pflicht. 

Wir bitten die jungen Frauen nicht, die 
Mission als wesentlichen Bestandteil ihrer 
Lebensplanung zu betrachten. Seit vielen 
Jahren halten wir die Altersgrenze für 
sie höher und versuchen so, die Anzahl 
der Missionarinnen im Vergleich kleiner 
zu halten. Ich sage den Schwestern noch 
einmal: Sie werden genauso hoch geach- 
tet, man wird Sie für genauso pflicht- 
bewußt halten, und was Sie tun, wird vor 
dem Herrn und vor der Kirche genauso 
annehmbar sein, ob Sie nun auf Mis- 
sion gehen oder ob sie nicht auf Mission 
gehen. 

Ständig erhalten wir Briefe von jungen 
Frauen, die fragen, warum die Alters- 
grenze für Missionarinnen nicht dieselbe 
wie für Missionare ist. Wir nennen ihnen 
dann ganz einfach den Grund dafür. Wir 
wissen, daß sie dann enttäuscht sind. Wir 
wissen, daß sie ihr Herz auf die Mission 
gesetzt haben. Wir wissen, daß viele von 
ihnen das erlebt haben möchten, bevor sie 
heiraten und ihr Leben als Erwachsene 
fortführen. Ich möchte ganz bestimmt 
nicht sagen oder andeuten, daß ihr Dienst 
nicht erwünscht ist. Ich sage nur ganz ein- 
fach, daß die Mission nicht notwendiger- 
weise zu ihrem Lebensplan gehören muß. 

Es scheint gewiß eigenartig, so etwas 
in einer Priestertumsversammlung zu sa- 
gen. Ich tue es, weil ich nicht weiß, wo ich 
es sonst sagen sollte. Die Bischöfe und die 
Pfahlpräsidenten der Kirche hören es. 



Und sie sind diejenigen, die in dieser An- 
gelegenheit die Entscheidungen treffen. 

Das reicht nun zu dem Thema. 

Zum Schluß möchte ich einfach sagen, 
daß ich einen jeden von Ihnen liebe. Sie, 
die Männer, und ihr, die Jungen, führen 
diese große Organisation, die sich auf 
wunderbare und erstaunliche Weise über 
die Erde ausbreitet. Ich mache mir über die 
Zukunft nicht die geringsten Sorgen. Diese 
Kirche ist zu einem großen Ausbilder von 
Führungskräften geworden. Man sieht sie 
überall. Neue Mitglieder, die erst vor we- 
nigen Jahren zur Kirche gekommen sind, 
dienen jetzt als Bischöfe und Pfahlpräsi- 
denten und in sonstigen Positionen. Was 
Sie tun, meine Brüder, ist wunderbar. 

Männer, lebt nach dem Evangelium, 
seid freundlich zu eurer Frau. Ihr könnt 
in der Kirche nicht auf annehmbare Weise 
dienen, wenn es zu Hause Konflikte gibt. 
Väter, seid freundlich zu euren Kindern. 
Seid ihnen ein Freund. So hart ihr auch 
arbeiten müßt, um das Lebensnotwendige 
zu beschaffen - nichts läßt sich mit der 
Liebe und Treue der Frau vergleichen, der 
ihr über dem Altar im Tempel die Hand 
gereicht habt, und mit der Zuneigung 
und der Achtung eurer Kinder. 

Mögen Sie im Berufsleben gesegnet sein, 
was immer Ihre Beschäftigung auch sein 
mag, solange sie ehrenhaft ist. Mögen Sie 
auf Ihrem Lebensweg die Kirche als gro- 
ßen und guten Freund betrachten, als 
Zuflucht, wenn die Welt sich gegen Sie 
zu richten scheint, als Hoffnung, wenn 
alles finster ist, als Säule aus Feuer bei 
Nacht und aus Wolken bei Tag. Möge der 
Herr Ihrer gedenken und Ihnen barm- 
herzig und freundlich sein. Mögen Sie in 
dem, was Sie in seinem Dienst tun, große 
Freude finden. Darum bete ich demütig 
im Namen Jesu Christi. Amen. D 




JANUAR 1998 

57 



Versammlung am Sonntagvormittag 
5. Oktober 1997 



Das Wichtigste im Gesetz: 
Gerechtigkeit, Barmherzigkeit 
und Treue 



Präsident James E.Faust 

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 



Wir sollen uns auf die inneren Belange des Herzens konzentrieren, 
die wir intuitiv kennen und wertschätzen, aber häufig um etwas, 
was trivial, oberflächlich oder hochmütig ist, vernachlässigen. 



um die Segnungen und Verheißungen des 
Erretters zu erlangen. Die Zehn Gebote 
sind immer noch der rote Faden, der sich 
durch das Evangelium Jesu Christi zieht, 
aber mit seinem Kommen kamen neues 
Licht und neues Leben, und damit Freude 
und Glücklichsein in höherem Maße. 
Jesus führte einen höheren und schwieri- 
geren Maßstab für das menschliche Ver- 
halten ein. Er ist gleichzeitig einfacher 
und schwieriger, da er auf innere und 
nicht so sehr auf äußere Anforderungen 
abzielt: Geh mit deinem Nächsten so 
um, wie du es von ihm erwartest. 3 Liebe 
deinen Nächsten wie dich selbst. 4 Wenn 
man dich schlägt, dann halte auch die 
andere Wange hin 5 . Wenn man dich um 
ein Hemd bittet, gib auch deinen Mantel 
hin. 5 Vergib, und zwar nicht nur einmal, 
sondern siebenundsiebzigmal. 6 Das war 
der Wesenskern des neuen Evangeliums. 
Es lag mehr Betonung auf dem Tun als auf 
dem Nichttun. Jeder von uns erhielt mehr 
Entscheidungsfreiheit. 

Joseph Smith, der Prophet der Evange- 
liumszeit der Fülle, richtete die Kirche 
durch Offenbarung auf, kraft derer er 
die Evangeliumswahrheiten erhielt. Er 
brachte durch die zahlreichen erhabe- 
nen Offenbarungen immer mehr Licht, 
Wärme und Freude in die Kirche, zum 
Beispiel durch die Offenbarung darüber, 
wie das Priestertum ausgeübt werden 
soll: „Kraft des Priestertums kann und 
soll keine Macht und kein Einfluß anders 
geltend gemacht werden als nur mit über- 
zeugender Rede, mit Langmut, mit Milde 
und Sanftmut und mit ungeheuchelter 
Liebe." 8 Wenn man nach diesem heh- 
ren Verhaltensmaßstab lebt, geht die 
folgende Verheißung in Erfüllung: „Men- 




Meine lieben Brüder und Schwe- 
stern und Freunde, ich habe auf- 
richtig gebetet, Sie mögen meine 
Worte heute Morgen so verstehen, wie ich 
sie meine. Ich bitte Sie deshalb, üben Sie 
für mich Ihren Glauben aus, und beten 
Sie für mich. 

Jesus von Nazaret hat dies als sein 
höchstes Werk bezeichnet: „Es ist mein 
Werk und meine Herrlichkeit, die Un- 
sterblichkeit und das ewige Leben des 
Menschen zustande zu bringen." 1 Sein 
Werk wird durch dieses Evangelium zu- 
stande gebracht, das den Stempel des 
Herrn selbst trägt. Ich möchte in aller De- 
mut über den Wesenskern des Evange- 
liums sprechen. Der Erretter hat erklärt, 
daß Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und 
Treue „das Wichtigste im Gesetz" 2 seien. 

Ich möchte unmißverständlich sagen, 
daß man die Gebote Gottes halten muß, 



sehen sind, damit sie Freude haben 
können." 9 Im Laufe der Jahrhunderte 
haben Dogmatismus, Zwang und Intole- 
ranz allzu häufig das lebendige Wasser 
des Evangeliums, das unseren geistigen 
Durst in Ewigkeit löscht, verschmutzt. 10 
Der Erretter sagte zu seiner Zeit folgen- 
des: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und 
Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den 
Zehnten von Minze, Dill und Kümmel 
und laßt das Wichtigste im Gesetz außer 
acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und 
Treue. Man muß das eine tun, ohne das 
andere zu lassen. 

Blinde Führer seid ihr: Ihr siebt Mücken 
aus und verschluckt Kamele." 11 

Desgleichen sagte Paulus: „Der Buch- 
stabe tötet, der Geist aber macht leben- 

dig-" 12 

Wir sollen nicht nur das Böse meiden, 
nicht nur Gutes tun, sondern am wichtig- 
sten ist, daß wir das tun sollen, was den 
größten Wert hat. Wir sollen uns auf die 
inneren Belange des Herzens konzen- 
trieren, die wir intuitiv kennen und wert- 
schätzen, aber häufig um etwas, was tri- 
vial, oberflächlich oder hochmütig ist, 
vernachlässigen. 

Die errettenden Grundsätze und Lehren 
der Kirche sind unwandelbar festgelegt. 
Man muß diesen absoluten Werten gehor- 
sam sein, um „Frieden in dieser Welt und 
ewiges Leben in der zukünftigen Welt" 13 
zu erlangen. Allerdings ändert sich von 
Zeit zu Zeit die Art, wie die Kirche mit 
den komplizierten und vielfältigen Her- 
ausforderungen in der Welt umgeht. Auf 
Weisung des lebenden Propheten werden 
neue Richtlinien und Verfahrensweisen 
eingeführt. Ich begrüße solche inspirier- 
ten Veränderungen. Sie sind ein Beweis 
dafür, daß das wiederhergestellte Evan- 
gelium wahr ist. 

Ich befürchte allerdings, daß manche 
Mitglieder die Richtlinien und Verfah- 
rensweisen für genauso wichtig halten 
wie die zeitlosen, unveränderlichen Ge- 
setze des Evangeliums, wie zum Beispiel: 
„Du sollst nicht die Ehe brechen." 14 An- 
stelle irgendeiner legalistischen Defini- 
tion hat der Erretter dazu die verständi- 
gere Weisung gegeben, daß der Gedanke 
der Vater der Tat ist: „Wer eine Frau auch 
nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen 
schon Ehebruch mit ihr begangen." 15 

Wer entscheidet, was unter den jewei- 
ligen Umständen richtig ist und was 
falsch? Bei wem ruht die Verantwortung 
für die sittliche Beurteilung? Ein reifer 
Mensch ist natürlich für sich selbst ver- 
antwortlich. Bei Kindern ruht die Verant- 
wortung für die sittliche Anleitung bei 
den Eltern. Sie kennen die Neigungen 



DER STERN 



58 



und die Einsicht und Intelligenz eines 
jeden Kindes. Eltern bringen ihr Leben 
damit zu, zu jedem ihrer Kinder eine gute 
Beziehung zu schaffen und aufrechtzu- 
erhalten. Sie können am besten solche 
sittlichen Entscheidungen treffen, die 
dem Wohlergehen ihrer Kinder dienen. 
Die höheren Grundsätze des Evangeli- 
ums - Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und 
Treue - spielen in allen Beziehungen in 
der Familie eine wichtige Rolle. 

Als ich vor vielen Jahren Bischof war, 
bat ein gewissenhafter Vater mich um ei- 
nen Rat. Er hatte das Gefühl, daß die vie- 
len und häufigen Aktivitäten der Kirche 
es der Familie schwer machten, soviel zu- 
sammen zu sein, wie er und seine Frau es 
für nötig hielten. Die Kinder meinten, sie 
wären der Kirche gegenüber nicht loyal, 
wenn sie nicht ganz und gar an jeder Frei- 
zeitaktivität teilnahmen. Ich erklärte die- 
sem besorgten Vater, daß die Aktivitäten 
der Kirche ihm und seiner Frau helfen 
sollten, ihre Kinder zu erziehen. Sie als El- 
tern hatten nicht nur das Recht, sondern 
auch die Pflicht, zu entscheiden, wie weit 
ihre Familie sich an den geselligen Akti- 
vitäten beteiligte. Die Einigkeit in der Fa- 
milie, Solidarität und Harmonie sind zu 
bewahren. Schließlich ist die Familie auf 
Dauer die Grundeinheit der Kirche. 

Es gibt drei Quellen, aus denen wir 
für unsere sittlichen Entscheidungen Wei- 
sung beziehen können. Erstens ist da die 
Führung durch den Heiligen Geist. Das 
ist für diejenigen, die sich haben taufen 
lassen und die diese himmlische Gabe 
erhalten haben, immer ein sicherer Kom- 
paß. Die zweite Quelle ist der weise Rat 
der Priestertumsführer, die der Herr dazu 
bestimmt hat, uns zu führen. Drittens 
sollten alle unsere Entscheidungen von 
beständiger Liebe geprägt sein. Manch- 
mal bedeutet das auch Strafe. 

Der Prophet Joseph wurde einmal 
gefragt, wie er es schaffe, so viele Men- 
schen zu regieren. Seine Antwort lautete: 
„Ich lehre sie die richtigen Grundsätze, 
und dann regieren sie sich selbst." 15 Diese 
Aussage gilt heute genauso wie zu Jo- 
sephs Zeit. Wir brauchen ein offenes Ohr 
und Gehorsam gegenüber dem lebenden 
Propheten der Kirche. Präsident Marion 
G. Romney hat das trefflich zum Aus- 
druck gebracht: 

„Es ist leicht, an tote Propheten zu 
glauben, aber es ist noch viel wichtiger, an 
die lebenden Propheten zu glauben. Ich 
möchte das einmal veranschaulichen. 

Eines Tages, als Präsident Grant noch 
lebte, saß ich nach der Generalkonferenz 
in meinem Büro gegenüber von hier. Da 
kam ein Mann mich besuchen, ein älterer 



Mann. Er regte sich über etwas, das einige 
der Brüder, darunter auch ich, in dieser 
Konferenz gesagt hatten, sehr auf. Ich 
merkte an seiner Aussprache, daß er aus 
dem Ausland stammte. Nachdem ich ihn 
so weit beruhigt hatte, daß er mir zuhörte, 
fragte ich: , Warum sind Sie nach Amerika 
gekommen?' 

,Ich bin hergekommen, weil ein Prophet 
Gottes mir das geboten hat.' 

,Wer war der Prophet?' fuhr ich fort. 

,Wilford Woodruff.' 

,Glauben Sie daran, daß Wilford Wood- 
ruff ein Prophet Gottes war?' 

Jawohl', sagte er. 

, Glauben Sie daran, daß sein Nachfol- 
ger, Präsident Lorenzo Snow, ein Prophet 
Gottes war?' 

Jawohl.' 

, Glauben Sie daran, daß Präsident 
Joseph F. Smith ein Prophet Gottes war?' 

Ja.' 

Dann kam die wichtigste Frage: glau- 
ben Sie daran, daß Heber J. Grant ein 
Prophet Gottes ist?' 

Seine Antwort: ,Ich finde, er sollte den 
Mund halten, wenn es um die Altersrente 
geht.'" 17 

Wir haben heute einen lebenden Pro- 
pheten, nämlich Präsident Gordon B. 
Hinckley, den wir in unserer Zeit als Pro- 
pheten bestätigen. Er hat uns ermahnt: 
„Setzen Sie sich in unserer Welt, in der 
Schmutz, Vulgäres, Pornographie und 
all ihre schlimme Brut uns wie eine Flut 
überschwemmen, für sittliche Grund- 
sätze ein." Er rät uns für unsere Zeit: 



„Setzen Sie sich im Geschäft, im Beruf, in 
Ihrer Familie, in der Gesellschaft, in der 
Sie leben, für Redlichkeit ein." 18 

Die sittlichen Grundsätze gilt es tatsäch- 
lich zu bewahren. Die Ungehorsamen 
bestrafen sich weitgehend selbst. Wie der 
Herr durch Jeremia hat sagen lassen: 
„Dein böses Tun straft dich, deine Ab- 
trünnigkeit klagt dich an." 17 Diejenigen, 
denen im Reich Gottes die Gerichtsbar- 
keit anvertraut ist, müssen darauf achten, 
daß die Kirche rein bleibt, damit das le- 
bendige Wasser des ewigen Lebens unge- 
hindert fließen kann. 

Wahre Religion sucht aber nicht in er- 
ster Linie nach Schwächen, Fehlern und 
Irrtümern. Sie ist auf Stärkung bedacht 
und darauf, Fehler zu übersehen, so wie 
wir uns wünschen, daß man unsere Feh- 
ler übersieht. Wenn wir unsere ganze 
Aufmerksamkeit nur auf das richten, was 
falsch ist, statt auf das, was richtig ist, ent- 
geht uns die erhabene Schönheit, entgeht 
uns der Wesenskern des wundervollen 
Evangeliums des Herrn. 

Die Gerechtigkeit, die ja mit zum Wich- 
tigsten im Gesetz gehört, wie der Herr es 
gesagt hat, ist von den beiden anderen 
nicht zu trennen: von der Barmherzigkeit 
und von der Treue. Shakespeare hat et- 
was über die Barmherzigkeit geschrieben. 
Er läßt Portia sagen: „Wir beten all um 
Gnade, und dies Gebet muß uns der 
Gnade Taten auch üben lehren." 20 Ich 
gebe offen zu, daß ich, wenn ich bete, 
nicht um Gerechtigkeit bitte, sondern um 
Barmherzigkeit. 




Konferenzbesucher bewundern die Christusstatue von Bertel Thorvaldsen im Nördlichen 
Informationszentrum auf dem Tempelplatz. 



JANUAR 1998 

59 




Eins der großen Beispiele für Barm- 
herzigkeit aus unserer Zeit finden wir im 
Leben des Propheten Joseph Smith, der 
W. W. Phelps inmitten der Unruhen, de- 
nen die Heiligen in Missouri ausgesetzt 
waren, Barmherzigkeit gewährte. Eider 
Phelps fiel von der Kirche ab. Nachdem 
er am 29. Juni 1840 in Dayton, Ohio, 
schwer bedrängt worden war, schrieb er 
folgendes an den Propheten Joseph: 

„Ich habe eingesehen, wie töricht ich 
war, und ich zittere bei dem Gedanken an 
die Kluft, die ich aufgerissen habe. . . . Ich 
will umkehren und leben und bitte meine 
einstigen Brüder, mir zu vergeben, und 
wenn sie mich auch zu Tode züchtigen, 
will ich doch mit ihnen sterben, denn ihr 
Gott ist mein Gott. Der geringste Platz bei 
ihnen ist mir genug, ja, er ist größer und 
besser als das ganze Babel. . . . 

Ich habe unrecht gehandelt, und es tut 
mir leid. . . . Ich bin nicht mit meinen 
Freunden gegangen, wie es meiner hei- 
ligen Berufung entsprochen hätte. Ich 
bitte alle Heiligen im Namen Jesu Christi 
um Vergebung, denn ich will das Rechte 
tun, so wahr mir Gott helfe. Ich wünsche 
mir eure Gemeinschaft; wenn ihr sie mir 
nicht gewähren könnt, dann gewährt mir 
doch euren Frieden und eure Freund- 
schaft, denn wir sind Brüder und standen 
doch in einem innigen Verhältnis zuein- 
ander." 21 

Darauf erwiderte der Prophet Joseph: 

„Es ist richtig, wir haben infolge Deines 
Verhaltens viel zu leiden gehabt - der 



bittere Kelch, schon voll genug . . . , wurde 
wirklich zum Überfließen gebracht, als 
Du Dich gegen uns wandtest. Einer, mit 
dem wir in Freundschaft verbunden wa- 
ren, mit dem wir viel Erfrischendes vom 
Herrn zusammen erlebt haben - ,denn 
nicht mein Feind beschimpft mich, das 
würde ich ertragen/ . . . 

Immerhin, der Kelch ist geleert, der 
Wille unseres Vaters ist geschehen, und 
wir sind noch immer am Leben. . . . Und 
nachdem wir durch die Barmherzigkeit 
unseres Gottes aus den Händen schlech- 
ter Menschen befreit worden sind, sagen 
wir, daß Du nun das Recht hast, aus der 
Macht des Widersachers befreit ... zu 
werden und wiederum Deinen Stand 
unter den Heiligen des Höchsten einzu- 
nehmen und Dich durch Eifer, Demut 
und ungeheuchelte Liebe unserem Gott 
und Deinem Gott und der Kirche Jesu 
Christi anzuempfehlen. 

Ich glaube, daß Dein Bekenntnis echt 
und Deine Umkehr aufrichtig ist, und so 
wird es mich freuen, Dir wiederum die 
rechte Hand der Gemeinschaft zu rei- 
chen, und ich werde über die Rückkehr 
des verlorenen Sohnes glücklich sein. . . . 

Komm, lieber Bruder, her zu mir, der 
Krieg ist nun zu Ende; wir reichen uns, 
der Freund dem Freund, wie ehedem die 
Hände. Immer der Deinige, Joseph Smith 
jun." 22 

W. W. Phelps blieb dem Glauben treu; 
er schrieb den Text für das wundervolle 
Lied „Preiset den Mann", in dem er seine 
große Liebe und Bewunderung für den 
Propheten Joseph erneut bekräftigte: 

Preiset den Mann, der einst sprach mit 

Jehova, 
der ein Prophet war, von Christus 

ernannt, 
der, von dem Geiste erfüllt, prophezeite 
nahes Gericht jedem Volke und Land. 23 

Der kindliche Glaube eines Jüngers des 
göttlichen Christus ist eine große geistige 
Gabe. Alte und junge Menschen können 
sie haben. In der Anfangszeit der Kirche 
gab es in Nauvoo einen zehnjährigen Jun- 
gen namens Will Cluff, der erstaunlichen, 
reinen Glauben hatte. Er hatte ein Erleb- 
nis, das sicher viele von uns anspricht. 

Seine Familie war arm und hatte nur 
eine Kuh, auf die sie zu ihrer Versorgung 
angewiesen war. Im Frühjahr 1842 lief 
die Kuh einmal weg. Eines Abends im 
August kam der Vater sehr erschöpft und 
entmutigt nach Hause. Er und Wills Brü- 
der hatten einen großen Teil des Sommers 
damit zugebracht, nach der Kuh zu su- 
chen. Will sagte : „Vater, wenn ich Charley 



(ein altes Pferd) mitnehmen darf, gehe ich 
die Kuh suchen." Zögernd willigte der 
Vater ein. 

Früh am nächsten Morgen ritt Will 
zum Big Mound, drei Meilen östlich von 
Nauvoo im Prärieland. Hier hatte er oft 
zusammen mit anderen Jungen aus Nau- 
voo Kühe gehütet. Er stieg vom Pferd und 
kniete nieder, wobei er das Pferd am Zü- 
gel hielt. Inbrünstig betete er zum Herrn, 
er möge ihm die Richtung weisen, wo er 
die Kuh finden konnte. Dann stieg er wie- 
der auf das Pferd und ritt nach Süden, 
weil er das Gefühl hatte, daß das die rich- 
tige Richtung war, obwohl überall viel 
Vieh weidete. 

Nachdem Will ein paar Meilen über das 
offene Prärieland geritten und an Hun- 
derten Stück Vieh vorbeigekommen war, 
gelangte er an einen Zaun. Er stieg ab und 
zog einen Zaunpfahl heraus, führte sein 
Pferd hindurch und befestigte den Zaun 
wieder. Dann ritt er drei Meilen querfeld- 
ein. Wieder befand er sich auf offenem 
Prärieland, mit zahlreichen Viehherden 
um sich herum. Als er etwa eine Viertel- 
meile von dem Feld entfernt war, stieß er 
direkt auf die Kuh, die allein abseits aller 
übrigen Tiere graste. 

Will trieb die Kuh wieder zur Stadt zu- 
rück. Er kam am späten Abend an - von 
Freude und von Dankbarkeit gegenüber 
dem Vater im Himmel erfüllt. 24 

Leider sind manche unserer größten 
Sünden Unterlassungssünden. Dabei geht 
es aber um das Wichtigste im Gesetz, das 
wir laut Anweisung des Erretters befol- 
gen sollen. 25 Es handelt sich um die rück- 
sichtsvollen, teilnahmsvollen Werke, die 
wir nicht tun und deren Vernachlässi- 
gung uns Schuldgefühle bereitet. 

Ich weiß noch, wie damals, als ich ein 
kleiner Junge war, meine Großmutter, 
Mary Finlinson, auf dem Holzofen in 
der glühenden Sommerhitze so herrliche 
Mahlzeiten zubereitete. Wenn die Holz- 
kiste neben dem Herd leer war, nahm 
Großmutter still- die Kiste und füllte sie 
draußen am Holzstapel wieder auf und 
brachte die schwere Kiste ins Haus zu- 
rück. Ich war so gefühllos und so sehr an 
der Unterhaltung in der Küche interes- 
siert, daß ich einfach dasaß und zuließ, 
daß meine geliebte Großmutter die Holz- 
kiste in der Küche auffüllte. Ich schäme 
mich dessen und bereue diese Unterlas- 
sung schon mein Leben lang. Hoffentlich 
kann ich sie eines Tages um Verzeihung 
bitten. 

Der Erretter selbst hat uns den Weg 
ins Reich Gottes gewiesen, nämlich: „Das 
Reich Gottes ist euch nahe" 26 und „das 
Himmelreich ist nahe". 27 Genauso wird 



DER STERN 



60 



uns der Weg ins Gottesreich auf der Erde 
gezeigt. 

Wer Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, 
Treue und Vergebungsbereitschaft übt, 
beweist eine innere Größe, die dem Geist 
der Lehren des Herrn und seinem Bei- 
spiel entspricht. Dieses höhere Evange- 
lium verlangt, daß wir in uns gehen, denn 
wir können den Herrn nicht täuschen. 
Uns ist gesagt: „Der Hüter des Tores ist 
der Heilige Israels; und er hat dort keinen 
Knecht." 28 Wir, die wir das heilige Apo- 
stelamt innehaben, wünschen uns immer, 
unserer Verantwortung nachzukommen, 
indem wir von der Göttlichkeit des Erret- 
ters Zeugnis geben. Ich habe schon mein 
Leben lang ein Zeugnis. In letzter Zeit 
allerdings ist mir ein überwältigendes 
Zeugnis von der göttlichen Natur dieses 
heiligen Werks in die Seele gedrungen. 
Dieses sichere Zeugnis ist mit größerer 
Gewißheit verbunden als je zuvor in mei- 
nem Leben. Das bezeuge ich im Namen 
Jesu Christi, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Mose 1:39. 

2. Matthäus 23:23. 

3. Siehe Matthäus 7:12. 

4. Siehe Matthäus 22:27-39. 

5. Siehe Lukas 6:29. 

6. Matthäus 5:40. 

7. Matthäus 18:21,22. 

8. LuB 121:41. 

9. 2 Nephi 2:25. 

10. Siehe Johannes 4:14. 

11. Matthäus 23:23,24. 

12. 2 Korinther 3:6. 

13. LuB 59:23. 

14. Exodus 20:14. 

15. Matthäus 5:28. 

16. Zitiert in Journal of Discourses, 10:57f. 

17. Conference Report, April 1953, Seite 125. 

18. Präsident Gordon B. Hinckley, BYU 
Devotional, Marriott Center; 17. September 
1996. 

19. Jeremia2:19. 

20. Der Kaufmann von Venedig, Vierter Aufzug, 
Erste Szene. 

21. HistoryoftheChurch,i:Uli. 

22. Lehren des Propheten Joseph Smith, 
Seite 168,169. 

23. Gesangbuch, Nr. 17 

24. Nach W. W. Cluff "A Boy's Faith", in 
Especially for Mormons, Hg. Stan und 
Sharon Miller, 5 Bde. , 1973, 2:115f. 

25. Siehe Matthäus 23:23. 

26. Lukas 10:9. 

27. Matthäus 4:17. 

28. 2 Nephi 9:41. 



Wahrheit annehmen 




Eider L. Tom Perry 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Kenntnis von Gott zu erlangen gehört grundlegend zu unserer irdischen 
Erfahrungswelt. Es muß uns auch danach dürsten, und wir müssen den 
Wunsch haben, die Eehren des Gottesreichs kennenzulernen. 



Wenn wir nun im Alten und im Neuen 
Testament weiter nachlesen, ebenso im 
Buch Mormon und in Lehre und Bünd- 
nisse, finden wir wiederholt die Anwei- 
sung, das Evangelium unseres Herrn und 
Erretters zu studieren. Der Herr versteht 
uns vollkommen. Er weiß, daß wir ihn, 
wenn wir uns wahrhaftig bekehren wol- 
len, verstehen müssen; wir müssen auch 
wissen, wie er mit seinen Kindern auf der 
Erde umgeht. Kenntnis von Gott zu erlan- 
gen gehört grundlegend zu unserer irdi- 
schen Erfahrungswelt. Es muß uns auch 
danach dürsten, und wir müssen den 
Wunsch haben, die Lehren des Gottes- 
reichs kennenzulernen. 

Präsident Spencer W. Kimball gab uns 
Anweisungen dazu, nach welcher Art 
von Kenntaissen wir trachten sollen und 
in welcher Reihenfolge. Am Beispiel des 
Petrus und des Johannes führte er aus : 

„Petrus und Johannes verfügten nur 
über geringes weltliches Wissen, sie wur- 
den als ungebildet angesehen. Aber das 
Wesentliche im Leben wußten sie: daß 
Gott lebt und daß der gekreuzigte, auf- 
erstandene Herr der Sohn Gottes war. Sie 
kannten den Weg, der zum ewigen Leben 
führt. Das lernten sie innerhalb einiger 
weniger Jahrzehnte ihres irdischen Le- 
bens. Ihr rechtschaffenes Leben öffnete 
ihnen die Tür zum Gottsein, zur Erschaf- 
fung von Welten, zu ewiger Vermehrung. 
Dazu benötigen sie vermutlich irgend- 
wann umfassende Kenntnis von allen 
Wissenschaften. Aber wo Petrus und 
Johannes nur einige wenige Jahrzehnte 
Zeit hatten, geistiges Wissen zu erwerben 
und anzuwenden, haben sie jetzt bereits 
19 Jahrhunderte Zeit gehabt, sich welt- 
liches Wissen anzueignen, nämlich über 
die Geologie der Erde, über Zoologie, 
über Physiologie und die Psychologie der 
Geschöpfe der Erde. Das irdische Leben 
ist die Zeit, um zuerst einmal von Gott 
und vom Evangelium Kenntnis zu erlan- 
gen und die heiligen Handlungen zu voll- 
ziehen. Wenn unsere Füße dann einmal 
fest auf dem Weg zum ewigen Leben 



In den heiligen Schriften steht zu lesen: 
„Und wenn jemand in diesem Leben 
durch seinen Eifer und Gehorsam 
mehr Wissen und Intelligenz erlangt als 
ein anderer, so wird er in der künftigen 
Welt um so viel im Vorteil sein." (LuB 
130:19.) 

Der Wissenserwerb ist ein grundlegen- 
der Teil des ewigen Plans des Herrn für 
seine Kinder. Um sicherzustellen, daß für 
diejenigen, die solches Wissen erwerben 
wollen, auch Unterlagen vorhanden sind, 
weist der Herr seit jeher seine Propheten 
an, über den Umgang Gottes mit ihnen 
Bericht zu führen. Die erste irdische Fa- 
milie, die Familie Adams also, hat diese 
Anweisung befolgt: 

„Und dann fingen diese Männer an, den 
Namen des Herrn anzurufen, und der 
Herr segnete sie. 

Und ein Buch der Erinnerung wurde 
geführt, worin in der Sprache Adams 
Aufzeichnungen gemacht wurden; denn 
allen, die Gott anriefen, wurde es gege- 
ben, unter dem Geist der Inspiration zu 
schreiben; 

und sie lehrten ihre Kinder lesen und 
schreiben, und sie hatten eine Sprache, die 
rein und unverdorben war." (Mose 6:4-6.) 



JANUAR 1998 

61 













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stehen, können wir weitere Kenntnisse 
von Weltlichem erlangen. (President Kim- 
ball Speaks Out, 1981, Seite 91.) 

Vor dem Hintergrund dieser Erklärung 
eines Propheten Gottes möchte ich zu euch 
großartigen jungen Leuten in der Kirche 
sprechen, die ihr Leben zum Großteil 
noch vor sich haben. 

Die Kirche hat schon von Anfang an er- 
kannt, daß ihr Gelegenheit braucht, euch 
das Basiswissen anzueignen, das notwen- 
dig ist, um ewiges Leben zu erlangen. 

In der Anfangszeit der Kirche wurden 
Grundschulen und weiterführende Schu- 
len ins Leben gerufen. Schon in der Zeit in 
Nauvoo wurde eine Universität einge- 
richtet. Drei Jahre nach der Ankunft der 
Heiligen in Utah wurde die Universität 
Deseret eröffnet. 

Als immer mehr junge Mitglieder der 
Kirche die öffentlichen Schulen besuch- 
ten, wurde den Führern der Kirche klar, 
daß es nötig war, den weltlichen Unter- 
richt durch Religionsunterricht zu ergän- 
zen. 1912 begann die Kirche, auf kirchen- 
eigenen Grundstücken neben öffentlichen 
Schulen Seminargebäude zu errichten, wo 
die Schüler ihren täglichen Religionsun- 
terricht besuchen konnten. Im Tagebuch 
von John M. Whitaker, einem Seminarleh- 
rer aus der Anfangszeit, findet die schon 
anfangs vorhandene Hingabe an diese 
Aufgabe ihren Niederschlag. Im April 
1915 wurde er als Lehrer am Granite 
Seminary mit einem Jahresgehalt von 1500 
US-Dollar angestellt. Als er seine neue 
Stelle antrat, gab es kaum irgendwelche 
Unterlagen. In seinem Tagebuch steht: 

„Ich mußte ohne jeden Lehrplan be- 
ginnen, und ich überlegte mir mehrere 



Ansätze für dieses Problem. Ich hatte 
einige Jahre an der Universität Deseret 
unterrichtet, aber da war mir mein Fach 
vertraut gewesen. Aber nun war ein Un- 
terricht zu gestalten, wozu früher die 
Bibel allein ausgereicht hatte; ich mußte 
mich den Schülern stellen, die doch zwi- 
schen 12 und 18 Jahre alt und in der 
Schule starre Lehrpläne gewohnt waren, 
dazu Lehrpersonal und alle Art von Un- 
terlagen; diese Schüler kamen aus den 
strengen Anforderungen der Schule in ei- 
nen Religionsunterricht, den sie besuchen 
konnten, wenn sie wollten, dem sie aber 
auch fernbleiben konnten; obendrein war 
Religionsunterricht wochentags verpönt 
und nur für den Sonntag reserviert - alles 
in allem eine Aufgabe, die für einen allein 
zu schwer war. So bin ich also vorgegan- 
gen wie immer, wenn ich vor einer Auf- 
gabe stand. Ich ging demütig hin, betete 
zu meinem Vater im Himmel und sagte 
ihm in aller Einfachheit, worin mein 
Problem bestand. Ich bat ihn um Inspira- 
tion, Führung, Weisheit und Mut für die 
vor mir liegende Aufgabe. Ich war den 
meisten Lehrkräften und Schülern der 
Granite High School unbekannt, und so 
dachte ich den Sommer über darüber 
nach, wie ich die Sache am besten an- 
packen konnte." 

Er freute sich schon auf das kommende 
Schuljahr, in dem er die Schüler der Gra- 
nite High School unterrichten sollte, und 
wartete gespannt auf den Tag der Ein- 
schreibung, den 3. September 1915. Viele 
Schüler waren da, und in seinem Tagebuch 
schildert er den Tag folgendermaßen: „Ich 
stehe am Beginn eines wichtigen Lebens- 
abschnitts, eines, der sich - dessen bin ich 



mir sicher - auf das Schicksal vieler Tau- 
sende von jungen Leuten in Zion auswir- 
ken wird, wenn die Pläne, die ich im Kopf 
habe, Frucht tragen." (Zitiert in Lyman 
Clarence Pedersen jun., „John Mills Whi- 
taker: Diarist, Educator, Churchman", Ma- 
gisterarbeit, University of Utah, 1960, 167.) 

In dem Tagebuch schildert er Schritt für 
Schritt die Ereignisse, die zu dem gewal- 
tigen Erfolg führten, den er über Jahre 
mit seinem Programm hatte. Bedeutsam 
sind da auch die Worte des inzwischen 
verstorbenen S. Dilworth Young von den 
Siebzigern, der einer der ersten Seminar- 
schüler von Bruder Whitaker war. 

„Falls Eider A. Theodore Tuttle Hell- 
seher gewesen wäre, hätte er 1914 einen 
vierzehneinhalbj ährigen Jungen in das 
erste von der Kirche eingerichtete Seminar 
eintreten sehen. Gegenüber der Granite 
High School war ein Haus gebaut wor- 
den, ein einzelner Raum eigentlich nur; 
ein Lehrer war angestellt worden, und die 
Schule stand den Schülern offen. Ich war 
dieser Junge. Gestern ist der dritte Lehrer 
dieses Seminars verstorben, nämlich John 
M. Whitaker. 

Ich möchte einen kurzen Nachruf auf 
Bruder Whitaker halten. Bestimmt konnte 
er nicht wissen, welch tiefgreifenden Ein- 
fluß er in meiner Jugend auf mich hatte, 
als ich unter ihm - und davor unter Guy 
C. Wilson - eingehend die Bibel, das Buch 
Mormon und das Buch Lehre und Bünd- 
nisse studierte. Ich blicke zurück und er- 
kenne jetzt, daß ich damals die erste ins 
Detail gehende Kenntnis dieser heiligen 
Schriften erlangt habe. Wenn ich nur ge- 
nug Einfluß hätte, würde ich dafür sor- 
gen, daß jeder Junge und jedes Mädchen 
in der Kirche ähnliche Erlebnisse mit ei- 
nem Mann des Glaubens hat." (Conference 
Report, April 1960, 80.) 

Der Dienst, den John M. Whitaker ge- 
leistet hat, ist ein Beispiel für Tausende 
Lehrer, die über die Jahre ihr Leben damit 
zugebracht haben, in den Hunderttausen- 
den von jungen Leuten, die von der Mög- 
lichkeit, am Seminar teilzunehmen, Ge- 
brauch gemacht haben, ein Zeugnis zu 
entfachen. 

Um den Studenten, die kein kirchen- 
eigenes College oder eine kircheneigene 
Universität besuchen, Religionsunterricht 
anbieten zu können, hat die Kirche ab 
1926 bei Universitäten das Religionsinsti- 
tut eingerichtet. Der Erfolg, den das Se- 
minar und das Institut haben, hat dazu 
geführt, daß diese Programme in vielen, 
vielen Teilen der Welt eingesetzt werden. 

Die Kirche überprüft immer wieder den 
Erfolg des Institutsprogramms. Eine Insti- 
tutsstudie von 1997 hat ergeben: Von den- 



DER STERN 



62 



jenigen, die das Institut abgeschlossen 
haben, haben 96 Prozent im Tempel die 
Begabung empfangen, 98 Prozent von de- 
nen, die die Begabung empfangen haben, 
haben im Tempel geheiratet; 96 Prozent 
der Männer waren auf Mission. 

Uns liegen Zeugnisse von Seminar- 
schülern aus aller Welt vor. Hören wir 
doch, was da in einem Tagebuch aus 
Rußland steht: 

„Heute ist der schönste Morgen dieses 
Jahres, denn heute beginnt das Seminar 
am frühen Morgen. 

Wie ist diese Idee vom Seminar am 
frühen Morgen entstanden? Ich weiß 
noch, es gab da einen Unterricht von un- 
serem CES-Lehrer, der erwähnte, daß in 
den Vereinigten Staaten und in Europa 
das Seminarprogramm täglich durchge- 
führt wird, und dieser Gedanke ist mir 
nicht aus dem Sinn gegangen. Bei diesem 
Unterricht fühlte ich die Macht des Heili- 
gen Geistes, der mir den Gedanken ein- 
gab, daß wir hier das Seminar haben soll- 
ten. Danach hatte ich das Gefühl, daß der 
Herr uns alles gibt, was dafür nötig ist: 
Die Möglichkeit, die Kraft und die Hilfe. 
Wir müssen nur gewillt sein, so eine Gabe 
auch anzunehmen. 

Nach dieser Versammlung verspürte 
ich große Inspiration. Einige Mütter 
schreckte der Gedanke ein wenig, weil 
die Kinder früh aufstehen würden müs- 
sen; in der Schule werden sie belastet, 
und einige beenden die Schule dieses Jahr 
und setzen ihre Ausbildung fort. Aber die 
Väter, die das Priestertum tragen, haben 
mich völlig unterstützt und gesagt, daß 
tägliches Studieren in den heiligen Schrif- 
ten für die Jugendlichen notwendig ist, 
weil sie dadurch Disziplin lernen und es 
ihnen hilft, den Heiligen Geist mit sich 
zu haben, der ihnen dann tagsüber und 
in der Schule hilft, den Versuchungen des 
Satans zu widerstehen." (Anmerkungen 
der Lehrer des Seminars am frühen Mor- 
gen in Vyborg, Rußland, Herbst 1966.) 

Dieses Zeugnis und so viele weitere, die 
wir aus aller Welt erhalten, helfen uns, 
den Geist zu verstehen, der hinter diesen 
beiden großartigen Programmen steht. 
Sie bieten euch eine besondere, gut ge- 
pflasterte Straße, die euch zum ewigen 
Leben führt, der größten aller Gaben, die 
Gott seinen Kindern schenkt. 

Präsident Gordon B. Hinckley hat über 
unser Seminar- und Institutsprogramm 
folgendes gesagt: 

„Nehmt jede Gelegenheit wahr, eure 
Kenntnis vom Evangelium zu vertiefen. 
Strengt euch an, und nehmt am Seminar 
und am Institut teil." (Der Stern, Oktober 
1982, 90.) 



„Das große Bildungs- und Erziehungs- 
programm der Kirche schreitet voran. 
Es nehmen immer mehr Schüler und Stu- 
denten am Seminar und Institut teil. . . . 
Wir möchten alle, die daran teilnehmen 
können, dringend dazu auffordern. Wir 
verheißen Ihnen, daß Ihre Evangeliums- 
erkenntnis zunimmt, Ihr Glaube wächst 
und Sie mit Gleichgesinnten Freundschaft 
schließen werden." (Der Stern, Oktober 
1984, 103f.) 

Ich möchte mein Zeugnis dem unseres 
großen Propheten und Führers hinzufü- 
gen. Ich weiß, daß aus dem Beisammen- 
sein im Seminar- und Institutsprogramm 
Kraft entsteht. Es hat mein Leben berei- 
chert, und ich weiß, es wird auch eures 
bereichern. Es wird ein Schutzschild um 
euch sein und euch vor den Versuchun- 
gen und Prüfungen der Welt bewahren. 
Vom Evangelium zu wissen ist ein großer 
Vorzug. Und für die jungen Leute in der 
Kirche gibt es keinen besseren Ort als das 
Seminar- und Institutsprogramm der Kir- 
che, wo man diesen besonderen Vorzug, 
von Heiligem zu wissen, erlangen kann. 

Vor vielen Jahren durfte ich im Seminar 
am frühen Morgen unterrichten. Der Un- 
terricht fand von 6.30 bis 7.30 am Morgen 
statt. Zwei Schuljahre hindurch sah ich, 
wie müde Schüler in die Klasse stolperten, 
und ihr Lehrer sollte sie nun munter ma- 
chen! Aber wenn das Gebet gesprochen 
und der geistige Gedanke vorgetragen 
worden war, konnte ich zusehen, wie da 
kluge Köpfe munter wurden und ihr Wis- 
sen von den heiligen Schriften vertiefen 
wollten. Das Schwierigste am Unterricht 
war es immer, die Diskussion rechtzeitig 
abzubrechen, damit sie den Unterricht 
an der High School besuchen konnten. Im 



Lauf des Schuljahres konnte ich beobach- 
ten, wie jeder Schüler größeres Selbstbe- 
wußtsein entwickelte, wie er sich mit den 
anderen anfreundete und wie sein Zeug- 
nis stärker wurde. 

Vor einigen Jahren war ich einmal in ei- 
ner Stadt in der Nähe in einem Lebens- 
mittelladen, und dort sprach mich jemand 
an. Als ich mich umwandte, sah ich zwei 
frühere Seminarschüler, die nun mitein- 
ander verheiratet waren. Sie stellten mir 
ihre vier hübschen Kinder vor. Während 
wir so plauderten, staunte ich, mit wie 
vielen von ihren ehemaligen Mitschülern 
im Seminar sie nach all den Jahren noch 
in Kontakt standen. Das war ein Beweis 
für das besondere Zusammengehörig- 
keitsgefühl, das in den Seminarklassen 
am frühen Morgen entsteht. Als wir uns 
verabschiedeten, kam mir eine Schrift- 
stelle in den Sinn: „Ich will euch Freunde 
nennen, denn ihr seid meine Freunde, 
und ihr sollt ein Erbteil mit mir haben." 
(LuB 93:45.) Wenn wir uns im Evange- 
lium zusammenfinden, empfangen wir 
eine besondere Stärke voneinander. 

Nehmt euch vor, alle vier Jahre des 
Seminars abzuschließen. Das Institut 
steht allen Studenten und Nichtstudie- 
renden zwischen 18 und 30 offen. Sind 
Sie eingetragen? Wenn nicht, lade ich Sie 
ein, diese wunderbare Gelegenheit zu 
nutzen. Und Sie, die Sie eingetragen sind, 
studieren Sie fleißig, um das Evangelium 
zu lernen. Ich verspreche Ihnen, daß das 
Basiswissen, das Sie aus diesen beiden 
großartigen Programmen mitbekommen, 
Ihr Leben lang ein Segen für Sie sein 
wird. Das ist mein Zeugnis für Sie im 
Namen unseres Herrn und Erretters Jesus 
Christus, amen. D 




JANUAR 1998 

63 



ff 



Lehrer, der zeitlose Schlüssel 



// 



Eider Harold G.Hillam 

von der Präsidentschaft der Siebziger 



Unabhängig von den Lebensumständen und der Art ihrer 
Berufung haben alle Mitglieder der Kirche die Möglichkeit, 
zu lehren und Zeugnis zu geben. 




Dieser historische Brief, den ich in 
der Hand halte, wurde vor 98 Jah- 
ren verfaßt. Auch wenn die darin 
enthaltenen Worte vor fast einem Jahr- 
hundert niedergeschrieben wurden, sind 
sie doch für uns alle von großer Bedeu- 
tung. 

Das Jahr 1899 war ein „Jubeljahr"; 
man feierte den fünfzigsten Jahrestag 
der Gründung der ersten Sonntagsschule 
in der Kirche. Als Höhepunkt dieses 
Jubeljahres wurde eine schöne handge- 
schnitzte Truhe mit Gegenständen gefüllt, 
von denen man annahm, daß sie für die- 
jenigen, die fünfzig Jahre später beim 
Öffnen der Truhe anwesend sein würden, 
von Bedeutung seien. 

Die Truhe wurde also 1949 geöffnet, 
und neben anderen historischen Gegen- 
ständen enthielt sie diesen Brief, der an 
die „Allgemeinen Sonntagsschulautori- 
täten der Kirche im Jahr 1949 A. D" 
adressiert war. In dem Brief heißt es unter 
anderem: 

„Die Gründung der ersten Sonntags- 
schule in den Rocky Mountains war mit 
Mühsal und Hindernissen verbunden. 
- Die Menschen lebten in einem trockenen 



und öden Land und litten viel Entbeh- 
rung. Sie benötigten ihre ganze Zeit und 
Kraft, um sich mit dem Lebensnotwendi- 
gen zu versorgen; und doch begannen sie 
inmitten all dessen mit dem Wenigen, das 
ihnen zur Verfügung stand, mit der Aus- 
bildung ihrer Kinder." 

In dem Brief heißt es weiter: „Nun, Brü- 
der, wir können nur erahnen, was die 
nächsten fünfzig Jahre der Jugend Zions 
bringen werden. Die heutigen Methoden 
werden vielleicht völlig neuen weichen, 
die in der Zukunft entdeckt werden. 
Wahrscheinlich sind viele von uns, die 
diese Grußbotschaft mit ihrem Namen 
unterzeichnet haben, bereits mit der gro- 
ßen Schar von Sonntagsschulbeamten im 
Jenseits, wenn Sie diese Jubiläumstruhe 
erhalten, so daß die Grüße derjenigen, die 
bereits ins Jenseits hinübergegangen sind, 
für Sie wie eine Stimme von den Toten 
sein werden. 

Die Sonntagsschularbeit ist für uns ein 
Werk der Liebe, und unser Interesse gilt 
nicht nur der heutigen Zeit, sondern auch 
der Zukunft. . . . 

Wir flehen Sie an, vergessen Sie, welche 
Methoden Sie auch anwenden werden, 
welche Veränderungen in den kommenden 
fünfzig Jahren auch stattfinden mögen, 
niemals auch nur für einen Augenblick 
das Ziel der so wichtigen Sonntagsschul- 
arbeit, nämlich die Kinder die Grund- 
sätze des Evangeliums Jesu Christi zu 
lehren und Heilige der Letzten Tage aus 
ihnen zu machen." 

Dieser Brief wurde von der Sonntags- 
schulpräsidentschaft der Kirche sowie von 
einundzwanzig weiteren Ausschußmit- 
gliedern unterzeichnet, darunter Joseph 
F. Smith und Heber J. Grant, die beide 
später als Präsident der Kirche dienten. 

Es war ein prophetischer Brief. Die 
Unterzeichner konnten wohl tatsächlich 
nur erahnen, was die nächsten fünfzig 
Jahre der Jugend Zions bringen sollten. 
In diesem Zeitraum sind an die Stelle der 
Kommunikationsmethoden des späten 



neunzehnten Jahrhunderts enorme Fort- 
schritte in der Verbreitung von Infor- 
mationen getreten. Selbst die Schreib- 
maschine, mit der das Dokument 1899 
geschrieben wurde, war damals eine 
ganz neue Errungenschaft und galt als 
bedeutender Fortschritt in der Kommuni- 
kation ! Erst zwei Jahre später sollte zum 
erstenmal die Stimme eines Menschen 
über Funk ausgestrahlt werden. Die erste 
Radiosendung folgte 21 Jahre später, und 
25 Jahre dauerte es, bis die Generalkon- 
ferenz zum erstenmal über Rundfunk 
übertragen wurde. 

Hätten die Verfasser des 1899 geschrie- 
benen Briefes sich die technischen Fort- 
schritte - Radio, Farbfernsehen, Computer, 
das Internet und die vielen Programme, 
die heute verfügbar sind - auch nur im 
entferntesten vorstellen können, wären 
sie sicher verblüfft gewesen zu erfahren, 
daß eine einzige kleine Computerdiskette 
umfangreiche Sammlungen der besten 
der Menschheit bekannten Bücher und 
Ansprachen enthalten kann. Sie hätten 
gesehen, daß man an einem Computer 
nur wenige Tasten zu bedienen braucht, 
um die heiligen Schriften aufzuschlagen 
und mit Leichtigkeit Querverweise zu 
anderen herausragenden Ansprachen und 
Schriften der Propheten zu finden, die 
Licht und Erkenntnis von Gott enthalten. 

Leider hätten sie auch gesehen, daß die 
gleichen Werkzeuge, die Licht und Wahr- 
heit lehren, ebenso leicht, nur durch das 
Betätigen anderer Tasten, das abscheu- 
lichste, schmutzigste und schlechteste un- 
sittliche Material hervorbringen können. 

Wir sind tatsächlich mit großartigen 
Werkzeugen und Methoden gesegnet 
worden, die uns beim Unterrichten nütz- 
lich sein können, aber wie alle Werkzeuge 
müssen sie mit Weisheit und Besonnen- 
heit gebraucht werden, damit sie uns zum 
Segen gereichen und uns das Leben er- 
leichtern. So wie ein beaufsichtigtes Feuer 
viele Annehmlichkeiten und großen Nut- 
zen mit sich bringt, so verursacht ein un- 
zulässig entfachtes oder außer Kontrolle 
geratenes Feuer verheerende Verwüstung 
und Zerstörung. 

In unserer Vorbereitung auf die näch- 
sten 50 oder 100 Jahre können auch wir 
nur erahnen, was vor uns liegt. Wir müs- 
sen lernen, die Werkzeuge und Technolo- 
gien, die uns zur Verfügung stehen, klug 
zu nutzen. 

Die kluge Nutzung der heutigen Tech- 
nologien schließt mit ein, daß wir darauf 
achtgeben, was wir durch Fernsehen, Vi- 
deos und Computer, einschließlich des 
Internet, in unser Zuhause hereinlassen. 
In den Medien gibt es vieles, was gut 



DER STERN 



64 



und erbauend ist, aber auch vieles, was 
anstößig, unsittlich und zeitraubend ist 
und uns dazu verleitet, immer zu lernen 
„doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit 
gelangen" zu können (siehe 2 Timotheus 
3:7). Während des Zweiten Weltkriegs, als 
das Benzin knapp war und rationiert 
wurde, gab es Schilder mit der Aufschrift: 
„Ist dieser Ausflug notwendig?" Heute, 
da an jeden immer größere Anforderun- 
gen gestellt werden und die Zeit knapp 
ist, sollten auch wir uns fragen, bevor wir 
das Videospiel, den Fernseher oder den 
Computer einschalten oder uns Zugang 
zu einem der vielen verfügbaren Pro- 
gramme verschaffen: „Ist dieser Ausflug 
notwendig?" 

Vielleicht könnte jeder, der mir zuhört, 
sich diese Fragen selbst stellen und eine 
ehrliche Antwort erwarten: „Sind die In- 
formationen, die mir dieses Hilfsmittel 
zum Lernen vermittelt, aufbauend, und 
bringen sie mehr Wahrheit in mein Le- 
ben? Nutze ich meine kostbare Zeit mit 
den Stunden, die ich dafür investiere, 
sinnvoll? Hilft mir dieses Computerspiel, 
meinen Aufgaben nachzukommen und 
meine Ziele zu erreichen?" Wenn die Ant- 
wort kein klares Ja ist, sollten wir den 
Mut und die Entschlossenheit aufbringen, 
den Knopf zum Ausschalten zu betätigen 
und unser Leben wichtigeren Aufgaben 
zu widmen. 

Ungeachtet der verblüffenden techni- 
schen Fortschritte des vergangenen Jahr- 
hunderts bleibt doch ein Bestandteil des 
Briefes von 1899 unveränderlich, nämlich 
wie wichtig gut geschulte, demütige, eif- 
rige und liebevolle Lehrer sind. 

Wohl jeder erinnert sich an einen Leh- 
rer, einen Elternteil oder einen Freund, 
der in seinem Leben eine tiefgreifende 
Veränderung bewirkt hat. Ich werde Miss 
Hamilton, meiner Lehrerin in der zweiten 
Grundschulklasse, immer dankbar sein. 
Sie war auch meine Sonntagsschullehre- 
rin. Ich weiß noch, daß sie immer sagte: 
„Denk daran: sei immer ein guter Junge!" 
und „Ich bin so stolz auf dich". Ich ge- 
wann sie sehr lieb und war ganz sicher, 
daß sie auch mich liebte. Es war ein herr- 
liches Schuljahr. Neuigkeiten verbreiteten 
sich in der kleinen Stadt Sugar City in 
Idaho schnell, und eines Tages rief mich 
meine Mutter ins Haus, um mir die er- 
schütternde Nachricht zu überbringen; 
meine liebe Miss Hamilton war fort- 
gegangen und hatte geheiratet! Und sie 
hatte mich nicht einmal gefragt, ob das in 
Ordnung war! 

Unsere Schwiegertochter, die Lehrerin 
ist, erhielt am Ende des Schuljahres von 
einem ihrer Schüler aus der dritten Klasse 



einen Brief. Er schrieb: „Miss Scoresby, 
ich werde Sie mehr vermissen als meine 
Rennmaus, die gestorben ist." 

Wir sind im wesentlichen eine Kirche 
von Lehrern. Unabhängig von den Le- 
bensumständen und der Art ihrer Beru- 
fung haben alle Mitglieder der Kirche 
die Möglichkeit, zu lehren und Zeugnis 
zu geben. Selbst unsere Lebensweise gibt 
Zeugnis von dem, woran wir glauben, 
und lehrt alle, die in unseren Einfluß- 
bereich gelangen. 

Aber viele, vielleicht sogar die meisten 
erwachsenen Mitglieder der Kirche kön- 
nen auf viel direktere Weise lehren. Füh- 
rer, Eltern und berufene Lehrer haben die 
konkrete Aufgabe, mitzuhelfen, diejeni- 
gen, die zu ihrem Wirkungsbereich ge- 
hören, vorzubereiten, zu schulen und zu 
erbauen. Präsident David O. McKay hat 
uns daran erinnert, daß „die richtige Un- 
terweisung der Kinder die wichtigste 
und heiligste Aufgabe des Menschen ist" 
{Gospel Ideals, 1953, 220). Der Herr hat 
unmißverständlich erklärt, daß Eltern 
ihre Kinder lehren sollen, „zu beten und 
untadelig vor dem Herrn zu wandeln" 
(LuB 68:28). 

Die Lehren der Kirche sind machtvoll; 
daher ist es für jeden von uns, von den 
jüngsten PV-Kindern bis zu denjenigen, 
die bereits viele Jahrzehnte Lebenserfah- 
rung gesammelt haben, notwendig, immer 



zu lernen und uns ständig geistig zu 
stärken. Präsident Hinckley hat gesagt: 
„Die Einflüsse, gegen die wir ankämpfen, 
sind gewaltig. Wir benötigen mehr als un- 
sere eigene Kraft, um mit ihnen fertig zu 
werden. Alle, die eine Führungsposition 
innehaben, die große Schar von Lehrern 
und Missionaren und alle Familienober- 
häupter möchte ich eindringlich bitten: 
Nähren Sie den Geist in allem, was Sie 
tun - geben Sie der Seele Nahrung. . . . Ich 
bin überzeugt, daß die Welt nach geisti- 
ger Nahrung hungert." (Improvement Em, 
Dezember 1967, 86.) 

Das hat Präsident Hinckley vor fast drei- 
ßig Jahren auf der Generalkonferenz ge- 
sagt. Um wieviel größer ist heute die Not- 
wendigkeit, einander geistig zu stärken! 
Der inspirierte Evangeliumsunterricht 
für alle Mitglieder der Kirche ist wirklich 
eine Rettungsleine für die geistige Stand- 
festigkeit und das geistige Wachstum der 
Mitglieder jeder Altersgruppe. 

Die Technik wird sich gewiß weiterent- 
wickeln, und die Methoden werden sich 
ändern, aber der persönliche Einsatz eines 
engagierten Lehrers, der den Geist aus- 
strahlt, ist der Schlüssel dazu, die Kinder 
und andere „die Grundsätze des Evange- 
liums Jesu Christi zu lehren und Heilige 
der Letzten Tage aus ihnen zu machen". 
Im Namen des größten aller Lehrer, im 
Namen Jesu Christi, amen. D 




JANUAR 199; 

65 



Die Hungernden beschenkt er 
mit seinen Gaben 



Eider Jeffrey R. Holland 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Alles im Evangelium lehrt uns, daß wir uns ändern können, 
wo dies nötig ist, daß wir Hilfe bekommen, wenn wir es 
wirklich wünschen, daß wir geheilt werden können, was immer 
die Probleme der Vergangenheit auch gewesen sein mögen. 




V" or einiger Zeit las ich einen Essay 
über den „metaphysischen Hun- 
ger" 1 in der Welt. Der Autor be- 
hauptete, die Seele der Menschen liege 
sozusagen im Sterben, und zwar wegen 
des Mangels an spiritueller Nahrung in 
unserer Zeit. Dieser Begriff „metaphysi- 
scher Hunger" kam mir wieder in den 
Sinn, als ich letzten Monat die zahlreichen 
und überaus verdienten Lobreden auf 
Mutter Theresa aus Kalkutta las. Ein 
Korrespondent schrieb, sie habe einmal 
gesagt, der physische Hunger unserer 
Zeit sei schlimm und schmerzlich - und 
sie hat sich ja buchstäblich ihr Leben lang 
bemüht, ihn zu lindern -, aber sie sei der 
Meinung, das Nichtvorhandensein geisti- 
ger Kraft und die Armut an geistiger 
Nahrung in der heutigen Welt sei ein 
noch schrecklicherer Hunger. 

Diese Gedanken erinnerten mich an die 
erschreckende Prophezeiung des Prophe- 
ten Arnos, der vor so langer Zeit gesagt 
hat: „Seht, es kommen Tage - Spruch des 
Gottes, des Herrn -, da schicke ich den 



Hunger ins Land, nicht den Hunger nach 
Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern 
nach einem Wort des Herrn." 2 

Während sich die Welt dem 21. Jahrhun- 
dert entgegenschleppt, sehnen sich viele 
nach etwas, schreien manchmal nach et- 
was und wissen doch zu oft nicht, wo- 
nach. Die wirtschaftliche Lage der Welt - 
insgesamt, aber gewiß nicht überall - ist 
heute wahrscheinlich besser als je zuvor, 
aber das Herz der Menschen ist immer 
noch ängstlich und oft von großer Sorge 
erfüllt. Wir leben in einem „Zeitalter der 
Informationen", in dem uns eine ganze 
Welt voller Daten auf Knopfdruck zur 
Verfügung steht, aber was diese Informa- 
tionen bedeuten und die Befriedigung, 
die aus der Anwendung von Wissen in 
einem moralischen Kontext entsteht, liegt 
vielen Menschen ferner als je zuvor. 

Wenn man auf Sand baut, ist der Preis 
hoch. Allzu viele Menschen kommen 
zu Fall, wenn der Sturm kommt und der 
Wind weht. 3 Fast überall um uns herum 
sehen wir Menschen, die mit ihrem ge- 
genwärtigen Luxus unzufrieden sind, 
weil die Furcht in ihnen nagt, daß ir- 
gendwo irgendwer noch mehr davon 
besitzen könnte. In unserer Welt, die es 
verzweifelt nach moralischer Führung 
verlangt, sehen wir allzu oft die von Pau- 
lus angeprangerte geistige Verderbtheit. 4 
Es ist entsetzlich, wie viele Menschen sa- 
gen, ihr Ehepartner, ihre Kinder und jede 
Art ehelicher beziehungsweise elterlicher 
Verantwortung langweilten sie. Wieder 
andere rasen mit voller Geschwindigkeit 
in die Sackgasse des Hedonismus und 
behaupten stolz, sie könnten sehr wohl 
vom Brot allein leben, und je mehr da- 
von, desto besser. Wir wissen aus siche- 
rer Quelle, ja, sogar direkt von der Quelle 
aller Wahrheit, daß Brot allein auch in 
großen Mengen nicht genug ist. 5 

Als der Erretter in Galiläa wirkte, tadelte 



er diejenigen, die von der Speisung der 
fünftausend mit nur fünf kleinen Broten 
und zwei Fischen gehört hatten und nun 
zu ihm kamen, weil sie auf eine Gratis- 
mahlzeit hofften. Diese damals zwar nö- 
tige Nahrung war doch nicht so wichtig 
wie die reale geistige Nahrung, die er 
ihnen zu geben versuchte. 

„Eure Väter haben in der Wüste das 
Manna gegessen und sind gestorben", er- 
mahnte er sie. „Ich bin das lebendige Brot, 
das vom Himmel herabgekommen ist. 
Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit 
leben." 

Das war aber nicht die Mahlzeit, wegen 
der sie gekommen waren, und die Schrift 
sagt: „Daraufhin zogen sich viele Jünger 
zurück und wanderten nicht mehr mit 
ihm umher." 6 

In dieser kleinen Begebenheit zeigt 
sich eine Gefahr unserer Zeit. In all dem 
Erfolg und Intellektualismus der Gegen- 
wart können auch wir vom unabdingbar 
lebenswichtigen Brot des ewigen Lebens 
fortwandern; wir können uns tatsächlich 
dafür entscheiden, in geistiger Hinsicht 
fehl ernährt zu sein, und uns in eine Art 
geistiger Appetitlosigkeit hineinsteigern. 
Wie die kindischen Galiläer von damals 
mögen auch wir die Nase rümpfen, wenn 
uns göttliche Kost serviert wird. Tragisch 
daran ist damals wie heute, daß eines Ta- 
ges - wie der Herr selbst gesagt hat - „zu 
einer Stunde, da [man] es nicht denkt, der 
Sommer vorbei sein" wird; dann ist „die 
Ernte zu Ende", und wir müssen hören: 
„Eure Seele ist nicht errettet!" 7 

Ich frage mich heute Morgen, ob wohl 
unter meinen Zuhörern jemand ist, der 
sich selbst - oder auch einer seiner Lieben 
- solcherart in Nichtigkeiten verrannt hat, 
nach etwas wirklich Nahrhaftem verlangt 
und wie der sonst so erfolgreiche junge 
Mann fragt: „Was fehlt mir jetzt noch?" 
Ich frage mich, ob heute Morgen jemand 
da ist, der, wie Arnos sagt, von Meer zu 
Meer wankt und von Norden nach Osten 
zieht; jemand, der es müde ist, gewisser- 
maßen auf der Überholspur zu leben und 
mit den extravaganten Nachbarn mit- 
zuhalten, die einen Kredit nach dem an- 
deren brauchen. Ich habe mich gefragt, 
ob vielleicht so jemand zu unserer Konfe- 
renz gekommen ist und hofft, die Lösung 
für ein schweres persönliches Problem zu 
finden oder daß die ernstesten Fragen 
des Herzens ein wenig erhellt werden. Bei 
diesen Problemen und Fragen kann es 
um die Ehe gehen, um die Familie, um 
Freunde, um die Gesundheit, um inneren 
Frieden - oder um den augenfälligen 
Mangel an solch erfreulichem Gut. 

Zu denen, die solchen Hunger leiden, 



DER STERN 



66 



möchte ich sprechen. Wo Sie auch sein 
mögen, wie alt Sie auch sind und was 
immer Sie auch erlebt haben: Ich sage Ih- 
nen, daß Gott durch seinen einziggezeug- 
ten Sohn die Hungersnot, von der Arnos 
spricht, beendet hat. Ich bezeuge, daß der 
Herr Jesus Christus das Brot des Lebens 
ist, die sprudelnde Quelle, deren Wasser 
ewiges Leben schenkt. Den Mitgliedern 
der Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage, besonders aber denen, die 
nicht zu dieser Kirche gehören, sage ich: 
Der himmlische Vater und sein geliebter 
erstgeborener Sohn sind dem jungen Pro- 
pheten Joseph Smith erschienen und ha- 
ben der umherirrenden Welt Licht und 
Leben, Hoffnung und Weisung zurück- 
gebracht. Diese Welt ist voller Menschen, 
die sich fragen: „Wo ist Hoffnung? Wo ist 
Friede? Welchem Pfad soll ich folgen? 
Wohin soll ich gehen?" 

Ungeachtet der Pfade, die Sie in der 
Vergangenheit gegangen oder nicht ge- 
gangen sind, möchten wir Ihnen heute 
Morgen „den Weg, die Wahrheit und das 
Leben" 10 anbieten. Wir laden Sie ein: 
Nehmen Sie teil am Abenteuer der frü- 
hesten Jünger Christi, die ebenfalls nach 
dem Brot des Lebens hungerten, derer, 
die sich nicht zurückzogen, sondern zu 
ihm kamen, bei ihm blieben und erkann- 
ten, daß es niemand sonst gab, an den sie 
sich wenden konnten, um Geborgenheit 
und Errettung zu finden. 11 

Als Andreas und Philippus Christus 
zum ersten Mal sprechen hörten, waren 
sie so gerührt und fühlten sich so zu ihm 
hingezogen, daß sie ihm nachgingen, als 
er die Menschenmenge verließ. Christus 
nahm wahr, daß jemand ihm folgte, und 
so drehte er sich um und fragte die beiden 
Männer: „Was wollt ihr?" 12 Die beiden 
antworteten: „Wo wohnst du?" Christus 
entgegnete schlicht: „Kommt und seht." 13 
Kurz darauf berief er auf die gleiche Art 
in aller Form Petrus und weitere neue 
Apostel. Er sagte zu ihnen: „Kommt her, 
folgt mir nach ! " u 

Es scheint, als ließen sich das Wesen 
unseres Erdendaseins und die Antworten 
auf die meisten der bedeutsamen Fragen 
des Lebens auf diese beiden knappen Ele- 
mente aus der Anfangszeit des irdischen 
Dienstes des Erretters reduzieren. Das 
eine Element ist die Frage, die sich jedem 
auf Erden stellt: „Was willst du?" Und 
wie unsere Antwort auch ausfallen mag, die 
Entgegnung Christi darauf ist das andere 
Element. „Komm her", sagt er liebevoll, 
„komm her, und folge mir nach." Wohin 
du auch immer gehst, komm zuerst her 
und sieh, was ich tue, wo und wie ich 
meine Zeit verbringe. Lern von mir, geh 




mit mir, sprich mit mir und glaube. Hör 
zu, wenn ich bete. Dann wirst du die 
Antwort auf dein Beten finden. Gott wird 
deiner Seele Ruhe schenken. Komm, folge 
mir nach. 

Einstimmig bezeugen wir, daß das 
Evangelium Jesu Christi das einzige Mit- 
tel ist, das den nagenden geistigen Hun- 
ger und den quälenden geistigen Durst 
stillen kann. Nur Christus, der tödliche 
Wunden empfing, weiß, wie die Wunden 
der heutigen Zeit zu heilen sind. Nur 
einer, der bei Gott war und selbst Gott 
war, 15 kann Antwort auf die tiefsten 
und drängendsten Fragen der Seele ge- 
ben. Nur sein allmächtiger Arm konnte 
die Gefängnistore des Todes aufstoßen, 
wo wir sonst auf ewig gefangen gewesen 
wären. Nur er kann uns siegreich in die 
celestiale Herrlichkeit tragen - wenn wir 
es durch unsere Glaubenstreue zulassen. 

Denen, die meinen, sie hätten ihren 
Platz am Tisch des Herrn verwirkt, sagen 
wir mit den Worten des Propheten Joseph 
Smith, daß Gott von vergebender Wesens- 
art 16 ist, daß Christus „barmherzig und 
gnädig, langmütig und reich an Güte" 17 
ist. Mir hat schon immer die Stelle in 
Matthäus sehr gut gefallen, wo Jesus uns 
einschärft: „Ihr sollt also vollkommen 
sein, wie es auch euer himmlischer Vater 
ist." 18 Lukas fügt dem noch eine weitere 
Aussage des Herrn hinzu, nämlich: „Seid 
barmherzig, wie es auch euer Vater ist." 19 
Das klingt gerade so, als sei Barmherzig- 
keit zumindest annähernd ein Synonym 



für die Vollkommenheit Gottes, nach der 
wir alle streben müssen. Die Tugend 
Barmherzigkeit und ihre Schwester, die 
Vergebungsbereitschaft, sind der Wesens- 
kern des Sühnopfers Jesu Christi und des 
ewigen Erlösungsplans. Alles im Evan- 
gelium lehrt uns, daß wir uns ändern 
können, wo dies nötig ist, daß wir Hilfe 
bekommen, wenn wir es wirklich wün- 
schen, daß wir geheilt werden können, 
was immer die Probleme der Vergangen- 
heit auch gewesen sein mögen. 

Falls Sie sich geistig zu zerschlagen füh- 
len, um am Festmahl teilnehmen zu dür- 
fen, dann halten Sie sich bitte vor Augen, 
daß die Kirche kein Kloster der Vollkom- 
menen ist, obschon wir alle uns auf der 
Straße zur Gottähnlichkeit vorwärtsbe- 
wegen sollten. Nein, in wenigstens einer 
Hinsicht ist die Kirche eher ein Kranken- 
haus oder eine Hilfsstation für Menschen, 
die krank sind und gesund werden möch- 
ten beziehungsweise wo sie auf dem stei- 
len Weg zum Gipfel eine Dosis geistiger 
Nahrung oder einen Vorrat an lebens- 
spendendem Wasser bekommen können. 

Trotz der Schwierigkeiten des Lebens 
und der manchmal furchterregenden Aus- 
sicht gibt es doch Hilfe auf unserem Weg; 
das bezeuge ich. Es gibt das Brot des ewi- 
gen Lebens und die Quelle sprudelnden 
Wassers. Es gibt Christus, der die Welt 
überwunden hat - unsere Welt; und er 
schenkt uns Frieden in dieser und Erhö- 
hung in der zukünftigen Welt. 20 Von uns 
wird grundlegend verlangt, daß wir an 



JANUAR 1998 

67 




ihn glauben und ihm dann nachfolgen - 
und zwar immer. Wenn er uns aufruft, in 
seinem Licht seinen Weg zu gehen, dann 
darum, weil er diesen Weg vor uns ge- 
gangen ist und er dafür sorgt, daß wir 
hier in Sicherheit reisen können. Er weiß, 
wo die scharfkantigen Steine und die 
Fußangeln verborgen liegen und wo Dor- 
nen und Disteln am schlimmsten sind. 
Er weiß, wo der Pfad gefährlich ist, und 
wenn wir in der Abenddämmerung an 
eine Weggabelung kommen, kann er uns 
die Richtung weisen. Er weiß dies alles, 
weil er, wie Alma im Buch Mormon sagt, 
„Schmerzen und Bedrängnisse und Ver- 
suchungen jeder Art" erduldet hat, „da- 
mit er . . . wisse, wie er seinem Volk beiste- 
hen könne gemäß dessen Schwächen." 21 
Das Wort „beistehen" bedeutet, jeman- 
dem zur Seite zu treten. Ich bezeuge, daß 
mir der Herr in meiner Angst und 
Schwäche zuverlässig zur Seite steht. Für 
diese Güte und Fürsorge kann ich ihm 
nicht genug danken. 

Präsident George Q. Cannon hat einmal 
gesagt: „Ganz gleich, wie schlimm die 
Prüfung, wie tief die Verzweiflung, wie 
groß die Anfechtung auch sein mag, 
[Gott] wird uns niemals im Stich lassen. 
Er hat es nie getan, und er wird es nie- 
mals tun. Er kann es nicht tun. [So etwas] 
widerspricht seinem Wesen. Er ist unver- 



änderlich. ... Er wird uns beistehen. Wir 
mögen durch den Feuerofen gehen, wir 
mögen durch tiefe Wasser gehen; aber 
wir werden nicht verzehrt oder überwäl- 
tigt. Wir werden aus all diesen Prüfungen 
und Schwierigkeiten besser und reiner 
hervorgehen, wenn wir nur unser Ver- 
trauen auf Gott setzen und seine Gebote 
halten." 22 

Wer den Herrn Jesus Christus als Ur- 
heber der Errettung annimmt, der wird 
immer auf grünen Auen lagern, wie kahl 
und öde der Winter auch gewesen sein 
mag. Wie wild die Stürme des Lebens 
auch toben, er wird immer einen Ruhe- 
platz am Wasser finden, um sich zu erfri- 
schen. Wenn wir seinem Weg der Recht- 
schaffenheit folgen, wird das Verlangen 
unserer Seele für immer gestillt; und 
müssen wir wie er in finsterer Schlucht 
wandern, fürchten wir kein Unheil. Der 
Stock seines Priestertums und der Stab 
seines Geistes werden immer da sein, um 
uns zu trösten. Wenn wir bei all den 
Mühen Hunger und Durst bekommen, 
wird er uns ein prächtiges Mahl bereiten 
und uns den Tisch sogar vor den Augen 
unserer Feinde decken; zu den Feinden 
unserer Zeit zählen beispielsweise Angst, 
Sorgen wegen Krankheit und hunderter- 
lei persönliches Leid. Sein Mitgefühl fin- 
det seinen Höhepunkt darin, daß er uns 



bei solch einem Mahl das Haupt mit Öl 
salbt und uns einen Segen zur Stärkung 
der Seele gibt. Unser Becher ist reichlich 
gefüllt von seiner Güte, und wir vergie- 
ßen Tränen der Freude, weil wir wissen, 
daß seine Güte und Huld uns jetzt und 
unser Leben lang folgen und wir - wenn 
wir es wünschen - für immer im Haus 
des Herrn wohnen werden. 23 

Ich bete heute Morgen darum, daß all 
diejenigen, die hungrig und durstig sind 
und manchmal umherirren, die Einladung 
dessen hören, der das Brot des Lebens ist, 
die Quelle sprudelnden Wassers, unser 
aller guter Hirt, der Sohn Gottes. Er sagt: 
„Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt 
und schwere Lasten zu tragen habt, ... so 
werdet ihr Ruhe finden für eure Seele." 24 
Er beschenkt wahrlich die Hungernden 
mit seinen Gaben, wie Maria, seine Mut- 
ter, bezeugt hat. 25 Kommen Sie, stärken 
Sie sich beim Mahl am Tisch des Herrn in 
seiner wahren und lebenden Kirche, die 
von einem wahren und lebenden Pro- 
pheten, Präsident Gordon B. Hinckley, 
geführt wird, von dem zu hören wir nun 
die Freude haben. Ich bete um diese Seg- 
nungen und gebe Zeugnis von diesen 
Wahrheiten im heiligen Namen des Herrn 
Jesus Christus, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Arthur Hertzberg, zitiert von Harold B. Lee, 
in Stand Ye in Holy Places, 1975, 349. 

2. Arnos 8:11. 

3. Siehe Matthäus 7:24-29. 

4. Siehe Epheser 6:12. 

5. Siehe Matthäus 4:4; Johannes 1:1. 

6. Siehe Johannes 6:26,49,51,66. 

7. LuB 45:2; siehe auch Jeremia 8:20. 

8. Matthäus 19:20. 

9. Arnos 8:12. 

10. Johannes 14:6. 

11. Siehe Johannes 6:68. 

12. Johannes 1:38. 

13. Johannes 1:39. 

14. Matthäus 4:19. 

15. Siehe Johannes 1:1. 

16. Lectures on Faith, 1985, 42. 

17. Lectures on Faith, 42. 

18. Matthäus 5:48. 

19. Lukas 6:36. 

20. Siehe LuB 59:23. 

21. Alma 7:11,12. 

22. "Freedom of the Saints" in Brian H. Stuy, 
Hg. , Colkcted Discourses, 5 Bde. , 1987-92, 
2:185. 

23. Siehe den 23. Psalm. 

24. Matthäus 11:28,29. 

25. Siehe Lukas 1:53. 



DER STERN 



68 



Blickt nach vorn 



Präsident Gordon B. Hinckley 



Der Schlüssel zum Erfolg des Werks ist die Glaubenstreue aller, 
die sich Heilige der Letzten Tage nennen. 




Die Feiern von 1997 sind zum gro- 
ßen Teil vorbei. Der letzte Plan- 
wagen hat angehalten. Der letzte 
Handkarren ist zur Ruhe gekommen. Wir 
haben ein wundervolles Jahr erlebt, in 
dem wir des großen Zugs unserer Vor- 
fahren in diese westlichen Täler gedacht 
haben. 

Wir haben uns im Gedenken an ihre 
Opferbereitschaft verneigt; viele sind un- 
terwegs gestorben und liebevoll in Grä- 
bern bestattet worden, deren Lage wir 
nicht kennen. 

Wir haben, in sehr kleinem Maß, an 
dem schrecklichen Leid derer teilgehabt, 
die 1856 in den Schneestürmen von Wyo- 
ming steckengeblieben sind. 

Wir sehen, daß Jesajas Prophezeiung in 
Erfüllung gegangen ist: „Die Wüste und 
das trockene Land sollen sich freuen, die 
Steppe soll jubeln und blühen." (Jesaja 
35:1.) 

Wir können ihre Leistungen nicht 
herabwürdigen. Wir können ihrer Herr- 
lichkeit nichts hinzufügen. Wir können 
nur voll Ehrfurcht und Wertschätzung, 
voll Achtung und mit dem festen Ent- 
schluß, auf dem, was sie getan haben, 
aufzubauen, zurückblicken. 

Es ist jetzt an der Zeit, uns umzuwen- 



den und uns der Zukunft zu stellen. Wir 
leben in einer Zeit der tausend Möglich- 
keiten. Es ist an uns, sie zu ergreifen und 
vorwärtszugehen. Wir leben in einer wun- 
dervollen Zeit, in der ein jeder von uns 
seinen kleinen Teil dazu beitragen kann, 
das Werk des Herrn zu seiner erhabenen 
Bestimmung hinzuführen. 

„Aber dieses Evangelium vom Reich 
wird auf der ganzen Welt verkündet wer- 
den, damit alle Völker es hören; dann erst 
kommt das Ende." (Matthäus 24:14.) 

In dieser Kirche geschieht etwas, etwas 
Wundervolles. Wenn wir uns nur in der 
kleinen Welt unserer Gemeinde und 
unseres Zweigs bewegen, sind wir uns 
dessen kaum bewußt. Und doch ist es 
wirklich und gewaltig. Wir wachsen. Wir 
dehnen uns aus. Es kommen dieses Jahr 
so viele Menschen in die Kirche, daß wir 
über 600 neue Gemeinden beziehungs- 
weise Zweige gründen können. 

In einem Monat wird die Zahl der 
Mitglieder die Zehnmillionenmarke er- 
reichen. Von der Gründung der Kirche 
im Jahre 1830 bis 1947, dem hundertsten 
Jahrestag des Einzugs in dieses Tal, dau- 
erte es über hundert Jahre, bis wir eine 
Million hatten. Heute leben mehr Mitglie- 
der der Kirche außerhalb der USA als 
in den USA. Wir haben unsere Mitglie- 
der besucht. Es ist herrlich, mit ihnen 
zusammenzukommen, mit ihnen zu re- 
den, einander Zeugnis zu geben. Sie sind 
begeistert. 

Wir waren vor kurzem bei den Navaho 
in Window Rock in Arizona. Es war das 
erste Mal, daß ein Präsident der Kirche 
sie in ihrer Hauptstadt besucht und mit 
ihnen gesprochen hat. Es war schwer, die 
Tränen zurückzuhalten, als wir mit die- 
sen Söhnen und Töchtern von Vater Lehi 
zusammentrafen. Ich habe ihn in meiner 
Vorstellung um seine Nachkommen, die 
so lange in Armut und Schmerzen gelebt 
haben, weinen sehen. 

Aber die Fesseln der Finsternis fallen. 
Manche von ihnen sind jetzt Männer und 
Frauen, die Großes leisten. Sie haben An- 
teil an den Früchten einer Ausbildung. 



Sie lernen das Evangelium kennen und 
lieben. Sie werden rein und angenehm. 

Aber es gibt bei ihnen noch so viel mehr 
zu tun. Alkohol und Drogen zerstören 
einige von ihnen buchstäblich. Wir müs- 
sen mehr tun, um zu helfen. Wenn ich in 
die Zukunft blicke, sehe ich vor meinem 
geistigen Auge, wie der Geist des Herrn 
über diese Menschen ausgegossen wird. 
Die Bildung wird ihnen die Tür zu neuen 
Möglichkeiten aufschließen, und das 
Evangelium wird ihnen neues Licht und 
neue Einsichten vermitteln. 

Wir sind mit Tausenden ihrer Brüder 
und Schwestern in Südamerika zusam- 
mengekommen. Wir sind vor kurzem von 
Asuncion in Paraguay nach Guayaquil 
in Ecuador über die hohen, drohend auf- 
ragenden Gipfel und die schmalen Täler 
in diesem riesigen Gebiet geflogen. Über- 
all waren indianische Dörfer und kleine 
Städte. Unsere Missionare bemühen sich 
um diese guten Menschen und bringen 
ihnen das Licht des immerwährenden 
Evangeliums. Vor vielen Jahren bin ich 
mit meiner Frau mit dem kleinen Zug ge- 
fahren, der zwischen Cuzco in Peru und 
Puno am Titicaca-See verkehrt. In Puno 
kamen wir mit einer Handvoll einheimi- 
scher Mitglieder zusammen. Ich war die 
erste Generalautorität, die jemals dort 
war. Heute haben wir im Gebiet Puno 
zwei Zionspfähle. Die Pfahlpräsidenten 
und Bischöfe stammen aus den Reihen 
dieser Mitglieder. 

Wir waren jetzt in allen Ländern Süd- 
amerikas und Zentralamerikas und haben 
Wunder erlebt. In Fußballstadien kamen 
30000, 40000 und 50000 Menschen zu- 
sammen. Es sind alles Heilige der Letzten 
Tage. In jedem Fall haben sie uns beim 
Abschied mit den Taschentüchern zuge- 
wunken, und wir alle hatten Tränen in 
den Augen. 

Allein in Brasilien werden sich dieses 
Jahr rund 50 000 Menschen der Kirche 
anschließen. Das entspricht sechzehn, 
siebzehn neuen Pfählen in bloß zwölf 
Monaten. Der Säo-Paulo-Tempel ist nicht 
groß genug für all die Menschen, die hin- 
kommen wollen. Wir bauen in Brasilien 
jetzt drei neue Tempel und werden in 
Zukunft noch weitere bauen. 

Es sind starke und wundervolle Heilige 
der Letzten Tage, die im Herzen das glei- 
che Zeugnis von Jesus und von diesem 
Werk haben wie wir alle. 

Wir müssen zahlreiche neue Gemein- 
dehäuser bauen, um die vielen neuen 
Mitglieder unterbringen zu können. 

Ich staune, wenn ich mir bewußtmache, 
daß es in den Vereinigten Staaten und 
in Kanada keine größere Stadt ohne eine 



JANUAR 199 

69 



Gemeinde der Heiligen der Letzten Tage 
gibt. In Mexiko ist es genauso. Ebenso in 
Zentral- und Südamerika. Auch in Neu- 
seeland und Australien, auf den Inseln 
des Meeres und in Japan, Korea, Taiwan 
und den Philippinen. 

In Europa haben wir überall Gemein- 
den. Es ist doch erstaunlich, wenn man 
bedenkt, daß jeden Sonntag in über 24 000 
Gemeinden und Zweigen in der ganzen 
Welt dieselben Lektionen durchgenom- 
men werden und das gleiche Zeugnis 
gegeben wird. 

Und was ist mit der Zukunft, was ist 
mit den Jahren, die noch vor uns liegen? 
Es sieht tatsächlich vielversprechend aus. 
Die Menschen fangen an, uns zu sehen, 
wie wir wirklich sind, und sie sehen die 
Wertvorstellungen, nach denen wir leben. 
Die Medien behandeln uns im allgemei- 
nen gut. Wir haben einen guten Ruf, und 
dafür sind wir dankbar. 

Wenn wir vorwärtsgehen und unser 
Ziel niemals aus den Augen verlieren, 
wenn wir über niemanden schlecht reden 
und nach den großen Grundsätzen, die 
wir als wahr erkannt haben, leben, wird 
sich diese Sache in Majestät und Macht 
ausbreiten und die Erde erfüllen. Türen, 
die der Evangeliumsverkündigung noch 
verschlossen sind, werden aufgehen. Der 
Allmächtige muß vielleicht die Völker 
schütteln, um sie zu demütigen und sie 
dazu zu bringen, daß sie den Dienern des 
lebendigen Gottes zuhören. Was auch 
immer nötig ist, wird sich ereignen. 

Wir stehen heute vor großen Heraus- 
forderungen, und der Schlüssel zum Er- 
folg des Werks ist die Glaubenstreue aller, 
die sich Heilige der Letzten Tage nennen. 
Unsere Grundsätze sind gewiß und un- 
zweideutig. Wir brauchen nicht darum 
herumzureden. Wir brauchen sie nicht 
zu begründen. Sie stehen in den Zehn 
Geboten, die der Finger des Herrn am 
Berg Sinai schrieb. Sie finden sich in der 
Bergpredigt, die aus dem Mund des 
Herrn stammt. Sie finden sich auch an 
anderer Stelle in seinen Lehren und kom- 
men in den Worten neuzeitlicher Offen- 
barung deutlich zum Ausdruck. Seit 
Anbeginn dienen sie uns als Verhaltens- 
maßstab. Das müssen sie auch weiterhin 
sein. 

Die Zukunft wird im wesentlichen so 
sein wie die Vergangenheit, nur viel heller 
und viel größer. Wir müssen uns auch 
weiterhin der ganzen Welt widmen und 
zu Hause und in der Ferne das Evange- 
lium verkünden. Der göttliche Auftrag 
lastet schwer auf uns. Wir können nicht 
davor weglaufen. Wir können ihm nicht 
ausweichen. 



Der auferstandene Herr sagte zu denen, 
die er liebte: „Geht hinaus in die ganze 
Welt, und verkündet das Evangelium 
allen Geschöpfen! 

Wer glaubt und sich taufen läßt, wird 
gerettet; wer aber nicht glaubt, wird ver- 
dammt werden." (Markus 16:15,16.) 

Die Moronistatue, die oben auf vielen 
unserer Tempel steht, erinnert unablässig 
an die Vision Johannes des Offenbarers: 
„Dann sah ich: Ein anderer Engel flog 
hoch am Himmel. Er hatte den Bewoh- 
nern der Erde ein ewiges Evangelium 
zu verkünden, allen Nationen, Stämmen, 
Sprachen und Völkern. 

Er rief mit lauter Stimme: Fürchtet Gott, 
und erweist ihm die Ehre! Denn die 
Stunde seines Gerichts ist gekommen. Be- 
tet ihn an, der den Himmel und die Erde, 
das Meer und die Wasserquellen geschaf- 
fen hat." (Offenbarung 14:6,7.) 

Wir dürfen in unserem Bemühen, den 
Menschen der Erde das Evangelium zu 
bringen, nicht nachlassen. In Zukunft 
müssen sich noch mehr unserer jungen 
Männer darauf vorbereiten, hinauszuge- 
hen und dem Herrn zu dienen. Unsere 
christlichen Taten müssen ihnen voran- 
gehen und sie begleiten, wo immer das 
notwendig ist. Ich bin dankbar für die 
humanitäre Hilfe, die wir für die Armen 
und Unglücklichen leisten können. Heute 
haben hungernde Kinder in Nordkorea 
dank Ihrer Hilfe etwas zu essen. In unse- 
rer Welt, wo es soviel Hunger und Leid 
gibt, wo der Tod mit den Kindern Hand in 
Hand geht, müssen wir weitermachen und 
uns noch mehr anstrengen und dürfen 
nicht zulassen, daß Politik oder andere 
Faktoren die Hand der Barmherzigkeit 
zurückhalten. 

Wir blicken in die Zukunft und müssen 
das große Werk, das in den Tempeln für 
die Lebenden und die Verstorbenen ver- 
richtet wird, ausweiten. Wenn dieses Volk 
ohne seine Toten nicht errettet werden 
kann, wie der Prophet Joseph erklärt hat, 
müssen wir es noch viel mehr Menschen 
möglich machen, diese Arbeit zu tun. Wir 
haben jetzt fünfzig Tempel in Betrieb. Wir 
brauchen zweimal soviel, und wie ich ge- 
stern Abend erklärt habe, haben wir jetzt 
ein Programm, um das Ziel, den Bedürf- 
nissen der Menschen gerecht zu werden, 
zu verwirklichen. Diejenigen auf der an- 
deren Seite, die nicht tot sind, sondern, 
was den Geist betrifft, leben, werden sich 
freuen und sehr froh sein, wenn sie auf- 
wachen und auf ihrem Weg zu „Unsterb- 
lichkeit und ewigem Leben" (siehe Mose 
1:39) vorangehen. 

Aber es gibt noch viel mehr, was wir 
auf dem Weg nach vorn in ein neues 



und verheißungsvolles Jahrhundert tun 
müssen. Einfach gesagt, müssen wir 
bessere Heilige der Letzten Tage sein. Wir 
müssen bessere Nachbarn sein. Wir kön- 
nen in dieser Welt kein abgeschiedenes 
Leben führen. Wir sind Teil der ganzen 
Menschheit. 

Ein Gesetzeslehrer kam zu Jesus und 
fragte : „Meister, welches Gebot im Gesetz 
ist das wichtigste? 

Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, 
deinen Gott, lieben mit ganzem Her- 
zen, mit ganzer Seele und mit all deinen 
Gedanken. 

Das ist das wichtigste und erste Gebot. 

Ebenso wichtig ist das zweite : Du sollst 
deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 

An diesen beiden Geboten hängt das 
ganze Gesetz samt den Propheten." 
(Matthäus 22:36-40.) 

Wir wollen den Herrn mit aller Kraft 
und ganzer Macht lieben. Und wir wollen 
unsere Mitmenschen lieben. Verbannen 
wir doch aus unserem Leben auch das 
kleinste bißchen Selbstgerechtigkeit. Viele 
betrachten uns mißtrauisch und meinen, 
wir hätten nur eins im Sinn, nämlich sie 
zu bekehren. Die Bekehrung kommt eher, 
wenn wir sie lieben. Seien wir freundlich. 
Seien wir hilfsbereit. Leben wir nach der 
goldenen Regel. Seien wir Mitmenschen, 
von denen man sagen kann: „Er bezie- 
hungsweise sie war der beste Nachbar, 
den ich je hatte." 

Und auf dem Weg in eine wundervolle 
Zukunft haben wir auch die Gebote, die 
manche als die geringeren betrachten, die 
aber auch von enormer Bedeutung sind. 

Ich erwähne den Sabbat. Der Sabbat des 
Herrn wird zum Spieltag der Menschen. 
Es ist ein Tag des Golfspiels und des Fuß- 
balls im Fernsehen, ein Tag, an dem in 
unseren Läden und auf unseren Märkten 
gekauft und verkauft wird. Passen wir 
uns den übrigen Amerikanern immer 
mehr an, wie manche Beobachter mei- 
nen? In diesem Punkt ist es wohl leider 
so. Es ist spricht doch Bände, wenn in 
Orten, wo die meisten Einwohner Heilige 
der Letzten Tage sind, die Parkplätze der 
Einkaufszentren am Sonntag voll sind. 

Unsere Stärke für die Zukunft, unser 
fester Entschluß, uns mit der Kirche über 
die ganze Welt auszubreiten, wird ge- 
schwächt, wenn wir dem Willen des 
Herrn in dieser wichtigen Sache zuwider- 
handeln. Er hat in alter Zeit und in 
neuzeitlicher Offenbarung so deutlich ge- 
sprochen. Wir können das, was er gesagt 
hat, nicht ungestraft mißachten. 

Wir müssen das Wort der Weisheit be- 
folgen. Wenn wir die Zeitung lesen, wenn 
wir die Fernsehnachrichten anschauen, 



DER STERN 



70 



dann werden diese erstaunlichen Worte, 
die 1833 zum ersten Mal verkündet wur- 
den, vor unseren Augen lebendig: „In- 
folge der Frevel und bösen Absichten, die 
in den letzten Tagen im Herzen von bös- 
willigen Menschen vorhanden sind oder 
noch sein werden, habe ich euch gewarnt 
und warne euch im voraus." (LuB 89:4.) 
Wir haben einen Vorsprung vor der Welt, 
einen Kodex, der einfach und leicht zu 
verstehen ist. Vor kurzem habe ich Dr. 
James E. Enstrom von der University of 
California in Los Angeles kennengelernt. 
Er ist kein Mitglied der Kirche. Er spricht 
objektiv. Seine Studien belegen, daß die 
Heiligen der Letzten Tage tatsächlich 
rund zehn Jahre länger leben als ihre 
Peergruppe. 

Wer kann den Wert von zehn Lebens- 
jahren ermessen? Welch ein erstaunlicher 
und wundervoller Segen das Wort der 
Weisheit doch ist. 

Reporter, die ich kennengelernt habe, 
können einfach nicht glauben, daß wir 
zehn Prozent unseres Einkommens als 
Zehnten zahlen. Ich erkläre, daß dies ein 
geistiges Phänomen ist. Wir zahlen ihn, 
weil wir den Geboten des Herrn gehor- 
sam sind. Wir zahlen ihn, weil wir an 
seine großzügigen Segnungen glauben. 
Lehren wir doch unsere Kinder, solange 
sie noch jung sind, welch große Möglich- 
keiten und welche Verantwortung mit 
dem Zahlen des Zehnten verbunden sind. 
Dann wird es eine weitere Generation 
und wieder eine Generation geben, die 
auf den Wegen des Herrn gehen und die 
großen Segnungen erlangen, die er ver- 
heißen hat. 

Unser Hauptaugenmerk gilt wohl der 
Familie. Die Familie zerfällt überall in 
der Welt. Die alten Bindungen, die Vater 
und Mutter und Kinder zusammenge- 
halten haben, zerbrechen überall. Wir 
müssen dies auch in unserer Mitte mit 
ansehen. Es gibt auch bei uns zu viele 
zerbrochene Familien. Die Liebe, die zur 
Eheschließung geführt hat, ist irgendwie 
vergangen, und Haß nimmt ihre Stelle 
ein. Herzen zerbrechen, Kinder weinen. 
Können wir es nicht besser machen? 
Natürlich! Die meisten dieser traurigen 
Fälle sind durch Egoismus verursacht. 
Wo Geduld und Toleranz und Verge- 
bungsbereitschaft herrschen, wo man 
eifrig darauf bedacht ist, daß der Ehepart- 
ner glücklich ist, da blüht und gedeiht 
die Liebe. 

Wenn ich in die Zukunft blicke, sehe 
ich, was die Familie in Amerika und in 
der ganzen Welt betrifft, nur wenig, was 
mich begeistert. Drogen und Alkohol 
fordern einen schrecklichen Tribut, der 



wahrscheinlich nicht abnehmen wird. 
Grobe Reden hin und her, Gleichgültig- 
keit gegenüber den Bedürfnissen der Mit- 
menschen sind anscheinend auf dem Vor- 
marsch. Es gibt soviel Kindesmißbrauch. 
Es gibt soviel Ehegattenmißbrauch. Es 
gibt immer mehr Mißbrauch an älteren 
Menschen. All dies geschieht und wird 
noch schlimmer, wenn nicht anerkannt 
wird, ja, wenn es keine felsenfeste Über- 
zeugung davon gibt, daß die Familie 
ein Werkzeug des Allmächtigen ist. Sie ist 
von ihm geschaffen. Sie ist die Grundein- 
heit der Gesellschaft. 

Ich erhebe warnend die Stimme an un- 
ser Volk. Wir haben uns in dieser Sache 
schon viel zu sehr der Allgemeinheit 
angepaßt. Natürlich gibt es überall gute 
Familien. Aber es gibt zu viele, die in 
Schwierigkeiten sind. Dies ist eine Krank- 
heit, gegen die es ein Mittel gibt. Das Re- 
zept ist einfach und wunderbar effektiv. 
Es ist Liebe. Es ist einfache, alltägliche 
Liebe und Achtung. Es handelt sich um 
eine zarte Pflanze, die man hegen und 
pflegen muß. Aber es ist alle Anstrengung, 
die wir dafür aufwenden, wert. 

Zum Abschluß möchte ich sagen, daß 
ich in einer sehr ungewissen Welt eine 
wundervolle Zukunft sehe. Wenn wir 
an unseren Wertvorstellungen festhalten, 
wenn wir auf unserem Vermächtnis auf- 
bauen, wenn wir vor dem Herrn im 
Gehorsam leben, wenn wir einfach nach 
dem Evangelium leben, werden wir auf 



eine erhabene und wundervolle Weise 
gesegnet. Wir gelten als eigentümliche 
Menschen, die den Schlüssel zu einem 
eigentümlichen Glück gefunden haben. 

„Viele Nationen machen sich auf den 
Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hin- 
auf zum Berg des Herrn und zum Haus 
des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine 
Wege, auf seinen Pfaden wollen wir 
gehen. Denn von Zion kommt die Wei- 
sung des Herrn, aus Jerusalem sein 
Wort." (Jesaja 2:3.) 

Unsere Vergangenheit war groß, unsere 
Gegenwart ist wundervoll, unsere Zu- 
kunft kann herrlich sein. 

Kommt und singt von Zion, 
unsres Gottes Stadt! 
Alle, die im Herzen rein, 
werden sich in Zionfreun. 
Zion wird in aller Welt 
bereiten Gottes Pfad. 
{Gesangbuch, Nr. 22.) 

Wir haben einen Blick auf die Zukunft 
geworfen, wir kennen den Weg, wir haben 
die Wahrheit. Gott hilft uns, vorwärtszu- 
gehen und ein großes und mächtiges Volk 
zu werden, das über die ganze Erde ver- 
breitet ist, das Millionen umfaßt, die alle 
eines Glaubens und eines Zeugnisses und 
einer Überzeugung sind. Darum bete ich 
von Herzen im Namen unseres erhabe- 
nen Erlösers und Erretters Jesus Christus, 
amen. D 




JANUAR 1998 

71 



Versammlung am Sonntagnachmittag 
5. Oktober 1997 



A/ 



Das Lied der Gehorsamen: 
Alles wohl, alles wohl" 



Eider David B. Haight 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Welch wunderbare Zukunft die Kirche doch vor sich hat. . . . 
All dies hängt davon ab, wie wir die Wahrheit annehmen. . . 
Wie wir nach den Grundsätzen des Evangeliums leben. 




Ich bete um den Geist des Herrn und 
um allen Glauben, den ich brauche, 
damit ich ein paar Worte sagen kann, 
die ich auf dem Herzen habe. Damit 
ich Sie irgendwie darin bestärken kann, 
an die Grundsätze des Evangeliums zu 
glauben und danach zu leben. 

Wir haben heute Morgen von Präsident 
Hinckley einen der bewegendsten Aus- 
blicke in die Zukunft erhalten, die ich 
je gehört habe. Ich war davon zutiefst 
bewegt. Wenn ich mir vorstelle, was noch 
alles vor uns liegt, weiß ich, daß alles, was 
er sagt, wahr ist. Ich arbeite jetzt schon ei- 
nige Jahre mit ihm zusammen und erlebe 
seine geistige Gesinnung, seinen Einblick, 
seine Wünsche, seinen tiefen Glauben 
und die Inspiration, die mit seinem Amt 
verbunden ist, und so wußte ich heute 
Morgen, daß uns ein Prophet etwas über 
die Zukunft sagte. 

Wenn ich jetzt über den Kreis des Le- 
bens nachdenke und sehe, wie das Leben 



weitergeht, und wenn ich daran denke, 
was die Kirche alles vor sich hat, ist mir 
ein wenig zumute wie einem britischen 
Freund, der sagte: „Wäre es nicht schön, 
den Lebenskreis noch einmal fünfzig 
Jahre zurückzudrehen und es noch ein- 
mal zu versuchen." Ich habe zwar bereits 
die Möglichkeit gehabt, zu verkünden, zu 
lehren und zu predigen und in aller Welt 
vom Erretter Zeugnis zu geben, aber ich 
bin auch sehr froh über die Zeit, die mir 
jetzt noch zugemessen wird. 

Sie haben gerade das Lied „Kommt, 
Heiige, kommt!" {Gesangbuch, Nr. 19) ge- 
hört. Wirklich vertraut wurde ich mit 
diesem Lied in einem kleinen steinernen 
Tabernakel im Süden Idahos, wo ich auf- 
gewachsen bin. In jenem kleinen Taber- 
nakel, das die ortsansässigen Mitglieder 
der Kirche Ende der achtziger Jahre 
des neunzehnten Jahrhunderts aus Lava- 
gestein errichtet hatten, befand sich ein 
ähnliches Podium, wie wir es hier haben, 
mit einer Pfeifenorgel im Hintergrund, 
die der schönen Pfeifenorgel, die wir hier 
haben, ähnlich war, nur daß sie kleiner 
war. Damals gab es dafür noch keinen 
elektrischen Strom und keinen Motor, 
sondern ein Pumpsystem. Die Orgel 
wurde über einen Blasebalg mit Luft ver- 
sorgt. Jemand saß auf einem Hocker und 
pumpte mit Hilfe des Balgtreters hinter 
der Orgel. Es war immer eine große Ehre 
für den Jungen, der ausgewählt wurde, 
auf dem Hocker zu sitzen und die Orgel 
zu pumpen. 

Wenn wir in dem kleinen Tabernakel 
das Lied „Kommt, Heiige, kommt" san- 
gen, hatte ich das Gefühl, der Geist und 
die Gewalt der Musik würden das Dach 
hochheben. Das war das Gefühl, das mit 
der Macht, dem Glauben und dem Zeug- 
nis der Mitglieder einherging. In dem 



kleinen Tabernakel hatten wir AP-Chor- 
stunden, wo wir singen lernten. Dort san- 
gen wir „Ich bin ein Mormonenjunge". 
Dieses Lied hören wir heute gar nicht 
mehr so oft. Ich wollte, es wäre anders. 
„Ein Mormonenjunge, ich bin ein Mor- 
monenjunge. Ein König mag mich wohl 
beneiden, denn ich bin ein Mormonen- 
junge." (Evan Stephens, in Best-Loved 
Poems of the LDS People, Hg. Jack M. Lyon 
et al. , 1996, 296.) 

Das beeindruckte mich sehr. Denken 
Sie einmal darüber nach. „Ein König mag 
mich wohl beneiden." Da ist der König 
mit all seiner Macht und seinem Pomp 
und allem Reichtum. Aber mir wurde 
allmählich klar, daß wir, als Mitglieder 
der Kirche, Segnungen, Priestertums- 
segnungen, Erkenntnisse hatten, von de- 
nen der König nichts wußte. „Ein König 
mag mich wohl beneiden, denn ich bin 
ein Mormonenjunge." 

Während Sie den Chor so herrlich ha- 
ben singen hören, mußte ich an William 
Clayton denken. Sein Vater war Lehrer, 
und William hatte eine gute Ausbildung 
genossen. Er konnte gut schreiben und 
gut mit Zahlen umgehen und Berichte 
führen. Die Missionarsgruppe um Heber 
C. Kimball unterwies und taufte ihn in 
der Anfangszeit der Kirche in England. 
Sie lernten ihn rasch kennen und schät- 
zen, weil er so gebildet war und so gut 
schreiben konnte. Er war einfach ein 
kluger junger Mann, 23 Jahre alt. Bald 
wurde er in der kleinen Organisation, die 
die Kirche dort hatte, als Sekretär, als 
Schreiber, als Buchhalter eingesetzt. 

Als er 24 war, wollten er und seine 
Frau nach Nauvoo ziehen, und so reisten 
sie nach Amerika. In Nauvoo lernte er 
den Propheten und die übrigen Führer 
der Kirche kennen. Sie gaben ihm interes- 
sante Aufgaben, da er so schön schreiben 
konnte. Er kannte sich auch mit der 
Rechtschreibung aus. Einen solchen jun- 
gen Mann konnten sie gut gebrauchen. 
Aber nach dem Märtyrertod des Prophe- 
ten schloß er sich Brigham Young und 
den Zwölf an und wurde einer ihrer 
Schreiber und der Sekretär. 

Nach dem Märtyrertod des Propheten 
brach er mit der Abteilung von Brigham 
Young auf, und die Erfahrungen in Iowa 
inspirierten ihn dazu, dieses wundervolle 
Lied zu schreiben, das wir heute haben. 
Sie waren im Februar aufgebrochen; in- 
zwischen war es April. Sie mühten sich 
langsam mit den Wagen und den Pferden 
und Ochsengespannen über die Felder 
und den Regen und Schlamm in Iowa 
und waren entmutigt. Sie kamen kaum 
voran, einige starben, und Babys wurden 



DER STERN 



72 




4 



geboren. Sie reisten langsam, nur wenige 
Meilen am Tag. Während sie so entmutigt 
waren, schrieb William Clayton in sein 
Tagebuch, daß er auf der Wagendeichsel 
gesessen und ein Lied geschrieben habe - 
in der Hoffnung, es werde den Heiligen 
neuen Mut und Hoffnung und Glauben 
schenken. 

Und so schrieb er: „Kommt, Heiige, 
kommt! Nicht Müh und Plagen scheut." 
Es war schwierig. Sie waren entmutigt. 
„Wandert froh euern Pfad ! Ob rauh und 
schwer der Weg erscheinet heut, jeder 
Tag bringt euch Gnad!" Er spornt sie 
dazu an, nicht aufzugeben, ihre Lage 
werde wieder besser werden. 

Dann schrieb er diese wundervollen 
Zeilen: „Es liegt der Ort, den Gott für uns 
bestimmt, westwärts dort, in der Fern." 
Auch wenn wir jetzt hier im Schlamm 
stecken, wird das doch einmal alles an- 
ders werden. Wenn wir Mut und Glau- 
ben haben, wird der Herr unser Beten 
erhören, es wird alles geschehen. Das 
schenkte ihnen Hoffnung und machte 
ihnen Mut. „Es liegt der Ort, den Gott 
für uns bestimmt, westwärts dort, . . . 
wo nichts uns stört, nichts uns den Frie- 
den nimmt" - mitreißende, inspirierende 
Worte. 

Und dann die letzte Strophe, die der 
Chor heute Morgen so wunderschön 
gesungen hat: „Und trifft uns Tod, be- 
vor wir sind am Ziel: Tag des Heils, nicht 
geweint!" Wenn wir also sterben, haben 
wir doch unser Bestes gegeben. Wir 
werden irgendwann sterben, das wis- 
sen wir alle. Also: „Tag des Heils, nicht 
geweint ! " 



„Doch wenn uns Leben wird gewährt 
und mit den Heilgen Ruh beschert." Wir 
werden sehen, ob die Wagenräder durch- 
halten und die Reifen nicht von den klei- 
nen Handkarren abspringen, und wenn 
wir durch Beten unseren Mut und unsere 
Kraft behalten, werden wir dorthin gelan- 
gen. „Wenn uns Leben wird gewährt und 
mit den Heilgen Ruh beschert." Wenn wir 
ankommen, dann ist „alles wohl, alles 
wohl!" Wenn wir hinkommen und den 
Mut haben, es zu schaffen. 

Er schrieb in sein Tagebuch: „Ich habe 
ein neues Lied komponiert - ,Alles 
wohl'!" (Tagebuch von William Clayton, 
1921, 19.) Ich mag den ursprünglichen 
Titel „Alles wohl, alles wohl ! " So geht es 
im Leben, wenn wir so leben, wie wir 
leben sollen. Wir haben die Richtschnur, 
wir wissen, wie es geht, wir haben die 
Informationen, und wenn wir es schaffen 
und unser Leben verschont bleibt, dann 
können wir singen: „Alles wohl! Alles 
wohl!" Dieses Lied ist so etwas wie die 
„Nationalhymne" der Kirche. 

Am 150. Jahrestag jenes großen Ereig- 
nisses, auf das Präsident Hinckley heute 
Morgen anspielte, möchte ich dem Ko- 
mitee, das auf Weisung der Ersten Prä- 
sidentschaft diese wundervolle Feier aus- 
gerichtet hat, gratulieren. Die Gemeinden 
und Pfähle in der ganzen Welt haben 
diese Hundertfünfzigjahrfeiern auf wun- 
dervolle und ungewöhnliche Weise be- 
gangen. 

Mein Großvater, Horton David Haight, 
war 15, als die zweite Abteilung im Tal 
ankam, die Abteilung, die der Abteilung 
von Brigham Young folgte, also wird er 
wohl zu Fuß über die Prärie gegangen 
sein. Wenn wir also darüber singen, daß 
wir „jeden Schritt im Glauben" gehen, 
also, ich habe einen Großvater, der das ge- 
tan hat. Mit 15 fuhr man nicht im Wagen 
mit, sondern man war draußen, wo die 
Arbeit war, wo die Pferde und die Ochsen 
angetrieben werden mußten und wo man 
alles tat, was es zu tun gab. Und das Mäd- 
chen, das er später heiratete, Louisa Lea- 
vitt, wurde 11, als ihre Familie im Tal 
ankam. Also ist auch meine Großmutter 
den Weg zu Fuß gegangen. 

Wir haben also ein großes Vermächtnis, 
und ich möchte Ihnen allen sagen, wir ha- 
ben ein großartiges Jahr hinter uns, und 
die Kirche hat eine wundervolle Zukunft 
vor sich, wie unser Prophet es uns heute 
Morgen aufgezeigt hat. Aber all dies 
hängt davon ab, wie wir leben, wie wir 
die Wahrheiten, von denen wir wissen, 
annehmen, wie wir nach den Grundsät- 
zen des Evangeliums leben und was für 
ein Vorbild wir den Menschen, mit denen 



wir zusammenarbeiten und mit denen 
wir zu tun haben, sind. 

Als ich ein Junge von etwa 12 war, 
spielte ich gern Baseball. Das einzige 
Sportzeug, das wir zu Hause hatten, war 
ein alter Baseballhandschuh. Wir hatten 
damals keinen Football. Wir hatten über- 
haupt nicht viel. Ich dachte, der große 
Augenblick in meinem Leben werde 
dann sein, wenn ich für die New York 
Yankees Baseball spielte, damals waren 
die Yankees nämlich eine tolle Mann- 
schaft. Ich hatte vor, bei den Meister- 
schaftsspielen für sie zu spielen, wenn es 
drei zu drei stand. Und wer sollte dann, 
im entscheidenden Spiel, Schläger sein? 
Der Werfer, das wußte ich, würde den 
Ball genau dortin werfen, wo ich ihn ha- 
ben wollte, und ich würde ihn weit über 
das Stadion der Yankees hinaus schlagen 
und der Held der Meisterschaftsspiele 
sein. Ich dachte, das werde der große 
Augenblick meines Lebens sein. Aber 
ich möchte Ihnen sagen, daß das nicht 
wahr ist. 

Vor ein paar Jahren saß ich mit meiner 
Frau Ruby im Los-Angeles-Tempel in 
einem kleinen Siegelungsraum. Unsere 
Söhne waren jeder mit seiner Frau da 
- sie waren noch nicht lange verheiratet - 
und unsere liebe Tochter kniete am Altar 
und hielt die Hand des jungen Mannes, 
an den sie gesiegelt werden sollte. Ich sah 
mich in dem Raum um, und da wurde 
mir bewußt, daß dies der große Augen- 
blick meines Lebens war, weil ich in dem 
Raum alles hatte, was mir kostbar war, 
alles. Meine Frau war dort, meine große 
ewige Liebe und Partnerin. Unsere drei 
Kinder waren mit ihren Ehepartnern für 
die Ewigkeit dort. Und ich dachte: David, 
in deiner Jugend hattest du völlig falsche 
Vorstellungen. Du hast gemeint, irgend- 
ein weltliches Ereignis könnte das große 
Ereignis deines Lebens sein. Aber jetzt 
war ich Zeuge dieses großen Ereignisses. 
Ich war dort, ich spürte es, ich nahm 
daran teil, und ich wußte, daß in dem 
kleinen weißen Siegelungsraum - dem 
reinen, schönen Raum - als ich mit 
meiner ganzen Familie dort war, das der 
große Augenblick meines Lebens war. 

Ich liebe Sie alle und bezeuge Ihnen, 
daß dieses Werk wahr ist. Wir Heiligen 
der Letzten Tage müssen dem Glauben, 
zu dem wir uns bekennen, treu bleiben. 
Ja, treu. Dem mitreißenden Zeugnis, das 
wir erhalten haben, treu. Ihm, dessen 
Namen wir auf uns genommen haben, 
treu sein und dementsprechend leben 
und verkündigen und diesem Werk hel- 
fen, sich auszubreiten. Im Namen Jesu 
Christi, amen. D 



JANUAR 1998 

73 



Den Pionieren nachfolgen 



Eider Daliin H. Oaks 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Haben Sie - wie die Pioniere - den Mut und die Beständigkeit, 
dem Glauben treu zu sein und bis ans Ende auszuharren? 




V r or ein paar Jahren habe ich einem 
meiner dienstälteren Brüder eine 
Ansprache gezeigt, die ich halten 
wollte. Er gab sie mir mit den beiden 
folgenden stimulierenden Worten zurück: 
„Na und?" Die Ansprache war unvoll- 
ständig, weil ein wesentliches Element 
fehlte, nämlich was der Zuhörer tun sollte. 
Ich hatte mich nicht an das Beispiel von 
König Benjamin gehalten, der eine wich- 
tige Ansprache mit den folgenden Worten 
beendet hat: „Und nun, wenn ihr an dies 
alles glaubt, so seht zu, daß ihr es tut." 
(Mosia 4:10.) 

Seit vielen Monaten beschäftigen wir 
uns mit dem Leben und den Leistungen 
unserer Pioniere - von früher und von 
heute. Wir haben voller Begeisterung 
miterlebt, wie manche Erlebnisse nachge- 
spielt wurden, wobei viele mitmachen 
konnten. Es hat mich mit Demut erfüllt, 
in den Fußstapfen und Wagenspuren von 
einunddreißig meiner Pioniersvorfahren 
dreizehn Meilen weit über die Erhebun- 
gen in Wyoming mit dem Namen Rocky 
Ridge zu wandern und dann noch fünf 
Meilen den Weg entlang, den drei von 
ihnen später in den El-Cajon-Paß gin- 
gen, um das heutige San Bernardino in 
Kalifornien zu besiedeln. 



Jetzt, nach all diesen Studien und Akti- 
vitäten, tun wir gut daran, uns zu fragen: 
„Na und?" Sind diese Pionierfeiern ohne 
praktischen Nutzen, erweitern sie nur 
unseren Schatz an Erfahrungen und Er- 
kenntnis? Oder werden sie sich grund- 
legend darauf auswirken, wie wir leben? 

Diese Frage stellt sich uns allen. Wie 
Präsident Hinckley uns im April erinnert 
hat: „Ob Sie nun Nachkommen jener Pio- 
niere sind oder ob Sie erst gestern getauft 
wurden - jeder einzelne ist Nutznießer 
des großen Unterfangens der Pioniere." 1 
Wir alle sind durch ihre Anstrengungen 
gesegnet, und wir müssen alle aus diesem 
Vermächtnis etwas machen. 

Es reicht nicht aus, die Leistungen un- 
serer Pioniere nur zu studieren oder sie 
nachzuspielen. Wir müssen uns mit den 
großen, ewigen Grundsätzen identifizie- 
ren, die sie anwandten, um all das zu 
unserem Nutzen zu vollbringen, was sie 
vollbracht haben, und müssen diese 
Grundsätze auf die Herausforderungen 
unserer Zeit beziehen. So ehren wir ihre 
Pionierleistungen und untermauern un- 
ser Vermächtnis, so daß es für unsere 
Nachkommen und die „Millionen Kinder 
unseres Vaters im Himmel, die das Evan- 
gelium Jesu Christi noch nicht gehört 
und angenommen haben", 2 ein Segen ist. 
Darin sind wir alle Pioniere. 

Viele Herausforderungen, vor denen 
wir stehen, sind anders als diejenigen, 
vor denen die früheren Pioniere standen, 
aber vielleicht sind sie genauso gefähr- 
lich. Sie sind sicher genauso wichtig für 
unsere Errettung und die Errettung derer, 
die uns nachfolgen. Was beispielsweise 
die lebensbedrohlichen Hindernisse be- 
trifft, so waren die Wölfe, die um die 
Pioniersiedlungen herum lungerten, nicht 
gefährlicher für die Kinder der Pioniere 
als die Drogendealer oder Verfasser 
pornographischer Schriften, die unsere 
Kinder bedrohen. Ebenso stellte der phy- 
sische Hunger der Pioniere von früher 
für ihr Wohlergehen keine größere Be- 
drohung dar als der geistige Hunger, 
den viele heute leiden. Die Kinder der 



Pioniere von früher mußten unglaublich 
harte körperliche Arbeit leisten, um in 
ihrer Umgebung überleben zu können. 
Das war keine größere Herausforderung 
als die, vor der viele unserer jungen Leute 
heute stehen, weil sie keine harte Arbeit 
haben, was dann zu den in geistiger 
Hinsicht destruktiven Herausforderun- 
gen an die Disziplin, Verantwortungs- 
bewußtsein und Selbstwertgefühl führt. 
Jesus hat erklärt: „Fürchtet euch nicht 
vor denen, die den Leib töten, die Seele 
aber nicht töten können, sondern fürch- 
tet euch vor dem, der Seele und Leib ins 
Verderben der Hölle stürzen kann." 
(Matthäus 10:28.) 

Die herausragende Eigenschaft unserer 
Pioniere war der Glaube. Im Glauben an 
Gott taten sie, was jeder Pionier tut - sie 
gingen ins Unbekannte voran: eine neue 
Religion, ein neues Land, eine neue Art, 
etwas zu tun. Im Glauben an ihre Führer 
und aneinander standen sie angesichts 
erschreckenden Widerstands doch fest. 
Als ihr Führer sagte: „Dies ist der richtige 
Ort", vertrauten sie ihm und blieben. Als 
andere Führer sagten: „Tut dies so", folg- 
ten sie ihnen im Glauben. 

Die dazugehörigen Eigenschaften im 
Leben unserer Pioniere - ob früher oder 
heute - sind Selbstlosigkeit und Opferbereit- 
schaft. Unsere Utah-Pioniere schafften es 
in herausragender Weise, „das allgemeine 
Wohlergehen und die Ziele des Gemein- 
wesens über den persönlichen Gewinn 
und den eigenen Ehrgeiz zu stellen". 4 Die 
gleiche Eigenschaft ist auch in den Bekeh- 
rungsgeschichten der Pioniere von heute 
zu sehen. Wenn sie ein Zeugnis davon er- 
halten, daß das wiederhergestellte Evan- 
gelium wahr ist, opfern sie, ohne zu zö- 
gern, alles, was von ihnen verlangt wird, 
um sicherzugehen, daß ihren Kindern 
und den noch ungeborenen Generationen 
die Segnungen des Evangeliums offenste- 
hen. Manche verkaufen alles, was sie ha- 
ben, um zum Tempel zu reisen. Manche 
verlieren ihren Arbeitsplatz. Viele verlie- 
ren ihre Freunde. Manche verlieren so- 
gar ihre Eltern und übrigen Verwandten, 
da neue Mitglieder wegen ihres Glaubens 
auch schon enterbt worden sind. Das muß 
das größte aller Opfer sein. Hier denken 
wir an das, was der Erretter gelehrt hat: 

„Denn ich bin gekommen, um den Sohn 
mit seinem Vater zu entzweien und die 
Tochter mit ihrer Mutter und die Schwie- 
gertochter mit ihrer Schwiegermutter. . . . 

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als 
mich, ist meiner nicht würdig, und wer 
Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist 
meiner nicht würdig. 

Und wer nicht sein Kreuz auf sich 



DER STERN 



74 



nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht 
würdig." (Matthäus 10:35,37,38.) 

Wir preisen, was die Pioniere durch 
ihre Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft 
für uns getan haben, aber das reicht nicht 
aus. Wir müssen auch dafür sorgen, daß 
diese selben Eigenschaften die Grund- 
sätze sind, nach denen wir uns ausrich- 
ten, wenn wir die Möglichkeit haben, für 
unser Volk, unsere Familie, die Mitglieder 
unseres Kollegiums und unsere Kirche 
Opfer zu bringen. Das ist besonders in 
solchen Gesellschaften wichtig, die das 
persönliche Interesse und die Rechte des 
einzelnen so hoch einordnen, daß diese 
Werte solche Grundsätze wie Verantwor- 
tungsbewußtsein und Opferbereitschaft 
auslöschen. 

Weitere bedeutende Eigenschaften un- 
serer frühen Pioniere waren Gehorsam, 
Einigkeit und Zusammenarbeit. Das Bei- 
spiel der Heiligen, die Präsident Brigham 
Youngs Aufruf, die steckengebliebenen 
Handkarrenabteilungen zu retten oder 
aus einem bereits besiedelten Ort weg- 
zuziehen und ihre Talente und ihr Leben 
der Besiedelung eines neuen Gebiets zu 
widmen, folgten, begeistert uns alle. 

Unser Volk zeichnet sich seit jeher 
durch seine Loyalität und seinen Gehor- 
sam gegenüber den Weisungen seiner 
Führer aus, durch seine Einigkeit und 
seine außergewöhnliche Fähigkeit, in ei- 
nem gemeinsamen Unterfangen zusam- 
menzuarbeiten. Wir erleben, wie sich 
diese Pioniereigenschaften heute in den 
großen Leistungen kundtun, die unsere 
Brüder und Schwestern in mannigfalti- 
gen privaten Projekten und gemeinsamen 
Anstrengungen aufbringen, die Einigkeit 
und Zusammenarbeit erfordern. Der 
Gehorsam, die Einigkeit und die Zusam- 
menarbeit bei den Mormonen kommen 
auch in unserem einzigartigen Missions- 
programm zum Ausdruck, angefangen 
mit der Vorbereitung und dem Dienst 
der jungen Missionare bis zu den erstaun- 
lich vielfältigen Aktivitäten der älteren 
Ehepaare in der ganzen Welt. 

Unser weltweiter Dienstleistungstag 
zum Gedenken an die Pioniere, der vor 
kurzem stattfand und an dem die Mitglie- 
der der Kirche ihren Gemeinwesen über 
zwei Millionen Stunden an Dienstlei- 
stungsprojekten gespendet haben, ist ein 
deutlicher Beweis dafür, daß die Pionier- 
eigenschaften Gehorsam, Einigkeit und 
Zusammenarbeit in unserer Zeit weiterle- 
ben. Ich hoffe, daß wir uns bei diesem Bei- 
spiel und bei den übrigen angeführten 
Beispielen nicht mit der jährlichen Demon- 
stration begnügen, sondern diese Pionier- 
grundsätze jeden Tag unseres Lebens prak- 



tizieren - persönlich, als Familie, als Or- 
ganisationen der Kirche und als Bürger. 

In unserer Zeit, wo der Prophet uns auf- 
gefordert hat, die neuen Mitglieder herz- 
lich willkommen zu heißen und sie in 
unsere Gemeinschaft zu integrieren und 
den Glauben derer, die vom Weg abgeirrt 
sind, neu zu wecken und sie in die Ge- 
meinschaft zurückzuführen, kann das 
Beispiel der Pioniere uns Kraft schenken. 
Zum Vermächtnis der Pioniere gehört 
auch die Art, wie sie alle einbezogen. Als 
die Heiligen aus Missouri vertrieben wur- 
den, waren viele so arm, daß sie keine Ge- 
spanne und Wagen hatten, um fortziehen 
zu können. Ihre Kirchenführer bestanden 
darauf, daß keiner der Armen zurück- 
bleiben mußte. Genauso war es bei dem 
Exodus aus Nauvoo. Auf einer Konferenz 
der Kirche im Oktober 1845 gelobten die 
Mitglieder, alle Heiligen mitzunehmen. 5 
Danach, während der ersten gewaltigen 
Anstrengung auf dem Weg durch Iowa, 
schickten die Abteilungen, die als erste 
an dem Rastplatz am Missouri ankamen, 
Wagen nach Nauvoo zurück, die diejeni- 
gen holen sollten, die zu arm gewesen 
waren, um früher aufzubrechen. 6 Die Of- 
fenbarung, die den nächsten Exodus auf 
dem Weg nach Westen regelte, enthielt 
eine Anweisung dazu, daß jede Abteilung 
„einen im Verhältnis gleichen Anteil 



aufbringen [sollte], um die Armen, die 
Witwen und Vaterlosen und die Familie 
derer, die im Heeresdienst stehen, mit- 
zunehmen" (LuB 136:8). Als die Wagen 
und Handkarren nach Westen zogen, 
wurden immer alle einbezogen, und am 
Ende eines jeden Reisetages wurde dar- 
auf geachtet, daß man wußte, wo auch 
der letzte Nachzügler geblieben war. 

Als die Heiligen sich dann in den 
Gebirgstälern niederließen, gründeten sie 
sofort den „Ständigen Auswanderungs- 
fonds", um den Armen zu helfen, von 
Winter Quarters aufzubrechen. Später 
wurde auch denen geholfen, die aus Eu- 
ropa kamen. Wenigstens die Hälfte derer, 
die zu den Heiligen gereist kamen, hätte 
ohne die Hilfe der Führer und der Mit- 
glieder, die entschlossen waren, jeden 
einzubeziehen, der sich in Zion sammeln 
wollte, nicht kommen können. Wir brau- 
chen die gleiche Gesinnung und müssen 
auch alle einbeziehen, um dem deutlichen 
Aufruf unseres Propheten, alle Mitglieder 
aktiv zu halten beziehungsweise sie zu 
reaktivieren, Folge zu leisten. 

Eine weitere wichtige Tugend der Pio- 
niere war ihre Verpflichtung füreinander, 
für ihre Führer und ihren Glauben. Diese 
Eigenschaft ehren wir mit den Worten 
dieser Lieder, die zu unseren Lieblings- 
liedern zählen: 




Ausschachtungsarbeiten in vollem Gang für das Versammlungsgebäude, das nördlich des Tempel- 
platzes errichtet wird und für 21000 Menschen Platz bieten wird. In dem Gebäude, dessen Bau 
Präsident Gordon B. Hinckley auf der Frühjahrs- Generalkonferenz 1997 angekündigt hat, wird 
ab 2000 die Generalkonferenz stattfinden. In der Mitte des Fotos sind die Türme des Salt-Lake- 
Tempels zu erkennen; ganz links ist das Verwaltungsgebäude der Kirche zu sehen. 



JANUAR 1 

75 




Ja, fest wie die Berge und Felsen, 
so stark sei auch unser Stand 
auf dem Fels, den unsre Väter 
sich schufen durch Gottes Hand; 
ja, der Fels unsrer Ehre und Tugend 
und des Glaubens an Gott, der lebt. 
Der Arm ist stark, unverrückbar, 
der stolz das Banner hebt! 
Und wir hörn die Erde singen: 
Geh voran, geh voran, geh voran! 
(Gesangbuch, Nr. 167.) 

Treu in dem Glauben, den Eltern uns 

lehrten, 
treu stets der Wahrheit, die Helden 

begehrten! 
Gott zugewandt Aug, Herz und Hand, 
standhaft und treu sei stets unser Stand! 
(Gesangbuch, Nr. 166.) 

Was bedeutet es, dem Glauben treu zu 
sein? Das Wort treu schließt Selbstver- 
pflichtung, Redlichkeit, Ausdauer und Mut 
ein. Es erinnert uns an die Schilderung 
der zweitausend jungen Krieger im Buch 
Mormon: 

„Und sie waren wegen ihres Mutes und 
auch ihrer Stärke und Regsamkeit über- 
aus tapfer; aber siehe, dies war nicht alles 
- es waren Männer, die zu allen Zeiten 
und in allem, was ihnen anvertraut war, 
treu waren. 

Ja, es waren Männer der Wahrheit und 
Ernsthaftigkeit, denn man hatte sie gelehrt, 
die Gebote Gottes zu halten und untade- 
lig vor ihm zu wandeln." (Alma 53:20,21.) 



Im Sinne dieser Beschreibung sage ich 
zu unseren Missionaren, die schon zu- 
rückgekommen sind - Männern und 
Frauen, die gelobt haben, dem Herrn zu 
dienen, und die ihm bereits in diesem 
großen Werk der Evangeliumsverkün- 
digung und der Vervollkommnung der 
Heiligen gedient haben: Sind Sie dem 
Glauben treu? Bringen Sie genügend 
Glauben und Selbstverpflichtung auf, um 
die Grundsätze des Evangeliums vorzu- 
leben, und zwar konsequent? Sie haben 
gut gedient, aber haben Sie - wie die Pio- 
niere - den Mut und die Beständigkeit, 
dem Glauben treu zu sein und bis ans 
Ende auszuharren? 

Ich erinnere hier an junge Männer, die 
etwa so alt waren wie heute unsere Mis- 
sionare und die als Pioniere beispielhaf- 
ten Glauben, Selbstverpflichtung und Mut 
an den Tag legten. 7 Nur wenige Monate 
bevor der Prophet Joseph Smith in Car- 
thage ermordet wurde, verschworen sich 
einige seiner Feinde, ihn zu töten. Es ge- 
hörte zu ihrem Plan, daß sie versuchten, 
andere in ihre Verschwörung einzubezie- 
hen. Zu denen, die sie zu einer Versamm- 
lung in Nauvoo einluden, gehörten auch 
zwei junge Männer, die noch keine zwan- 
zig waren, Robert Scott und Dennison 
L. Harris. Dennisons Vater, Emer, war der 
ältere Bruder von Martin Harris, einem 
der Drei Zeugen des Buches Mormon. Die 
jungen Männer, die dem Propheten treu 
waren, berichteten sofort Dennisons Vater 
von der Einladung. Der Vater verständigte 



den Propheten Joseph und bat ihn um Rat. 
Joseph bat Emer Harris, die jungen Män- 
ner darum zu bitten, an der Versammlung 
teilzunehmen, genau auf alles zu achten, 
was gesagt wurde, sich zu nichts zu ver- 
pflichten und dem Propheten über alles 
zu berichten. 

Es ging nun weiter, und drei Versamm- 
lungen fanden statt. Zunächst wurde 
Joseph als gefallener Prophet bezeichnet, 
es wurde überlegt, wie Joseph gestürzt 
werden konnte, und zum Abschluß wurde 
genau geplant, wie er getötet werden 
sollte. All dies berichteten die beiden jun- 
gen Männer dem Propheten Joseph nach 
jeder Versammlung. 

Schon vor der dritten Versammlung 
sah der Prophet vorher, was geschehen 
würde, und erklärte den jungen Män- 
nern, dies werde die letzte Versammlung 
sein. Er warnte sie und erklärte ihnen, 
die Verschwörer könnten sie töten, wenn 
sie sich weigerten, den geforderten Eid, 
sich an dem Mordplan zu beteiligen, zu 
leisten. Er sagte, er glaube nicht, daß die 
Verschwörer ihr Blut vergießen würden, 
weil sie ja noch so jung waren, aber er for- 
derte sie mit den folgenden Worten zu 
Treue und Mut auf: „Laßt euch nicht irre 
machen. Wenn ihr sterben müßt, dann 
sterbt wie Männer, ihr werdet Märtyrer 
für die Sache sein, und eure Krone könnte 
nicht größer sein. 8 Er warnte sie noch ein- 
mal davor, irgendwelche Versprechungen 
abzugeben oder mit den Verschwörern ir- 
gendwelche Bündnisse einzugehen. Dann 
segnete er sie und sagte ihnen, wie sehr er 
sie liebte, weil sie bereit waren, für ihn ihr 
Leben aufs Spiel zu setzen. 

Wie Joseph es vorhergesehen hatte, 
wurde in der dritten und letzten Ver- 
sammlung von allen Anwesenden ver- 
langt, daß sie gemeinsam einen feier- 
lichen Eid schworen, Joseph Smith zu 
vernichten. Als die beiden Jungen sich 
weigerten und erklärten, Joseph, Smith 
habe ihnen nie etwas angetan und sie 
seien nicht bereit, sich an seiner Vernich- 
tung zu beteiligen, erklärten die Anfüh- 
rer, die Jungen müßten, da sie von den 
Plänen der Gruppe wüßten, sich der 
Sache anschließen oder aber auf der Stelle 
sterben. Es wurden Messer gezogen. 

Einige protestierten dagegen, daß die 
Jungen getötet werden sollten, vor allem 
weil ihre Eltern von ihrer Anwesenheit 
wußten und sicher einigen der Verschwö- 
rer gegenüber mißtrauisch wurden, wenn 
sie nicht zurückkamen. So ließ man in 
letzter Sekunde Vorsicht walten, und die- 
jenigen, die dagegen waren, die Jungen 
zu töten, gewannen die Oberhand. Die 
Jungen wurden für den Fall, daß sie 



DER STERN 



76 



jemals kundtaten, was sich in den Ver- 
sammlungen zugetragen hatte, mit dem 
sicheren Tod bedroht, und dann wurde 
ihnen erlaubt, zu gehen, ohne daß ihnen 
etwas angetan wurde. 

Als die Jungen außer Sichtweite der 
Wachposten waren, trafen sie auch schon 
auf den Propheten, der besorgt Ausschau 
gehalten und für ihre sichere Rückkehr 
gebetet hatte. Sie berichteten ihm alles. 
Er dankte ihnen und lobte sie und riet 
ihnen dann um ihrer Sicherheit willen, 
mindestens zwanzig Jahre lang nieman- 
dem etwas zu erzählen, auch nicht ihren 
Eltern. 

Der Glaube, die Selbstverpflichtung und 
der Mut dieser jungen Männer ist uns 
allen ein Beispiel. Diese und die übrigen 
Pioniereigenschaften, die ich genannt habe 
- Redlichkeit, Zusammenhalt, Ausdauer, 
Zusammenarbeit, Einigkeit, Selbstlosig- 
keit, Opferbereitschaft und Gehorsam - 
sind heute genauso lebensnotwendig wie 
damals, als unsere Pioniervorfahren sich 
von ihnen leiten ließen. Um diese Pio- 
niere zu ehren, müssen wir die ewigen 
Grundsätze ehren und befolgen, die ihr 
Handeln bestimmten. Wie Präsident 
Hinckley uns im April erinnert hat: „Die- 
jenigen, die uns vorangegangen sind, 
ehren wir am besten dadurch, daß wir 
in der Sache der Wahrheit gut dienen." 9 
Die Sache der Wahrheit ist die Sache un- 
seres Herrn und Erretters, Jesus Christus, 
dessen Diener sie waren und dessen Die- 
ner zu sein wir uns bemühen sollen. Ich 
bezeuge dies und bete, auch wir mögen 
dem Glauben, den unsere Eltern uns 
gelehrt haben, treu sein. Im Namen Jesu 
Christi, amen. □ 

FUSSNOTEN 

1. „Dem Glauben treu", Der Stern, Juli 1997, 65. 

2. Unsere Geschichte, 1996, 145. 

3. Siehe M. Russell Ballard, „Sie brauchen sich 
vor der Reise nicht zu fürchten", Der Stern, 
Juli 1997, 59-61. 

4. Carol Cornwall Madsen, Journey to Zion, 
Salt Lake City, 1997, 6. 

5. Siehe William G. Hartley, "How Shall I 
Gather?" Ensign, Oktober 1997, 6f. 

6. Siehe William G. Hartley, "The Pioneer 
Trek, Nauvoo to Winter Quarters", Ensign, 
Juni 1997, 31-43. 

7. Dieser Bericht ist dem Buch The Martin 
Harris Story, Provo, 1983, 142-169, von 
Madge Harris Tuckett und Belle Harris Wil- 
son entnommen, wo teilweise die ursprüng- 
liche Veröffentlichung in Horace Cummings, 
"Conspiracy of Nauvoo", The Contributor, 
5:7, April 1884, 251-260, zitiert wird. 

8. Ibid, 147. 

9. Der Stern, Juli 1997, 67. 



Den Glauben Wirklichkeit 
werden lassen 



Janette Haies Beckham 

Gerade entlassene JD-Präsidentin 



Die Grundlagen des täglichen Lebens - Schriftstudium, 
Familiengebet, Familienabend, die Unterhaltung bei Tisch - bilden 
die Erfahrungen, die den Glauben Wirklichkeit werden lassen. 



Glauben erfahren haben. Diese Erfahrung 
beginnt für den kleinen Benjamin bereits 
damit, daß seine Mutter und sein Vater 
gemeinsam mit seinem älteren Bruder be- 
ten, ehe er ins Bett gesteckt wird. Schon 
als Säugling erlebt er so in seiner Familie 
den Glauben. Er sammelt Erfahrungen. 

Vor einigen Wochen berichtete unser 
vierjähriger Enkel Michael nach der PV 
seinen Eltern: „Wenn ich bete, fühlt sich 
mein Herz an wie ein gerösteter Marsh- 
mallow." Er beginnt bereits, die Gefühle 
zu erkennen, die mit dem Glauben ein- 
hergehen. Welch ein Glück, daß er bereit 
und fähig ist, seine Gefühle zu erkennen 
und mit seinen Eltern darüber zu spre- 
chen. 

Der Prophet Alma beschrieb diese 
Gefühle, als er sagte: „Ihr wißt, daß das 
Wort eure Seele hat schwellen lassen, . . . 
daß euer Verständnis anfängt, erleuchtet 
zu werden ... Ist dies dann nicht etwas 
Wirkliches? Ich sage euch: Ja, denn es 
ist Licht; und wenn etwas Licht ist, so ist 
es gut, denn man kann es erkennen." 
(Alma 32:34,35.) 

Damit Glaube Wirklichkeit werden 
kann, ist es wichtig, daß man erkennen 
lernt, wie der Geist lehrt. Meine Tochter 
Karen hat erzählt, was sie erlebt hat. Sie 
sagte: „Als kleines Mädchen begann ich 
zum erstenmal das Buch Mormon zu le- 
sen. Nach vielen Tagen gelangte ich dann 
zu 1 Nephi 3:7: ,Ich will hingehen und 
das tun, was der Herr geboten hat; denn 
ich weiß, der Herr gibt den Menschen- 
kindern keine Gebote, ohne ihnen einen 
Weg zu bereiten, wie sie das vollbringen 
können, was er ihnen geboten hat.'" Karen 
fuhr fort: „Ich wußte nicht, das dies ein 
bekannter Vers war; aber als ich diesen 
Vers las, war ich tief beeindruckt. Mich 
beeindruckte die Aussage, daß der himm- 
lische Vater uns hilft, seine Gebote zu hal- 
ten, aber dieser tiefe Eindruck war mehr 
ein Gefühl. Ich hatte gesehen, wie meine 




Man kann sich wohl kaum ein rei- 
neres und vollkommeneres Bei- 
spiel für Unschuld vorstellen als 
ein neugeborenes Baby. Wir sind gerade 
von einem Besuch bei unserem jüngsten 
Enkel zurückgekehrt. Als ich den kleinen 
Benjamin im Arm hielt, fiel mir eine Frage 
ein, die mir einmal von einer Zeitungsre- 
dakteurin gestellt wurde. In einem Inter- 
view fragte sie: „Wie bereiten Sie Ihre jun- 
gen Leute darauf vor, in der wirklichen 
Welt zu leben?" Unser Gespräch erinnerte 
mich daran, daß unsere Auffassung von 
der „wirklichen" Welt in gewissem Maß 
von unserer Erfahrung abhängt. Wir 
hatten beide eine Vorstellung von den 
Herausforderungen in der Welt, aber für 
mich gehörte zur Vorbereitung auf die 
wirkliche Welt die Dimension des Glau- 
bens, die sie nicht kannte. 

Unser Gespräch weckte in mir erneut 
Dankbarkeit für die Erfahrungen, die 
dazu beitragen, daß der Glaube im Leben 
eines Menschen Wirklichkeit wird. Um 
Glauben zu haben oder um zu wissen, 
daß wir Glauben haben, müssen wir 



JANUAR 1998 

77 



Eltern Verse in ihren heiligen Schriften 
mit einem roten Farbstift markierten. 
Also stand ich auf und suchte im gan- 
zen Haus, bis ich einen roten Farbstift 
fand, und dann markierte ich diesen Vers 
in meinem Buch Mormon mit dem Ge- 
fühl, daß ich etwas sehr Feierliches und 
Bedeutendes tat." Karen fuhr fort: „In 
den folgenden Jahren wiederholte sich 
diese Erfahrung immer wieder, wenn ich 
in den heiligen Schriften las - ich las einen 
Vers und war tief beeindruckt. Mit der 
Zeit lernte ich dann, dieses Gefühl als 
den Heiligen Geist zu erkennen. Als Mis- 
sionarin . . . erlebte ich, wie andere Men- 
schen Verse lasen und so tief beeindruckt 
waren, daß sie bereit und fähig waren, 
sich zu ändern und das Evangelium 
anzunehmen." 

Während wir lernen, die Eingebungen 
des Geistes zu erkennen, gibt es viele 
Ablenkungen. Präsident Ezra Taft Benson 
erinnerte uns einmal daran, daß „die 
Welt lauter schreit, als der Heilige Geist 
flüstert" {Der Stern, Juli 1989, Seite 4). Je- 
der von uns muß lernen, empfänglich zu 
sein und auf das Flüstern zu hören. 

Vor Jahren empfand eine Freundin es 
als große Herausforderung, mit anzuse- 
hen, wie die Welt ihren Kindern zuschrie. 
Sie sagte: „Ich wünschte, wir könnten 
unsere Kinder im Tempel einschließen, 
bis sie einundzwanzig sind." Mit dieser 
Lösung wären sie vielleicht unschuldig 
geblieben, aber sie entspricht nicht dem 
Plan. So wie Adam und Eva den Garten 
von Eden verlassen mußten, erfordert 




geistige Reife, daß wir in der Welt Er- 
fahrungen sammeln. Durch Erfahrung 
lernen wir, Gut und Böse zu unterschei- 
den. Durch Erfahrung lernen wir, die 
Eingebungen des Geistes zu erkennen. 

Durch Erfahrung können wir auch er- 
kennen, wenn wir keine guten Gefühle 
haben. In der Broschüre Für eine starke 
Jugend heißt es : „Man kann nicht schlecht 
handeln und sich gut fühlen. Das ist un- 
möglich." (Für eine starke Jugend, 1990, 
Seite 4.) Ein Mädchen sagte: „In den letz- 
ten Wochen bin ich zur Kirche zurück- 
gekommen. Ich bin zu meinem Bischof 
gegangen und habe Umkehr geübt, und 
ich bemühe mich, nach dem Evangelium 
zu leben." Sie fügte hinzu: „Ich habe 
etwas gelernt: Wenn ich Gutes tue, fühle 
ich mich auch gut." 

Unser himmlischer Vater wußte, daß 
wir Fehler machen, wenn wir lernen, Ent- 
scheidungen zu treffen. Er hat uns einen 
Erretter gegeben. Eider Bruce C. Hafen 
hat gesagt: „Aufgrund des Sühnopfers 
Jesu Christi können wir aus unserer 
Erfahrung lernen, ohne durch unsere Er- 
fahrung schuldig gesprochen zu werden." 
(„Eve Heard All These Things and Was 
Glad", in Women in the Covenant of Grace, 
Hg. Dawn Hall Fletcher und Susette Flet- 
cher Green, 1994, 32; Hervorhebung hin- 
zugefügt.) Wir müssen wissen, wie sich 
das Sühnopfer auf unser Leben auswirkt 
und wie wir gute Gefühle zurückerlangen 
und bewahren können, wenn wir Fehler 
gemacht haben. 

Während wir in dieser anspruchsvollen 
„wirklichen Welt" Erfahrungen sammeln, 
übersehen wir manchmal, daß die schein- 
bar routinemäßigen täglichen Aufgaben 
etwas Heiliges sind. Die Grundlagen des 
täglichen Lebens - Schriftstudium, Fami- 
liengebet, Familienabend, die Unterhal- 
tung bei Tisch - bilden die Erfahrungen, 
die den Glauben Wirklichkeit werden 
lassen. 

Arthur Henry King schrieb darüber, wie 
wichtig es ist, in den heiligen Schriften zu 
lesen: „Manche meinen vielleicht, die 
Sprache in den heiligen Schriften sei für 
Kinder zu schwierig, aber . . . wir dürfen 
nicht vergessen, daß der Herr Kinder viel 
mehr befähigt hat, Sprachen zu erlernen, 
als Erwachsene. ... Es ist gut für Kinder, 
ihre Lieblingsschriftstellen und auch ihre 
anderen Lieblingsgeschichten immer und 
immer wieder zu hören. . . . Wir dürfen 
unsere Kinder nicht dazu erziehen, nur 
auf das zu reagieren, was aufregend und 
spannend ist. . . . Das ist nur ein Nerven- 
kitzel. Von etwas berührt zu sein, ist eine 
Sache; aufgeregt oder gespannt zu sein, 
ist etwas ganz anders. Wenn wir unsere 



Kinder so erziehen, daß sie immer etwas 
Neues wollen, . . . brauchen sie jedesmal 
einen noch stärkeren Reiz, bis sie schließ- 
lich zum Bersten voll sind. Wenn wir 
aber unsere Kinder an Beständigkeit, an 
Wiederholungen, an das normale Leben 
gewöhnen, . . . dann werden sie ein an- 
ständiges Leben führen." (Arthur Henry 
King, The Abundance ofthe Heart, Salt Lake 
City, Utah, 1986, Seite 2221) 

Die Zeit, die wir mit Kindern und 
Jugendlichen in den Jahren, in denen sie 
heranwachsen, verbringen, gibt ihnen die 
Erfahrung, die zur Grundlage für spätere 
Entscheidungen wird. 

Ein junger Mann, der von seiner Mis- 
sion zurückgekehrt war, erzählte von 
seiner Erfahrung mit dem Glauben. Er 
betrachtete sie als ein Wunder in seinem 
Leben. Er sagte: „Ich war das erste von 
sechs Kindern. Meine Mutter und mein 
Vater lehrten mich schon als Kind die 
Evangeliumsgrundsätze. Glauben lehrten 
beide durch ihr Beispiel. Als ich gerade 
zehn Jahre alt war, kam mein Vater, des- 
sen Vertrauen in den Herrn beispielhaft 
war, bei einem Unfall ums Leben. Ich war 
jung und mußte mit den verschiedensten 
Gefühlen fertig werden, die mir alle neu 
waren." Der junge Mann erkannte, daß 
es damals zwei Möglichkeiten gab, für 
die er sich entscheiden konnte - „Ich 
konnte dem Herrn gegenüber verbittert 
sein und alles verlieren, was ich heute 
habe, oder ich konnte dem Herrn ver- 
trauen. Durch das Beispiel meiner Eltern 
war das Vertrauen der Weg, für den ich 
mich entschied. Daß ich mich für den 
Glauben entschied, war von weitreichen- 
der Bedeutung." (Privatbrief im Besitz 
von Schwester Beckham.) 

Den Glauben junger Menschen mitzuer- 
leben hat auch meinen Glauben gestärkt. 
Eine junge Mutter schrieb : 

„Als ich 13 Jahre alt war, wußte ich, 
daß mein Leben nicht lebenswert war. In 
meiner Familie, in der Gewalt herrschte, 
schien es kein dauerhaftes Glück zu 
geben. 

Meine beiden besten Freundinnen hat- 
ten mir gerade mitgeteilt, daß sie nicht 
mehr mit mir befreundet sein wollten, 
weil ich der Meinung sei, ich sei zu gut 
für sie. Das ergab zwar keinen Sinn, aber 
dadurch war ich ganz allein. 

Als die Kämpfe in meiner Familie 
weiter tobten, ging ich in mein Zimmer. 
Ich hatte solche Angst. Ich kniete nieder 
und rief die einzige Person an, von der 
ich wußte, daß sie noch für mich da war. 
Ich flehte meinen Vater im Himmel an, 
mich irgendwie nach Hause zu holen. 
Ich sagte: , Vater, ich muß bei dir sein. Ich 



DER STERN 



78 



muß deine Arme um mich spüren/ Als 
ich weinend dasaß und in diesem Augen- 
blick der Verzweiflung still darauf war- 
tete, daß der himmlische Vater mir seine 
Arme entgegenstreckte, hörte ich eine 
Stimme: ,Leg deine Arme um dich, und 
ich werde bei dir sein.' Als ich dieser 
Eingebung Folge leistete, spürte ich die 
Liebe des himmlischen Vaters, die mir 
versicherte, daß ich es schaffen konnte 
und es schaffen würde und nicht allein 
war. (Privatbrief im Besitz von Schwester 
Beckham.) 

Dieses Mädchen wandte sich in einer 
sehr schweren Zeit an den himmlischen 
Vater. Ihre Erfahrung stärkte ihren Glau- 
ben und machte ihn „wirklicher". Die 
Frucht ihres Glaubens zeigt sich darin, 
daß sie im Tempel geheiratet hat und 
heute ein gutes Familienleben führt (siehe 
Alma 32:42,43). 

Ich bin den Führern so dankbar, die 
uns zu Erfahrungen ermutigen, die den 
Glauben vertiefen. Die Hilfsorganisatio- 
nen der Kirche sollen den Familien hel- 
fen, den Glauben der Mitglieder zu stär- 
ken. Das Programm „Mein Fortschritt" 
hält die Mädchen dazu an, sich zu etwas 
zu verpflichten, was ihren Glauben Wirk- 
lichkeit werden läßt. Sie entscheiden sich 
für Erfahrungen, bei denen sie eine Ver- 
pflichtung eingehen, sie ausführen und 
jemand darüber berichten. Das ist der 
Vorgang, wie wir Fortschritt machen. Es 
ist derselbe Vorgang, den wir durchlau- 
fen, wenn wir eine Berufung annehmen - 
eine Verpflichtung eingehen, sie aus- 
führen und jemand darüber berichten. Zu 
den Wundern der Wiederherstellung des 
Evangeliums und der Gründung der 
Kirche in diesen Letzten Tagen gehört, 
daß die Mitglieder wachsen und sich 
ändern können. Jeder von uns kann die 
Erfahrung machen, die uns hilft, uns zu 
ändern - geistig reif zu werden. Durch 
unsere wiederholten Bemühungen kann 
unser Glaube Wirklichkeit werden. 

Ich möchte zum Abschluß meines Dien- 
stes meine Liebe und Dankbarkeit für die 
vielen Menschen zum Ausdruck bringen, 
die mich beraten und unterstützt haben - 
die Erste Präsidentschaft, Priestertums- 
führer und andere Hilfsorganisations- 
leiter. Meine Ratgeberinnen, sowohl die 
früheren als auch die jetzigen, der JD- 
Hauptausschuß und die Belegschaft im 
JD-Büro sind wunderbare Frauen - glau- 
bensstarke Frauen. Wo immer sie auch 
dienen, wird man gut von ihnen spre- 
chen. Ich bin meinem himmlischen Vater 
für meine Erfahrung hier dankbar. Im 
Namen seines Sohnes, Jesus Christus, 
amen. D 



Der Erlösungsplan - 

ein Flugplan für das Leben 



Eider Duane B. Gerrard 

von den Siebzigern 



Welch großartiger und wunderbarer Plan ist doch der Erlösungsplan, 
der ... wahre Grundsätze lehrt, die es uns ermöglichen, unsere Reise 
durch das Lehen zu vollenden. 



Normalfall", die bei jedem Flug regel- 
mäßig und beständig durchgeführt wird, 
um die Sicherheit zu gewährleisten. Dann 
gibt es eine „Vorgehensweise für den 
Ausnahmefall"; sie wird durchgeführt, 
wenn sich etwas Außergewöhnliches er- 
eignet, beispielsweise der Verlust eines 
hydraulischen oder elektrischen Systems. 
Die „Vorgehensweise für den Ausnahme- 
fall" muß präzise und in der richtigen 
Reihenfolge befolgt werden, damit alle 
Systeme wieder in den Normalzustand 
gebracht werden. Schließlich gibt es noch 
die „Vorgehensweise für den Notfall", 
die nur in den gefährlichsten und kri- 
tischsten Situationen greift, beispiels- 
weise bei einem plötzlichen Ausfall eines 
Motors, bei einem rapiden Druckabfall 
oder schweren Turbulenzen. 

Diese Maßnahmen haben für mich vie- 
les mit dem Erlösungsplan gemeinsam. 
Zunächst hat der Herr eine wunder- 
schöne Erde geschaffen, auf der seine 
Kinder leben können, sowie irdische Kör- 
per, die ein Tempel für unseren Geist sind. 
Wenn wir sorgsam mit unserem Körper 
umgehen, kann er uns auf unserem „Flug" 
durch das Leben wahrhaftig Freude und 
Vergnügen bereiten. Im Buch Mormon 
lesen wir: „Menschen sind, damit sie 
Freude haben können." 2 Wir dürfen unse- 
ren wunderbaren Körper nicht verderben 
oder mißbrauchen; er ist uns von Gott ge- 
geben, heilig und vom Herrn geschaffen - 
ein vollkommenes Beispiel für die Schön- 
heit seiner Schöpfung. 

Wir werden von irdischen Eltern erzo- 
gen, die uns durch ihre freundliche und 
liebevolle Fürsorge richtige Grundsätze, 
nämlich die „Vorgehensweise für den 
Normalfall" lehren, die uns, wenn wir 
uns täglich daran halten, gewiß hilft, dem 
Flugplan fürs Leben weiter zu folgen. Wir 
lernen Grundsätze wie Liebe, Ehrlichkeit, 
Freundlichkeit, Geduld, Vertrauen, Be- 
geisterung, Teilen, Demut, Umkehr, Glau- 




Der Herr hat einen Plan des Lebens 
aufgestellt, der Erlösungsplan 
genannt wird. Er umfaßt all die 
Gesetze, Verordnungen, Grundsätze und 
Lehren, die erforderlich sind, damit wir 
unsere irdische Reise vollenden und einen 
Zustand der Erhöhung erreichen können, 
wie ihn unser Vater im Himmel erreicht 
hat. Der Herr sagte zu Mose: „Denn siehe, 
es ist mein Werk und meine Herrlichkeit, die 
Unsterblichkeit und das ewige Leben des 
Menschen zustande zu bringen." 1 Durch 
sein göttliches Werk - die Schöpfung, den 
Fall und das Sühnopfer - bietet er diesen 
Plan jedem an. 

Als kürzlich pensionierter Pilot habe ich 
in den Jahren, in denen ich geflogen bin, 
viele „Flugpläne" eingehalten - Flug- 
pläne, die mich sicher an meinen Be- 
stimmungsort brachten. Auch bei Flug- 
linien gibt es Gesetze, Verfahrensweisen, 
Grundsätze und Vorschriften. Wir halten 
uns strikt an diese strengen Verfahrens- 
weisen und Checklisten, die in drei Be- 
reiche gegliedert sind. Zunächst einmal 
gibt es eine „Vorgehensweise für den 



JANUAR 1998 

79 



ben, Taufe und unzählige weitere ewige 
Grundsätze. Sie werden uns in der Fami- 
lie durch eifrige und liebevolle Eltern ver- 
mittelt und von wohlwollenden Brüdern, 
Schwestern und Freunden bekräftigt. Diese 
„Vorgehensweise für den Normalfall" ist 
die Grundausbildung im Erlösungsplan 
des Herrn. 

Der Herr gebietet uns : „Ehre deinen Va- 
ter und deine Mutter, damit du lange lebst 
in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir 
gibt/' 3 Wir sollen unseren Eltern Liebe 
und Achtung entgegenbringen, denn sie 
sind, gemeinsam mit dem Herrn, für un- 
seren irdischen Körper und für unsere 
„Grundausbildung" verantwortlich. Ich 
bin sehr dankbar für meine gütigen und 
liebevollen Eltern, die mich diese wahren 
Grundsätze des Lebens gelehrt haben. 

Dann gibt es die „Vorgehensweise für 
den Ausnahmefall", die ich mit den au- 
ßergewöhnlichen Geschehnissen im tägli- 
chen Leben vergleichen möchte, wie etwa 
der Enttäuschung über eine schlechte 
Schulnote, die auf Faulheit oder Interesse- 
losigkeit zurückzuführen ist, Unachtsam- 
keit, die zu einer Verletzung oder zu 
einem Unfall führt, oder Ungehorsam, der 
zu schwerwiegender Sünde führt - Sünde, 
die vollständige Umkehr erfordert, damit 
Vergebung erfolgen kann. Diese „außer- 
gewöhnlichen Ereignisse" werden bei vie- 
len Menschen zu einem Teil ihres Lebens 
und müssen überwunden werden. Ich 
fragte einmal einen Chefpiloten, der in 
den Ruhestand ging, wie es ihm gelun- 
gen war, fast 40 Jahre ohne einen Unfall 
oder auch nur einen Zwischenfall zu 
fliegen. 

Er erwiderte: „Gute Entscheidungen." 

„Und wie treffen Sie immer gute Ent- 
scheidungen?" fragte ich. 

Er erwiderte: „Erfahrung." 

„Und wie erlangt man Erfahrung?" be- 
harrte ich. 

„Schlechte Entscheidungen", lautete 
seine Antwort. 

Aber da irrte mein Kollege sich; man 
braucht keine schlechten Entscheidungen 
zu treffen. Präsident Marion G. Romney 
hat einmal gesagt: Ich sage Ihnen, daß Sie 
jede Entscheidung im Leben richtig tref- 
fen können, wenn Sie nur lernen, der Füh- 
rung des Heiligen Geistes zu folgen." 4 
Dies und häufiges Studieren der heiligen 
Schriften erlaubt es uns, viel aus den Er- 
fahrungen anderer zu lernen. Wenn wir 
jedoch Fehler machen, erwartet der Herr 
von uns, daß wir aus unseren schlechten 
Entscheidungen lernen, und die „Vorge- 
hensweise für den Normalfall" und die 
„Vorgehensweise für den Ausnahmefall" 
verlangen von uns, daß wir bekennen, 



umkehren und uns um Vergebung be- 
mühen. Und indem wir das tun, kann 
sogar ein Mißerfolg zum Erfolg werden. 
Der Plan des Herrn sieht vor, daß es 
Menschen gibt, die sich in Zeiten des 
Mißerfolgs und der Sünde um uns küm- 
mern und uns trösten: unsere Eltern, der 
Bischof, Kollegiumsführer und Berater. 
Ich bin sehr dankbar für diesen Plan, der 
solch wunderbare Eltern, Führer und 
Lehrer vorsieht, die sich wirklich um uns 
kümmern! Ich bin vor allem auch für 
den Erretter dankbar, dessen Sühnopfer 
Umkehr und Vergebung ermöglicht. 

Auch wenn wir gelegentlich die „Vor- 
gehensweise für den Ausnahmefall" be- 
folgen müssen, können wir immer um- 
kehren und „alle Systeme wieder in den 
Normalzustand bringen", wenn wir de- 
mütig und weise sind und unser Urteils- 
vermögen gebrauchen. Beim Fliegen habe 
ich jedoch festgestellt, daß es immer 
besser ist, überragendes Urteilsvermögen 
zu gebrauchen, um Situationen zu ver- 
meiden, die nur mit „überragendem Kön- 
nen" und gewaltigen Anstrengungen 
bewältigt werden können. Der Vorgang 
der Umkehr soll zu einer häufigen „Vor- 
gehensweise für den Normalfall" wer- 
den, damit wir lernen, mit den selteneren 
„Ausnahmefällen" im Leben fertig zu 
werden - ja, was für ein Unterschied be- 
steht doch zwischen fast richtig und völlig 
richtig! 

Glücklicherweise mußte ich als Pilot 
kaum nach der Vorgehensweise für den 
Notfall vorgehen, obwohl ich mich häufig 
darauf vorbereitete. Die Vorgehensweise 
für den Notfall bietet Hilfe und Führung 
in den gefährlichsten Situationen. Wir alle 
müssen uns solchen Situationen stellen, 
wenn wir in die schweren Turbulenzen 
des Lebens geraten - wenn wir beispiels- 
weise einen geliebten Menschen verlieren, 
wenn eine schwere Krankheit entdeckt 
wird, wenn wir uns einem uns wichtigen 
Menschen entfremden oder eine finan- 
zielle Katastrophe eintritt. Die Vorgehens- 
weise für den Notfall wird in Zeiten höch- 
ster Gefahr angewendet, wenn unser 
Zeugnis erprobt und geprüft wird. Dann 
müssen wir uns auf unsere innere Kraft 
verlassen, auf unsere Kenntnis vom Evan- 
gelium, die uns an die Grundsätze er- 
innert, die uns teuer sind, und auf den 
Trost, der uns zuteil wird, wenn wir alles 
ertragen, auf den Erretter vertrauen und 
zulassen, daß sein Geist uns mit seiner 
Liebe umhüllt. Wir suchen Trost, indem 
wir in den heiligen Schriften forschen, 
über die Worte der Propheten nachsin- 
nen und die tiefe Liebe und Hingabe 
unseres Ehepartners, unserer Familie und 



Freunde spüren. Mit Hilfe der Vorgehens- 
weise für den Notfall behalten wir unse- 
ren Flugplan zu unserem ewigen Bestim- 
mungsort sicher bei. 

Sind Sie mit Ihrem Flugplan für das 
Leben - dem Erlösungsplan des Herrn - 
vertraut? Können Sie die Vorgehensweise 
für den Normalfall, für den Ausnahmefall 
und für den Notfall oder, mit anderen 
Worten, die Grundsätze, die der Herr 
festgelegt hat, wirksam anwenden? Stu- 
dieren, üben und trainieren Sie diese 
göttlichen Grundsätze? Sind Sie in jeder 
Hinsicht vorbereitet, diesen großartigen 
Erlösungsplan genauestens zu befolgen? 

Wenn nicht, dann nehmen Sie an einem 
Auffrischungskurs des Herrn teil: 

Befassen Sie sich eifriger mit den Lehren 
Christi. 

• Besuchen Sie immer die Abendmahls- 
versammlung, und halten Sie den Sabbat 
heilig. 

• Zahlen Sie den Zehnten und die Spen- 
den gewissenhafter. 

• Halten Sie sich sittlich rein. 

• Beten Sie regelmäßig und mit größe- 
rer Lauterkeit in Ihren Absichten. 

• Halten Sie den Familienabend. 

• Studieren Sie die heiligen Schriften. 

• Geben Sie anderen mehr von sich 
selbst. 

• Erweisen Sie Ihrer Familie und Ihren 
Freunden mehr Liebe. 

• Seien Sie ein Vorbild an Güte, Mitge- 
fühl und Nächstenliebe. 

Der Prophet Joseph Smith hat uns ge- 
sagt: „Wenn ein Mann von der Liebe 
Gottes erfüllt ist, gibt er sich nicht damit 
zufrieden, nur seine Familie zu segnen, 
sondern er streift durch die ganze Welt 
und möchte die ganze Menschheit seg- 
nen." 5 Das sollten wir alle auch tun. 

Welch großartiger und wunderbarer 
Plan ist doch der Erlösungsplan, der wie 
die vielen Flugpläne, die ich schon be- 
folgt habe, wahre Grundsätze lehrt, die es 
uns ermöglichen, unsere Reise durch das 
Leben zu vollenden. 

Ich weiß, daß Gott lebt, und ich gebe 
Zeugnis von Jesus Christus; er ist Gottes 
einziggezeugter Sohn, unser Erretter und 
Erlöser, der uns alle liebt. Ich bin dank- 
bar für seinen wunderbaren Erlösungs- 
plan, unseren Flugplan für das Leben. Im 
Namen Jesu Christi, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Mose 1:39. 

2. 2 Nephi 2:25. 

3. Exodus 20:12. 

4. Generalkonferenz, Oktober 1961. 

5. Lehren des Propheten Joseph Smith, Seite 177. 



DER STERN 



80 



fl 



Hab keine Angst, 
meine Tochter" 



Eider Wayne M. Hancock 

von den Siebzigern 



Es gibt unzählige Geschichten, die erzählt werden können 
und die erzählt werden müssen, die von Frauen handeln, 
die im Zeugnis von Jesus Christus tapfer sind und die zu den 
unbesungenen Heldinnen in unserer Mitte gehören. 




Das große Flugzeug, das uns nach 
vier Jahren aus der Schweiz, wo 
ich geschäftlich tätig gewesen war, 
in die Vereinigten Staaten zurückbringen 
sollte, rollte über die Startbahn. Es wurde 
schneller, und als wir am Abflugbereich B 
vorbeikamen, versuchte ich noch ange- 
strengt, die treuen Mitglieder aus unserer 
Gemeinde Zürich 2 auszumachen, die 
gekommen waren, um von uns Abschied 
zu nehmen. Und da standen auf dem obe- 
ren Zuschauerdeck auch wirklich Schwe- 
ster Gräub und Schwester Kappes. Sie 
hatten mit Bus, Straßenbahn und Zug 
diese außergewöhnliche Mühe auf sich 
genommen, um die Familie Hancock ver- 
abschieden zu können. Die Gefühle, die 
ich bis dahin unterdrückt hatte, schufen 
sich Raum, und ich schämte mich der 
Tränen, die mir über das Gesicht flös- 
sen, nicht. Eins unserer vier Kinder, 
die mit uns zurückkehrten, fragte seine 
Mutter: „Warum weint Papa?" Connie 
antwortete: „Weil er die Menschen hier 
so liebhat." 



Diese lieben Schweizer Schwestern ste- 
hen stellvertretend für so viele der gläubi- 
gen Töchter des himmlischen Vaters, die 
ihr Leben damit zubringen, Gutes zu tun. 
Daß sie kein Auto als Verkehrsmittel ha- 
ben, keinen Mann, der sie liebt und be- 
schützt, keine Familie, die sie unterstützt, 
auch keine besonders verständnisvolle 
Freundin, dämpft ihre Begeisterung für 
das Evangelium Jesu Christi nicht und 
hält sie nicht davon ab, an den Versamm- 
lungen und Aktivitäten der Kirche teil- 
zunehmen. 

Wir sind begeistert von der Treue und 
Liebe, die die selbst erst seit kurzem 
verwitwete Rut ihrer Schwiegermutter 
Noomi entgegenbringt, die auch ihren 
Mann verloren hat. Die Moabiterin ent- 



schied sich dafür, ihre Heimat zu ver- 
lassen, um Noomi zu begleiten und für 
sie zu sorgen. Durch die Generationen 
der Zeit hindurch sprechen die Worte die- 
ser gläubigen und entschlossenen Toch- 
ter, die zusammen mit Boas Ahnfrau von 
Isai, David und Jesus Christus wurde, zu 
unserem sehnsüchtigen Herzen: „Dränge 
mich nicht, dich zu verlassen und umzu- 
kehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch 
ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. 
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist 
mein Gott." (Rut 1:16.) 

Es gibt unzählige Geschichten, die er- 
zählt werden können und die erzählt 
werden müssen, die von Frauen han- 
deln, die im Zeugnis von Jesus Christus 
tapfer sind und die zu den unbesungenen 
Heldinnen in unserer Mitte gehören. 

Zu diesen guten Frauen gehören die- 
jenigen, die, aufgrund der unglücklichen 
Umstände einer Scheidung oder des vor- 
zeitigen Todes, ihren Mann verloren ha- 
ben und nun auch noch berufstätig sein 
müssen, um für ihre Kinder und sich 
selbst zu sorgen. Sie sind zwar physisch 
und seelisch erschöpft, wenn sie des 
Abends nach Hause kommen, aber sie 
nehmen doch ihre wichtige Aufgabe 
wahr, ihre Kinder zu nähren und zu un- 
terweisen, sie anzuspornen und zu erzie- 
hen und sie zu lieben, damit sie in Geist 
und Sinn zu verantwortungsbewußten, 
finanziell unabhängigen Menschen her- 
anwachsen, die sich dazu verpflichtet 
haben, dem Herrn zu dienen. Ihre große 




JANUAR 1998 

81 




Hunderte von Besuchern haben sich schon am frühen Morgen in die Schlangen eingereiht, um 
vielleicht zu einer der Konferenzversammlungen einen Platz im Tabernakel zu bekommen. 



Belastung wird häufig übersehen und von 
denen, die in einer Familie mit beiden El- 
ternteilen leben, nicht ganz ernst genom- 
men. Wie weise sind doch der Bischof, 
der Priestertumsführer und die FHV-Lei- 
terin, die darauf achten, daß sorgsam aus- 
gewählte Heimlehrer und Besuchslehre- 
rinnen die Möglichkeit erhalten, ihnen 
behilflich zu sein, was die Bedürfnisse ih- 
rer Kinder und die Pflege ihres Haushalts 
betrifft. Ihre regelmäßigen Botschaften 
und Besuche bringen häufig gerade dann 
Hoffnung und Ansporn, wenn sie am 
dringendsten gebraucht werden. 

Es gibt Frauen, die sehr familienorien- 
tiert sind, ob alleinstehend oder verhei- 
ratet, die aber in diesem Leben keine ei- 
genen Kinder bekommen konnten. Ihre 
mütterlichen Gefühle veranlassen sie 
dazu, aus sich herauszugehen und sich 
der Kinder anderer anzunehmen, als 
wären es ihre eigenen. Welch wunderba- 
res Geschenk es doch ist, wenn man eine 
solche wundervolle Tante hat, deren ein- 
fache Wohnung und liebevolle Anteil- 
nahme ein zweites Zuhause bieten, das 
von Freude erfüllt ist. 



Es gibt die lieben Frauen, ob jung oder 
alt, die ein besonderes Gefühl für die ver- 
traute Botschaft haben und die so mühe- 
los die Botschaft der Missionare anneh- 
men und sich der Kirche anschließen, 
auch ohne daß ihre Familie sie unter- 
stützt. In der Kirche finden sie Liebe und 
Achtung und die Möglichkeit, zu dienen, 
was ihnen häufig Erleichterung von 
Streit, Mißhandlung und Hoffnungslosig- 
keit verschafft. Man kann die kommende 
Woche leichter bewältigen, wenn man ei- 
nen Sonntag hinter sich hat, an dem man 
„dem Volk der Kirche Christi zugezählt" 
worden ist und „durch das gute Wort 
Gottes genährt" worden ist, damit man 
auf dem rechten Weg bleibt und bestän- 
dig wachsam im Beten, „sich allein auf 
die Verdienste Christi verlassend" (siehe 
Moroni 6:4). 

Da ist die geduldige Frau, deren Mann 
ein guter Mann ist, der aber noch nicht 
wie sie eingesehen hat, daß er zur Kirche 
zurückkehren beziehungsweise sich ihr 
anschließen und die Segnungen des Prie- 
stertums in seine Familie bringen müßte. 
Leise und inbrünstig betet sie um den 



barmherzigen Samariter in der Kirche, 
der auf einzigartige Weise die Hand aus- 
strecken und ihren Mann ansprechen 
kann, so wie Christus es täte, und der ihn 
zur Kirche führen kann, wo er das Gefühl 
bekommt, daß er willkommen ist, daß 
man ihn braucht und liebt. Die Last der 
Vergangenheit mit ihren Schuldgefühlen 
und dem Bewußtsein der Unwürdigkeit 
wird durch die Warmherzigkeit derer, die 
gemeinsam mit der Frau die Güte seiner 
Seele erkennen, hinweggefegt. 

Als die Schweizer Möbelpacker unseren 
Haushalt verpackten, während wir uns 
auf die Rückkehr nach Amerika vorberei- 
teten, klingelte es an der Haustür. Ein 
Sonderpaketbote brachte uns ein Päck- 
chen. Als wir es aufmachten, fanden wir 
darin ein grünes Kissen, in das liebevoll 
ein Spruch eingestickt war, eine Hand- 
arbeit von Schwester Alice Rusterholz. 
Unser Herz war von lieben Erinnerungen 
an diese wundervolle ältere Schwester 
erfüllt. Vier Jahre lang hatte sie uns die 
Freude bereitet, sonntags mit uns zu es- 
sen und hatten wir an Warmherzigkeit 
und ihrem lebhaften Humor teilhaben 
dürfen. Viele Jahre lang hatte sie, eine 
alleinstehende Schwester, das einzige 
Mitglied der Kirche aus ihrer Familie, nur 
unter großen Schwierigkeiten zur Kirche 
kommen können. Früh am Sonntagmor- 
gen hatte sie ihre bescheidene Wohnung 
im zweiten Stock verlassen und war unter 
Mühen, denn sie hatte ein verkrüppeltes 
Bein, zum Bahnhof von Küsnacht gehum- 
pelt. Dann war sie eine Stunde und fünf- 
zehn Minuten mit dem Zug, der Straßen- 
bahn und dem Bus und dann noch zu Fuß 
unterwegs gewesen, um zum Gemeinde- 
haus zu gelangen. Für uns war es ein gro- 
ßer Segen gewesen, daß wir in diesem 
schönen Land sein durften und daß wir 
Schwester Rusterholz jeden Sonntagmor- 
gen abholen durften. Sie begleitete uns 
zur Kirche und aß anschließend bei uns, 
ehe wir sie wieder nach Hause fuhren. 

Es gibt so viele gläubige Töchter des 
himmlischen Vaters, die uns ein Segen 
sind. Mögen wir sie besser verstehen und 
mehr auf ihre Bedürfnisse eingehen, so 
wie der Erretter, als er instinktiv merkte, 
daß jemand den Saum seines Gewands 
berührt hatte und er den Glauben der 
Frau, die schon so lange krank war, 
spürte. Wie Jesus zu ihr sagte, so mögen 
unsere Taten unseren guten Schwestern 
bestätigen: „Hab keine Angst, meine 
Tochter." (Matthäus 9:22.) 

Von ihm und von seiner Aufforderung, 
einander so zu lieben, wie er uns liebt, 
gebe ich Zeugnis in seinem Namen, im 
Namen Jesu Christi, amen. D 



DER STERN 



82 



Das Evangelium 

ist universell anwendbar 



Eider J. Kent Jolley 

von den Siebzigern 



Das Evangelium Jesu Christi ist universell anwendbar. Seit Anbeginn 
ist es als Segen für alle Menschen gedacht, ohne Ausnahme. 



dankbar für meine Vorfahren, ohne deren 
Glauben und Opferbereitschaft ich heute 
nicht hier wäre. Ich bin dankbar für 
meine Mutter, die meine Heldin ist. Sie 
ist jetzt fast 88 Jahre alt und immer noch 
ein Vorbild an Fleiß und Beständigkeit 
im Evangelium. Ich bin bei meiner allein- 
erziehenden Mutter aufgewachsen. Möge 
der Herr Sie, die wundervollen allein- 
erziehenden Eltern, die eine so schwere 
Last allein tragen müssen, segnen und 
unterstützen. Ihr Name wird für immer 
gesegnet sein. 

Ich bin auch dankbar für meine liebe 
Frau Jill, die ich von Herzen liebe. Sie ist 
mir immer ein Vorbild an unerschütter- 
lichem Glauben und steht mir als gleich- 
rangige Partnerin mit ihrem bestärken- 
den Einfluß zur Seite. Unsere sieben 
Kinder bringen durch ihr Beispiel und 
ihren Zusammenhalt viel Freude und 
Glück in unser Leben. 




Ich würde nicht recht handeln, wenn 
ich bei dieser Gelegenheit nicht meine 
tiefe Dankbarkeit für die Segnungen 
bekunden würde, die ich aufgrund des- 
sen erhalten habe, was andere für mich 
getan haben. 

Jeden Tag kommt mir mein Beten un- 
vollständig vor, wenn ich nicht dem Vater 
im Himmel aus tiefstem Herzen für mei- 
nen Erretter danke - den Erretter aller 
Menschen, der die Welt überwunden und 
sein Leben hingegeben hat, damit wir le- 
ben und uns unsere Errettung erarbeiten 
können. 

Ich bin auch dankbar für Joseph Smith, 
der nie vor seiner Berufung als der Pro- 
phet der Wiederherstellung und allem, 
was dazu gehörte, zurückgeschreckt ist. 
John Taylor hat geschrieben: „Joseph 
Smith, der Prophet und Seher des Herrn, 
hat mehr für die Errettung der Menschen 
in dieser Welt getan als irgendein anderer 
Mensch, der je auf Erden gelebt hat - 
Jesus allein ausgenommen." (LuB 135:3.) 

Auch die Anstrengungen vieler ande- 
rer Menschen sind mir ein Segen. Ich bin 



Das Evangelium gilt für alle 
Menschen 

Das Evangelium Jesu Christi ist univer- 
sell anwendbar. Seit Anbeginn ist es als 
Segen für alle Menschen gedacht, ohne 
Ausnahme. Der Apostel Petrus hat dazu 
gesagt: „Jetzt begreife ich, daß Gott nicht 
auf die Person sieht, sondern daß ihm in 
jedem Volk willkommen ist, wer ihn 
fürchtet und tut, was recht ist." (Apostel- 
geschichte 10:34,35.) 

Präsident N. Eldon Tanner, ein ehema- 
liges Mitglied der Ersten Präsidentschaft, 
hat einmal gesagt: „Ungeachtet des Lan- 
des, der Region und der Lebensumstände 
ist das Evangelium Jesu Christi auf je- 
den Menschen gleichermaßen anwend- 
bar. Es ist eine Lebensform, die jeder 
annehmen kann, und wenn man danach 
lebt, verschafft es einem größere Freude, 
größeren Erfolg und größeres Glück als 
irgend etwas anderes in der Welt." 
(„Christ's Worldwide Church", Ensign, 
Juli 1974, Seite 6.) 

Ich bin dankbar, daß das Evangelium 
auf alle Menschen anwendbar ist, wo sie 
auch leben und in welchen Umständen 
sie auch leben. Ich habe vor über 40 Jah- 
ren in Südamerika eine Mission erfüllt, 
als die Kirche noch langsam vorankam, 
was manchmal entmutigend war. Wenn 
ich jetzt in meiner derzeitigen Aufgabe 
auf diesen Kontinent zurückkehre, staune 
ich darüber, wie sehr der Herr ihn geseg- 
net hat und wie er das Evangelium allen 
zugänglich macht, ungeachtet ihrer Le- 
bensumstände. Es gibt in Südamerika 
immer mehr Pfähle und Tempel. 




JANUAR 199 

83 



Jeder kann das Evangelium verstehen 

Mit der universellen Anwendbarkeit 
des Evangeliums hängt es auch zusam- 
men, daß es einfach ist. Mit der Hilfe des 
Heiligen Geistes kann jeder aufrichtige 
Mensch das Evangelium leicht verstehen 
und dadurch reich gesegnet werden. Der 
Erretter hat erklärt: „Der Beistand aber, 
der Heilige Geist, der wird euch alles leh- 
ren und euch an alles erinnern, was ich 
euch gesagt habe." (Johannes 14:26.) 

Vor ein paar Jahren war ich mit meiner 
Frau im südlichen Texas, wo ich als Mis- 
sionspräsident diente. Unsere dortigen 
Missionare nahmen das Programm „Aus- 
gewogenheit in den Bemühungen" für 
die Missionsarbeit von ganzem Herzen 
an. Dazu gehören suchen, unterweisen, 
taufen und daß man alles tut, was mög- 
lich ist, damit die neuen Mitglieder aktiv 
bleiben, und daß man jede Woche meh- 
rere Stunden damit zubringt, sich um die 
weniger aktiven Mitglieder zu kümmern. 
Unsere Missionare haben, wie alle Missio- 
nare in der ganzen Welt, großartig für den 
Aufbau des Gottesreichs gearbeitet. 



Als meine Frau und ich in unsere Hei- 
matgemeinde in Idaho zurückkehrten, 
war ich fest entschlossen, das, was ich 
auf Mission gepredigt hatte, auch zu 
praktizieren. Ich bat deshalb den Bischof 
darum, mich als Heimlehrer einigen 
unserer wundervollen Familien zuzu- 
weisen, die nicht an den Segnungen der 
vollen Aktivität in der Kirche teilhatten. 
Er teilte mir auch rasch sechs dieser ganz 
besonderen Familien zu. 

Nach mehreren Besuchen bei einer die- 
ser Familien forderte ich den Vater, der 
schon fast 40 Jahre inaktiv war, auf, wie- 
der ganz in der Kirche aktiv zu werden 
und am Unterricht zur Vorbereitung auf 
den Tempel teilzunehmen. Er erwiderte: 
„Das ist mir alles zu hoch; ich verstehe 
das einfach nicht." Seine Antwort be- 
unruhigte mich, und ich war traurig, weil 
er meinte, er könne das Evangelium nicht 
annehmen, weil es für ihn zu schwer zu 
verstehen sei. Aber ich wußte, daß die 
Wahrheiten des Evangeliums für alle 
Menschen da sind und daß jeder sie ver- 
stehen kann, wenn er aufrichtig betet 
und die heiligen Schriften studiert. Des- 




halb brachten wir die nächsten Heimlehr- 
besuche damit zu, über die einfachen 
und schönen Belange des Evangeliums 
zu reden. 

Mit Geduld und Beständigkeit schaff- 
ten wir es, daß unsere Besuche immer 
erfreulicher und immer mehr vom Geist 
geprägt waren. Wir wurden echte 
Freunde. Im Lauf der Zeit wurde es offen- 
sichtlich, daß er die Grundsätze des Evan- 
geliums doch verstehen konnte, und sie 
auch verstand. Das machte seine Frau 
sehr glücklich. Sie kamen einander näher. 
Jetzt kommen sie regelmäßig zur Kirche, 
haben sich mit den Mitgliedern ange- 
freundet und bereiten sich darauf vor, 
in den Tempel zu gehen. Mit anderen Fa- 
milien haben wir Ähnliches erlebt. Der 
Herr segnet uns genauso wie diese wun- 
dervollen Familien, wenn wir die zusätz- 
liche Anstrengung unternehmen, sie an 
diesen einfachen Wahrheiten teilhaben zu 
lassen. 

Unsere aufrichtige Beschäftigung mit 
dem Evangelium zeigt uns, wie einfach 
und rein und universell anwendbar seine 
Lehren sind. Jakobus schrieb: „Doch die 
Weisheit von oben ist erstens heilig, so- 
dann friedlich, freundlich, gehorsam, voll 
Erbarmen und reich an guten Früchten, 
sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht." 
(Jakobus 3:17.) 

Zeugnis vom Evangelium 

Ich bin dankbar dafür, daß das Evan- 
gelium so schön und so einfach ist, und 
ich bezeuge Ihnen, es ist wahr und leicht 
zu verstehen. 

Ich bezeuge, daß das Evangelium sich 
universell auf alle Menschen anwenden 
läßt - auf die Gebildeten und die Unge- 
bildeten, die Reichen und die Armen, die 
Alten und die Jungen, wo sie sich auch 
auf der Erde befinden mögen. 

Ich bezeuge Ihnen feierlich, daß das 
Evangelium in unserer unruhigen Welt 
Frieden schenkt. Wie der Erretter lehrte: 

„Frieden hinterlasse ich euch, meinen 
Frieden gebe ich euch; nicht einen Frie- 
den, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. 
Euer Herz beunruhige sich nicht und ver- 
zage nicht." (Johannes 14:27.) 

Ich bezeuge außerdem, daß Jesus 
Christus der Urheber und Verfechter 
des Evangeliums ist. Er steht an der 
Spitze dieser Kirche, die für jedermann 
da ist; niemand ist davon ausgeschlos- 
sen. Präsident Gordon B. Hinckley ist 
heute der Prophet des Herrn, der uns 
führt. Ich habe keinen Zweifel daran, 
daß dies alles wahr ist. Im Namen Jesu 
Christi, amen. D 



DER STERN 



84 



„Weide meine Lämmer 



// 




Eider Henry B. Eyring 

vom Kollegium der Zwölf Apostel 



Die Heiligen Gottes sind seit jeher mit einem Bund verpflichtet, einander 
geistig zu nähren, vor allem jene, die im Evangelium noch neu sind. 



Simon Petrus : Simon, Sohn des Johannes, 
liebst du mich mehr als diese? Er antwor- 
tete ihm : Ja, Herr, du weißt, daß ich dich 
liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine 
Lämmer!" (Johannes 21:15.) 

Die Heiligen Gottes sind seit jeher mit 
einem Bund verpflichtet, einander geistig 
zu nähren, vor allem jene, die im Evange- 
lium noch neu sind. Es ist ein Segen, daß 
wir in einer Zeit leben dürfen, wo diese 
Fähigkeit, die neuen Mitglieder der Kir- 
che zu nähren, gebraucht wird und wo sie 
deshalb über die treuen Heiligen ausge- 
gossen wird. Diese Macht hatte das Volk 
des Herrn auch früher schon. Hier wird 
geschildert, wie das Volk des Herrn es 
einmal tat, in einer Zeit, von der das Buch 
Mormon berichtet. In einer Schriftstelle, 
die wir heute schon gehört haben, heißt 
es, wie Sie wissen: „Ihr Name wurde auf- 
genommen, damit ihrer gedacht würde 
und sie durch das gute Wort Gottes 
genährt würden, um sie auf dem rechten 
Weg zu halten, um sie beständig wach- 
sam zu halten im Beten, sich allein auf 
die Verdienste Christi verlassend, des Ur- 
hebers und Vollenders ihres Glaubens." 
(Moroni 6:4.) 

Wir haben alle schon einmal versucht, 
den Glauben eines anderen zu nähren. 
Die meisten von uns spüren, daß unser 
Glaube auch anderen wichtig ist, und da- 
bei spüren wir ihre Liebe. Nicht wenige 
von uns haben schon erlebt, wie ein Kind 
zu ihnen aufgeblickt und gesagt hat: 
„Möchtest du mit mir zur Kirche gehen?" 
oder „Kannst du mit mir beten?" Und wir 
haben auch unsere Enttäuschungen er- 
lebt. Jemand, den wir lieben, hat unsere 
Versuche, seinen Glauben zu nähren, viel- 
leicht nicht angenommen. Wir wissen aus 
schmerzlicher Erfahrung, daß Gott die 
Entscheidung seiner Kinder, sich nicht 
nähren zu lassen, respektiert. Aber jetzt 
ist es an der Zeit, neuen Optimismus und 
neue Hoffnung zu spüren, daß unsere 
Kraft zu nähren zunimmt. 

Der Herr hat uns durch seinen lebenden 
Propheten gesagt, daß er die reiche Ernte 



Der Erretter erklärte Petrus und den 
übrigen Aposteln und Jüngern, 
warum und wie sie ihre Mitmen- 
schen nähren sollten. Sie erinnern sich, 
daß er ihnen zu essen gab, ehe er sie un- 
terwies. Er war gekreuzigt worden und 
dann auferstanden. Seine Diener waren 
nach Galiläa gegangen. Sie hatten die 
ganze Nacht gefischt und nichts gefan- 
gen. Als sie in der Morgendämmerung 
wieder ans Ufer kamen, erkannten sie 
ihn erst nicht. Er rief ihnen zu und sagte 
ihnen, wo sie die Netze auswerfen sollten, 
und als sie das taten, wurden ihre Netze 
voll. Da eilten sie ans Ufer, um ihn zu 
begrüßen. 

Sie fanden ein Kohlenfeuer mit Fischen 
und Brot vor. Ich habe mich, wie Sie viel- 
leicht auch, schon oft gefragt, wer das 
Feuer in Gang gebracht und den Fisch 
gefangen und wer das Essen zubereitet 
hatte, aber der Herr bereitete seine Jünger 
darauf vor, mehr Nahrung zu sich zu 
nehmen als Fisch und Brot. Zuerst ließ 
er sie essen. Dann unterwies er sie über 
geistige Nahrung. Und er gab ihnen ein 
Gebot, das heute noch für einen jeden von 
uns gilt. 

„Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu 



an neuen Mitgliedern, die überall auf der 
Erde ins Wasser der Taufe steigen, bewah- 
ren wird. Und das wird der Herr durch 
uns tun. Wir können also zuversichtlich 
sein, daß wir dadurch, daß wir einfache 
Dinge tun, die sogar ein Kind tun kann, 
schon bald größere Macht erhalten, den 
schwachen Glauben zu festigen. 

Es beginnt in unserem Herzen. Von 
dem, was wir uns von ganzem Herzen 
wünschen, hängt es in hohem Maße ab, 
ob wir unser Recht auf den Heiligen Geist 
als Begleiter in Anspruch nehmen können. 
Ohne ihn kann es schließlich kein geisti- 
ges Nähren geben. Wir können heute 
anfangen, uns zu bemühen, diejenigen, 
die wir nähren sollen, so zu sehen, wie 
der himmlische Vater sie sieht, und so 
etwas von dem empfinden, was er für sie 
empfindet. 

Die neuen Mitglieder der Kirche sind 
seine Kinder. Er hat sie schon in der Welt 
vor dieser gekannt, und sie haben ihn 
gekannt. Er und sein Sohn, der Herr 
Jesus Christus, möchten, daß sie zu ihm 
zurückkehren. Sie wollen ihnen ewiges 
Leben schenken, wenn sie sich dafür ent- 
scheiden. Er hat seine Missionare durch 
den Heiligen Geist geführt und unter- 
stützt, damit sie sie finden und unterwei- 
sen und taufen konnten. Er hat zugelas- 
sen, daß sein Sohn den Preis für ihre 
Sünden zahlte. Unser Vater und der Erret- 
ter sehen diese neuen Mitglieder als zarte 
Lämmer, die für einen Preis erkauft sind, 
den wir nicht einmal erahnen können. 

Sterbliche Eltern können vielleicht, ein 
klein wenig nur, nachempfinden, was 
der liebende himmlische Vater empfin- 
det. Wenn unsere Kinder in das Alter 
kommen, wo sie unsere direkte Obhut 
verlassen müssen, sind wir um ihre Si- 
cherheit besorgt und wünschen uns, daß 
diejenigen, die ihnen helfen sollen, sie 
nicht im Stich lassen. Wir können wenig- 
stens zum Teil nachempfinden, wie sehr 
der Vater und der Erretter die neuen 
Mitglieder der Kirche lieben und welches 
Vertrauen sie in uns setzen, die wir sie 
nähren sollen. 

Die Gefühle für die neuen Mitglieder, 
die wir im Herzen empfinden, tragen sehr 
viel dazu bei, daß wir uns der Hilfe des 
Geistes würdig machen und dadurch die 
Ängste, die uns vielleicht von unserer 
heiligen Aufgabe abhalten, überwinden. 
Es ist weise, zu befürchten, daß unser 
Können nicht ausreicht, um den Auftrag, 
den Glauben anderer zu nähren, zu erfül- 
len. Unsere Fähigkeiten, so groß sie auch 
sein mögen, sind nicht genug. Aber diese 
realistische Betrachtung unserer Grenzen 
erzeugt eine Demut, die dazu führt, daß 



JANUAR 1998 

85 




wir uns auf den Geist verlassen, wodurch 
wir an Macht gewinnen. 

Brigham Young hat gesagt, daß wir 
trotz unserer Schwächen mutig sein sol- 
len. Seine Ausdrucksweise ist so typisch 
für ihn: 

„Wenn jemand zu einer Versammlung 
spricht und er auch unfähig ist, mehr als 
ein halbes Dutzend Sätze zu sagen und 
die auch noch unbeholfen - wenn sein 
Herz vor Gott rein ist, so sind diese paar 
gebrochenen Sätze doch wertvoller als 
die größte Beredsamkeit ohne den Geist 
des Herrn und in den Augen Gottes, der 
Engel und aller guten Menschen von 
größerem wahren Wert. Wenn jemand be- 
tet und sein Herz rein ist vor Gott, so wird 
sein Beten mehr ausrichten als die Bered- 
samkeit eines Cicero, auch wenn er nur 
wenige Worte macht und sich unbeholfen 
ausdrückt. Was interessiert den Herrn, der 
unser aller Vater ist, unsere Ausdrucks- 
weise? Das einfache, aufrichtige Herz rich- 
tet beim Herrn mehr aus als aller Pomp 
und Stolz, alle Pracht und Beredsamkeit 
der Menschen. Wenn er auf ein Herz 
voll Aufrichtigkeit, Redlichkeit und kind- 
licher Einfachheit blickt, so sieht er einen 
Grundsatz, der für immer bestehen wird, 
nämlich - ,Das ist der Geist meines Reichs 
- der Geist, den ich meinen Kindern gege- 
ben habe.'" (Discourses of Brigham Young, 
Hg. John A. Widtsoe, Seite 169.) 

Ein Kind kann all das tun, was uns die 
Kraft verleiht, den Glauben anderer zu 
nähren. Ein Kind kann ein neues Mitglied 
einladen, zu einer Versammlung mitzu- 
kommen. Ein Kind kann lächeln und ein 
neues Mitglied, das gerade in die Kapelle 
oder ins Klassenzimmer kommt, begrü- 
ßen. Wir können es auch. Und sobald wir 
es tun, ist der Heilige Geist unser Beglei- 



ter. Die Angst, wir könnten nicht wissen, 
was wir sagen sollen, oder wir könnten 
abgelehnt werden, wird uns genommen. 
Der Neuling wird uns nicht mehr als 
Fremdling vorkommen. Und der Heilige 
Geist wird anfangen, ihn zu nähren, noch 
ehe wir über die Wahrheiten des Evange- 
liums gesprochen haben. 

Wir brauchen keine weitere Berufung 
als die, ein Mitglied zu sein, um zu näh- 
ren, indem wir freundlich auf andere 
zugehen. Und selbst diejenigen, die keine 
Berufung haben, zu lehren oder zu predi- 
gen, können mit dem guten Wort Gottes 
nähren, wenn wir uns darauf vorbereiten. 
Wir können das jedesmal tun, wenn wir 
mit einem neuen Mitglied sprechen, auch 
jedesmal wenn wir uns am Unterricht 
beteiligen. Jedes Wort, das wir sprechen, 
kann den Glauben festigen oder schwä- 
chen. Wir brauchen die Hilfe des Geistes, 
um solche Worte zu sprechen, die nähren 
und stärken. 

Es gibt zwei wichtige Schlüssel dafür, 
wie wir den Geist einladen, uns in den 
Worten, die wir sprechen, um andere zu 
nähren, zu führen. Das sind das tägliche 
Studium der heiligen Schriften und das 
gläubige Beten. 

Der Heilige Geist führt uns in dem, 
was wir sagen, wenn wir jeden Tag die 
heiligen Schriften studieren und darüber 
nachsinnen. Die Worte der heiligen 
Schriften laden den Heiligen Geist ein. 
Der Herr hat das so gesagt: „Trachte nicht 
danach, mein Wort zu verkünden, son- 
dern trachte zuerst danach, mein Wort 
zu erlangen, und dann wird deine Zunge 
sich lösen; und dann, wenn du es 
wünschst, wirst du meinen Geist und 
mein Wort haben, ja, und die Macht 
Gottes, um Menschen zu überzeugen." 



(LuB 11:21.) Wenn wir täglich die heiligen 
Schriften studieren, können wir uns auch 
im entspannten Gespräch oder im Unter- 
richt, wenn ein Lehrer uns eine Frage 
stellt, auf diesen Segen verlassen. Wir er- 
fahren die Macht, die der Herr verheißen 
hat: „Sorgt auch nicht im voraus, was 
ihr sagen sollt; sondern häuft in eurem 
Verstand beständig die Worte des Lebens 
auf wie einen Schatz, dann wird euch 
zur selben Stunde das eingegeben wer- 
den, was davon einem jeden zugemessen 
werden soll." (LuB 84:85.) 

Wir häufen das Wort Gottes nicht wie 
einen Schatz auf, wenn wir bloß die 
Worte in den heiligen Schriften lesen, son- 
dern wenn wir sie studieren. Wir werden 
vielleicht mehr genährt, wenn wir über 
einige wenige Worte nachsinnen und zu- 
lassen, daß der Heilige Geist daraus für 
uns einen Schatz macht, als wenn wir 
rasch und oberflächlich ganze Kapitel in 
den heiligen Schriften überfliegen. 

So wie das Nachsinnen über die heili- 
gen Schriften den Heiligen Geist einlädt, 
tut das auch das tägliche Flehen im Gebet. 
Wenn wir nicht im Gebet darum bitten, 
wird er nur selten kommen, und ohne un- 
ser Flehen bleibt er wahrscheinlich auch 
nicht. „Und der Geist wird euch durch 
das Gebet des Glaubens gegeben; und 
wenn ihr den Geist nicht empfangt, sollt 
ihr nicht lehren." (LuB 42:14.) Beständi- 
ges, von Herzen kommendes Flehen um 
den Heiligen Geist als Begleiter, in der 
reinen Absicht, die Kinder unseres Vaters 
zu nähren, wird uns und denen, die wir 
lieben, sicher Segnungen bringen. 

Das gute Wort Gottes, mit dem wir 
nähren müssen, ist die einfache Lehre des 
Evangeliums. Wir brauchen uns weder vor 
der Einfachheit noch vor Wiederholungen 
zu fürchten. Der Herr selbst hat geschil- 
dert, wie diese Lehre den Menschen ins 
Herz dringt und sie nährt: „Siehe, wahr- 
lich, wahrlich, ich sage euch: Ich will euch 
meine Lehre verkünden. 

Und dies ist meine Lehre, und es ist die 
Lehre, die der Vater mir gegeben hat; und 
ich gebe Zeugnis vom Vater, und der Va- 
ter gibt Zeugnis von mir, und der Heilige 
Geist gibt Zeugnis vom Vater und von 
mir; und ich gebe Zeugnis, daß der Vater 
allen Menschen überall gebietet, umzu- 
kehren und an mich zu glauben. 

Und wer an mich glaubt und sich taufen 
läßt, der wird errettet werden; und diese 
sind es, die das Reich Gottes ererben 
werden. 

Und wer nicht an mich glaubt und sich 
nicht taufen läßt, der wird verdammt 
werden. 

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, 



DER STERN 



86 



dies ist meine Lehre, und ich gebe davon 
Zeugnis vom Vater; und wer an mich 
glaubt, der glaubt auch an den Vater; und 
ihm wird der Vater Zeugnis geben von 
mir, denn er wird mit Feuer und mit 
dem Heiligen Geist zu ihm kommen." 
(3 Nephi 11:31-35.) 

Dann beschreibt der Herr diejenigen, 
die durch diese einfache Lehre genährt 
werden und ausharren, diejenigen, die das 
celestiale Reich ererben, als diejenigen, 
die wie ein Kind sind. Man braucht ein 
kindliches Herz, um die Eingebungen 
des Geistes zu spüren, um sich diesen Ge- 
boten zu unterwerfen und zu gehorchen. 
Das braucht es, damit man durch das 
gute Wort Gottes genährt wird. 

Und darum können wir den Auftrag, 
die neuen Mitglieder der Kirche zu näh- 
ren, so optimistisch angehen. So viel oder 
so wenig sie auch von der Lehre wissen 
mögen, sie haben sich gerade demütig 
der Taufe unterzogen und das Recht er- 
halten, den Heiligen Geist zum Begleiter 
zu haben. Und so ist ihr Glaube zwar 
noch schwach, weshalb der Erretter sie 
auch als Lämmer bezeichnet, aber sie ha- 
ben bereits bewiesen, daß sie bereit sind, 
das zu tun, was der Erretter von ihnen 
verlangt. 

Wenn alle Bedingungen ihrer jungen 
Mitgliedschaft deutlich und liebevoll er- 
klärt werden, wenn ihnen weise die Mög- 
lichkeit gegeben wird, in der Kirche zu 
dienen, und wenn ihr Dienst mit Näch- 
stenliebe beurteilt wird und sie mit gedul- 
digem Ansporn genährt werden, werden 
sie durch die Begleitung des Heiligen 
Geistes gestärkt und werden sie durch 
eine Macht, die über die unsrige hinaus- 
geht, genährt. Und wenn sie ausharren, 
werden die Pforten der Hölle nicht gegen 
sie obsiegen. 

Brigham Young hat mit den folgenden 
Worten verheißen, wie ihre Stärke zu 
stehen zunimmt: 

„Wer sich vor dem Herrn demütigt und 
mit vollkommenem Herzen und willigem 
Sinn auf ihn hofft, der empfängt immer 
wieder ein wenig, Zeile um Zeile, Wei- 
sung um Weisung, hier ein wenig und da 
ein wenig. ,Hin und wieder', wie Bruder 
John Taylor sagt, bis er eine bestimmte 
Menge erhält. Dann muß er das, was er 
erhalten hat, nähren und hegen, und es zu 
seinem ständigen Begleiter machen und 
jeden guten Gedanken, jede gute Lehre 
und jeden guten Grundsatz bestärken 
und soviel Gutes tun, wie er nur kann, bis 
der Herr nach einer Weile in ihm wie 
ein Brunnen ist, dessen Wasser immer- 
währendes Leben schenkt." (Journal of 
Discourses, 4:286f.) 



Das ist gemeint, wenn in Moroni ge- 
sagt wird : „Sich allein auf die Verdienste 
Christi verlassend, des Urhebers und 
Vollenders ihres Glaubens." (Moroni 6:3.) 
Der Erretter hat es durch sein Sühnopfer 
möglich gemacht, daß wir rein werden, 
wenn wir seinen Geboten gehorsam sind. 
Und der Erretter nährt diejenigen, die 
im Glauben ins Wasser der Taufe hinab- 
steigen und die Gabe des Heiligen Geistes 
empfangen. Er sichert ihnen zu: wenn sie 
immer an ihn denken und wenn sie im 
kindlichen Gehorsam verbleiben, werden 
sie seinen Geist immer mit sich haben. 

Wir können schon durch Kleinigkeiten 
Teil eines großen Werks sein und sind es 
auch. Wir studieren und beten und die- 
nen, um würdig zu sein, daß der Heilige 
Geist unser Begleiter sein kann. Wir dür- 
fen dann die neuen Mitglieder als kost- 
bare, geliebte Kinder des himmlischen 
Vater sehen, und wir möchten sie gern 
mit Liebe, mit der Möglichkeit zu dienen 
und mit dem guten Wort Gottes nähren. 
Und wir werden zu unserer Zeit sehen, 
was der große Missionar Ammon seinen 
Mitarbeitern auf Mission beschrieben hat, 
so wie wir jetzt Mitarbeiter der Missio- 
nare sind, die in der ganzen Welt wirken: 

„Siehe, das Feld war reif, und gesegnet 
seid ihr - denn ihr habt die Sichel einge- 
schlagen und mit aller Macht geerntet, 
ja, den ganzen Tag lang habt ihr euch 



gemüht; und nun seht, wie viele Garben 
ihr habt ! Und sie werden in die Speicher 
gesammelt werden, damit sie nicht ver- 
lorengehen. 

Ja, sie werden am letzten Tag vom Sturm 
nicht umgeworfen werden; ja, sie werden 
auch von den Wirbelstürmen nicht zer- 
rissen werden; sondern wenn der Sturm 
kommt, dann werden sie an ihrem Ort 
versammelt sein, so daß der Sturm nicht 
bis zu ihnen eindringen kann; ja, sie wer- 
den auch nicht von grimmigem Wind ge- 
jagt, wohin auch immer sie zu schleppen 
es den Feind gelüstet. 

Sondern siehe, sie sind in den Händen 
des Herrn der Ernte, und sie sind sein; 
und er wird sie am letzten Tag erheben." 
(Alma 26:5-7.) 

Wir können dem Herrn durch einfa- 
chen Gehorsam helfen, die Lämmer, seine 
Lämmer, in die Hände zu nehmen und sie 
in seinen Armen zu ihrem Vater und un- 
serem Vater heimzutragen. Ich weiß, daß 
Gott die Himmelskräfte über uns ausgießt, 
wenn wir daran mitwirken, diese heilige 
Ernte an Menschen einzubringen. 

Ich weiß, daß Jesus der Messias ist. Ich 
weiß, daß er lebt. Und ich weiß, daß er 
seine Missionare führt und daß er uns 
in diesem Werk, seinem Werk, führt, das 
darin besteht, das ewige Leben der Kin- 
der seines Vaters zustande zu bringen. Im 
Namen Jesu Christi, amen. D 




Die Besucher aus dem Ausland verfolgen die Ansprachen in ihrer Muttersprache. 
Die Versammlungen wurden in 34 verschiedene Sprachen simultan gedolmetscht. 



JANUAR 19 9 

87 



Wahre Heilige 
der Letzten Tage 

Präsident Gordon B. Hinckley 




Ich liebe Sie. Ich liebe die Mitglieder dieser Kirche. Ich liebe alle, die dem 
Glauben treu sind. Ich liebe alle, die sich an die Wege des Herrn halten. 



Wir spüren die gewaltige Verantwor- 
tung, die wir Ihnen gegenüber, die Sie 
diese Spenden leisten, haben. Noch mehr 
jedoch spüren wir die große Verantwor- 
tung gegenüber dem Herrn, dessen Geld 
es ja ist. 

Und nun, Brüder und Schwestern, be- 
ten wir darum, daß Sie alle sicher nach 
Hause zurückkehren. Seien Sie bitte vor- 
sichtig. Fahren Sie sehr vorsichtig. Sinnen 
Sie über das, was Sie gehört haben, nach. 
Mögen Sie etwas Ähnliches erleben wie 
das Volk von König Benjamin; jene Men- 
schen riefen einstimmig: „Wir glauben all 
den Worten, die du zu uns gesprochen 
hast; und wir wissen auch, daß sie gewiß 
und wahr sind, und zwar durch den Geist 
des allmächtigen Herrn, der in uns . . . 
eine mächtige Wandlung bewirkt hat, 
so daß wir keine Neigung mehr haben, 
Böses zu tun, sondern, ständig Gutes zu 
tun." (Mosia 5:2.) 

Beraten wir uns doch in allem, was 
wir unternehmen, mit dem Herrn. Seien 
wir bessere Nachbarn. Seien wir bessere 
Arbeitgeber und bessere Arbeitnehmer. 
Seien wir redliche und ehrliche Menschen 
- im Geschäftsleben, in der Ausbildung, 
in der Regierung, im Beruf oder wo auch 
unser Platz im Leben sein mag. 

Ich muß Ihnen etwas gestehen, meine 
Brüder und Schwestern, und zwar einfach 
dies: Ich liebe Sie. Ich liebe die Mitglieder 
dieser Kirche. Ich liebe alle, die dem Glau- 
ben treu sind. Ich liebe alle, die sich an die 
Wege des Herrn halten. Es macht einen 
zutiefst demütig, wenn man über die Kir- 
che präsidiert. Ich kann diese Worte Jesu 
nie vergessen: Wer unter euch der Erste 
sein will, soll der Diener aller sein (siehe 
Markus 9:35; LuB 50:26). 

Danke für Ihre Gebete und Ihr Ver- 
trauen. Ich bin zutiefst dankbar für alle, 
die uns so großzügig helfen, unsere 
Pflicht zu tun. 

Zum Abschluß möchte ich ein paar 
Worte Mormons vorlesen - erhabene 
Worte: 



Ich möchte von meinem vorbereiteten 
Text abweichen und mich einfach ein 
bißchen mit Ihnen unterhalten und 
Ihnen sagen, wie überaus dankbar ich 
Ihnen bin. 

Wir brauchen diese Konferenzen. Wir 
brauchen sie, damit sie uns daran erin- 
nern, welche Aufgaben und Verpflich- 
tungen wir haben. Wir dürfen nie verges- 
sen, daß die geistige Gesinnung bei allem, 
was in der Kirche geschieht, die beherr- 
schende Rolle spielen muß. 

Eine Zeitschrift pries uns kürzlich als 
gut geführtes und sehr wohlhabendes 
Finanzinstitut. Die Zahlen wurden dabei 
stark übertrieben. 

Das Geld, das die Kirche von ihren 
glaubenstreuen Mitgliedern erhält, ist dem 
Herrn geweiht. Es ist das Geld des Herrn. 
Die Unternehmungen unserer Kirche wer- 
fen kein Geld ab, sie verbrauchen es. Wir 
sind kein Finanzinstitut. Wir sind die Kir- 
che Jesu Christi. Mit den Geldern, für die 
wir verantwortlich sind, geht eine heilige 
Treuhandschaft einher; sie müssen mit 
absoluter Ehrlichkeit und mit großer Um- 
sicht verwendet werden, denn es sind die 
geweihten Spenden der Mitglieder. 



„Aber siehe, das, was von Gott ist, lädt 
ein und lockt, beständig Gutes zu tun; 
darum ist alles, was einlädt und lockt, 
Gutes zu tun und Gott zu lieben und ihm 
zu dienen, von Gott eingegeben. . . . 

Denn siehe, jedem Menschen ist der 
Geist Christi gegeben, damit er Gut von 
Böse unterscheiden könne; darum zeige 
ich euch, wie ihr urteilen sollt; denn 
alles, was einlädt, Gutes zu tun, und dazu 
bewegt, daß man an Christus glaubt, 
geht von der Macht und Gabe Christi 
aus; darum könnt ihr mit vollkomme- 
nem Wissen wissen, daß es von Gott ist." 
(Moroni 7:13,16.) 

Und dann diese erhabenen Worte, die 
Krönung all dessen: „Alles, was ihr den 
Vater in meinem Namen bittet - sofern es 
gut ist und ihr voll Glauben darauf ver- 
traut, daß ihr es empfangen werdet -, 
siehe, das wird euch geschehen." (Moroni 
7:26.) Ich glaube an diese Worte. 

Wir sind stolz darauf, daß wir dieses 
mächtige Werk in Einigkeit mit Ihnen 
voranbringen dürfen. Wir stehen alle ge- 
meinsam in dieser Sache. Jeder hat seine 
ihm eigene Rolle darin zu spielen. Gebe 
Gott uns die Kraft und den Willen, sie gut 
zu spielen. 

„Gott sei mit euch bis aufs Wiedersehn" 
{Gesangbuch, Nr. 98), meine lieben Wegge- 
fährten. An tausend Orten auf der Welt 
habe ich diese schlichten Worte schon 
gesungen, seit ich vor 39 Jahren meinen 
Dienst begann. Ich singe sie heute wieder 
voll Liebe und Zuneigung. Gott segne Sie, 
meine lieben Freunde. Darum bitte ich im 
Namen Jesu Christi, amen. D 




DER STERN 



88 



Allgemeine FHV-Versammlung 
27. September 1997 



Gerade für diese Zeit 



Mary Ellen Smoot 

FHV-Präsidentin 



Unsere Zeit ist gekommen. Wir müssen die geistige Stärke besitzen, 
mit unseren Herausforderungen fertig zu werden, unsere Fehler 
auf den Altar zu legen und unser Leben dem Herrn zu übergeben. 



woher Hilfe und Rettung kommen. Du 
aber und das Haus deines Vaters werden 
untergehen. Wer weiß, ob du nicht gerade 
dafür in dieser Zeit Königin geworden 
bist?" (Ester 4:14.) 

Betrachten Sie Esters Dilemma. Es ver- 
stieß gegen das Gesetz, sich an den König 
zu wenden, ohne von ihm gerufen wor- 
den zu sein. Darauf stand die Todesstrafe. 
Wenn sie schwieg, konnte sie wahrschein- 
lich ein Leben in Luxus und Wohlsein 
führen. Sie konnte das Leben einer Köni- 
gin führen oder aber ihr Leben aufs Spiel 
setzen, um ihre Familie und ihr Volk zu 
retten. Sie erwog das Für und Wider und 
entschied sich dafür, dem Sehnen ihres 
Volkes und ihres Herzens nachzugeben. 

Sie bat Mordechai, alle Juden in Susa zu- 
sammenzurufen und drei Tage für sie zu 
fasten. Sie wollte mit ihren Dienerinnen 
das gleiche tun. Dann sagte sie: „Dann will 
ich zum König gehen, obwohl es gegen 
das Gesetz verstößt. Wenn ich umkomme, 
komme ich eben um." (Ester 4:16.) 

Geistig vorbereitet wandte Ester sich 
an den König; sie wurde von ihm emp- 
fangen, und so lud sie den König und 
Haman zu einem Festmahl ein, das sie 
vorbereitet hatte. Während des Festmahls 
wurde Hamans Intrige aufgedeckt, und 
Mordechai empfing große Ehre. Ester, die 
für eine solche Zeit geboren war, hatte ihr 
Volk gerettet. 

Auf allen meinen Reisen, ob nach Finn- 
land, Idaho, Brasilien, Washington, D. C. , 
oder Rußland, habe ich das Evangelium 
Jesu Christi in Aktion gesehen, habe ich 
das strahlendhelle Licht des Evangeliums 
im Gesicht der mutigen und gläubigen 
Schwestern gesehen. Der Geist hat mir 
bezeugt, daß eine jede von uns gerade für 
diese Zeit geboren ist. 

Einer jeden von Ihnen, ungeachtet Ihrer 
Nationalität oder Rasse, Ihrer gesell- 
schaftlichen Stellung oder Ihrer Talente, 









^^ -12k Ji 


HL 


~*"---> ^k 







Ich stehe heute Abend voll großer Be- 
geisterung für die Zukunft vor Ihnen. 
Der Herr hat mir das große Potential 
der Mitglieder der FHV der Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage 
kundgetan. 

Im Alten Testament lesen wir von Ester 
und von Mordechai, der für König Arta- 
xerxes tätig war. Mordechai hatte Ester an 
Kindes Statt angenommen, als ihre Eltern 
gestorben waren. Er brachte sie in den 
Palast mit. Ester gefiel dem König, und er 
machte sie zu seiner Königin (siehe Ester 
2:17). 

Inzwischen wurde Haman, der am Hof 
des Königs eine führende Stellung beklei- 
dete, zornig auf Mordechai, weil dieser 
ihm nicht huldigte. Deshalb nahm Haman 
sich vor, Mordechai und alle Juden zu 
vernichten. 

Mordechai war sich dessen bewußt, 
welch große Gefahr seinem Volk drohte, 
und er flehte Ester an, vom König Hilfe 
zu erbitten: „Wenn du in diesen Tagen 
schweigst, dann wird den Juden anders- 



ob Sie alleinstehend oder verheiratet 
sind, ob Sie von Geburt an in der Kirche 
sind oder sich gerade erst haben taufen 
lassen und in Ihrer Familie das einzige 
Mitglied sind, sage ich: „Willkommen zu 
Hause \" Die FHV ist Ihr Zuhause, und Sie 
sind ein wesentlicher Teil der weltweiten 
Schwesternschaft mit einer gottgegebenen 
Mission. 

Der Prophet Joseph Smith hat erklärt, 
die Kirche sei erst nach der Gründung der 
FHV vollständig organisiert gewesen - 
das Priestertum für die Männer und die 
FHV für die Frauen. 

Er sagte: „Jetzt schließe ich für euch im 
Namen des Herrn mit dem Schlüssel auf, 
und diese Vereinigung soll sich freuen, 
und Erkenntnis und Intelligenz werden 
von nun an herabströmen." 1 Außerdem 
sagte er: 

„Wenn ihr so lebt, wie es euer verbürgtes 
Recht ist, wird nichts die Engel daran hin- 
dern können, sich zu euch zu gesellen." 2 

Bei der Gründung der FHV im Jahre 
1842 waren 18 Frauen anwesend. Von die- 
ser Gruppe von 18 Frauen wuchs die FHV 
bis zu ihrem 100. Jahrestag im Jahre 1942 
auf über 100000 Frauen an. Die Kirche 
schätzt, daß die FHV bis Ende 1997 über 
4,1 Millionen Mitglieder in 160 Ländern 
haben wird. Können Sie sich vorstellen, 
wie die FHV in den nächsten 10 bis 50 
Jahren weiter wachsen wird? 

Wenn Sie an die Milliarden von Men- 
schen denken, die in der Geschichte der 
Welt geboren worden sind, haben Sie sich 
dann schon einmal gefragt, warum Sie 
gerade zu dieser Zeit geboren sind? Ich 
bin sicher, daß Sie mir trotz der großen 
Herausforderungen, vor denen wir per- 
sönlich und als Gemeinschaft heute ste- 
hen, darin beipflichten, daß wir in einer 
wundervollen Zeit leben. Wenn man die 
Weltgeschichte insgesamt betrachtet, hat 
es für den Aufenthalt auf der Erde nie 
eine aufregendere Zeit gegeben. Glauben 
Sie, daß Sie dafür erwählt worden sind, 
zu einer Zeit wie der heutigen geboren zu 
werden? 

Für uns als Präsidentschaft der FHV 
besteht unsere höchste Priorität darin, 
unsere Schwestern geistig zu stärken, und 
zwar sowohl persönlich als auch als 
Gemeinschaft. 

Meine Schwestern, wie Ester müssen 
wir uns für unsere Zeit bereit machen, 
denn unsere Zeit ist gekommen. Wir müs- 
sen die geistige Stärke besitzen, mit unse- 
ren Herausforderungen fertig zu werden, 
unsere Fehler auf den Altar zu legen und 
unser Leben dem Herrn zu übergeben. 
Wir müssen unsere Prioritäten darauf 
ausrichten, durch unseren Dienst in der 



JANUAR 1998 

89 



FHV beim Aufbau des Gottesreichs mit- 
zuarbeiten, so gut wir können. 

Ich möchte Ihnen einen Brief vorlesen, 
den ich vor ein paar Wochen erhalten 
habe: 3 . 

„Ich schreibe Ihnen nur, um Ihnen zu sa- 
gen, wie dankbar ich dem Vater im Him- 
mel für die FHV bin, und zwar deshalb: 
Ich habe mich bemüht umzukehren und 
mich vom Herrn führen zu lassen, aber 
ich hatte immer noch das Gefühl, als ob ein 
bestimmtes Verlangen, das ich tief im 
Herzen trug, nie in Erfüllung gehen 
würde; so sehr ich mich auch bemühte, ich 
konnte ja die Umstände und meine Mit- 
menschen nicht steuern. Ich glaubte daran, 
daß der Erretter mich verstehen und mir 
helfen würde, meinen unerfüllten Wunsch 
in Erfüllung gehen zu lassen, wenn ich 
mich nur auf ihn stützte. Da las ich diese 
Worte von Präsident Boyd K. Packer: 

,Dann werden Sie jetzt und in der Ewig- 
keit mit allem gesegnet werden, dessen 
Sie bedürfen. Jegliche Vernachlässigung 
wird wiedergutgemacht, jegliche Über- 
forderung ausgeglichen werden. All das 
kann Ihnen zuteil werden - ohne daß es 
lange dauert -, wenn Sie sich für die FHV 
einsetzen.'" 4 

Der Brief geht so weiter: „Konnte das 
die Antwort sein? Daß der Erretter mir 
vielleicht durch den Dienst an anderen 
half? Ich bin sicher, daß es da draußen 
viele verzagte Schwestern gibt. Schwe- 
stern, kannten Sie diese Verheißung? Wol- 
len Sie mit mir diesen Schritt im Glau- 
ben wagen? Ich bin nicht sicher, wann 
die Antworten kommen werden, aber ich 
glaube daran, daß sie kommen werden. 
Mein Beten wird bereits in einer Weise 




erhört, wie ich es niemals gedacht hätte; 
ich weiß, daß er an mich denkt, und ich 
bete, er möge mich auch weiterhin füh- 
ren, damit ich einmal sicher (und glück- 
lich) bei ihm leben kann. Ich bete, daß 
diese Worte vielleicht jemandem, der 
dringend Hoffnung braucht, Hoffnung 
schenken mögen." 

Ich möchte Ihnen aufzeigen, wie die 
Verheißungen von Präsident Packer im 
Leben einer Schwester in Fredericksburg, 
Virginia, in Erfüllung gegangen sind. 
Diese gläubige Schwester schloß sich der 
Kirche an und glaubte von ganzem Her- 
zen daran, daß sie eine Familie haben 
konnte, die im Evangelium Jesu Christi 
vereinigt war. Aber ihr Mann war nicht 
bereit, die nötigen Veränderungen in 
seinem Lebenswandel vorzunehmen. Er 
unterstützte ihre Entscheidung, ließ sich 
aber nicht taufen. Sie hatte zwei Söhne, 
die sich von den Entscheidungen ihres 
Mannes beeinflussen ließen. Während 
sie so mit ihren Schwierigkeiten kämpfte, 
gab eine liebe Schwester ihr eine Kassette 
mit einer Ansprache von Eider M. Russell 
Ballard. Von dieser Kassette lernte sie, daß 
wir nicht gleichzeitig Glauben und Zwei- 
fel im Sinn haben können. Sie klammerte 
sich fest an diese Hoffnung, daß der Herr 
sie in ihren rechtschaffenen Wünschen 
unterstützte, wenn sie gläubig war. Sie er- 
zählte es niemandem, aber sie setzte sich 
ein Ziel für die Taufe ihres Mannes und 
die Reaktivierung ihrer beiden Söhne. Es 
kamen ihr immer wieder neue Gedanken 
dazu in den Sinn, was sie tun konnte, um 
dies zu bewerkstelligen. Langsam aber si- 
cher sah sie auch Erfolge. Ihr Mann nahm 
die Herausforderung an, sich noch einmal 
die Missionarslektionen anzuhören, und 
ihre Söhne spürten zu Hause einen neuen 
Geist und gingen positiv darauf ein. Zu- 
erst wurden beide Söhne wieder in der 
Kirche aktiv. Und schließlich ließ ihr 
Mann sich taufen und erhielt das Priester- 
tum. Es war kein Zufall, daß die Taufe 
ihres Mannes nur drei Wochen von dem 
Datum entfernt war, das diese gläubige 
Schwester sich als Zieltag für die Vereini- 
gung ihrer Familie im Evangelium Jesu 
Christi gesetzt hatte. 5 

Meine Schwestern, wenn Sie nach die- 
sem Rat leben, werden Sie im Werk des 
Herrn mitwirken, so wie die großen Frauen 
aus biblischen Zeiten und die Pioniers- 
frauen der Wiederherstellung. Das wird in 
dem Maß geschehen, wie wir Glauben an 
den Herrn Jesus Christus erlangen und so 
leben, daß wir sein Werk verrichten, 
während wir hier auf der Erde sind. 

Als FHV-Präsidentschaft und Haupt- 
ausschuß haben wir für die FHV Ziele 



festgelegt, von denen wir uns leiten las- 
sen wollen, nämlich: 

1. Den Glauben an den Herrn Jesus 
Christus festigen und die Lehren des 
Gottesreiches lehren. 

2. Auf den gottgegebenen Wert des ein- 
zelnen Nachdruck legen. 

3. Jeder Schwester dienen, sie unter- 
stützen und sie aufbauen. 

4. Nächstenliebe üben und uns derer 
annehmen, die in Not sind. 

5. Die Familien stärken und schützen 
und unser Vermächtnis ehren. 

6. Voll und ganz an den Segnungen des 
Priestertums teilhaben. 

Wir sind auch von dem neuen Lehrplan 
für das Melchisedekische Priestertum 
und die FHV begeistert. 

Die FHV-Leitung kann die Versamm- 
lung am ersten Sonntag im Monat dafür 
nutzen, die Schwestern in den Zwecken 
der FHV zu unterweisen und Weisungen 
der Priestertumsführer zu übermitteln, 
die in den Wohlfahrts- und Gemeinde- 
ratssitzungen erörtert worden sind. Die 
Leitung kann kurze Diskussionen über 
Grundsätze des Evangeliums einplanen, 
und sie könnte Beispiele verwenden, die 
den Schwestern helfen, ihr Zeugnis auf- 
zubauen, ihre Ehe und ihre Familie zu 
stärken, die gegenseitige Verbundenheit 
in der Schwesternschaft zu fördern und 
die Mission der Kirche zu unterstützen. 
Außerdem werden die Schwestern Gele- 
genheit haben, Zeugnis zu geben. 

Am zweiten und dritten Sonntag wer- 
den sowohl die MP-Kollegien als auch 
die FHV die Lehren der Präsidenten der 
Kirche studieren, und zwar 1998 und 1999 
Brigham Young. Die Lektionen sind vom 
Geist für unsere Zeit gegeben. Wir wer- 
den die Lehren, die Wahrheiten und die 
Verheißungen lernen, die uns gelten, 
wenn wir entsprechend leben. 

Am vierten Sonntag im Monat werden 
wir Lektionen aus der Veröffentlichung 
Lehren für unsere Zeit durchnehmen, die 
unter anderem von der Ersten Präsident- 
schaft ausgewählt wurden. Wir freuen 
uns sehr über den Glauben, die Einigkeit 
und den Weitblick, die durch dieses inspi- 
rierte Material vermittelt werden. 

In der FHV erhalten wir große Verhei- 
ßungen, wenn wir nur die Vision von die- 
ser Organisation und von ihrem poten- 
tiellen Einfluß auf die Welt vor Augen 
haben. Wir haben alle unsere Schwierig- 
keiten, und diese Schwierigkeiten sind so 
vielfältig wie die Schwestern in der FHV. 
Aber eins ist gewiß, nämlich daß die 
Wahrheiten des Evangeliums Jesu Christi 
sich vollkommen auf Ihre Schwierigkeiten 
und Lebensumstände beziehen lassen, ge- 



DER STERN 



90 



nauso wie auf meine, wenn wir geduldig 
und gläubig sind. Jede von uns ist auf die 
Welt gekommen, um sich den Schwierig- 
keiten, die uns in der heutigen Zeit begeg- 
nen, zu stellen und sie zu überwinden. 

Ich möchte zum Abschluß von einer 
Frau erzählen, deren Leben von Prüfun- 
gen und Verheißungen und vom Engage- 
ment für die FHV spricht. 

Vor Jahren reisten ein gläubiger Vater 
und eine gläubige Mutter mit drei ihrer 
sechs Töchter von Utah nach Washington. 
Etwa 13 Meilen hinter Baker in Oregon 
geriet das Auto außer Kontrolle, kam von 
der Straße ab und überschlug sich zwei- 
einhalbmal. Beim zweiten Mal wurden 
die Mutter, die am Steuer saß, und ihre 
jüngste Tochter, die 10 Jahre alt war, aus 
dem Auto geschleudert. Weil das Auto 
für die dritte Umdrehung nicht mehr 
genügend Schwung hatte, begrub es Mut- 
ter und Tochter unter sich. Der Vater warf 
nur einen Blick auf die Situation. Ihm war 
sofort klar, daß seine Frau sterben mußte, 
wenn das Auto nicht rasch fortbewegt 
wurde. Er neigte den Kopf in demütigem 
Gebet und machte sich daran, den gewal- 
tigen Buick, dessen Räder sich noch dreh- 
ten, hochzuheben. Die jüngste Tochter 
kroch unter dem Auto hervor, während 
die zwölfjährige Tochter ihre Mutter un- 
ter dem Auto hervorzog. Die Mutter war 
schwer verletzt und hatte entsetzliche 
Schmerzen. Der Vater kümmerte sie um 
die anderen, und die zwölfjährige Tochter 
kniete sich neben ihrer Mutter nieder, um 
sie zu trösten. Die Mutter griff nach der 
Hand des Mädchens und sagte: „Vergiß 
nie, wer du bist, und sei immer ein braves 
Mädchen." 

Bald kam der Krankenwagen, und die 
Mutter wurde in aller Eile ins nächstgele- 
gene Krankenhaus gebracht. In den kriti- 
schen Augenblicken des Abends flehte die 
Mutter, während sie mit dem Tod rang, 
ihren Vater im Himmel an, sie so lange am 
Leben zu lassen, bis ihre sechs Töchter im 
Haus des Herrn einen würdigen Mann ge- 
heiratet hatten. Sie versprach ihm, wenn 
er ihr diesen rechtschaffenen Wunsch er- 
fülle, werde sie dann bereit sein. Und sie 
wolle ihm ihr Leben weihen. 

Wundersamerweise ging es der Frau in 
den nächsten Tagen und Wochen immer 
besser, und sie erholte sich schließlich von 
ihren lebensgefährlichen Verletzungen. 
Noch engagierter als bisher diente sie treu 
dem Herrn und richtete ihre Aufmerk- 
samkeit darauf, ihre sechs Töchter in 
Rechtschaffenheit zu erziehen. 

Jahre später, während sie in Clearfield, 
Utah, als Pfahl-FHV-Leiterin diente, hei- 
ratete ihre jüngste Tochter für Zeit und 




alle Ewigkeit. An jenem Tag ging der 
heilige Bund, den diese geliebte Tochter 
Gottes mit ihrem liebenden himmlischen 
Vater geschlossen hatte, in Erfüllung. Die 
Frau, ihr Mann, ihre sechs Töchter und 
deren Männer standen zusammen im 
Haus des Herrn. Ihr inbrünstiges Flehen 
im Krankenhausbett war damals, vor 
Jahren, erhört worden. 

Von jenem Tag an ging es mit der Ge- 
sundheit der Frau, die an Krebs litt, rapide 
bergab. Ihr Zustand wurde so schlimm, 
daß sie ihre Berufung als Pfahl-FHV-Lei- 
terin nicht mehr wahrnehmen konnte. 
Deshalb nahm sie die Entlassung zögernd 
an, ehe sie gelassen und dankbar in die 
Ewigkeit einging und zum himmlischen 
Vater zurückkehrte, der ja auf sie Acht 
gehabt hatte. 

Meine Schwestern, jenes zwölfjährige 
Mädchen, das damals vor so vielen Jah- 
ren am Straßenrand neben der Mutter 
kniete, steht heute vor Ihnen, um Ihnen 
zu bezeugen: 



„Dann werden Sie jetzt und in der Ewig- 
keit mit allem gesegnet werden, dessen 
Sie bedürfen. Jegliche Vernachlässigung 
wird wiedergutgemacht, jegliche Über- 
forderung ausgeglichen werden. All das 
kann Ihnen zuteil werden - ohne daß 
es lange dauert -, wenn Sie sich für die 
FHV einsetzen." 6 

Unser Vater im Himmel hat uns voll- 
kommene Weisung erteilt. Mögen wir 
den Glauben und Weitblick haben, die 
Segnungen, die uns die Last leichter ma- 
chen, zu empfangen. Darum bete ich im 
Namen Jesu Christi, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Lehren des Propheten Joseph Smith, Seite 234. 

2. Lehren des Propheten Joseph Smith, Seite 232. 

3. Verwendung mit Genehmigung. 

4. „Der Kreis der Schwestern", Der Stern, 
April 1981, Seite 235f . 

5. Verwendung mit Genehmigung. 

6. Der Stern, April 1981, Seite 235f . 



JANUAR 1998 

91 



Orte der 
Geborgenheit schaffen 



Virginia U. Jensen 

Erste Ratgeberin in der FHV-Präsidentschaft 



Die Stärke und der Einfluß einer rechtschaffenen Frau sind groß. 

Sie hat zahlreiche Möglichkeiten, für Menschen, die mit Schwierigkeiten 

ringen, einen Ort der Geborgenheit zu schaffen. 



und fragte: „Wo ist Jesus denn?" Sie hatte 
in der PV sein Bild gesehen, fand ihn aber 
nicht unter den Zuhörern. 

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh 
ich war, daß ich ihr erzählen konnte, wo 
Jesus ist. Entsprechend ihrem Verständnis 
werde ich ihr nach und nach erklären, wer 
er ist, was er für sie und für mich getan 
hat und welche Bedeutung er in ihrem 
Leben haben kann. Diese Begebenheit hat 
mich wieder daran erinnert, welche groß- 
artige Möglichkeit wir Frauen haben, die 
Menschen um uns herum zu beeinflussen. 
Ich liebe meine Kinder und meine Enkel 
und möchte sie in Geborgenheit bewah- 
ren. Manchmal flößt einem diese Welt 
Angst ein. Ich glaube aber, daß eine Frau 
einzigartige Möglichkeiten und besondere 
Gaben und Talente hat, um andere zu 
schützen, zu erziehen und zu beeinflus- 
sen. Wir können „Orte der Geborgenheit" 
schaffen, wo Ehe, Kinder und Familie 
gedeihen und vom Bösen in der Welt 
unbeeinflußt bleiben können. 

Präsident Spencer W Kimball hat 1978 
in einer allgemeinen Schwesternversamm- 
lung gesagt: „Es ist in jedem Zeitalter et- 
was Herrliches, eine rechtschaffene Frau 
zu sein. Und eine besonders erhabene 
Berufung ist es, während des Schlußaktes 
im Drama der Weltgeschichte, kurz vor 
der Wiederkunft unseres Erlösers, als 
rechtschaffene Frau auf dieser Erde zu 
leben. Stärke und Einfluß einer solchen 
Frau können gegenüber einer ruhigeren 
Zeit heute das Zehnfache ausmachen. 
Sie ist auf diese Erde gestellt worden, um 
die Familie - die fundamentalste und 
wertvollste Institution der Gesellschaft - 
zu schützen und ihr von ihrem inneren 
Reichtum zu geben. Andere Institutionen 
können ins Wanken geraten oder gar 
zusammenbrechen, während die recht- 
schaffenen Frau dazu beitragen kann, die 
Familie zu retten. Diese könnte für manch 
einen die letzte und einzige Zufluchts- 




Schwestern, ich grüße Sie. Wir haben 
uns auf diesen Abend mit Ihnen ge- 
freut. 

Danke für Ihre vielen Karten und Briefe. 
Vor allem danke ich Ihnen dafür, daß 
Sie für uns beten. Dankbar und demütig 
erkennen wir an, wie wir von großartigen 
Priestertumsführern und vom Vater im 
Himmel geführt und unterwiesen wer- 
den. 

Neulich ging ich mit meiner dreijährigen 
Enkelin in eine Abendmahlsversamm- 
lung, wo ein junger Mann sprach, der 
gerade auf Mission gehen wollte. Ich 
hatte die üblichen Bücher und Sachen 
mitgebracht, um dafür zu sorgen, daß die 
Kleine ruhig war. Sie ist aber ein intelli- 
gentes und lebhaftes kleines Mädchen, 
darum stellte ich sie schließlich neben mir 
auf die Bank, damit sie den Missionar an- 
schauen konnte, der da sprach. Dann flü- 
sterte ich ihr ins Ohr: „Dieser junge Mann 
geht auf Mission, das heißt, er geht ganz 
weit von zu Hause fort und erzählt dort 
den Menschen von Jesus." Sie schaute 
sich in der Kapelle voller Menschen um 



statte in diesem zerrissenen und kampf- 
erfüllten Dasein werden." (Der Stern, April 
1979, Seite 181.) 

1996 hat Präsident Gordon B. Hinckley 
gesagt: „Schwestern, Sie sind in Wahr- 
heit diejenigen, die das Land aufbauen, 
wo immer Sie auch leben mögen. Denn 
Sie schaffen ein Zuhause, das Kraft, Frie- 
den und Geborgenheit schenkt. Und das 
wird zur eigentlichen Stärke jedes Volkes." 
(Der Stern, Januar 1997, Seite 65.) 

Wir leben in einer wundervollen Zeit! 
In allen Zeitaltern haben die Propheten 
unsere Zeit in Visionen gesehen. Sie sollte 
Evangeliumszeit der Fülle heißen, weil 
das Evangelium vollständig wiederher- 
gestellt werden sollte - denen zum Segen, 
die zu dieser Zeit leben. Alle, die die frohe 
Nachricht hören, haben vollen Zugang 
zu den errettenden und erhöhenden hei- 
ligen Handlungen des Evangeliums Jesu 
Christi und zu dem Frieden und dem 
Glück, die sie dem einzelnen und der 
Familie bringen. 

Und doch muß es, wie Vater Lehi sagt, 
„notwendigerweise so sein, daß es in al- 
lem einen Gegensatz gibt" (2 Nephi 2:11). 
Als die Propheten diesen Tag der Freude 
vorhersahen und davon prophezeiten, 
warnten sie, es werde ein Tag der Schlech- 
tigkeit (siehe 2 Timotheus 3:1-9,13), ein 
Tag der Not (siehe Matthäus 24:21) und 
ein böser Tag (siehe LuB 27:15) sein, wo 
alles „in Aufruhr" sein werde (siehe LuB 
88:91). 

Schwestern, ich glaube nicht, daß es Zu- 
fall ist, wenn Sie und ich in dieser einzig- 
artigen Zeit leben. Ich glaube, daß wir, 




DER STERN 



92 



wie früher Ester, „gerade dafür in dieser 
Zeit" (Ester 4:14) leben, wo unser Einfluß, 
unser Beispiel, unsere Kraft und unser 
Glaube als Bollwerk gegen die steigende 
Flut des Bösen stehen können, die droht, 
unser Zuhause, unsere Familie und un- 
sere Lieben zu verschlingen. 

Im Buch Mormon gibt es eine span- 
nende Geschichte, die in Alma 48 beginnt. 
Es ist eine gefährliche und unruhige Zeit 
für das nephitische Volk. Seine Feinde 
haben geschworen, es zu besiegen und 
in Gefangenschaft zu führen. Gegen alle 
Widerstände muß Hauptmann Moroni 
eine Möglichkeit finden, sein Volk zu ver- 
teidigen - ihm Sicherheit zu verschaffen. 
Er weist sein Volk an, um die Städte 
herum tiefe Gräben auszuheben und 
hohe Erdwälle aufzuwerfen. Später ver- 
bessert Moroni diese Verteidigungs- 
anlagen noch und läßt Holzanlagen mit 
einem Gefüge von Zaunpfählen darauf 
errichten. Zum Schluß wurden Türme 
gebaut, damit man einen Überblick über 
diese Zäune hat. Seine Strategie ist so 
wirksam, daß die lamanitischen Heere 
erstaunt sind und nichts erreichen kön- 
nen, obwohl sie die Nephiten an Zahl 
weit übertreffen. Die Nephiten sind in 
ihren Städten sicher und geborgen und 
weisen die lamanitischen Angriffe ab. 

Während die Feinde durch Betrug und 
Täuschung an Macht gewinnen, stärkt 
Moroni die Nephiten, indem er sie un- 
terweist, Gott treu zu sein (Alma 48:7). 
Wie schaffen wir in diesen erschrek- 
kenden und gefährlichen Zeiten so wie 
Hauptmann Moroni Stätten der Sicher- 
heit für die Menschen in unserer Umge- 
bung? Wir können anfangen, indem wir 
die Ermahnung befolgen, die in 1 Timo- 
theus 4:12 steht: „Sei den Gläubigen ein 
Vorbild in deinen Worten, in deinem 
Lebenswandel, in der Liebe, im Glauben, 
in der Lauterkeit." 

Als ich zehn Jahre alt war, saß ich in 
einer Abendmahlsversammlung und 
schaute meine schöne Mutter an, die auf 
dem Podium stand und von ihren Erleb- 
nissen als junge Missionarin in der Süd- 
staatenmission berichtete. Sie zog einen 
Vergleich zwischen der Vorbereitung ei- 
nes Menschen auf die Taufe und dem 
freudigen Erlebnis, wenn man ein Kind 
zur Welt bringt. Sie gab ihr Zeugnis voller 
Kraft und Überzeugung. Sie brauchte mir 
nicht zu erzählen, daß die Missionsarbeit 
wichtig ist, ihr Beispiel sagte alles. Sie 
brauchte mir nicht zu erklären, was ein 
Zeugnis ist, ich spürte es an diesem Tag, 
als sie der Gemeinde und mir Zeugnis 
gab. Überall um uns herum sind Men- 
schen, die unser Beispiel brauchen. Präsi- 



dent Gordon B.Hinckley hat gesagt: „Das 
überzeugendste Traktat über das Evange- 
lium ist die vorbildliche Lebensführung 
eines Heiligen der Letzten Tage." (Der 
Stern, Oktober 1982, Seite 95.) 

In der PV singen wir: „Gottes Gebote 
will ich befolgen, dann wandle ich sicher, 
dann finde ich Ruh." (Gesangbuch, Nr. 204.) 
Vor allem zeigte Hauptmann Moroni 
seinem Volk, daß der Herr sie in ihren Be- 
mühungen leitete, wenn sie seine Gebote 
befolgten. Eine Frau, die den Geboten 
folgt, arbeitet nach dem Plan des Vaters 
im Himmel, um für sich selbst und ihre 
Familie einen Ort der Geborgenheit zu 
schaffen. Ihre Umgebung weiß, daß man 
ihr vertrauen kann. Man spürt in ihrem 
Einflußbereich Geborgenheit und Frie- 
den. Die Grundlage ihrer Festung be- 
steht darin, daß sie die Gebote des Herrn 
befolgt. 

Damit wir den Menschen in unserer 
Umgebung Geborgenheit schenken kön- 
nen, müssen wir als Schwestern unser 
Wissen von allem Geistigen erweitern. 
Wir müssen lernen zu erkennen und 
darin fortschreiten und unsere Kinder das 
lehren, was sie weniger verletzlich macht 



gegenüber Täuschung und den Absich- 
ten derjenigen, die sich gegen die Recht- 
schaffenheit verschworen haben. Unwis- 
senheit macht nicht glücklich. Sie ist 
gefährlich! 

Im 68. Abschnitt des Buches Lehre und 
Bündnisse wird den Eltern geboten, ihre 
Kinder in der einfachen, lebensrettenden 
Wahrheit des wiederhergestellten Evan- 
geliums zu unterweisen. Unser Zuhause 
soll ein Zentrum der Evangeliumsunter- 
weisung sein. Eider Neal A. Maxwell hat 
gesagt: „Wenn es den Eltern nicht gelingt, 
außer Anständigkeit auch Gotteslehre 
zu vermitteln, dann ist die Familie nur 
eine Generation von schwerwiegendem 
geistigen Verfall entfernt, denn dann hat 
sie ihre geistige Kraft verloren. Nirgends 
sieht man das Gesetz der Ernte deutlicher 
und unnachsichtiger als im Garten der 
Familie." (Der Stern, Juli 1994, Seite 79.) 
Wie die jungen Krieger im Buch Mormon 
können unsere Kinder durch den Glau- 
ben und den weisen Rat rechtschaffener 
Mütter motiviert, gesegnet und beschützt 
werden. 

Aufrichtiges Beten kann unsere Fami- 
lie besser schützen als die Erdwälle, die 




JANUAR 199 

93 



Moroni um die nephitischen Städte er- 
richten ließ. Wir können nicht nieder- 
knien und dem Herrn unser Problem vor- 
legen, ohne daß unser Herz weich wird. 
Das Beten bewirkt viele Veränderungen 
in unserem Zuhause. Es stellt den Frie- 
den wieder her und schenkt Hoffnung. Es 
macht das schwere Herz leicht und heilt 
die Wunden der Sünde. Es vermittelt uns 
die richtige Perspektive, so daß wir auch 
inmitten von Prüfungen unsere Segnun- 
gen erkennen. Schließlich leitet es uns bei 
Entscheidungen. Mit einem Gebet begann 
der Prophet Joseph Smith die herrliche 
Wiederherstellung des wahren Evange- 
liums in diesen Letzten Tagen. Er hatte 
durch das gute Beispiel seiner Mutter, 
Lucy Mack Smith, beten gelernt. 

Vor einiger Zeit ging ich an einem Mon- 
tagabend an einem Spielplatz vorbei, wo 
eine junge Familie für ein Spiel Mann- 
schaften wählte. Ich hörte eins der Kinder 
rufen: „Nimm mich, Mama!" Als ich wei- 
terging, klangen mir diese Worte in den 
Ohren nach. Das Leben in der heutigen 
Welt stellt viele Anforderungen an Zeit 
und Energie einer Frau. Wir können un- 
sere Talente auf mehr Gebieten als jemals 
zuvor anwenden, aber es gibt nur wenige 
Orte, wo unser Einfluß wirklich unersetz- 
lich ist. Ich kann mir vorstellen, wie Kin- 
der überall auf der Welt sagen: „Wenn du 
entscheidest, wo du die Zeit und die 
Gaben verwenden willst, die du von Gott 
erhalten hast, dann nimm mich, Mama!" 
Dann dachte ich an alte Großmütter, die 
zu einsam oder zu hinfällig sind, um gern 
allein auszugehen. Sie könnten sagen: 
„Enkelin, wenn du eine Freundin suchst, 
um ins Kino oder essen zu gehen, nimm 
mich!" Ich dachte an alleinerziehende 
Mütter, die vielleicht dankbar sind, wenn 
ihre Kinder von einem rechtschaffenen 
Priestertumsträger beeinflußt werden, 
wenn dieser sagt: „Nachbarin, wenn du 
jemanden zum Familienabend einladen 
willst, nimm mich und meine Familie!" 
Schwestern, solche Entscheidungen schaf- 
fen Orte der Geborgenheit, und zwar 
nicht nur für unsere eigene Familie, 
sondern für die Nachbarschaft, die Ge- 
meinde und das Gemeinwesen. 

Joseph Smith hat das Leben mit einem 
Rad verglichen, um das wir uns bewegen. 
Er hat gesagt: „Es gibt Zeiten, wo wir 
ganz oben auf dem Rad sind, und jemand 
anders ist unten. Aber irgendwann wird 
es andersherum sein. Darum brauchen 
wir einander. Es gibt Zeiten, wo wir 
ganz oben sind und andere emporheben 
können. Aber es wird unausweichlich 
die Zeit kommen, wo wir emporgeho- 
ben werden müssen!" (Zitiert in Truman 



Madsen, Highest in Us, Seite 26.) Deshalb 
brauchen wir einander. Manchmal sind 
wir oben und können andere erheben. 
Aber gewiß kommt auch die Zeit, wo wir 
emporgehoben werden müssen! 

Vor einem Jahr sprach Präsident Hinck- 
ley auf der Oktoberkonferenz eine Bitte 
aus: „Es gibt Witwen, die sich nach einer 
freundlichen Stimme und nach der be- 
sorgten Anteilnahme sehnen, aus der die 
Liebe spricht. Da sind diejenigen, in de- 
nen einmal das Feuer des Glaubens ge- 
brannt hat, das aber inzwischen erloschen 
ist. Viele von ihnen möchten gern zurück- 
kommen, wissen aber nicht so recht, wie. 
Sie brauchen eine freundliche Hand, die 
sich ihnen entgegenstreckt. Mit ein wenig 
Mühe können viele von ihnen wieder an 
den Tisch des Herrn zurückgebracht 
werden und sich dort laben." (Der Stern, 
Januar 1997, Seite 83.) 

Jedesmal, wenn wir jemanden empor- 
heben, geben wir ihm eigentlich einen 



Ort der Geborgenheit. Präsident Kimball 
hatte recht. Die Stärke und der Einfluß 
einer rechtschaffenen Frau sind groß. Sie 
hat zahlreiche Möglichkeiten, für Men- 
schen, die mit Schwierigkeiten ringen, 
einen Ort der Geborgenheit zu schaffen. 

Ich möchte Ihnen sagen: Ich weiß, daß 
es den Vater im Himmel wirklich gibt. Er 
lebt und liebt uns mehr, als wir es begrei- 
fen können. Wie ich meiner kleinen Enke- 
lin gesagt habe, hat er seinen Sohn, Jesus 
Christus, gesandt, für unsere Sünden zu 
sühnen. Durch Joseph Smith hat er das 
wahre Evangelium auf der Erde wieder- 
hergestellt. Er führt unseren heutigen 
Propheten, Präsident Gordon B. Hinckley. 
Lassen Sie uns wie Hauptmann Moroni 
alle verfügbaren Mittel benutzen, um das 
zu beschützen, was uns und dem himm- 
lischen Vater kostbar ist. Daß wir das mit 
Weisheit und Hingabe tun und uns dem 
Herrn erneut verpflichten, darum bete ich 
im Namen Jesu Christi, amen. □ 




DER STERN 

94 



„Bist du die Frau, 
für die ich dich halte?" 



Sheri L.Dew 

Zweite Ratgeberin in der FHV-Präsidentschaft 



Bin ich die Frau, . . . die ich sein möchte? Noch wichtiger: 
Bin ich so, wie der Erretter mich braucht? 




Ich bin auf einer Farm in Kansas aufge- 
wachsen, wo wir Tür an Tür mit mei- 
ner Oma Dew wohnten, und ich war 
ihr Schatten. Überallhin gingen wir zu- 
sammen - zur Bank, zum Arzt, zum Gar- 
tenverein der Frühaufsteher und zu einer 
scheinbar endlosen Folge von Versamm- 
lungen der Kirche. Was das Evangelium 
betraf, war Oma sehr eifrig. Sie redete 
ständig und mit jedem über die Kirche - 
auch mit ihrer ältesten Enkelin. 

Ich werde nie das Gespräch vergessen, 
das wir eines Abends führten, als wir 
wieder einmal von einer Versammlung 
nach Hause fuhren. Es begann damit, 
daß ich mit einer Frage herausplatzte, 
die mich mit meinen acht Jahren sehr 
beschäftigte, nämlich: „Oma, was ist, 
wenn das Evangelium gar nicht wahr ist 
und wir dann umsonst in all diese Ver- 
sammlungen gehen?" Ich war doch eine 
bezaubernde Achtjährige, oder? „Sheri, 
darüber brauchst du dir keine Sorgen zu 
machen", antwortete sie. „Ich weiß doch, 
daß das Evangelium wahr ist." 

Ich forderte sie heraus: „Wie kannst du 
denn so sicher sein?" 



Es vergingen einige Sekunden, und 
sie überlegte gut, was sie sagte : „Ich weiß 
ganz sicher, daß das Evangelium wahr 
ist, weil der Heilige Geist mir gesagt hat, 
daß Jesus Christus unser Erretter ist und 
daß dies seine Kirche ist." Sie dachte noch 
einmal kurz nach und sagte dann etwas, 
was ich niemals vergessen werde: „Und 
weißt du was, Sheri, er wird es dir auch 
sagen, und dann wird dein Leben niemals 
wieder so sein wie vorher." 

Ich kann mich noch lebhaft an das erin- 
nern, was dann als nächstes geschah. Ein 
Gefühl, wie ich es noch nie erlebt hatte, 
durchfuhr mich, und ich begann zu wei- 
nen. Ich verstand zwar nicht, warum das 
so war, aber ich bin sicher, daß meiner 
Oma klar war, was mit mir geschah - daß 
mir nämlich der Geist bezeugte, daß das, 
was sie gesagt hatte, wahr war. 

Ich bin dankbar, daß ich Ihnen heute 
Abend bezeugen kann, daß ich im Laufe 
der Jahre tatsächlich selbst erkannt habe, 
daß Jesus der Messias ist, unser Erretter 
und Erlöser. Und dank dieser Erkenntnis 
hat sich mein Leben wirklich für immer 
verändert. 

Die Propheten in alter Zeit und die 
Propheten von heute fordern uns auf, 
zu Christus zu kommen (siehe Moroni 
10:30). Präsident Gordon B. Hinckley hat 
verkündet: „[Jesus Christus] ist die Zen- 
tralfigur unserer Theologie und unseres 
Glaubens. Jeder Heilige der Letzten Tage 
muß selbst mit einer Gewißheit, die jeden 
Zweifel übersteigt, wissen, daß Jesus der 
auferstandene, lebendige Sohn des le- 
bendigen Gottes ist." (Der Stern, Oktober 
1983, Seite 80.) 

Die Ermahnung, „zu Christus zu kom- 
men", ist der Angelpunkt, um den sich 
in der Kirche Jesu Christi der Heiligen 
der Letzten Tage alles, und damit auch 
die FHV, dreht. Und das aus einem guten 
Grund. Das Verb kommen impliziert, daß 
wir etwas tun. Es ist interessant, daß in 
der uns doch vertrauten Stelle im Neuen 



Testament, wo es um das Jenseits geht, 
wo viele den Herrn anflehen und ihm 
ihre guten Taten vorhalten, in der übli- 
chen Version steht, Christus werde sa- 
gen: „Ich kenne euch nicht." (Matthäus 
7:23.) In der inspirierten Übersetzung 
von Joseph Smith zu dieser selben Stelle 
findet sich allerdings ein grundlegender 
Unterschied, nämlich: „Ihr habt mich nie 
gekannt." (JST, Matthäus 7:33; Hervorhe- 
bung hinzugefügt.) Damit wird deutlich 
uns die Verantwortung dafür auferlegt, 
zum Erretter zu kommen. Jesus Christus 
selbst hat verheißen: „Naht euch mir, 
und ich werde mich euch nahen; sucht 
mich eifrig, dann werdet ihr mich finden; 
bittet, und ihr werdet empfangen, klopfet 
an, und es wird euch auf getan werden." 
(LuB 88:63.) 

Es gibt in dieser Aufforderung keinerlei 
Widerruf und keine Ausnahmen. Es hängt 
von uns ab, wie intensiv der gegenseitige 
Austausch mit ihm ist. Es kommt darauf 
an, ob wir uns ihm nahem, ob wir nach 
ihm suchen und bitten und anklopfen. 
Und je mehr wir über den Herrn wissen - 
was bedeutet, je mehr wir seine Barmher- 
zigkeit und Geduld, seine Bereitschaft, 
uns auch dann zu führen, wenn wir viel- 
leicht das Gefühl haben, wir seien seiner 
Weisung nicht würdig - desto zuversicht- 
licher sind wir, daß er wirklich auf unser 
Flehen eingeht. 

Wenn wir mehr mit ihm zu tun haben, 
stellen wir fest, daß er uns niemals ver- 
rät, sich niemals von uns abwendet, seine 
Kriterien dafür, wie wir zu ihm kommen 
sollen, niemals ändert. Seine Aufmerk- 
samkeit gilt ganz und gar uns, seinen 
Brüdern und Schwestern. 

Es gibt viele Möglichkeiten, uns ihm zu 
nahen, ihn zu suchen, zu bitten und anzu- 
klopfen. Wenn Sie in Ihren Gebeten zum 
himmlischen Vater, die Sie ja im Namen 
Christi sprechen, vielleicht nachlässig 
geworden sind, könnten Sie sich doch 
von neuem dazu verpflichten, sinnerfüllt 
und regelmäßig zu beten, ohne Hetze und 
allein und mit umkehrwilligem Herzen. 
Wenn Sie den Frieden und die Kraft, die 
der Gottesdienst im Tempel mit sich 
bringt, noch nicht erfahren haben, könn- 
ten Sie sich vornehmen, so oft an den hei- 
ligen Handlungen des Hauses des Herrn 
teilzunehmen, wie Ihre Umstände es zu- 
lassen. Wenn Sie noch nicht festgestellt 
haben, daß Sie, wenn Sie sich in die hei- 
ligen Schriften vertiefen, eher Offenba- 
rung erhalten können, dann denken Sie 
doch darüber nach, das Wort Gottes 
konsequenter in Ihr Leben einzubezie- 
hen. Heute Abend wäre ein wundervoller 
Zeitpunkt, damit anzufangen. 



JANUAR 199 

95 



Diese und viele weitere Anstrengungen 
führen dazu, daß unsere Bindung an 
Jesus Christus fester wird. Unser Zeugnis 
von ihm erweitert sich und reift; wir 
fangen an, mehr an das Leben zu denken, 
das für immer ist, als an das Leben von 
heute, und wir wünschen uns nur noch, 
das zu tun, wozu er uns braucht, und so 
zu leben, wie er uns gebeten hat. Präsi- 
dent Ezra Taft Benson hat erklärt: „Wenn 
man sich dafür entscheidet, Christus nach- 
zufolgen, entscheidet man sich dafür, sich 
zu ändern." (Generalkonferenz, Oktober 
1985.) So wie meine Oma es mir gesagt 
hat: „Wenn du ein Zeugnis von Jesus 
Christus hast, wird dein Leben niemals 
wieder so sein wie vorher." 

Vor kurzem habe ich eine Gemeinde 
an der wunderschönen Küste Oregons 
besucht. Nach der Abendmahlsversamm- 
lung kam zu meiner Überraschung eine 
Frau auf mich zu und fragte: „Bist du die 
Frau, für die ich dich halte?" Ihre Frage 
bezog sich auf meine Identität, aber sie 
verfolgt mich seitdem. Bin ich die Frau, 
für die ich mich halte, die Frau, die ich 
sein möchte? Noch wichtiger: Bin ich so, 
wie der Erretter mich braucht? 

Es gibt einen Zusammenhang zwischen 
der Frage meiner Freundin in Oregon 
und der Lektion, die ich von meiner Oma 
gelernt habe, denn es gibt einen direkten 
Zusammenhang zwischen unseren Gefüh- 
len für Jesus Christus und unserer Ein- 
stellung zu uns selbst. Wenn wir nämlich 
in der Ergebenheit gegenüber dem Erret- 
ter stärker werden, werden wir uns mehr 
dessen bewußt, welche Ziele wir haben, 
wer wir sind und wovon wir überzeugt 
sind. 

Ich Hebe Nauvoo. Jedes Mal, wenn ich 
die Stadt Josephs besuche, gehe ich ans 
Ende der Parley Street, wo die Heiligen 
ihre Wagen aufgestellt haben, wenn sie 
sich bereit machten, die Stadt zu verlas- 
sen. Dort versuche ich mir vorzustellen, 
wie unseren Pionierschwestern wohl zu- 
mute war, wenn sie das bißchen, was sie 
mitnehmen konnten, auf einem Wagen 
verstauten, einen letzten Blick auf ihr 
Haus warfen und dann ihrem Glauben in 
die Wildnis nachfolgten. 

Ich weine immer in der Parley Street, 
weil ich mich immer wieder fragen muß: 
Hätte ich den Wagen beladen? Wäre mein 
Zeugnis vom Propheten der Letzten Tage 
und von Jesus Christus stark genug ge- 
wesen, so daß ich alles aufgegeben hätte 
und überallhin gezogen wäre? 

Es wird vielleicht keiner von uns in 
dieser Versammlung aufgrund seines 
Glaubens aufgerufen, sein Zuhause zu 
verlassen oder Entbehrungen auf sich zu 



nehmen. Aber wir sind dazu berufen, in 
einer Zeit zu leben, wo die Kluft zwi- 
schen den Philosophien der Menschen 
und den Lehren des Meisters immer 
weiter wird. 

Wir leben in einer Zeit, in der der Wi- 
dersacher einen gewaltigen Angriff gegen 
die Frauen und das Frauentum führt. Er 
weiß, daß der Einfluß einer rechtschaf- 
fenen Frau enorm ist und Generationen 
umfaßt. Er will, daß wir uns nicht für Ehe 
und Muttersein interessieren, daß wir uns 
von der Einstellung der Welt zu Mann 
und Frau verwirren lassen, daß wir uns 
zu sehr in die Hetze des Lebens fallen las- 
sen, um wirklich nach dem Evangelium 
zu leben und zuzulassen, daß seine erret- 
tenden heiligen Handlungen und Wahr- 
heiten uns tief in die Seele dringen. Er will 
uns um jeden Preis von Jesus Christus 
fernhalten. Wenn wir nämlich nicht zu 
Christus kommen, was bedeutet, daß wir 
niemals unser Leben ganz nach ihm aus- 
richten, müssen wir diese Bewährungs- 
zeit hier allein durchstehen, statt zu er- 
fahren, was der Erretter verheißen hat, 
nämlich: „Kommt alle zu mir, die ihr 
euch plagt und schwere Lasten zu tragen 
habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen." 
(Matthäus 11:28.) 

Wir stehen jeden Tag am Ende unserer 
eigenen Parley Street. Der Herr brauchte 
die Stärke der Frauen dieser Kirche, als 
der Same der Wiederherstellung gesät 
und gehegt wurde. Und er braucht uns 
heute. Er braucht uns dafür, daß wir 
uns für das einsetzen, was recht ist, auch 
wenn das unpopulär ist. Er braucht uns 
dafür, daß wir die geistige Reife entwik- 
keln, die Stimme des Herrn zu hören und 
die Täuschungen des Widersachers auf- 
zudecken. Er freut sich über Frauen, die 
sich genau an ihre Bündnisse halten, 
Frauen, die vor der Macht des Priester- 
tums Ehrfurcht empfinden, Frauen, die 
bereit sind, „die Dinge dieser Welt auf- 
[zu] geben und nach den Dingen einer 
besseren Welt [zu] trachten" (LuB 25:10). 
Er braucht uns dafür, daß wir alles sind, 
was wir sein können, daß wir uns er- 
heben und unser Licht leuchten lassen 
„damit es den Nationen ein Banner sei" 
(siehe LuB 115:5). 

Sind wir solche Frauen, wie der Herr sie 
braucht? Haben wir ein solches Zeugnis 
von Jesus Christus, daß unser Leben nie- 
mals wieder so sein wird wie vorher? 

Vor ein paar Wochen bin ich kurz mit 
Präsident Hinckley zusammengetroffen. 
Er fragte mich etwas im Zusammenhang 
mit meiner Berufung, und ich sagte : „Ich 
bin so gern mit den Frauen der Kirche 
zusammen, sie sind so gut." Daraufhin 



verbesserte er mich sofort: „Nein, Sheri. 
Sie sind nicht gut, sie sind großartig! " 

Ich nehme die Propheten beim Wort. 
Und unser Prophet glaubt an uns. Er 
glaubt an unsere Stärke und unsere Flexi- 
bilität, an unseren Glauben und unsere 
Treue. Ungeachtet Ihrer gesellschaftlichen 
Stellung oder Ihres Familienstands, der 
Zahl Ihrer Kinder, Ihrer Ausbildung oder 
Ihrer beruflichen Leistungen, der Spra- 
che, die Sie sprechen, der Dauer Ihrer 
Mitgliedschaft in der Kirche, ungeachtet 
dessen, ob Sie achtzehn sind oder achtzig, 
sind Sie eine geliebte Geisttochter des 
himmlischen Vaters, deren Bestimmung 
es ist, in der vorwärts gerichteten Bewe- 
gung des Gottesreichs eine entscheidende 
Rolle zu spielen. Eliza R. Snow hat ver- 
kündet: „Jede von uns ist verpflichtet, eine 
heilige Frau zu sein. . . . Keine Schwester 
lebt so isoliert und hat einen so eng be- 
grenzten Wirkungskreis, daß sie nicht 
eine ganze Menge dafür tun könnte, 
daß hier auf der Erde das Reich Gottes 
aufgerichtet wird." (Woman's Exponent, 
15. September 1873, Seite 62; Hervor- 
hebung hinzugefügt.) 

Eben habe ich von meiner Oma gespro- 
chen. Sie hat ein einfaches Leben in einer 
unbeachteten Ecke des Weingartens ge- 
lebt. Sie war nie in Europa, hat nie ein 
Stück am Broadway gesehen. Es leben 
nur noch eine Handvoll Menschen, die 
sich überhaupt an sie erinnern. 

Aber ich erinnere mich an sie. Sie ist 
zwar gestorben, als ich erst elf war, aber 
mein Leben ist von dieser einen gläubigen 
Frau grundlegend beeinflußt worden. Ge- 
nauso ist jede von uns für die Sache des 
Herrn lebenswichtig. Wieviel Gutes wir 
doch tun könnten, wenn wir uns noch in 
dieser Stunde ihm, der unser Erlöser und 
unser Erretter ist, erneut weihen würden. 




DER STERN 



96 



Wieviel rechtschaffenen Einfluß wir doch 
haben könnten, wenn wir uns, wie die 
Jungen Damen, dazu verpflichten wür- 
den, allzeit und in allem, wo auch immer 
wir uns befinden mögen, als Zeugen 
Gottes aufzutreten (siehe Mosia 18:9). 

Zum Glück stehen wir alle gemeinsam 
in dieser Sache. Ungeachtet dessen, wo 
Sie in dieser Kirche dienen, meine Schwe- 
stern, sind Sie doch ein Mitglied der 
FHV, der Organisation des Herrn für die 
Frauen. Sind wir solche Frauen, wie der 
Herr sie braucht? 

Könnten wir uns vielleicht dazu ver- 
pflichten, es nur ein wenig besser zu ma- 
chen, als wir es bisher gemacht haben, 
und uns dabei bereit machen, die Frauen 
der Welt in allem, was göttlich und erhe- 
bend ist, anzuführen? 

Meine Oma hatte recht. Wenn wir er- 
kennen, daß Jesus der Messias ist, kann 
unser Leben niemals wieder so sein wie 
vorher. Mit meiner Oma bezeuge ich, daß 
der Erretter die eine Quelle der Stärke 
und des Trosts ist, auf die wir uns verlas- 
sen können. Er kam, um uns in unseren 
Schwächen beizustehen und unser ge- 
brochenes Herz zu heilen. Er ist immer 
bereit, uns zu erheben, wenn wir nur zu 
ihm kommen. 

Ich weiß das aus persönlicher Erfah- 
rung. Die Antworten auf meine Gebete 
kommen nicht immer leicht oder rasch. 
Aber sie kommen immer. Immer und im- 
mer wieder habe ich die Barmherzigkeit 
und die führende Hand des Herrn selbst 
erfahren. Jesus Christus kennt den Weg, 
denn er ist der Weg. „Ich werde zu eurer 
rechten Hand sein und zu eurer linken, 
und mein Geist wird in eurem Herzen 
sein und meine Engel rings um euch, um 
euch zu stützen." (LuB 84:88.) 

Moronis abschließendes Zeugnis gibt 
uns den Weg vor: „Erwache und erhebe 
dich aus dem Staub, o Jerusalem; ja, und 
kleide dich in deine schönen Gewänder, o 
Tochter Zions. ... Ja, kommt zu Christus, 
und werdet in ihm vollkommen, und ver- 
zichtet auf alles, was ungöttlich ist, und 
liebt Gott mit aller Macht, ganzem Sinn 
und aller Kraft, dann ist seine Gnade aus- 
reichend für euch, damit ihr durch seine 
Gnade in Christus vollkommen seiet." 
(Moroni 10:31,32.) 

Mögen wir uns noch in dieser Stunde 
erheben, indem wir erneut den festen 
Entschluß fassen, unserem Erretter nach- 
zufolgen und solche Frauen zu sein, wie 
er uns braucht. Von seiner grenzenlosen 
Barmherzigkeit und Stärke, von seiner 
Allmacht und Herrlichkeit gebe ich in 
der Gewißheit, daß er lebt, Zeugnis, im 
heiligen Namen Jesu Christi, amen. D 



Die große Stärke der FHV 



Präsident Thomas S. Monson 

Erster Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 



Mögen wir uns durch Studieren Kenntnisse aneignen. 
Mögen wir unser Zuhause zum Himmel auf Erden machen. 
Mögen wir voll Freude dienen. 




Schwestern, Sie sind heute Abend 
zu einer der größten Versammlun- 
gen zusammengekommen, die die 
Schwestern von der FHV je hatten. Ihre 
Konferenz war erhebend und begei- 
sternd. 

Heute Abend findet die erste allge- 
meine Versammlung statt, die Ihre neue 
Präsidentschaft, Präsidentin Mary Ellen 
Smoot und ihre Ratgeberinnen, Virginia 
Jensen und Sheri Dew, ausgerichtet hat. 
Die früheren Präsidentschaften haben 
hervorragende Arbeit geleistet. Ihre An- 
wesenheit und ihr Dienst sind uns eine 
große Ehre. 

Während ich mich auf diese Ansprache 
vorbereitet habe, ist mir ein Gedanke 
durch den Sinn gegangen. Ich möchte ihn 
folgendermaßen ausdrücken: Vergessen 
Sie die Vergangenheit nicht; lernen Sie 
daraus. Denken Sie über die Zukunft 
nach; bereiten Sie sich darauf vor. Leben 
Sie in der Gegenwart; dienen Sie darin. 
Darin liegt die große Stärke der FHV 
dieser Kirche. 

Seit den Anfangstagen der Wiederher- 
stellung legen die Propheten Nachdruck 
darauf, wie wichtig Ihre Organisation ist. 



Präsident Brigham Young hat gesagt: 
„Also, Bischöfe, ihr habt doch alle eine 
kluge Frau. . . . Laßt sie in den Gemeinden 
eine FHV gründen. Wir haben unter uns 
viele talentierte Frauen, und wir möchten, 
daß sie uns in dieser Sache helfen. Man- 
che meinen, das sei unwichtig, aber dem 
ist nicht so; ihr werdet feststellen, daß 
die Schwestern in dieser Bewegung die 
treibende Kraft sein werden." 1 

Präsident Lorenzo Snow hat erklärt, 
daß die FHV als Beispiel für reinen Dienst 
vor Gott gelten kann. „Der Apostel Jako- 
bus hat gesagt: ,Ein reiner und makello- 
ser Dienst vor Gott . . . besteht darin: für 
Waisen und Witwen zu sorgen, wenn sie 
in Not sind, und sich vor jeder Befleckung 
durch die Welt zu bewahren.' 2 . . . Die Mit- 
glieder der FHV führen gewiß in beispiel- 
hafter Weise ein reines Leben und ver- 
richten einen makellosen Dienst vor Gott; 
sie dienen den Bedrängten, sie nehmen 
die Waisen und die Witwen liebevoll in 
den Arm, und sie bewahren sich vor jeder 
Befleckung durch die Welt. Ich kann be- 
zeugen, daß es in der Welt keine reineren 
und gottesfürchtigeren Frauen gibt, als 
sie in den Reihen der FHV zu finden 
sind." 3 

Ich kann bezeugen, daß Präsident 
Snows Worte wahr sind. Die FHV besteht 
seit jeher aus Frauen, die andere an die 
erste Stelle setzen und sich selbst an die 
letzte. Ich weiß noch, wie es während der 
Weltwirtschaftskrise war, als ich noch ein 
kleiner Junge war und meine Mutter die 
Sekretärin der Gemeinde-FHV-Leitung 
war. Damals wurde noch ein Mitglieds- 
beitrag erhoben, damit man den Bedürfti- 
gen helfen konnte. Mutter war eigentlich 
keine Buchhalterin, deshalb half mein Va- 
ter ihr. Die einzelnen Beiträge betrugen 
nicht einmal einen Dollar, sondern eher 
einen Vierteldollar, zehn Cent, fünf Cent 
oder auch nur zwei, drei Cent. 

Ich habe von meiner Mutter viel gelernt. 
Ich muß ein sehr aktiver Junge gewesen 
sein, denn Mutter sagte immer zu mir: 



JANUAR 1998 

97 



„Mach doch mal ein bißchen langsamer, 
du führst ja schon fast einen Veitstanz 
auf!" Ich wußte gar nicht, was ein Veits- 
tanz war. Ich wußte nur, daß Mutter 
sagte, daß ich nahe daran war - und so, 
wie sie es sagte, mußte es sich um eine 
schreckliche Krankheit handeln. 

Da wir bloß ein, zwei Straßen von den 
Eisenbahnschienen entfernt wohnten, ka- 
men häufig arbeitslose Männer, die kein 
Geld für Essen hatten, aus dem Zug zu 
unserem Haus und baten um etwas Es- 
sen. Sie waren immer höflich. Sie boten 
an, für das Essen zu arbeiten. Mir hat 
sich unauslöschlich das Bild eingeprägt, 
wie ein magerer und hungriger Mann 
mit dem Hut in der Hand an unserer 
Küchentür stand und um Essen bettelte. 
Mutter hieß einen solchen Besucher im- 
mer willkommen und führte ihn an die 
Spüle, damit er sich waschen konnte, 
während sie ihm etwas zu essen machte. 
Sie war nie geizig, was die Qualität oder 
die Menge betraf; der Besucher aß genau 
das gleiche Mittagessen wie mein Vater. 
Während er das Essen verschlang, nahm 
Mutter die Gelegenheit wahr, ihm zu ra- 
ten, er möge nach Hause zu seiner Fa- 
milie zurückkehren. Wenn er vom Tisch 
aufstand, war er an Körper und Geist 
gestärkt worden. Diese Männer bedank- 
ten sich immer. Und die Tränen in ihren 
Augen sprachen leise von der Dankbar- 
keit in ihrem Herzen. 



Aber wie steht es heute? Gilt es heute 
keine Hungrigen zu speisen? Gibt es 
keine Grüße auszurichten? Gibt es keine 
Besuche zu machen? Wenn ich über die 
FHV von heute nachsinne, von Demut er- 
füllt, weil ich zu Ihnen sprechen darf, 
bitte ich den himmlischen Vater, er möge 
mich führen. 

In diesem Sinn möchte ich gern jedem 
Mitglied der FHV in der ganzen Welt 
drei Ziele ans Herz legen, die Sie erfüllen 
sollten: 

1 Eignen Sie sich durch Studieren Wissen 
an. 

2, Machen Sie Ihr Zuhause zum Himmel 
auf Erden. 

3. Dienen Sie voll Freude. 

Betrachten wir doch diese drei Ziele. 
Erstens: Eignen Sie sich durch Studieren 
Wissen an. In einer sehr wichtigen Of- 
fenbarung, die von universeller Bedeu- 
tung ist, hat der Herr verkündet: „Und 
da nicht alle Glauben haben, so sucht 
eifrig und lehrt einander Worte der Weis- 
heit; ja, sucht Worte der Weisheit aus 
den besten Büchern; trachtet nach Wis- 
sen, ja, durch Lerneifer und auch durch 
Glauben." 4 

Eider Adam S. Bennion, der vor einigen 
Jahrzehnten Mitglied des Rates der Zwölf 
und ein sehr gebildeter Lehrer und Füh- 
rer war, hat gesagt: „Möge Gott uns hel- 
fen, den Wert wahrer Bildung zu erken- 
nen. Wenn wir in diesem Gebäude wären 



und nur ein einziges Fenster hätten, so 
sähen wir nur eine Ecke des Universums. 
Jemand, der keine Bildung hat, betrach- 
tet das Leben durch das kleine Fenster 
seiner begrenzten Erfahrung. Es ist die 
Aufgabe der Bildung, das Gebäude des 
Lebens mit Fenstern auszustatten, damit 
wir das Universum aus allen Blickrich- 
tungen betrachten können. 

Wenn wir diese Welt verlassen haben, 
treten wir in den Himmel, in die höhere 
Schule, ein, und ich hoffe, daß wir alle 
dort eingelassen werden, daß man über 
uns sagen kann: , Dieser Mann bezie- 
hungsweise diese Frau hat in der Schule 
des Lebens alle Möglichkeiten, die sich 
ihm beziehungsweise ihr geboten haben, 
wahrgenommen.' " 5 

Ein Beispiel dafür, wie an die Stelle 
eines schmalen Fensters ein weiter, un- 
begrenzter Ausblick trat, hat sich vor ein 
paar Jahren in Monroe, Louisiana, zuge- 
tragen. Ich befand mich nach einer Re- 
gionsversammlung auf dem Heimweg 
und lernte eine nette afroamerikanische 
Schwester kennen, die auf mich zukam 
und fröhlich sagte: „Präsident Monson, 
bevor ich Mitglied der Kirche und der 
FHV war, konnte ich nicht lesen und 
schreiben. Niemand in meiner Familie 
konnte lesen und schreiben. Wir waren 
alle arme Erntearbeiter. Aber meine wei- 
ßen Schwestern in der FHV haben mich 
Lesen gelehrt. Sie haben mich Schreiben 




DER STERN 



98 



gelehrt. Jetzt helfe ich mit, andere weiße 
Schwestern Lesen und Schreiben zu leh- 
ren." Ich sann darüber nach, wie überaus 
glücklich sie gewesen sein muß, als sie die 
Bibel aufschlug und zum ersten Mal diese 
Worte des Herrn las : „Kommt alle zu mir, 
die ihr euch plagt und schwere Lasten zu 
tragen habt. Ich werde euch Ruhe ver- 
schaffen. Nehmt mein Joch auf euch und 
lernt von mir; denn ich bin gütig und von 
Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe fin- 
den für eure Seele. Denn mein Joch drückt 
nicht, und meine Last ist leicht." 6 

An jenem Tag in Monroe, Louisiana, 
habe ich durch den Geist die Bestätigung 
Ihres hohen Ziels erhalten, nämlich Ihren 
Schwestern zu helfen, Lesen und Schrei- 
ben zu lernen. 

Jede von Ihnen, ob alleinstehend oder 
verheiratet, unabhängig von Ihrem Alter, 
hat die Möglichkeit, zu lernen und geistig 
zu wachsen. Erweitern Sie Ihre Kennt- 
nisse, und zwar in intellektueller und in 
geistiger Hinsicht, bis zum vollen Maß 
Ihres gottgegebenen Potentials. 

Der Heilige Geist wird Ihnen ein be- 
ständiger Führer sein, wenn Sie schwere 
Entscheidungen zu treffen haben. „Denn 
diejenigen, die weise sind, . . . und die sich 
den Heiligen Geist als Führer genommen 
haben, . . . werden . . . den Tag aushalten." 7 

Seien Sie Ihren Idealen treu, denn „Ide- 
ale sind wie Sterne; man kann sie nicht 
mit den Händen fassen. Aber . . . wenn 
man ihnen folgt, wird man sein Ziel er- 
reichen." 8 

In den nächsten beiden Jahren werden 
die Mitglieder der FHV und die Träger 
des Melchisedekischen Priestertums, wie 
Schwester Smoot schon erklärt hat, jeder 
die Lehren Brigham Youngs studieren. 
Der Leitfaden ist sorgfältig erarbeitet 
worden; er ist schön gedruckt und gebun- 
den, und er enthält hochrelevante Aus- 
sagen, die es zu erörtern gilt. Das Unter- 
richtsmaterial wird an zwei Sonntagen im 
Monat in der FHV und in der Versamm- 
lung der Träger des Melchisedekischen 
Priestertums durchgenommen. An den 
übrigen Sonntagen wird auf die üblichen 
Belange der Arbeit der FHV und der Prie- 
stertumskollegien eingegangen. 

Vor Jahren habe ich in der Sechsten Ge- 
meinde im Pioneer-Pfahl in Salt Lake City 
ein Foto von einer Sonntagsschulklasse 
gesehen. Das Foto wurde 1905 aufgenom- 
men. In der ersten Reihe saß ein süßes 
Mädchen, das die Haare zu Zöpfen gebun- 
den hatte. Sie hieß Belle Smith. Später, als 
Belle Smith Spafford, die FHV- Präsiden- 
tin, schrieb sie: „Nie haben die Frauen 
größeren Einfluß gehabt als in der heu- 
tigen Welt. Nie standen ihnen die Türen 



großer Chancen weiter offen. Wir leben in 
einer verlockenden Zeit, die uns Frauen 
begeistert und uns vor große Herausfor- 
derungen stellt. Es ist eine Zeit reichen 
Lohns, wenn wir das Gleichgewicht wah- 
ren, die wahren Werte des Lebens lernen 
und unsere Prioritäten weise festlegen." 9 

Meine lieben Schwestern, heute ist Ihr 
Tag und Ihre Zeit. Die heiligen Schriften 
zieren unsere Bücherregale. Achten Sie 
darauf, daß sie unserem Sinn Nahrung 
geben und unserem Leben Weisung. Un- 
ser Ziel: Eignen Sie sich durch Studieren 
Wissen an. 

Zweitens: Machen Sie Ihr Zuhause zum 
Himmel auf Erden. 

Präsident George Albert Smith hat 1945 
in einer allgemeinen Versammlung der 
Generalkonferenz, etwa einen Tag nach 
der FHV- Konferenz, gesagt: „Gestern war 
dieses Haus voller Töchter Zions, und ich 
sage ohne Zögern, daß man in der ganzen 
Welt kein schöneres Bild von Frauen fin- 
den kann, als wir gestern Nachmittag in 
der Konferenz der FHV der Kirche gese- 
hen haben. Diese treuen Ehefrauen, diese 
treuen Töchter tragen unermüdlich ihren 
Teil der Last. Sie machen ihr Zuhause 
zum Himmel auf Erden." 10 

Meine lieben Schwestern, das Zuhause 
- jener wundervolle Ort - soll ein Zu- 
fluchtsort sein, ein Stück Himmel, wo der 
Geist des Herrn wohnen kann. 

Allzu häufig unterschätzen die Frauen 
ihren guten Einfluß. Sie können sich gut 
an die Formel halten, die der Herr vorge- 
geben hat, nämlich: „Errichtet ein Haus, 
nämlich ein Haus des Betens, ein Haus 
des Fastens, ein Haus des Glaubens, ein 
Haus des Lernens, ein Haus der Herrlich- 
keit, ein Haus der Ordnung, ein Haus 
Gottes." 11 

In einem solchen Haus finden wir glück- 
liche, lächelnde Kinder, die in Wort und 
Tat in der Wahrheit unterwiesen werden. 
In einem Zuhause von Heiligen der Letz- 
ten Tage sind Kinder nicht einfach ge- 
duldet, sondern willkommen; es wird ih- 
nen nicht befohlen, sondern sie werden 
angespornt; sie werden nicht angetrieben, 
sondern geführt; sie werden nicht ver- 
nachlässigt, sondern geliebt. 

Die Jahre vergehen, und die Kinder 
werden unabhängiger. Sie entfernen sich 
aus der Obhut ihrer Mutter, aber sie 
werden noch immer von den Lehren ihrer 
Mutter, vom Beispiel ihrer Mutter und 
von der Liebe ihrer Mutter beeinflußt. 
Bei manchen sieht es, aufgrund ihres Ver- 
haltens, so aus, als hätten sie diesen Ein- 
fluß vergessen. So weit der Wanderer sich 
aber auch vom heimischen Herd entfernt, 
das Wort Mutter bringt ihn im Geist und 




in den Gefühlen wieder nach Hause. 
Und die Mutter heißt ihn, wie immer, mit 
offenen Armen willkommen. 

Präsident Stephen L Richards hat ge- 
sagt: „Die verschiedenen Organisationen 
der Kirche, ... so viel Gutes sie auch lei- 
sten mögen, können in keiner Hinsicht 
den Platz der Familie einnehmen. Sie 
können die Eltern nicht ersetzen. . . . Ich 
glaube an die Familie als die Grundlage 
der Gesellschaft, als den Eckstein des 
Volkes, als die vorrangige Institution der 
Kirche. Ich kann mir kein großes Volk 
ohne große, gute Familien vorstellen. Ich 
glaube, die erste Berufung von Mann 
und Frau besteht darin, eine gute Familie 
zu schaffen." 12 

In einer FHV-Konferenz hat Schwester 
Belle Spafford 1953 gesagt: „Mutter, du 
mußt dein Zeugnis spüren, ehe du deine 
Kinder beeinflussen und ihnen dieses 
Zeugnis vermitteln kannst." 13 

Es gibt in der FHV viele Frauen, die 
nicht verheiratet sind. Tod, Scheidung 
und auch mangelnde Gelegenheit, zu 
heiraten, machen es in vielen Fällen erfor- 
derlich, daß eine Frau allein dasteht. In 
Wirklichkeit braucht sie aber nicht allein 
dazustehen, denn der himmlische Vater 
steht ihr liebevoll zur Seite und gibt ihr 
Weisung und schenkt ihr in jenen stillen 
Augenblicken, wo sie sich einsam fühlt 
und Anteilnahme braucht, Frieden und 
Zuversicht. 

Präsident Joseph Fielding Smith hat 
den alleinstehenden Schwestern, die nie 
die Möglichkeit hatten, zu heiraten, fol- 
gendes verheißen: „Wenn Sie im Herzen 
spüren, daß das Evangelium wahr ist, 



JANUAR 199 

99 



und wenn Sie unter den entsprechenden 
Bedingungen diese heiligen Handlungen 
und siegelnden Segnungen im Tempel 
des Herrn empfangen würden, und wenn 
Sie daran glauben, darauf hoffen und es 
sich wünschen und Ihr Wunsch jetzt nicht 
in Erfüllung geht, wird der Herr das 
wettmachen, und Sie werden gesegnet - 
denn es wird Ihnen kein Segen vorenthalten 
bleiben." 14 

Machen wir unser Zuhause zum Him- 
mel auf Erden. 

Ziel Nummer drei: Dienen Sie voll Freude. 
Der Prophet Joseph Smith hielt fest, 
daß er am 24. März 1842 die Einladung 
angenommen hatte, die FHV zu besuchen, 
„deren Ziel es ist, den Armen, den Notlei- 
denden, der Witwe und dem Waisenkind 
zu helfen und alle guten Zwecke zu unter- 
stützen. . . . [Die Schwestern der FHV] 
werden eilen, um dem Fremden beizu- 
stehen; ... sie werden die Tränen des 
Waisenkinds trocknen und dem Herz der 
Witwe Freude schenken". 15 

Manchmal ist der Ruf zum Dienen, der 
an ein Mitglied der FHV ergeht, ein biß- 
chen ungewöhnlich. Von einem solchen 
Auftrag möchte ich Ihnen abschließend 
erzählen. 

Als ich Bischof der Siebenundsechzig- 
sten Gemeinde in Salt Lake City war, 
damals, als es noch das Relief Society Ma- 
gazine, die Zeitschrift der FHV, gab, fiel 
mir auf, daß die Zahl der Abonnements 
für diese Zeitschrift sehr niedrig war. Ge- 
beterfüllt überlegten meine Ratgeber und 
ich, wen wir als Beauftragte für diese 
Zeitschrift berufen konnten, und die In- 
spiration gebot uns, Elizabeth Keachie 
diesen Auftrag zu erteilen. Sie nahm die 
Berufung an. Sie und ihre Schwägerin 
Helen Ivory, auch ein Mitglied der Ge- 
meinde, begannen eine Umfrage in der 
ganzen Gemeinde, von Straße zu Straße. 
Das Ergebnis war phänomenal. Wir 
hatten mehr Abonnements für die FHV- 
Zeitschrift als alle übrigen Einheiten im 
Pfahl zusammengenommen. 

Ich gratulierte Elizabeth Keachie eines 
Sonntagsabends und sagte zu ihr: „Ihre 
Arbeit ist getan." 

Sie erwiderte: „Noch nicht, Bischof. Es 
gibt noch zwei Straßenblöcke, wo wir 
noch nicht waren." 

Als sie mir sagte, um welche Straßen- 
blöcke es sich handelte, sagte ich: „Aber 
Schwester Keachie, da wohnt doch nie- 
mand. Das ist ein Industriegebiet." 

„Das macht nichts", sagte sie. „Ich 
werde mich besser fühlen, wenn ich hin- 
gehe und selbst nachsehe." 

Schwester Keachie und Schwester Ivory 
gingen dann an einem regnerischen Tag 



diese beiden letzten Straßenblöcke ab, ent- 
deckten aber keine Wohnhäuser. Als sie 
schließlich die Suche beenden wollten, 
fiel ihnen eine Einfahrt auf, die wegen des 
kürzlichen Sturms noch voller Lehmpfüt- 
zen war. Schwester Keachie blickte die 
Einfahrt hinunter und konnte bloß am 
Ende, etwa zwanzig Meter entfernt, eine 
Garage mit einer Gardine am Fenster 
ausmachen. 

Die beiden Schwestern beschlossen, dort 
nachzusehen, und so gingen sie durch 
den Schlamm bis zu einem Punkt, von 
dem aus sie die ganze Garage sehen 
konnten. Jetzt bemerkten sie auch eine 
Tür, die von der Straße aus nicht zu sehen 
gewesen war, und einen Schornstein, von 
dem Rauch aufstieg. 

Sie klopften an die Tür. Ein Mann von 
etwa fünfundsechzig Jahren, William 
Ringwood, machte auf. Sie erzählten ihre 
Geschichte davon, daß jede Familie die 
Zeitschrift der FHV brauche. William 
Ringwood erwiderte: „Da fragen Sie bes- 
ser meinen Vater." Und der dreiundneun- 
zig Jahre alte Charles W Ringwood kam 
zur Tür und hörte sich an, was sie zu 
sagen hatten, und bestellte ein Abonne- 
ment. 

Elizabeth Keachie berichtete mir von 
der Existenz dieser beiden Männer in 
unserer Gemeinde. Als ich bei der Abtei- 
lung Mitgliedsscheine im Büro der Präsi- 
dierenden Bischofschaft ihre Mitglieds- 
scheine anforderte, erfuhr ich, daß die 
Mitgliedsscheine seit vielen Jahren bei 
der Präsidierenden Bischofschaft in der 
Ablage für verlorengegangene Mitglieder 
gelegen hatten. 

Am Sonntagmorgen brachte Elizabeth 
Keachie Charles und William Ringwood 
zur Priestertumsversammlung - es war 
seit langer Zeit das erste Mal, daß sie wie- 
der ein Gemeindehaus betraten. Charles 
Ringwood war der älteste Diakon, der mir 
je begegnet war, und sein Sohn war das 
älteste männliche Mitglied ohne Priester- 
tum, das mir je begegnet war. 

Der ältere Bruder Ringwood wurde zum 
Priester und dann zum Ältesten ordiniert. 
Ich werde nie das Interview für den Tem- 
pelschein vergessen, das ich mit ihm ge- 
führt habe. Er gab mir einen Silberdollar, 
den er aus einer alten, abgewetzten Le- 
derbörse nahm, und sagte: „Das ist mein 
Fastopfer." 

Ich sagte: „Bruder Ringwood, Sie schul- 
den uns kein Fastopfer. Sie brauchen es 
selbst." 

„Ich möchte aber die Segnungen haben 
und nicht das Geld behalten", erwiderte 
er. 

Ich durfte mit Charles Ringwood in 



den Salt-Lake-Tempel gehen und mit ihm 
an der Begabungssession teilnehmen. An 
jenem Abend diente Elizabeth Keachie 
als Stellvertreterin für die verstorbene 
Schwester Ringwood. 

Zum Abschluß der Zeremonie sagte 
Charles Ringwood zu mir : „Ich habe mei- 
ner Frau, als sie vor sechzehn Jahren 
starb, gesagt, ich würde diese Arbeit nicht 
aufschieben. Ich bin froh, daß ich es end- 
lich geschafft habe." 

Nach zwei Monaten starb Charles W. 
Ringwood. Bei der Beerdigung sah ich 
seine Familie, die in der ersten Reihe der 
Friedhofskapelle saß, aber ich sah auch 
zwei liebe Frauen, die weiter hinten saßen 
- Elizabeth Keachie und Helen Ivory. Ich 
sah diese beiden lieben Frauen und 
dachte an den 76. Abschnitt des Buches 
Lehre und Bündnisse : „Ich, der Herr, bin 
barmherzig und gnädig zu denen, die 
mich fürchten, und es freut mich, die zu 
ehren, die mir in Rechtschaffenheit und 
Wahrheit bis ans Ende dienen. Groß wird 
ihr Lohn sein und ewig ihre Herrlich- 
keit." 16 Ich bezeuge, daß uns das Dienen 
wirklich Freude bereiten kann. 

Meine Schwestern, mögen wir uns 
durch Studieren Kenntnisse aneignen. 
Mögen wir unser Zuhause zum Himmel 
auf Erden machen. Mögen wir voll 
Freude dienen. Dann werden wir erleben, 
wie sich diese Verheißung des Herrn 
erfüllt: „Ich, der Herr, habe Wohlgefal- 
len." 17 

Im Namen Jesu Christi, amen. D 

FUSSNOTEN 

1. Ausführungen von Brigham Young, 
8. Dezember 1867. 

2. Jakobus 1:27. 

3. The Teachings ofLorenzo Snow, Hg. Clyde J. 
Williams, 1984, 143. 

4. LuB 18:118. 

5. Relief Society Magazine, Juni 1920, 338. 

6. Matthäus 11:28-30. 

7. LuB 45:57 

8. Carl Schurz, 1859, in Bartlett's Familiär 
Quotations, 15. Auflage, 1980, 602. 

9. A Woman's Reach, 1974, 21. 

10. Conference Report, Oktober 1945, 23. 

11. LuB 88:119. 

12. Conference Report, Oktober 1921, 197f. 

13. Zitiert in David O. McKay, "Woman's 
Influence", Relief Society Magazine, 
Dezember 1953, 791. 

14. Joseph Fielding Smith, Doctrines of 
Salvation, 2:67. 

15. History of the Church, 4:567f. 

16. LuB 76:5,6. 

17. LuB 1:30. 



DER STERN 

100 



Sie haben zu uns gesprochen 



Bericht von der 167. Herbst-Generalkonferenz 
4. und 5. Oktober 1997 



Präsident Gordon B. Hinckley: 

Wir wollen den Herrn mit aller Kraft 
und ganzer Macht lieben. Und wir wollen 
unsere Mitmenschen lieben. . . . Seien wir 
freundlich. Seien wir hilfsbereit. Leben 
wir nach der goldenen Regel. Seien wir 
Mitmenschen, von denen man sagen 
kann: „Er beziehungsweise sie war der 
beste Nachbar, den ich je hatte." 

Präsident Thomas S. Monson, 

Erster Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft: 

Wie der Erretter uns gesagt hat: „Ich 
will euch Freunde nennen, denn ihr seid 
meine Freunde." . . . Einem Freund geht es 
mehr darum, den Menschen zu helfen, als 
einen Strich machen zu können. Ein 
Freund nimmt Anteil. Ein Freund liebt. 
Ein Freund hört zu. Und ein Freund packt 
mit an. 

Präsident James E. Faust, 

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft: 

Wir sind Teil der größten Sache auf der 
Erde. Wir sind Pioniere der Zukunft. 
Gehen wir vorwärts wie das Heer Hela- 
mans, und bauen wir das Reich Gottes 
auf. 




Präsident Boyd K. Packer, 

Amtierender Präsident des Kollegiums 
der Zwölf Apostel: 

Unsere Taufe ist eine Berufung zu le- 
benslangem Dienst für Christus. Wie die 
Menschen an den Wassern Mormon las- 
sen wir uns „im Namen des Herrn taufen 
. . . , zum Zeugnis vor ihm, daß [wir] mit 
ihm den Bund eingegangen [sind], ihm 
zu dienen und seine Gebote zu halten." 



Eider Neal A. Maxwell 

vom Kollegium der Zwölf Apostel: 

Im Zeugnis von Jesus tapfer zu sein be- 
deutet . . . , daß wir auch in unseren Bemü- 
hungen, mehr wie er zu leben, tapfer sein 
müssen. 



Eider M.Russell Ballard 

vom Kollegium der Zwölf Apostel: 

Es ist vielleicht nicht immer einfach . . . , 
wenn wir für Wahrheit und Recht einste- 
hen, aber es ist immer richtig. Immer. 

Eider Robert D. Haies 

vom Kollegium der Zwölf Apostel: 

[Jesus] lehrte ein Gesetz der Liebe und 
der Vergebung. Er lehrte, daß wir unsere 
Mitmenschen so behandeln sollen, wie 
wir selbst behandelt werden möchten. Er 
lehrte, daß wir den Herrn mit ganzem 
Herzen lieben sollen und unseren Näch- 
sten wie uns selbst. 

Eider Jeffrey R. Holland 

vom Kollegium der Zwölf Apostel: 

Von uns wird grundlegend verlangt, 
daß wir an [Christus] glauben und ihm 
dann nachfolgen - und zwar immer. 
Wenn er uns aufruft, in seinem Licht 
seinen Weg zu gehen, dann darum, weil 
er diesen Weg vor uns gegangen ist und 
er dafür sorgt, daß wir hier in Sicherheit 
reisen können. Er weiß, wo die scharf- 



kantigen Steine und die Fußangeln ver- 
borgen liegen und wo Dornen und Di- 
steln am schlimmsten sind. Er weiß, wo 
der Pfad gefährlich ist, und wenn wir in 
der Abenddämmerung an eine Weggabe- 
lung kommen, kann er uns die Richtung 
weisen. 

Eider Carl B.Pratt 

von den Siebzigern: 

Beim Aufbau des Gottesreichs tragen 
jede positive Tat, jeder freundliche Gruß, 
jedes herzliche Lächeln, jeder einfühlsame 
Brief zur Stärke des Ganzen bei. 

Eider Richard B. Wirthlin 

von den Siebzigern: 

Wir können Weisheit erfahren, inneren 
Frieden, Selbstwertgefühl und Freude, 
und das nicht nur im zukünftigen Leben, 
sondern in dem Leben, das jeder von uns 
heute lebt, wenn wir nämlich in den Fuß- 
stapfen des Erretters wandeln. 




JANUAR 1998 

101 



NACHRICHTEN DER KIRCHE 



Veränderungen in der Führung 




Wer keinen Platz im Tabernakel gefunden hat, genießt die Konferenz vor dem Nördlichen 
Besucherzentrum. 



Die Mitglieder der 
Kirche bestätigten in 
der Samstagnach- 
mittagversammlung der 167. 
Herbst-Generalkonferenz 
einige wichtige Veränderun- 
gen in der Führung der 
Kirche. Drei Mitglieder des 
Ersten Siebzigerkollegiums 
wurden emeritiert; sieben 
Mitglieder des Zweiten 
Siebzigerkollegiums wurden 
nach fünfjähriger Arbeit 
ehrenvoll entlassen; drei 
neue Gebietsautoritäten- 
Siebziger wurden ins Dritte 
Siebzigerkollegium berufen; 
die Präsidenschaft der 
Jungen Männer und die Prä- 
sidentschaft der Sonntags- 
schule wurden umgebildet; 
und die JD-Präsidentschaft 
wurde entlassen, und es 
wurde eine neue Präsident- 
schaft berufen. 

Emeritiert wurden die 
folgenden Mitglieder des 
Ersten Siebziger kollegiums: 
Eider J. Richard Clarke, 



Eider Dean L. Larsen und 
Eider Robert E. Wells. Eider 
Clarke, der aus Rexburg, 
Idaho, stammt, hatte zuletzt 
als Erster Ratgeber in der 
Präsidentschaft des Gebiets 
Nordamerika Südwest ge- 
dient. Er war am 1. Oktober 
1976 als Zweiter Ratgeber in 
der Präsidierenden Bischof- 
schaft bestätigt worden und 
hatte nun seit 21 Jahren 
als Generalautorität gedient. 
Eider Larsen, der aus Hyrum, 
Utah, stammt, war zuletzt 
Präsident des Gebiets Nord- 
amerika Südwest und Ge- 
schichtsschreiber der Kirche 
gewesen. Er war am 1. Okto- 
ber 1976 als Mitglied des 
Ersten Siebzigerkollegiums 
bestätigt worden, in dem 
er in den vergangenen 21 
Jahren gedient hatte. Eider 
Wells, der aus Las Vegas, 
Nevada, stammt, hatte zu- 
letzt als Erster Ratgeber 
in der Präsidentschaft des 
Gebiets Utah Nord gedient. 



Auch Eider Wells war am 
1. Oktober 1976 ins Erste 
Siebzigerkollegium berufen 
worden und hatte seitdem 
darin gedient. 

Nach fünfjähriger Amts- 
zeit im Zweiten Siebziger- 
kollegium wurden Eider 
Lino Alvarez, Eider C. Max 
Caldwell, Eider John E. 
Fowler, Eider Augusto A. 
Lim, Eider V Dallas Merrell, 
Eider F. David Stanley und 
Eider Kwok Yuen Tai entlas- 
sen. Die ersten sechs hatten 
zuletzt als Ratgeber in 
verschiedenen Gebietspräsi- 
dentschaften in der ganzen 
Welt gedient. (Eider Stanley 
war außerdem Erster Rat- 
geber in der Sonntagsschul- 
präsidentschaft.) Der siebte, 
Eider Tai, hatte zuletzt als 
Präsident des Gebiets Asien 
gedient. 

Eider E David Stanley 
wurde als Erster Ratgeber in 
der JM-Präsidentschaft ent- 
lassen, und Eider Robert K. 



Dellenbach wurde als Zwei- 
ter Ratgeber entlassen. Eider 
Dellenbach wurde nun als 
Erster Ratgeber berufen, und 
Eider F. Melvin Hammond 
von den Siebzigern wurde 
als Zweiter Ratgeber berufen. 
Eider Jack H Goaslind von 
der Präsidentschaft der Sieb- 
ziger dient weiterhin als 
JM-Präsident. 

In der Sonntagsschulprä- 
sidentschaft wurde Eider 
F. Burton Howard von den 
Siebzigern als Erster Rat- 
geber entlassen; Eider Glenn 
L. Pace von den Siebzigern 
wurde als Zweiter Ratgeber 
entlassen. Eider Pace wurde 
anschließend als Erster Rat- 
geber in der Sonntagsschul- 
präsidentschaft berufen; 
Eider Neil L. Andersen von 
den Siebzigern wurde als 
Zweiter Ratgeber berufen. 
Eider Harold G. Hillam 
von der Präsidentschaft der 
Siebziger dient weiterhin als 
Sonntagsschulpräsident. 

In der JD-Präsidentschaft 
wurde Schwester Janette 
H. Beckham als Präsidentin 
entlassen, und an ihrer 
Stelle wurde Schwester Mar- 
garet D. Nadauld berufen. 
Schwester Carol B. Thomas, 
die als Zweite Ratgeberin 
gedient hatte, wurde als 
Erste Ratgeberin bestätigt 
und nahm damit die Stelle 
von Schwester Virginia 
H. Pearce ein. Als Zweite 
Ratgeberin wurde Schwester 
Sharon G. Larsen bestätigt. 
Kurze biographische Artikel 
zu Schwester Nadauld 
und Schwester Larsen fin- 
den Sie in dieser Ausgabe; 
über Schwester Thomas 
ist im Stern vom Juli 1997 
ein kurzer Artikel erschie- 
nen. D 



DER STERN 



202 



Margaret D. Nadauld 

JD-Präsidentin 




Ich liebe diese Mädchen 
einfach. Das war schon 
immer so. Sie sind sehr emp- 
fänglich für den Geist, sie 
sind behutsam und von ei- 
ner besonderen Schönheit", 
sagt Margaret Dyreng Na- 
dauld, die vorher dem FHV- 
Hauptausschuß angehört 



hat und bereits in fünf 
Gemeinde-JD-Leitungen ge- 
dient hat, darunter dreimal 
als Leiterin. „Ich freue mich 
darauf, noch mehr mit un- 
seren Mädchen zu tun zu 
haben, und das jetzt überall 
in der Kirche, und ich hoffe, 
daß ich ihnen ein Segen sein 
und ihnen dienen kann." 

Margaret, die am 21. No- 
vember 1944 in Manti, Utah, 
geboren ist, war das älteste 
der vier Kinder von R. Mor- 
gan und Helen Bailey Dy- 
reng. „Ich habe meine Eltern 
in ihren führenden Ämtern 
in der Kirche und im Ge- 
meinwesen beobachtet", sagt 
sie über ihren Vater und ihre 
Mutter, die vor dreißig Jah- 
ren mithalfen, die Mormon 
Miracle Festspiele in Manti 
ins Leben zu rufen. „Wir sind 
einfach mit dem Bewußtsein 



aufgewachsen, daß wir die- 
nen und alles tun sollen, was 
wir können, damit solche 
Dinge weiter wachsen." 

Die Gelegenheit, sich Füh- 
rungseigenschaften anzueig- 
nen, hatte Schwester Nadauld 
schon früh, und das ging 
dann immer so weiter. Sie 
hat nicht nur bei den JD, son- 
dern auch als FHV-Leiterin 
und Ratgeberin und als Rat- 
geberin in der Pfahl- und Ge- 
meinde-PV-Leitung gedient. 
„Ich bemühe mich, auch in 
Organisationen im Gemein- 
wesen aktiv zu sein, nicht 
nur in der Kirche", erzählt 
Schwester Nadauld. Sie war 
Präsident des Bezirks Utah 
der Freedoms Foundation at 
Valley Forge und Vizepräsi- 
dentin des Bezirks Utah der 
American Mothers, Inc. 

Sie studierte ein Jahr am 
Snow College, machte dann 
1967 an der Brigham Young 
University ihren Abschluß in 
Rhetorik und Englisch und 



unterrichtete in Salt Lake 
City und in Boston an der 
Highschool. Am 11. Juli 1968 
heiratete Margaret im Manti- 
Tempel Stephen D. Nadauld, 
der von 1991 bis 1996 im 
Zweiten Siebzigerkollegium 
gedient hat. Die Nadaulds, 
die inzwischen sieben Söhne 
haben, haben schon in Bo- 
ston, in New York City und 
in der San Francisco Bay 
sowie in Utah gelebt. Schwe- 
ster Nadauld spielt gern Kla- 
vier und liest leidenschaft- 
lich gern, aber am liebsten 
mag sie das, was ihre Fami- 
lie gemeinsam unternimmt - 
zum Beispiel Sport und Frei- 
zeitaktivitäten im Freien. 

„Ich weiß, daß ich mich auf 
den Herrn verlassen muß", 
sagt sie. „Ich werde mich - 
bemühen, das zu tun, was er 
sich für die Jungen Damen 
wünscht, und will empfäng- 
lich sein und ihm dienen, 
während ich diese Aufgabe 
habe." D 



Sharon G. Larsen 

Zweite Ratgeberin in der JD-Präsidentschaft 




Sharon G. Larsen war 
gerade 25 Jahre alt und 
jungverheiratet, als sie in 
ihrem Pfahl als JD-Leiterin 
berufen wurde. Sie war noch 
nicht einmal Gemeinde- 
JD-Leiterin gewesen, und 



so fand sie die Berufung 
recht überwältigend. „Jede 
Gemeinde-JD-Leiterin war 
älter als ich", erzählt sie. 
„Aber sie waren so freund- 
lich und tolerant, obwohl 
ich so jung und unerfahren 
war, und ich habe von ihnen 
sehr viel gelernt." Die Beru- 
fung war nur eine von vie- 
len, die sie auf ihre heutigen 
Aufgaben als Ratgeberin 
in der JD-Präsidentschaft 
vorbereitet haben. 

Schwester Larsen ist am 
6. Februar 1939 in Cardston, 
Alberta, in Kanada geboren 
und in dem kleinen Ort 
Glenwood in Alberta auf- 
gewachsen. „Es war ein 
wundervoller, zauberhafter 
Ort für ein Kind", wie sie 
meint. „Fast jeder im Ort 



war mit mir verwandt, und 
alle hatten die gleichen Wert- 
vorstellungen wie meine 
Eltern. Wir wußten genau, 
wo es langging, und ich 
fühlte mich als Kind immer 
geborgen." 

Schwester Larsen studierte 
in Edmonton an der Uni- 
versity of Alberta und dann 
an der Brigham Young 
University, wo sie die Aus- 
bildung zur Grundschulleh- 
rerin abschloß und Ralph 
Thomas Larsen kennen- 
lernte. Sie heirateten am 
2. Juli 1964 im Alberta-Tem- 
pel. Jetzt wohnen sie in 
Farmington, Utah, und ha- 
ben zwei Kinder und ein 
Enkelkind. 

Schwester Larsen unter- 
richtete mehrere Jahre in 
Utah und in Missouri an der 
Grundschule und hatte eine 
wöchentliche Bildungssen- 
dung im Fernsehen, auch in 



Utah. In der Kirche war sie 
unter anderem Gemeinde- 
und Pf ahl-FHV-Leiterin, 
Mitglied im JD-Hauptaus- 
schuß und landesweite Prä- 
sidentin der HLT- Studen- 
tinnenverbindung Lambda 
Delta Sigma. Außerdem 
war sie Seminar- und Insti- 
tutslehrerin. 

„Ich liebe junge Menschen, 
und ich glaube, das schönste 
Kompliment machen sie 
mir, wenn sie mich als ihre 
Freundin betrachten", meint 
Schwester Larsen. „Die jun- 
gen Mädchen der Kirche 
waren noch nie besser aus- 
gerüstet, sich den Herausfor- 
derungen des Lebens zu 
stellen. Sie sind so gut und 
tapfer und so stark." In ihrer 
neuen Berufung kann 
Schwester Larsen zahllosen 
Mädchen überall in der 
Kirche eine Freundin und 
ein Vorbild sein. D 



JANUAR 1998 

103 



Ankündigungen zum Tempelbau 



Präsident Gordon B. 
Hinckley gab in der all- 
gemeinen Priestertumsver- 
sammlung am Samstag- 
abend etwas Wichtiges in 
bezug auf den Tempelbau 
bekannt. Er sagte, die Kirche 
werde in entlegenen Gegen- 
den, „wo es nur wenige Mit- 
glieder gibt und es in der 
nahen Zukunft sicher nicht 
viel mehr sein werden", 
kleine Tempel bauen. Drei 
solche kleinen Tempel wür- 
den derzeit bereits geplant, 
und zwar in Anchorage, 
Alaska, in den Kolonien im 
nördlichen Mexiko, die 
ursprünglich von Heiligen 
der Letzten Tage besiedelt 
wurden, und in Monticello, 
Utah. 

Präsident Hinckley merkte 
an, solche kleinen Tempel 
könnten innerhalb mehrerer 
Monate gebaut werden. Als 
Tempelpräsident werde 




Entwurf der äußeren Gestaltung eines kleinen Tempels. 




Architektenskizze des kürzlich angekündigten Tempels in Houston in Texas. 



ein ortsansässiges Mitglied 
berufen, und die örtlichen 
Mitglieder der Kirche wür- 
den als Tempelarbeiter die- 
nen und den Tempel sauber 
und instand halten. 

Präsident Hinckley gab 
außerdem bekannt, daß in 
Houston, Texas, und in 
Porto Alegre, Brasilien, ein 
größerer Tempel gebaut 
werde. In Gebieten mit mehr 
Mitgliedern der Kirche wer- 
den wir weitere traditionelle 
Tempel bauen", sagte er. 

Die Ankündigung der drei 
kleinen Tempel und der 
beiden größeren Tempel be- 
deutet, daß die Kirche der- 
zeit 50 Tempel in Betrieb hat, 
während an 9 Tempeln 
gebaut wird und 12 Tempel 
sich im Planungsstadium 
befinden, was zusammen 71 
Tempel macht. D 



DER STERN 

104 






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Jml9. Jahrhundert haben die Mitglieder oft den Zehnten in Form von 
„Spenden jeglicher Art" gezahlt, zum Beispiel mit Waren, Vieh oder Heu. 
Wie hier abgebildet, brachten die Mitglieder in Salt Lake City ihre Spenden 
in die Stadt zum Zehntenbüro, das auf der anderen Straßenseite vom Tempel 
stand, wo jetzt das Joseph-Smith-Memorial-Gebäude steht. Der Herr hat 
gesagt: „Bringt den ganzen Zehnten ins Vorratshaus . . . [und] stellt mich auf 
die Probe damit, ...ob ich euch dann nicht die Schleusen des Himmels 
öffne und Segen im Übermaß auf euch her abschütte." (Maleachi 3:10; siehe 
3Nephi24:10.) 



BERICHT VON DER 167. HERBST-GENERALKONFERENZ 

DER KIRCHE JESU CHRISTI 

DER HEILIGEN DER LETZTEN TAGE 

4. UND 5. OKTOBER 1997 



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GERMAN